Mit Hans- Dieter Furrer betritt ein weiteres Mitglied der Literatengruppe „Phantastischer Oberrhein“ – gegründet von Jörg Weigand – die Bühne des p.machinery Verlages mit einer eigenständigen Anthologie, bestehend allerdings auch seinen vielen Beiträgen zu den „Phantastischen Miniaturen“ der Bibliothek aus Wetzlar und anderen Nachdrucken. In der Vielzahl der hier vertretenen Beiträge kann der Leser aber gut ablesen, dass Hans- Dieter Furrer sich trotz der thematischen Vorlagen der phantastischen Miniaturen einen eigenen Kanon erschrieben hat. In einem ruhigen, beinahe phlegmatischen, aber stets atmosphärisch überzeugenden und dichten Stil schreibt er über phantastische Elemente nicht selten im alltäglichen Leben, deren Wahrheitsgehalt weder die Erzähler noch die Leser wirklich überprüfen können.
Der Schweizer Furrer ist 1942 in Rüti geboren worden. Wie Jörg Weigand in seinem Nachwort feststellt, hielt er sich zur gleichen Zeit wie Weigand in Paris auf, ohne das sich die beiden Science Fiction Fans begegnet sind. Furrer arbeitete viele Jahre als Werbetexter in einem Versandhaus und ist älteren Fans als einer der Mitarbeiter des Filmmagazins „Vampir“ bekannt. Zwischen 1972 und 1982 berichtete er insbesondere von internationalen phantastischen Filmfestivals aus ganz Europa. Anschließend arbeitete er an der Zeitschrift „Moviestar“ mit. In seinem auch als Vorwort gut zu lesenden Nachwort geht Jörg Weigand auf den Autoren, aber auch auf die gemeinsame langjährige Freundschaft und den gleichzeitigen Aufenthalt in Paris ein, über den Hans- Dieter Furrer auch im Geburtstagsbuch zu Weigand 80. geschrieben hat. Jörg Weigand hat den lebenslangen Einfluss seiner Monate in Paris in einem im Verlag Dieter von Reeken veröffentlichten reichhaltig bebilderten Band niedergeschrieben.
Hans- Dieter Furrer liebt die Kunst vor allem in Form von Ausstellungen. Hier kommt es zu einer Reihe von magischen Begegnungen, die sich in unterschiedlichen Konstellationen abspielen. In der Titelgeschichte besucht der Erzähler ein Museum in Paris und trifft auf eine besonders geheimnisvoll wirkende Sphinx. Durch eine zufällige Berührung wird er aus seiner Umgebung gerissen, später in Lebensgefahr gebracht. Die Auftaktgeschichte ist eine Hommage an die phantastischen Geschichten aus einer gänzlich anderen Zeit, die Lars Dangel oder Robert N. Bloch in ihren Anthologien gesammelt haben.
„Madame Delvaux“ geht in die andere Richtung, Auch hier ist es am Ende einer Reise von Paris – hier spielt „Die geheimnisvolle Sphinx“ – nach Brüssel der Besuch in einer Kunstausstellung, welche den Erzähler berührt. Er begegnet in seinem Lieblingscafe einer geheimnisvollen Dame, die ihm vertraut vorkommt. Auch wenn die Pointe hervor sehbar ist, lebt die Geschichte von der ein wenig kitschig verträumten Atmosphäre.
Eine unheimliche Vision/ Verwandlung; eine möglicherweise sich unter den Menschen bewegende gemalte Frau. Da ist es konsequent mit der dritten Geschichte „Die Einladung“ den anderen Weg zu gehen. Ein Mann besucht jeden Mittwoch das Museum und verharrt vor einem Bild. Eines Tages hat er den Raum verlassen, ohne das einer der Aufseher es bemerkt hat. Auch hier ist die Pointe klar erkennbar, aber Hans- Dieter Furrers Figuren erscheinen in einzelnen Geschichte so zerbrechlich, dass der Leser ihrem Schicksal beiwohnen möchte.
