Die Letzten der Menschheit

Walter Tevis

Siebzehn Jahre liegen zwischen „Der Mann, der vom Himmel fiel“ und der Publikation von „Mockingbird“, wo der Roman „Die Letzten der Menschheit“ im Original heißt. Drei von vier Kurzgeschichten, die in diesem Zeitraum entstanden sind, erschienen ebenfalls wie „Mockingbird“ 1980, so dass mit Gewissheit nur „Rent Control“ aus dem Jahr 1979 genau zugeordnet werden kann.  „Mockingbird“ wurde ein Jahr später für den NEBULA Award als bester Roman nominiert, musste sich aber Gregory Benfords „Timescape“ geschlagen geben.

„Die Letzten der Menschheit“ ist ein seltsames Stillleben, das weniger als Roman funktioniert denn als eine ausgesprochen moderne Reflektion des menschlichen Zusammenlebens, dessen Regulation durch die Maschine – in diesem Fall dem einzigen verbliebenen Roboter des Typs 9 – in der Tradition von „1984“ oder „Schöne neue Welt“ im Grunde auch nur eine Farce ist. Walter Tevis spricht aber basierend auf einigen Klischees des Genres eine Reihe von Themen ist.

Viele Jahre in der Zukunft ist die Menschheit fast ausgestorben. Es werden keine Kinder mehr geboren.  Die Hinterlassenschaften der Menschen bleiben als Fanale stehen. Seit vielen Jahren werden den verbliebenen Menschen Drogen gegen die Fruchtbarkeit verabreicht. Die Gründe legt Walter Tevis nicht dar.  Die Menschen zerfallen geistig mehr und mehr. Da sie nicht arbeiten müssen, es keine Schulen mehr gibt, werden aus ihnen Analphabeten.

In verschiedenen Rückblicken skizziert Walter Tevis eine erschreckende Entwicklung. Vieles wird den Lesern heute vertrauter vorkommen als in den achtziger Jahren, in denen das Buch erschienen ist. Das Bildungsniveau sinkt immer weiter, die Schüler kommen mit ihrer reduzierten Sprache durch.  Arbeit ist nicht mehr wichtig und am Ende bleiben durch den Tod der älteren Generationen eben nur noch Sachempfänger des garantierten Grundeinkommens über. Vielleicht überspitzt Walter Tevis die Situation mit seiner Welt ohne Kinofilme und damit auch Bücher. Fernsehen wird rund um die Uhr produziert und es stellt sich die Frage, wie man in der Zeit des Übergangs alles Bedienen kann, wenn immer wieder weniger Menschen lesen können.  Der Autor entwickelt für seine These eine Reihe von Prämissen. Die industrielle Produktion ist in der Hand von Robotern, die je nach Typus ihren Aufgaben von stupide ausführend bis zum Primus-Inter-Pares Typ 9 verrichten, der eine beeindruckende Karriere buchstäblich vom Tellerwäscher zum Oberaufseher macht. Wenn es zu Produktionsschwierigkeiten kommt, dann ist niemand mehr da, wer Reparaturen ausführen kann. Die Roboter heilen sich in vielen Bereichen eben nicht selbst, habe aber auch kein Interesse, maschinelle Probleme aufzuspüren oder zu beseitigen. Daher ist neben dem geistigen Verfall der immer weniger werdenden Menschen auch der technische Zusammenbruch der Zivilisation folgerichtig. Er erfolgt nicht schlagartig, sondern in Schüben. Beispiele sind die fehlende Nutzung von vorhandenen Datenbanken durch den bizarren Roboterrichter oder die Toaster herstellende Fabrik, in welcher der Roboteraufseher nur noch Ausschuss zulässt, weil an einer Stelle ein kleines Metall sich verkantet hat. Der Leser muss in dieser Hinsicht allerdings der Phantasie des Autoren folgen, das er nur noch eine Produktionsstätte für Toaster gibt und sich der menschliche Charakter gewundert hat, warum es plötzlich zu einer Knappheit von Toastern gekommen ist.

