„Shakespeares Planet“ ist dem Jahr 1976 gehört zu Clifford D. Simaks „Spätwerk“. Dieser Begriff muss vor allem im Vergleich mit anderen Autoren wie Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov mit Vorsicht betrachtet werden, denn im Gegensatz zu den anderen Science Fiction Schriftstellern war Clifford D. Simaks Werk immer humanistisch geprägt und auch schon in jungen Jahren erstaunlich altersweise, ohne das der sanfte Riese seine Leser manipulierte. Technik benutzt Simak immer um ihrer selbst Willen und war selten die treibende Kraft in seinen Romanen.
Carter Horton ist der einzige Überlebende einer interstellaren Mission, um neue bewohnbare Welten zu finden. Seine drei Kollegen sind während der Tiefschlafphase gestorben und wurden vom Schiff entfernt. Das Raumschiff ist es als sein Ziel angesehen, die Mission ohne Rücksicht fortzusetzen und die Entdeckung von bewohnbaren Planeten über die Idee einer Rückkehr zur Erde oder gar der Möglichkeit, die Erde zu informieren, zu stellen. Clifford D. Simak muss diesen Punkt im Laufe des Romans konsequenter herausarbeiten, denn er führt in der zweiten Hälfte der Geschichte eine weitere Handlungsebene ein, die gegen die reine Maschinenlogik der Schiffspositronik spricht.
Mehr als eintausend Jahre sind seit dem Abflug des Schiffs von der Erde vergangen. Für Carter Horton fast nur ein Tag. Der Planet ist ein Paradies und Horton möchte die Entdeckung am Schnellsten an die Erde melden, möglichst die Mission abschließen und wieder zurückfliegen. Unabhängig von der Tatsache, dass sich niemand mehr an die Expedition oder ihn auf der Erde erinnern wird. Nicodemus ist der Roboter an Bord des Raumschiffes, Carter Hortons einziger Gesprächspartner und der verlängerte Arm des Raumschiffes.
Der Titel des Romans „Shakespeares Planet“ ist ein Eyecatcher, aber handlungstechnisch nicht so relevant. Captain Kirk und seine Crew sind während der ersten Abenteuer des „Raumschiffs Enterprise“ auch seltsamen , unerklärlichen Phänomenen der alten Erde begegnet. Je tiefer Clifford D. Simak in seinen Plot einsteigt, desto weniger beschäftigt sich der Amerikaner mit Erklärungen und konzentriert sich auf die zwischenmenschlichen Dramen. Horton trifft auf den einzigen Bewohner des Planeten namens „Fleischfresser“. Er spricht Elisabethanisches Englisch, das er von einem Mann namens Shakespeare gelernt hat. Dessen Schädel bewahrt er in der Tradition seines Volkes auf. Wahrscheinlich handelt es sich nicht um den Dichter, sondern einen literarischen Fan. Jahrhunderte nachdem Carter Hortons Raumschiff aufgebrochen ist, haben die Menschen die „Tunnel“ entdeckt. Mit diesen Hinterlassenschaften einer unbekannten und seit vielen Äonen verschwundenen Rasse können die Menschen ins All aufbrechen und fremde Welten besuchen. Ohne Zeitverlust. Ein Tunnel führt auch zu diesem Planeten und Shakespeare ist durch den Tunnel gekommen. Später wird noch eine Frau den Tunnel durchschreiten. Aber auf diesem Planeten ist der Tunnel eine Einbahnstraße und der Rücksprung wurde künstlich, möglicherweise von den unbekannten Erbauern direkt auf dieser Welt gesperrt. Die Technik ist für Nicodemus zu hoch und Carter Horton bemerkt, dass er weder auf dem Planeten noch an Bord des Raumschiffs wirklich „alleine“ gewesen ist.
Clifford D. Simak verzichtet in diesem Stillleben auf die üblichen Klischees des Genres. Die Grundhandlung mit der Entdeckung eines jungfräulichen Planeten; möglichen Gefahren und schließlich auch dem Tunnelsystem, das von Unbekannten hinterlassen worden ist, erscheint weder originell noch innovativ. Einzeln und in Kombination sind diese Idee zu oft verwandt worden. Diese Sprungtunnel bilden auch das wichtige Rückgrat von Simaks vielleicht besten Roman: „Raumstation auf der Erde“.
Dem Autoren geht es eher um die verschiedenen Charaktere, welche er im Laufe des ausgesprochen kompakten Romans entwickelt bzw. im Fall von Carter Horton weiterentwickelt. Horton hat die Mission in einer Krisensituation auf der Erde übernommen. Überbevölkerung und Umweltverschmutzung haben die Erde unbewohnbar gemacht. Verschiedene Raumschiffe sind ausgeschickt worden. Horton ist davon besessen, die Mission positiv gegen alle Logik als erfolgreich abzuschließen. Er hat sein Ziel erreicht, wobei das Raumschiff streng genommen mit seiner besonderen Führungscrew die Initiative übernommen und das Schiff weit über die geplanten Grenzen der Mission ins All vorangetrieben hat.