In der vierten Story mit künstlerischem Hintergrund „Sehnsucht“ verhält es sich ein wenig anders. Möglicherweise ist der Erzähler wie Jack Finneys Protagonisten in den beiden Romanen durch die Zeit gereist, als er eine Panorama Ausstellung besuchte. Verzweifelt sucht er einen Mann, einen Techniker, der ihn wieder in die Gegenwart zurückbringen kann. Diese Reise basieren auf optischen Illusionen, vielleicht auch auf Wunschträumen. Aber wie viele andere Geschichten dieser Anthologie basieren sie eher auf Stimmungen denn auf Fakten. „La Contessa“ spielt in Triest, das Hans- Dieter Furrer ja jedes Jahr für die phantastischen Filmfestspiele besucht hat. Der Erzähler begegnet einer auffälligen, adlig wirkenden Frau und ihrer Begleiter, die nächstens in einem besonderen Wagen abreisen. Der Erzähler ist der Ansicht, hinter dem Wagen steckt viel mehr. Es sind diese technischen Ideen, welche Furrer eher impliziert andeutet als extrapoliert.
Dagegen zeigt „Im Spiegellabyrinth“ via eines Brüsseler Jahrmarkt den Besucher ihre persönliche Zukunft bzw. deren Aussehen in zehn, zwanzig, dreißig und schließlich fünfzig Jahre. Aber die Illusion des Spiegelbilds und die „Wirklichkeit“ fließen in dieser anderen Art von Zeitreise bitterböse in der Pointe zusammen. Als Science Fiction Idee präsentiert Hans- Dieter Furrer in „Spiegelspiele“ die Ausgangsprämisse. Eine junge Frau findet einen besonderen Spiegel mit einem Anschaltknopf auf dem Flohmarkt und beginnt mit ihrem Äußeren zu Experimentieren. Der Leser ahnt, dass die Geschichte nicht gut enden kann.
In „Das auferstandene Kirchenschiff“ manifestiert sich die unbelebte Vergangenheit in der Gegenwart. Dabei muss es sich anscheinend um besondere Orte handeln. Zwei Männer haben diese Phänomene in unterschiedlicher Stärke erlebt. Allerdings lässt sich die Vergangenheit in dieser melancholischen Geschichte auch nicht zwingen.
“Cathedral Club” ist eine Art konstruiertes Triptychon mit zwei sehr bekannten Teilen. Eine Teufelserscheinung sorgt für die Einmauerung des Teufels in der Kirche, siebenhundert Jahre später wird ein Nachtclub eröffnet und weckt den Teufel und sein Gefolge. Am Ende begegnet anscheinend eine der Besucherinnen der Eröffnungsnacht in einer späteren Zeit im nach dem Brand umgebauten Gebäude anscheinend wieder dem “eingeglasten” Teufel. Die Geschichte bietet wenig neue Ideen, das Ende ist pragmatisch und die drei Handlungsbögen harmonieren eher der Konstruktion geschuldet miteinander.
Hans Dieter Furrer konzentriert sich in „Fata Morgana“ auf eine der Schlüsselszenen in Karl Mays „Durch die Wüste“. Der Ritt durch das Schott, den Salzsumpf. Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar durchleben einige Visionen in dieser kurzweiligen Miniatur.
In einer zweiten Geschichte – ursprünglich auch in den „Phantastischen Miniaturen“ aus Wetzlar erschienen – verbindet Hans- Dieter Furrer Karl Mays Protagonisten Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar mit Jules Vernes unsterblichen Geschichten. Roburs Aeroflot ist auf dem Weg zu einem Erfinder in der Wüste gestrandet. Es gelingt ihnen, das Luftschiff wieder flott zu machen und Karl Mays Protagonisten fahren zum ersten Mal in die Luft zu dem angesprochenen Erfinder, der mechanische „Menschen“ herstellt. Auch wenn die Miniatur ein wenig länger ist als andere typische Vignetten, verlangt der Plot förmlich nach mehr Raum und wirkt angesichts der zahlreichen guten Ideen viel zu konzentriert dargestellt. Sie bleibt ein literarisches Stillleben voller Potential zurück.
„Nebelkrähen“ stammt aus dem Wetzlaer „Goethe“ Doppelband. In zwei Situationen lernt Goethe die Schlauheit der Krähen stellvertretend für den Leser kennen. “Die gespielte Frau“ stammt aus der ersten Phantastischen Miniatur. Die Autoren sollten einen bestimmten Satz in ihren Geschichten verwenden. Auch hier spielen Vögel eine wichtige Rolle, wobei der Titel schon das Meiste über den Plot verrät.