Auch im Gefängnis erfolgt die Bestrafung der Gefangenen nach starren Mustern. Die Menschen fühlen sich vielleicht in den Gefängnissen mit ihrer harten Arbeit nicht wohl, auf der anderen Seite entwickeln sie auch eine Art Stockholm Syndrom ihren Roboterwächtern gegenüber. Sie werden versorgt und haben es warm. Sie nutzen die wenigen „Freiräume“ in  der Überwachung, um regelmäßig auszubrechen und das Leben einen Moment zu feiern. Es handelt sich anscheinend ausschließlich um politische Gefangene oder Männer, die wegen Nichtigkeit zu harten Strafen verurteilt worden sind. Walter Tevis beschreibt den Aufenthalt in diesem in der Einsamkeit gelegenen Gefängnis, das gegen die soziale Regel des Alleinseins verstößt, mit einer Mischung aus surrealistischer Faszination und Realismus.

Die Ausgangsbasen muss der Leser akzeptieren. Walter Tevis setzt auch mehr auf (zwischenmenschliche) Stimmungen denn auf Logik. Immer mehr Menschen begehen in  Gruppen Selbstmord. Sie verbrennen sich, wobei McDonalds dazu ein beliebter Platz ist. Die Fastfood Kette hat natürlich nur noch Automatenrestaurants. Die Menschen durchbrechen die nicht weiter erklärten Gesetze des Alleinseins und bringen sich meistens vollgepumpt mit Drogen in kleineren Gruppen durch Verbrennen um.

Vor diesem bizarren, effektiv wie pragmatisch beschriebenen Hintergrund einer kaum noch vorhandenen Menschheit, zurückgefallen auf ein relativ primitives Niveau, beschreibt der Autor mehrere Beziehungsdramen, die stellenweise anrührend und nachdenklich stimmend, dann wieder erstaunlich kitschig an den Rand des Klischees gehen. Der Autor konzentriert sich auf drei „Menschen“, die Geschichte wird alternierend aus ihren Perspektiven ergänzt, um Tagebuchaufzeichnungen, erzählt.

Spofforth ist der erste Charakter, den der Leser kennenlernt. Er ist ein Typ neun, die mächtigste verbliebene Maschine auf der Erde. Spofforth ist auch einsam, aber eine Selbstmordschaltung ist bei ihm aktiviert worden, so dass er im Gegensatz zu anderen baugleichen Typen seine Existenz nicht beenden kann. Das Buch beginnt und endet auf der Plattform des Empire State Buildings.  Spoffoth versucht es immer wieder, auch wenn er weiß, dass es aufgrund seiner Programmierung ausgeschlossen ist. In kurzen Rückblenden verfolgt der Leser seine „Karriere“ vom einfachen Helfer über den Chef der vereinigten Autoindustrie bis zum Bürgermeister von St. Louis. Inzwischen arbeitet er als Mädchen für alles an der New Yorker Universität. Spofforth ist ein Vertreter der bestehenden Gesetze und ist sich auch nicht zu schade, diese zu Lasten anderer anzuwenden, während er selbst insbesondere das Gesetz des Alleinseins ignoriert und versteht, warum Menschen nicht alleine bleiben sollten. Es ist diese entschlossene Ambivalenz, auf einer Basis aus Arroganz und Egoismus anderen „Leid“ zuzufügen, das man selbst nicht ertragen kann oder will und Gesetze umzusetzen, die in anderen Zeiten vor Jahrhunderten entstanden sind und inzwischen keinen Sinn mehr machen.

Durch einen Zufall trifft Spoforth auf Paul Bentley, einen Mann, der lesen kann. Eine Einzigartigkeit, denn Spoforth kann es wie alle anderen Menschen nicht. Technisch gesehen stellt sich die Frage, warum der Robotrichter das Archiv „befragen“ und entsprechende Antworten erhält, aber nicht wie alle Maschinen lesen kann. Aber diese absurde Prämisse muss der Leser genauso wie einige andere folgende Punkte akzeptieren. Paul  Bentley stellt für Spofforth eine Gefahr dar. Bentley will anderen Menschen das Lesen beibringen, was aber verboten ist. Stattdessen soll Bentley an der Universität die Zwischentitel von Stummfilmen lesen und ein entsprechendes Band anfertigen, das zukünftige Ausstrahlungen begleitet. Diese Aufgabe ist sinnfrei. Sie ist auch unlogisch, da insbesondere Stummfilme empfindlicher als Bücher sind und in einer Welt, in welcher es kaum noch Bücher gibt, die Stummfilme noch seltener sein sollten. Aber Spofforth muss Bentley beschäftigen, er will ihn (noch) nicht beseitigen.