Die Begegnung mit Fleischfresser und die Erkenntnis, im Grunde ein Dinosaurier zu sein und an etwas festzuhalten, das keinen Sinn mehr ergibt, machen ihn zu einem gereiften Menschen. Aus dem Tunnel trifft mit der Forscherin Elayne ein Mensch aus einer anderen Zeit ein. Schnell wird klar, dass sie den Planeten nicht mehr auf dem Weg verlassen kann. Natürlich hat sich die Menschheit in den tausend Jahren zwischen Carter Hortons Abflug und Elaynes Generation verändert. Aber das wirkt teilweise auch bemüht. Simaks Menschen bleiben menschlich mit ihren Stärken und Schwächen. Als Optimist glaubt Simak immer an das Gute im Menschen. Im Kern sind es Kleinigkeiten, die Elayne von Horton unterscheidet. Aber Simak verzichtet auf die nicht selten obligatorische Romanze. Die beiden Menschen müssen abschließend gemeinsam schwierige Entscheidungen treffen.
Clifford D. Simak erweitert die Handlung anschließend um drei Gehirne, die das Raumschiff gesteuert haben. Carter Horton ist sich dieser menschlichen Komponente nicht bewusst . Eine Politikerin, ein Mönch und ein Wissenschaftler. Alle drei sind sich ihrer Herkunft und Bestimmung treu geblieben. Eine Gemeinschaftsintelligenz hat sich nicht ausgebildet, wobei Clifford D. Simak auch keine Basis für diese Idee liefert. Die drei Gehirne scheinen einzeln in das Raumschiff eingesetzt worden zu sein, so dass es auch absurd erscheint, wenn sie plötzlich als ein Geist agieren. Ihre Zwiegespräche und das gemeinsame Suchen nach Lösungen sind dann wieder klassischer Simak oder vielleicht auch James Blish. Beide Autoren haben sich immer wieder mit dem Widerspruch zwischen reiner Forschung und Glauben auseinandergesetzt. James Blish hat dabei komplexere Theorien aufgeworfen und sich in „Der Gewissensfall“ grundsätzlich mit den Thesen der Bibel auseinandergesetzt. Clifford D. Simak bleibt nicht nur in diesem Roman bodenständiger. Im Gegensatz zu Horton, der die Mission über das persönliche Schicksal stellt, suchen die drei Gehirne inzwischen ihren Platz im Universum. Für sie wäre eine Rückkehr mit der Verschrottung des Raumschiffs und damit dem Ende ihrer bisherigen Existenz verbunden. Sie haben es sich in ihrer intellektuellen Nische bequem gemacht und anscheinend über die 1000 Jahre des Fluges eine Reihe von Problemen und Positionen bis in die quälenden Details diskutiert, ohne auf Lösungen zu stoßen. Der Planet und damit die eigentliche Mission interessiert sie nicht mehr.
„Fleischfresser“ ist der interessanteste außerirdische Charakter. Er ist wie Shakespeare auf dem Planeten gefangen gewesen. Aber er kann in diesem für ihn fast natürlichen Ambiente gut überleben und sich weiterhin durch die Jagd selbst versorgen. Er begräbt auch Shakespeare auf eine fast anrührende persönliche und doch exotisch fremdartige Art und Weise. Das Wissen und damit Shakespeares Geist trägt er in sich. Für Fleischfresser findet Simak eine respektvolle Lösung, wobei der Autor auch ein im Kern unlösbares Problem damit umschifft.
Fleischfresser ist aber nicht das einzige außerirdische Wesen auf dem Planeten. Der stinkende Teich – vielleicht weil er immer mit den Fleischresten des Fleischfressers gefüttert worden ist- ist intelligent. Eine Kommunikation kommt unter großen Schwierigkeiten zu Stande. Die Lebensform widerspricht vor allem den religiösen Auffassungen des Mönchs, der unchristlich überall Gefahren vor allem für das eigene „Leben“ sieht. Simak balanciert hier auch einen sehr schmalen Grat. Er muss etwas wirklich Fremdes auch dem Leser zugänglich machen. Das gelingt dem Amerikaner im Laufe des Romans deutlich besser als zu Beginn.
Carter Horton agiert nicht nur in Bezug auf den Teich, sondern auch seinen „Freund“ Fleischfresser zutiefst menschlich. Er ist der einzige Mensch, der sich selbst nach über tausend Jahren Schlaf treu geblieben ist. Der Leser versteht seine Motivation, die eigenen Nöten zurückzustellen und auf diese Wahnsinnsmission zu gehen, um der zurückgebliebenen Menschheit eine zweite Chance zu schenken. Eine Chance, die sie im Grunde den Argumentationen der drei Gehirne folgend, gar nicht verdient hat. Aber das ist eine der bittersüßen Noten, die Clifford D. Simak mit Altersweisheit und Routine über die ganze Bandbreite der Geschichte verteilt hat.
Am Ende des Romans gibt es keine abschließende Lösung. Das kann unbefriedigend sein, aber Simak bleibt seiner Linie treu. Seine Menschen nehmen sich immer auf ihren Reisen mit und die intellektuelle Evolution ist immer auf das Individuum, aber niemals die ganze Bevölkerung selbst in diesem kleinen Kammerspiel begrenzt. In seiner ruhigen Art fordert Simak auch Geduld von seinen Lesern und die vom Klappentext betonte bizarre Ausgangsprämisse geht weit über vergleichbare Konstellationen in „Raumschiff Enterprise“ und co. Hinaus. Nur das Finale muss der Leser in seinen Gedanken weiterführen. Aber das erwartet Simak nicht nur in diesem Roman von seinem zahlenden Publikum.
- ASIN : B002P59UUE
- Herausgeber : Goldmann; 2. Edition (1. Januar 1979)
- Taschenbuch : 158 Seiten