„Drachenfeuer“ ist ein Märchen aus einer der thematisch interessantesten phantastischen Miniaturen mit dem Thema Brandschutz. Die in einem isolierten Tal lebende, aus der Zeit gefallene Brandschutzgilde hat eine besondere Aufgabe. Die pointierte Idee trägt sehr viel zur melancholischen Stimmung dieser Miniatur bei. “Das wundersame Puppenhaus“ ist eher eine Momentaufnahme eines kleinen Mädchens, das zum ersten Mal mit dem Puppenhaus der Oma spielen darf.
„Der Teich“ könnte mit viel Phantasie die erste Science Fiction Geschichte dieser Sammlung sein. Aus dem Nichts heraus erscheint eine seltsame Blume von einem Teich umgeben in seinem Garten. Sie erinnert ihn an die Bilder von Hieronymus Bosch. Später tritt der Erzähler im Kelchinneren eine besondere Reise an. Der Text wirkt surrealistischer als die ersten Geschichten, aber diese fremdartige Stimmung passt zu diesem pflanzlichen First Contact. In „Beim Italiener“ nutzt der Autor eine wirklich alte Idee der Science Fiction – wie so oft in den Miniaturen – belässt er es bei Andeutungen, um die frischen Waren zu erklären, mit denen der Gastwirt seit vielen Jahren seine zahlenden Gäste verwöhnt. Es sind die einfachen Dinge, das fast Alltägliche, das Furrer mit einer phantastischen Möglichkeit vermischt.
„Das Schlaflose Haus“ ist eine von mehreren Geistergeschichten. Ein Mann wird gebeten, kostenlos gerne in dem verlassenen Haus zu nächtigen, allerdings vertreiben ihn schließlich die nächtlichen Geräusche. In „Nächtlicher Besuch“ ist die Ehefrau der Meinung, dass jemand sich im Haus befindet. Die Erklärung ist auf den ersten Blick für einen Besuch phantastisch nachvollziehbar, aber nicht für eine Reihe von möglicherweise übernatürlichen Phänomenen.
Neben Kunst versus Realität sowie Geistern hat Hans- Dieter Furrer auch Interesse an Löchern. In „Das merkwürdige Mauseloch“ erinnert die Idee an „Alice im Wunderland“, wobei sich Mythen – niemals einen Holunderbusch abholzen – mit Phantasie – selbst ein Hund kann im Mauseloch verschwinden – mischen. Bei „Die dunkelste Ecke“ geht es um die im Titel angesprochene dunkelste Ecke im Keller, die wie ein Vakuum allen Müll oder Schrott förmlich aufsaugt. Der Leser ahnt den Plotverlauf, aber wie in der vorangestellten Geschichte konzentriert sich Furrer eher auf Stimmungen denn ausführliche Erklärungen. Auch „Grünzeug“ gehört irgendwie in diesen Bereich. Die Pointe basiert auf einem klassischen Kommunikationsproblem zwischen Mensch und Pflanze. Die Ausgangsprämisse ist allerdings ein wenig spärlich entwickelt.
Auffallend sind nicht nur wegen der Zusammenstellung „Doppelungen“. So spielen „Im Hotel gegenüber“ und „Eine Nacht in Nancy“ in Hotels. Die Plots könnten allerdings trotz der Nutzung phantastischer Sujets nicht unterschiedlicher sein. Hans- Dieter Furrer lässt in der ersten Geschichte seinen heimlich das Hotel gegenüber beobachtenden Erzähler ganz bewusst auf Hitchocks „Das Fenster zum Hof“ verweisen, während eine seltsame Tür in einem Hotel die Neugierde des Gastes erweckt. Bei einem Spaziergang scheint er auf ein Wesen getroffen zu sein, das möglicherweise auch im Hotel nächtigt, während im Hotelzimmer gegenüber in der ersten Geschichte aus einem möglichen Thriller eine Science Fiction Parodie wird.
