Sphinx_2

Herbert W. Franke

Im Rahmen der Herbert W. Franke Werksausgabe erscheint mit dem im DTV Verlag ursprünglich aufgelegten „Sphinx-2“ Frankes Gentechnik Roman. Der Verlag DTV hat das Buch bei der Erstveröffentlichung im Jahre 2004 als eine Art Alterswerk angekündigt. Das ist teilweise auch richtig, denn neben der Extrapolation der Gentechnik modernisiert Herbert W. Franke viele Themen, die ihn seit seinen ersten Romanen aus den sechziger Jahren begleiten.  

 Schon in den sechziger Jahren beschäftigte er sich in seinen Romanen, aber auch Hörspielen mit der Manipulation des Individuums nicht selten durch oligarchischen oder diktatorische, gesichtslose „Regierungen“ sowie mit Simulationen der jeweiligen Wirklichkeit als Vorläufer der virtuellen Realitäten. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Wissenschaftler Gareth Lavalle. Angeblich ist er sterbenskrank und seine Lunge muss zeitnah entfernt werden.   

 Eine geheimnisvolle Organisation mit Namen "Verband zur Unterstützung des sanften Selbstmordes" spricht ihn an. Dabei erfährt er, dass er nur der Klon, das Ersatzteillagers eines bedeutenden Wissenschaftlers ist, der bei einem Anschlag einer militanten Untergrundorganisation schwer verletzt worden ist.

Die Frage nach der Identität beherrscht Philip K. Dick wie kein Zweiter. Aber auch Franke hat sich in einigen seiner Bücher wie „Die Kälte des Weltraums“ sich mit Identitäten auseinandergesetzt. Dabei greift Herbert W. Franke auf das Doppelgängermotiv zurück. Bei einem Klon als Ersatzteillager präsentiert der Österreicher eine Idee, die Rainer Erler schon in den späten siebziger Jahren mit seinem Thriller „Fleisch“ durchdacht hat. Nur war der Organhandel damals noch breiter aufgestellt worden .

Der Leser erfährt die „Fakten“ auf Augenhöhe Lavalles, der den Wissenschaftler als dessen Klon nicht kennengelernt hat. Bislang sieht er sich als das Original an, wobei der Medizin enge Grenzen gesetzt worden sind. Ein Ausfall des Klons scheint ein seltenes Ereignis zu sein. Der Prozess lässt sich aufgrund der schweren Verletzungen des Originals auch nicht mehr fehlerfrei duplizieren, was die „persönliche“ Situation der Kopie zusätzlich erschwert. Herbert W. Franke macht deutlich, dass es keine relative Unsterblichkeit gibt. Die Abhängigkeit zwischen Original  und Klon ist deutlich gegenseitiger als es die Obrigkeiten der Stadt vorhergesehen haben.

Die Menschen leben überwiegend in Kuppelstädten. Auch das ist keine neue Idee. In den sechziger Jahren wirkte sie deutlich moderner als zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Auch wenn die ökologischen Bedrohungen der Menschen drastisch gestiegen sind, scheint es antiquiert, unter der Kuppel leben zu müssen. In Hinblick auf die Erde hat die Science Fiction dieses Thema bis auf wenige Ausreißer zur Seite gepackt.

Die Kuppelstädte werden  werden von verschiedenen terroristischen Gruppen bedroht.  Angesichts der nicht mehr erträglichen Lebensbedingungen außerhalb der Kuppeln durch die Umweltverschmutzung muss jeglicher Informationsfluss kontrolliert und die Bevölkerung möglichst dumm gehalten werden. Auch diese Grundidee wirkt im Jahrtausend der Informationstechnologie anfänglich naiv, aber die Isolation in der Kuppel und inzwischen die klar erkennbare Zensur jeglicher Information in Ländern wie Russland, Nord Korea, dem Iran oder  China zeigt auf, dass es doch leichter möglich ist als von vielen Experten erwartet. Neben einer aggressiven Politiker den Terroristen gegenüber werden innerhalb der Kuppelsiedlungen alle politischen oder sozialen Abweichler hart bestraft. 1984 lässt grüßen. Auch wenn Franke die roten Fäden aus einigen Anti Utopien der Nachkriegszeit nur aufgenommen und modernisiert hat, erschafft der Österreicher seit Jahrzehnten beklemmende Atmosphäre in seinen „Lebensgemeinschaften“.    Auch in diesem Punkt finden sich keine neuen Aspekte in Frankes Werk. Das Vertraute gibt dem Leser aber die Möglichkeit, sich auf die zweite, rückblickend sogar wichtigere Handlungsebene zu konzentrieren.  Ein dritter, eher im Hintergrund ablaufender Spannungsbogen entfaltet seine volle Wirkung erst am Ende der Geschichte.