Im Zoo lernt Bentley Mary Lou kennen. Sie lebt seit vielen Jahren im Zoo und nutzt die Roboter aus. Diese agieren nach festen Mustern und ermöglichen es Mary Lou, täglich Sandwiches zu stehlen und zwischen den mechanischen Tieren- eine Idee von Philip K. Dicks „Träumen Roboter von  elektrischen Schafen?“ – zu leben. Bentley nimmt sie bei sich in der Universität auf und bringt ihr das Lesen bei. Die beiden Menschen haben auch Sex miteinander. Von Liebe sind sie noch weit entfernt. Spofforth sprengt diese Gemeinschaft, indem er Bentley mehrere Gesetzesbrüche vorwirft. Bentley muss ins Gefängnis und Spofforth beginnt die Regeln der menschlichen Gesellschaft zu biegen.

Diese „Love Story oft he Far Future“ – der Untertitel der amerikanischen Taschenbuchausgabe – besteht aus einer Art Freakshow im positiven Sinne. Irgendwo zwischen der fast Sucht erzeugenden Liebe zu Büchern, zum Lesen und damit auch zum freien Denken sowie einer aus zahllosen Anspielungen auf Stummfilme bestehenden Hommage an das frühe amerikanische Kino hat Walter Tevis drei Protagonisten gestellt, die es in dieser Form in der vom Autoren entwickelten geordneten Gesellschaft gar nicht geben dürfte.

Spofforth als Typ Neun ist Ankläger, Richter und Henker zugleich. Er ist viel zu intelligent, ragt zu sehr aus der Masse der Maschinen heraus, als das er eben nicht eine Bedrohung für die verbliebene Menschheit darstellen könnte. Er ist vor allem in seinem nur vordergründig logischen Handeln menschlich. Er ist depressiv, will sich umbringen. Er empfindet Neid und Missgunst gegenüber Bentley. Er verliebt sich in Mary Lou, obwohl das Alleinsein auch für ihn gelten müsste. Es ist eine platonische Liebe, denn Spofforths Schöpfer haben bei seiner Konstruktion auf Sexualorgane verzichtet. Spofforth ist von seinen Emotionen her der Charakter, der am menschlichsten ist und entsprechend agiert. Auch gegen jegliche Maschinenlogik. Im Laufe der Geschichte zeichnet Walter Tevis ein ambivalentes, aber viel zu globalisiertes Bild Spofforths. Er soll der Hüter der Menschheit sein, auch wenn sein Status als Gott, aber nicht als Schöpfer durch die inneren Zweifel zerfressen wird. Seine Handlungen auf globaler Ebene erscheinen unglaubwürdig. Hätte sich Walter Tevis auf den Großraum New York konzentriert, dann wäre “Die Letzten der Menschheit” eine interessante Parabel über Verantwortung und deren Last. Am Ende will sich Spofforth seiner Aufgabe auf eine logische, aber auch grausame Art und Weise entledigen. Fast christlich symbolisch erscheint, dass die Erlösung aus der Ecke kommt, in welcher ihm auch Vergeben wird.  Fast pathetisch traurig erscheint, dass  Spofforth als Typ neun menschliche Emotionen erleben kann, diese ihm aber auch zum Verhängnis werden. Der Versuch, die Gesetze der Alleinheit gegenüber dem Menschen durchzudrücken, stehen einem kläglich gescheiterten Experiment gegenüber, menschlich zu leben.    

Mary Lou tritt spät in der Handlung auf. Sie ist eine Frau, die aufgrund ihrer Anlagen und ihrer Intelligenz schon als Kind hätte getötet werden sollen. Auch hier bleibt Walter Tevis weitergehende Erklärungen schuldig. Dieses Trauma begleitet Mary Lou, macht sie unter ihrer harten Schale auch verwundbar. Sie scheint auch devot zu sein, wie das verzerrte Abbild einer Ehe mit Spofforth zeigt.