„Das Geheimnis der schwarzen Katze“ und „Katzenfutter“ sind eine weitere Doppelung. Ein Nachbar beobachtet eine schwarze Katze mit einem wertvollen Halsband auf dem Gelände einer an sich seit Jahren verlassenen Villa. Später sieht er auch eine schöne, exotisch wirkende Frau. Der Leser ahnt schon, wie alles zusammenhängen könnte. „Katzenfutter“ könnte eine Variation der später noch vorgestellten Geschichte „Ein Polarforscher im Tiefkühlfach“ als moderne Lilliput Variante sein. Nachbarskatze fühlt sich insbesondere auf dem Dachboden sehr wohl und macht dort seltsame Beute, bis der Spieß umgedreht wird. Insbesondere in diesen Geschichten zeigt sich Hans- Dieter Furrers erzähltechnisches Augenzwinkern, der eine absurde Idee mit der notwendigen Ernsthaftigkeit erzählt. „Katzenfutter“ lässt sich nebenbei auch in die Kategorie der seltsamen Löcher, die in einer Vielzahl von Furrers Geschichte eine Rolle spielen, einordnen. Der Leser weiß nie, was die Protagonisten auf der einen Seite erwartet.
Eine weitere Gruppe von Miniaturen handeln von Wortspielen oder Begriffen. „Der Druckfehlerteufel“ sucht einen alten Schriftsetzer Heim. Auch wenn die Drucktechnik sich weiterentwickelt hat, bleiben die kleinen heimtückischen Wesen mit den roten stechenden Augen immer präsent. „Der Polarforscher im Tiefkühlfach“ ist einer dieser liebenswerten Miniaturen, in denen das Absurde plötzlich zum Realen wird. Ein Mieter findet im Tiefkühlfach seines Kühlschranks neben den abgelaufenen Fischstäbchen einen Polarforscher mit Zelt, kleinem Flugzeug, später einem Iglu, der minutiös und genau nicht nur die Fischstäbchen untersucht, sondern die Dicke der Eisschichten in diesem Kühlschrankfach. Nebenbei beantwortet Hans- Dieter Furrer auch die Frage, ob das Licht im Kühlschrank bei geschlossener Tür ausgeht oder nicht. Die Solarzellen sind der entsprechende Beweis.
Träume spielen in vielen seiner Geschichten teilweise als Tagvisionen eine wichtige Rolle. In „Der Klarträumer“ gibt es eine Verbindung zwischen den Träumen und der Realität. Dabei manipuliert eine Gesellschaft die unliebsamen Hintergrundeffekte aus den Träumen der Betroffenen heraus. Mit fatalen Folgen für die Wirklichkeit. Die Grundidee ist nicht neu, die Umsetzung eher stringent und die Pointe klar zu erkennen. Hans- Dieter Furrers Version wirkt ein wenig zu mechanisch, zu sehr auf den Punkt konstruiert, während er bei anderen Texten teilweise deutlich verspielter und deswegen auch überzeugender agiert.
„Im Paradies“ beschreibt die Flucht aus einer ökologisch zerstörten Welt in die virtuellen Welt. Allerdings kann der Protagonist der Realität nicht entkommen. Auch hier zeigen sich die gleichen Schwächen wie in „Der Klarträumer“.
Hans- Dieter Furrer liebt Filme. Das zeigten schon seine Festivalberichte für die „Vampir“ Magazine. „Totholz ist eine Anspielung auf den heute kaum bekannten Film „Die Hellstorm Chronicles“ mit der Idee, das die Insekten eine atomare Auseinandersetzung mutiert, aber fast unbeschadet überstehen könnten. Wie „Recycling“ leidet „Totholz“ unter einer guten Ausgangsbasis, die nicht zufrieden stellend aufgrund der Kürze des Textes und weniger der mangelnden Fähigkeiten des Autoren extrapoliert worden ist. Der in „Recycling“ nach Afrika verschickte intelligente Elektroschock kommt auf eine bestimmte Art und Weise in einer Kombination aus „Transformers“ und japanischen Monstren – allerdings verhalten sich diese Kreaturen seltsam menschenfreundlich angesichts ihrer Spur der Vernichtung – nach Europa zurück. Zumindest lässt der Autor seine Geschichte auf einer pointiert ironischen Note enden.