Franke setzt geschickt eine zweite Handlungsebene - die Entwicklung eines Supercomputers Namens Sphinx_ 2 – ein, um seine Welt im ironischen Sinne bunter erscheinen zu lassen. Hinzu kommen Elemente, die Franke eher in seinen Hörspielen denn seinen Romanen eingesetzt hat. Nachrichten (der Leser kann nur ahnen, ob es sich um echte Nachrichten oder die inzwischen berühmten Fake News handelt), Interviews mit zahlreichen Personen des Öffentlichen Lebens, aber auch dem Bürger von der Sprache;  geheime interne Memos, um die Tiefe der politischen Verschwörung gegen das eigene Volk natürlich nur zu deren Nutzen zu dokumentieren und schließlich Tagebuchaufzeichnungen, mit denen Franke nicht nur eine subjektive, emotional überzeugende Ebene einführt, sondern den Leser an die Hand nehmend aus der sterilen Welt buchstäblich in die Psyche seiner für einen Franke erstaunlich lebendig gezeichneten Figuren führt. Trotzdem gibt es keine Intimsphäre. Der Staat mit seinen zahlreichen Überwachungsinstrumenten – GPS wird ja wegen der abgeschlossen Kuppeln nicht benötigt - ist immer und überall.

Aber Franke ist Perfektionist und in einzelnen Teilen ist sein Buch nicht überzeugend gealtert. Wie schon erwähnt hat der Österreicher einzelne Aspekte seiner Welt schon in den sechziger Jahren beschrieben und an diese „Richtlinien“ hält er sich auch noch in der Gegenwart. Im Vergleich zu den paranoiden Anti Utopien wie „1984“ oder „Schöne, neue Welt“ läuft vieles bei Franke ausgesprochen geordnet, zivilisiert ab. Selbst die radikalen Aktionen seiner Terroristen werden eher nebenbei und dann aus der Distanz beschrieben. Franke ist kein Actionautor. Er baut immer wieder eine Distanz zwischen den Lesern und seinen Figuren auf, um wie bei einem Stillleben, einer Art Bühnenaufführung der Plot ohne Frage interessant, aber stellenweise auch geplant wie seelenlos ablaufen zu lassen.  In den sechziger und siebziger Jahren funktionierte diese Vorgehensweise besser, aber in „Sphinx_2“ kommt noch die Frage nach der Menschlichkeit per se hinzu. Ab wann ist ein Klon nicht mehr ein Ersatzteillager sondern ein Mensch? Was zeichnet einen Menschen per se aus? Haben die Klone eine eigenständige Persönlichkeit und damit auch das Geburtsrecht, über das eigene Leben zu entscheiden? Die letzte Frage steht auch in einem Zusammenhang mit einer totalitären Gesellschaft, die generell dem Individuum nur rudimentäre Bürgerrechte zugesteht.    

Zwischen seinen ersten, für die deutsche Science Fiction ungewöhnlichen Romanen und Kurzgeschichten aus den sechziger Jahren bis in das 21. Jahrhundert ist es allerdings ein weiter Weg. Viele andere vor allem amerikanische Autoren wie Michael Bishop, Maureen F. McHugh oder der mehrfach Identitäten zertrümmernde Philip K. Dick haben sich mit vergleichbaren Themen deutlich intensiver, emotionaler und vor allem auch paranoider auseinandergesetzt.  Franke bleibt selbst in den mehr Actionorientierten Szenen Gentlemen und distanziert.

Seine Figuren sind Kopfmenschen.   In einer kritischen Phase seiner Flucht möchte sich Gareth Lavalle eher in sein Schicksal ergeben und als Ersatzteillager dienen als seine Kameraden zu gefährden. Es fehlt der Schuss Egoismus. Vielleicht liegt das Grundproblem in seiner Beschreibung der Kopie eines trockenen, mit sich selbst zufriedenen Forschers, der fast schon lebensuntüchtig ist. Auch lernt er nie weitere Klone oder Opfer kennen, um sich die weiteren Schritte nach Inanspruchnahme des Ersatzteillagers vor Augen zu führen. Damit unterminiert Franke die Ausgangsbasis seiner Geschichte und nimmt ihr sehr viel von der emotionalen Dynamik. 