Paul Bentley ist (zu Beginn  der Geschichte) der einzige Mensch oder vielleicht doch eine Maschine (?), der Lesen kann. Er hat es sich auf eine rührige Art und Weise mittels Kinderbücher und einem Erziehungsfilm selbst beigebracht. Er ist ein Heimatloser, der zufällig in die Fänge Spofforths gerät und aufgrund seines Wissens von ihm aus dem Verkehr gezogen wird. An der Universität darbt er im Keller dahin. Bentley ist intelligent, emotional, einfühlsam und vor allem ein Charakter, der aus seinen Erfahrungen lernt und sich weiterentwickelt. Seine Reise zurück nach New York über die endlosen Strände und eine Religionsgemeinschaft in einer Bunkeranlage - ein gern genommenes Klischee des Post Doomsday Science Fiction Literatur und Films – nimmt einen Großteil des zweiten Romanabschnitts ein. Paul Bentley bleibt dabei sich selbst treu. Er ist ein Durchschnittsmensch ohne Ambitionen,  der Bücher abgöttisch liebt und sich inzwischen in den Stummfilmen inzwischen zu Hause fühlt. Nicht selten zieht er die entsprechenden Vergleiche, was es Walter Tevis ermöglicht, ausführlich aus den entsprechenden Filmen zu zitieren, die für ihn ein besonderes Hobby darstellen.

 “Die Letzten der Menschheit” - der Titel ist nicht ganz richtig, wirkt fatalistischer als es das Ende des Romans verspricht - ist eher ein Stillleben als ein klassischer Science Fiction Roman. Walter Tevis setzt mit dieser Mischung aus Melancholie, Pessimismus und dem Willen des Menschen, die Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen, auf Stimmungen. Technische Hintergründe werden zwar erläutert, wirken aber stellenweise auch zu gedehnt. Dass ein Roboter, egal welchen Typs, die ganze Erde quasi kontrolliert und angesichts der mehr und mehr zerfallenen Technik manipulieren kann, wirkt unglaubwürdig und konstruiert. Auch die Funde im SEARS nach mehr als zwei Jahrhunderten dienen eher der Handlung als dass sie erklärlich sind. Walter Tevis setzt hier sehr viel Zweckoptimismus ein. Die Roboter und die sinnlose mechanisch optimierte Produktion an den Fließbändern menschenleeren Fabriken; die von Gedankenkraft in Gang zu setzenden und sich dann selbst steuernden Busse und natürlich Spofforth als höchste Stufe der Robotik bilden den technischen Hintergrund des Romans, während das Alltagsleben gegenwärtig erscheint und Walter Tevis erstaunlich viel Wert auf amerikanische Markenprodukte legt, die teilweise ein wenig “verfeinert” worden sind. 

Religion spielt in untergeordneter Hinsicht eine doppelte Rolle. Spofforth ist Gottgleich. Mit dieser Aufgabe kommt er nicht zurecht. Das Gegenbeispiel sind die Menschen, die sehr strengen Gesetzen folgend, in und um eine unterirdische Bunkeranlage herum leben. Sie leben nach strengen, ungeschriebenen und nur mündlich von Generation zu Generation weitergegebenen Regeln. Paul Bentley beginnt, ihnen aus der Bibel vorzulesen, was ihr Weltbild allerdings nicht erschüttert. Die Risse zeigen sich innerhalb der Gemeinschaft, manifestiert an einer jungen verwitweten Frau, die durch Paul Bentley eine andere Welt kennenlernt und trotzdem nicht den Mut hat, den nächsten Schritt zu gehen. Den Handlungsbogen betrachtend sucht Walter Tevis hier allerdings auch eine fatalistische, aber auch effektive Methode, um ein Beziehungsdreieck zu verhindern. 

Dank der melancholischen Atmosphäre, dem stetigen Rückblick auf die Leistungen der untergegangenen und nur noch partiell dahin siechenden Menschen bleiben eher Segmente des Romans im Gedächtnis der Leser als die zugrundeliegende, fast klassisch klischeehaft strukturierte Handlung, die aufs Rudimentärste reduziert  im 17./ 18. Jahrhundert genauso spielen könnte wie im 20. Jahrhundert oder -  wie die wenigen vorhandenen vagen zeitlichen Hinweise zeigen - im 23. Jahrhundert. 

   

 

Die Letzten der Menschheit

  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Moewig Verlag
  • Hardcover, 300 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3811820133
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3811820135