Zu den humorvollen Texten gehört „Braumeister Robby“. Ein Roboter soll zukünftig das Bierbrauen übernehmen. Er ist auf alle möglichen Bierarten programmiert, nur fehlt ihm anscheinend die Seele, um dem Bier die besondere emotionale Würze zu geben. Die Geschichte ist lustig, die Prämisse allerdings ein wenig verklärt, da die menschliche Note unerklärbar ist und auch nicht erklärt wird. „Herzblut“ schlägt in die gleiche Kerbe. Nur organisiert ein Schustermeister seinen eignen Nachfolger, für den er angeblich zwanzig Jahre Modell gestanden hat. Fortschritt gibt es nur mit nostalgischer Wehmut. In „Der Fehltritt“ treibt Hans- Dieter Furrer diese Entwicklungen auf eine perfide Spitze. Ein Mann fehlt vom Transportband – ein rollender Teppich – und wird von den entsprechenden Robotern aussortiert und in eine entsprechende Verwahrzelle für Fundstücke gebracht. Die „Rettung“ erfolgt durch einen Trick, der zu einem intellektuellen Perpetuum Mobile wird. Diese Miniatur basiert auf dem Begriff der „Gnurks“, also muss er auch entsprechend verwandt werden. Im Vergleich zu einigen anderen Miniaturen ist die Pointe allerdings nicht im Vorwege erkennbar und basiert auf grundsätzlicher Logik, die Furrer seinem Braumeister und seinem neuen Schusterknecht in ihren neuen Tätigkeiten einbringen, denen aber das Herz am rechten mechanischen Fleck fehlt. Auch „Die Reparatur“ folgt den bei „Rettung“ etablierten Parametern. Die Roboter folgen stoisch ihren Aufgaben, wobei es in dieser perfekten Zukunft kein Reparieren, sondern nur noch ein Austauschen gibt. Dann ist der „Selbst ist der Mann“ Mensch hilflos dem stoischen Willen einer vollautomatisierten Gesellschaft unterworfen. Auch „Roboter machen keine Selfies“ reiht sich in diese kleine Phalanx von Geschichten ein. Der zum Mars vorausgeschickte Roboter „Tarantula“ soll eine Kuppelsiedlung für die menschlichen Astronauten bauen. Durch einen Programmierirrtum oder einen Hackeangriff führt er die Aufgabe perfekt und doch nicht brauchbar aus. Auch wenn die Idee gut und beginnend mit dem Titel lustig ist, zeigt die Geschichten auch einige Schwächen. Der Plot baut keine wirkliche Spannungskurve auf. Das „Problem“ wird relativ schnell ohne Dramatik gelöst. Peter Weir hat in „Der Marsianer“ sehr viel mehr Energie auf Problemlösungen verwandt. Wie einige andere Miniaturen könnte der Plot als längere Kurzgeschichten mit deutlich mehr Wendungen und Spannungsbögen sehr viel mehr überzeugen. Auch „Der Mann im Mond“ nutzt eine alte Science Fiction Idee, welcher Hans- Dieter Furrer angesichts der Kürze des Textes zu einer lakonischen Pointe führt. Manchmal werden Sehnsüchte erfüllt, wobei sich die Ausgangsidee – der Mann im Mond muss sein Ziel immer im Auge haben – nur auf dem Papier überzeugend anfühlt. Man sollte davon ausgehen, dass die Wetterkarte keine unbekannte Gleichung ist.
„Fliegerjacke“ ist titeltechnisch auch Programm. Ein Modellbaubastler kauft eine besondere Jacke aus einem besonders leichten Stoff, die über eine besondere Eigenschaft verfügt. Tragisch ist, dass ein Riss in der Jacke fatale Folgen hat. Das offene Ende bietet sehr viel mehr Potential als die sich flüssig lesende, aber auch irgendwie distanziert geschriebene Miniatur.
Fluchtgefahr“ setzt auf eine sehr alte Idee. Die Menschen erhalten viel Geld, um später in Snufffilmen ihr Leben zu lassen. Bis zum Drehbeginn können sie ihrem Elend entkommen. Natürlich glauben sie auch nicht an das Risiko, bei den Dreharbeiten sterben zu können. Diese Einstellung erscheint ein wenig verbohrt. Bis zum Drehbeginn können sie ihrem Elend entkommen. Die Geschichte ist zwar routiniert geschrieben, verläuft aber leider sehr mechanisch.