 Auf der zweiten Handlungsebene beschreibt der Autor die Reifung der künstlichen Intelligenz ebenfalls sachlich unterkühlt, aber irgendwie auch voller kreativer Schöpferkraft. Der Schritt zur Computerdiktatur liegt nahe, aber auch an dieser Stelle weicht Franke nicht von seiner wissenschaftlich kritischen, wenn auch optimistischen Haltung ab. Ihm fehlt die brutale Ehrlichkeit, die Jones in seinem thematisch ähnlich konzipierten Roman „Colossus“ an den Tag legte oder die bittere Ironie Fredric Browns in seiner ironischen Vignette „Answer“ . In den letzten Jahren hat Andreas Brandhorst mit seiner Trilogie um die Maschinenintelligenz in diesen Punkten Maßstäbe gesetzt und wissenschaftliche Forschung mit klassischen, vielleicht manchmal ein wenig überzogenen Thrillerelementen kombiniert, um schließlich sich in Arthur C. Clarkes Sphären zu bewegen.  Bei einem direkte Vergleich Frankes mit Brandhorst scheinen mehr als nur zwei Handvoll Jahre zwischen den Büchern zu liegen.

In Herbert W. Frankes umfangreichen Roman steckt auf der einen Seite die Warnung vor allzu skrupelloser und damit auch rein Ergebnisorientierter Forschung, auf der anderen Seite übernimmt der Naturwissenschaftler im Autoren das Regime und die Kapitel, die sich mit Sphinx früher "Geburt" beschäftigen, sind spannend, lebhaft, aber plötzlich auch sehr unkritisch erzählt.  

Diese Frische fehlt vielen anderen Abschnitten des Romans. Zu oft möchte der Leser, dass Franke einen Schritt weitergeht und an seine frühen Romane aus den sechziger Jahren heranreicht, in denen er in seiner distanzierten Art schon sehr früh Kritik an einem gegenüber der Ökologie rücksichtslosen Fortschritt angeschrieben, asoziale Systeme in insolierten Gemeinschaften beschrieben oder vor politisch initiierten Experimenten mit Menschen gewarnt hat.   In dieser Zeit war er seinen vor allem deutschsprachigen Kollegen die entsprechende Nasenlänge voraus .

 Die von ihm behandelten Themen und aufgeworfenen Thesen gingen unter die Haut. In den achtziger Jahren wurden seine Romane fließender und unterhaltsamer, gleichsam verlor er teilweise auch seine sozialkritische Schärfe. Hinzu kommt der stetig wachsende Umfang insbesondere bei einem direkten Vergleich zwischen den letzten im Suhrkamp Verlag veröffentlichten Werken und den vier finalen Büchern, ohne dass Frankes konzentrierte Handlungsführung aufgelöst worden ist. Dadurch wirken Bücher wie “Sphinx_2” teilweise unnötig aufgebläht, mit zu viel Ballast beladen und zu wenig stringenter, vielleicht auch zu komprimierter Handlung im direkten Vergleich zum Umfang ausgestattet.

 In „Sphinx_ 2“ findet sich genretechnisch betrachtet nichts Neues, Umwerfendes oder Weltbewegendes. Franke ist ein zu routinierter Autor, um einen langweiligen Roman zu schreiben, doch ihm fehlt das Gefühl für die Zeitströmungen und wenn er Anfangs bei dem kleinen Anschlag auf das Forschungslabor von " wenigen vergleichbaren Anschlägen auf dem nordamerikanischen Kontinent" schreibt, wirkt sein Roman nach dem 11. September 2001  deutlich im Vergleich zu seinen Kollegen aus der Zeit gefallen. Von der Größe und Intensität des Anschlags wäre es in der Presse eher eine Randnotiz, während Franke daraus ein eher größeres Ereignis macht.  

 

 

Herbert W. Franke
SPHINX_2
Science-Fiction-Roman
SF-Werkausgabe Herbert W. Franke, Band 25
hrsg. von Hans Esselborn und Susanne Päch
AndroSF 187
p.machinery, Winnert, September 2024, 320 Seiten
Paperback: ISBN 978 3 95765 412 0 – EUR 21,90 (DE)
Hardcover: ISBN 978 3 95765 413 7 – EUR 34,90 (DE)