Einige der letzten hier gesammelten Miniaturen lassen sich gut inhaltlich mit konträren Perspektiven zusammenfassen. In „Fremde Kulisse“ wacht ein Mann in einer fremden, aber auch perfekt aufgebauten Umgebung auf. Der Leser ahnt, dass hier eine Idee aus der „Twillight Zone“ Serie und der zugrunde liegenden Kurzgeschichte recycelt wird. Bei „Strandgut“ landet ein Raumschiff von unter Wasser lebenden Außerirdischen auf der Erde. Basierend auf dem tragischen Kommunikationsmissverständnis zu Beginn kann der Leser den weiteren Handlungsverlauf schon erahnen. In „Metamorphose“ landet ein Raumschiff auf einem fremden Planeten voller Düfte. Der Kontakt zur Expedition reißt ab und die Nachfolger machen eine überraschende Entdeckung, auf welche Hans- Dieter Furrer die Leser schon vorbereitet hat. In „Symbiose“ präsentiert Hans- Dieter Furrer mit dem alten irdischen Sprichwort „Gegensätze ziehen sich an“ auch eine perfekte Zusammenfassung dieser Geschichte. Bei der Entdeckung eines neuen Planeten und nach der Landung begegnet eine Roboterdrohne einem der Planetenbewohner. Mit ungewöhnlichen Konsequenzen.
„Im Asteroidengürtel“ ist eine Hommage vor Monika Niehaus Geschichten um und aus Donnas Kaschemme, die inzwischen auch einen Band mit Miniaturen im Rahmen der p.machinery Science Fiction Reihe erhalten hat. Die Raumfahrer finden im Kuipergürtel plötzlich riesiges, im All treibendes Obst. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht in Maul, auch wenn die Geschichte weder über Erklärungen verfügt- nicht unbedingt notwendig – noch einen wirklich zufrieden stellenden Plot.
Rainer Schorm hat das Büchlein neben dem Titelbild auch illustriert. Seine Graphiken passen zu den Miniaturen und lockern die Geschichten auf. Das Fazit ist nicht ganz leicht zu ziehen. Der größte Teil der hier gesammelten Storys sind Miniaturen für die „Phantastische Bibliothek“ mit einem vorgegeben Sujet und vor allem strengen umfangtechnischen Richtlinien. Daher wünscht sich der Leser, dass einzelne Miniaturen umfangreicher und dadurch auch inhaltlich vielschichtiger gewesen wäre. Sobald Hans- Dieter Furrer vor allem im ersten Teil der Sammlung freier schreiben kann, zeigt sich ein feiner Stilist mit einem Gespür für die richtige Mischung aus Fakten, Fiktion und Anspielungen auf klassische unheimliche Vorbilder. In der Verbindung von eigenen Reisen, Kunst und seltsamen Begegnungen entwickelt Furrer einen eigenen inhaltlichen und technischen Stil. Seine Figuren sind nicht selten mit einem Augenzwinkern charakterisiert und dieser Unglaube springt auch auf die Leser über. Mit diesem Fazit soll nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass die Miniaturen dieser Anthologie qualitativ durchgehend schlechter sind. Das Gegenteil ist der Fall. Dank pointierter Dialoge und skurriler Ausgangssituationen lassen sich die Mehrheit der Miniaturen auch unabhängig von den Themenbänden überzeugend und kurzweilig unterhaltend lesen. Wenn Hans- Dieter Furrer aber zur grundlegenden Prämisse keinen direkten Bezug gefunden hat, greift der Schweizer ein wenig zu sehr in die Versatzstückkiste und präsentiert kurze Plots, deren Ende zu weit im voraus zu erkennen ist und deren Pointe eher distanziert schematisch erscheinen als das sie wirklich nachhaltig überzeugen können. Daher empfiehlt es sich, „Die geheimnisvolle Sphinx“ eher über einen längeren Zeitraum zu lesen und den einzelnen Miniaturen die Zeit zum Reifen zu geben, damit sie nicht wie das vom Roboter Robby gebraute Bier zu seelenlos und mechanisch gebraut erscheinen.

Hans-Dieter Furrer
DIE GEHEIMNISVOLLE SPHINX
und andere fantastische Geschichten
AndroSF 198
p.machinery, Winnert, April 2024, 172 Seiten, Paperback
ISBN 978 3 95765 391 8 – EUR 16,90 (DE)
E-Book: ISBN 978 3 95765 727 5 – EUR 5,49 (DE)
