Hinter dem Pseudonym Karl Suter versteckt sich ein 1899 geborener Schweizer Musikwissenschaftler , der 1935 beim Goldmann Verlag erschienen ist. Mirko Schädel hat den einzigen Kriminalroman dieses Autoren im Rahmen seiner Nachdruckreihe neu veröffentlicht. Zusammen mit „Sturm über den Schären“ aus den vierziger Jahren ist diese unter Exilrussen in Berlin überwiegend spielende Geschichte beispielhaft für die spannenden Krimis, die auch im Dritten Reich unpolitisch gegenüber den Herrschenden veröffentlicht werden konnten.
Die Geschichte beginnt und endet in Belgrad. Drei Exilrussen versuchen das Grab einer jungen Frau zu schänden. Einer der in der Gasse Schmiere stehenden Russen passt nicht auf, die Tat wird vorzeitig entdeckt und zwei Männer können fliehen. Karl Suter arbeitet in diesem Buch mehrmals mit Doppelungen zusätzlich zu den zahlreichen falschen Spuren, so dass der Leser während des Finals geschickt an den Anfang erinnert wird,
Ein Belgrader Professor interessiert sich für den Fall und versucht den Spuren der beiden Russen schließlich bis nach Berlin zu folgen. Aus wissenschaftlicher Neugierde wird schließlich Gier, da er lange vor dem Leser und den später ermittelnden Polizisten den Hintergrund der Suche der Männer ahnt. An einer Stelle impliziert Karl Suter, dass die Interessen des Professors auch ganz anders gelagert sein könnten. Diese Idee manifestiert sich ebenfalls in einer spektakulären Flucht, ermöglicht durch die Naivität des Fussvolks der Berliner Polizei. Karl Suter scheint die Berliner Polizei ein wenig karikieren wollen, denn mit erstaunlicher Leichtigkeit werden immer wieder die zur Observierung abgestellten Beamten schlafen gelegt.
In Berlin wird durch einen Zufall eine zerstückelte Frauenleiche aus einem See gefischt. Kommissar Wassow wird mit dem Fall beauftragt. Bei dem Opfer handelt es sich um eine junge Russin.
Verschiedene junge Frauen werden in Berlin verschleppt, mit Morphium betäubt und kurze Zeit später fast zärtlich an öffentlichen Plätzen wieder ausgesetzt. Sie werden weder beraubt noch vergewaltigt. Wassow ist der Ansicht, dass auch die Tote im See das Opfer einer Entführung geworden wäre, die allerdings aus dem Ruder gelaufen ist.
Aber nicht nur Wassow interessiert sich für die Entführungen, der Professor aus Belgrad hat inzwischen eigene Interessen. Zuerst gilt es, ein Muster zwischen den einzelnen Opfern zu finden. Ein Bezugspunkt ist ein Krankenhaus in St. Petersburg und die Zeit lässt sich auf wenige Tage während der russischen Revolution eingrenzen.
Hilfreich ist nicht, dass sich Wassow in eines der Mädchen verliebt, deren Vater zur aristokratischen russischen Oberschicht gehört hat.
Karl Suters Krimi ist stringent konstruiert und ausgesprochen vielschichtig. Der Leser erfährt alle Informationen auf Augenhöhe seines ermittelnden Polizisten, der zwischendurch auch als Augenzeuge nach Paris reisen muss. Die Geschichte spielt zwar nicht nur aus Wassows Perspektive, aber die Nebenhandlungsbögen dienen eher dazu, einzelne Pro- und Antagonisten in die richtige Position für die jeweiligen Konfrontation zu bewegen.
Wassow ist ein fast phlegmatischer Polizist, der im Grunde nur ausschlafen möchte. Ab und zu neigt er zu cholerischen Ausbrüchen, aber beruflich ist er ein Profi und kennt gleichzeitig auch seine literarischen Widersacher wie Sherlock Holmes. Es finden sich zwei oder drei Querverweise auf Arthur Conan Doyle und seinen berühmten Ermittler. Wassow nutzt die moderne Technik, ein Datenaustausch führt ihn schließlich auf die finale Spur.
Die Komplexität des Falls zeigt sich dem Leser, in dem er verfolgt, dass Wassow es nicht mit einem Verbrechen, sondern zwei Taten zu tun hat. Der Mord an der jungen Frau und die fortlaufenden Entführungen stehen nicht – wie Wassow glaubt – in einem unmittelbaren, sondern nur einem mittelbaren Zusammenhang. Das hört sich widersprüchlich an, wird aber von Karl Suter final klar erklärt und abgetrennt. Aber ohne den Mord wäre die Aufklärung der Entführungen nicht möglich. Ohne das Grab in Belgrad und die vereitelte Schändung wäre es vielleicht ein perfektes Verbrechen, dessen Ursprung in den angesprochenen Tagen der russischen Revolution liegt.
Ein aufmerksamer Leser kann ab der Mitte der Geschichte die potentielle Auflösung, aber nicht den Auslöser erahnen. Spannungstechnisch tut es der Geschichte keinen Abbruch, auch wenn die finale Entführung inklusive der spektakulären, aber nicht unbedingt professionellen Befreiung ein Kompromiss gegenüber den Lesern ist, die auch Action erwarten.
Einige Aspekte könnten dem Leser wie ein Deja Vu erscheinen. Die Exilrussen leben vor allem in Berlin entweder in sehr bescheidenen Verhältnissen oder sehr feudal. Die beiden „Welten“ berühren sich nur selten. Die Angst vor den Kommunisten und ihrem langen Arm der Rache ist greifbar. Auch wenn Karl Suter keine Zeit festlegt, scheint die Geschichte eher in den späten zwanziger Jahren vor der Weimarer Krise zu spielen. Alle politischen Hinweise weisen auf das alte Zaren Russland und die Revolution.
In heutiger Zeit wären es wieder die Kommunisten, deren brutaler Arm weit über das gegenwärtige Russland hinaus reicht und dessen Ziele neben Oppositionellen auch reiche Oligarchien sind. Die Rücksichtslosigkeit der Regierungsorgane unterscheidet sich zwischen damals und heute nicht. Vielleicht fühlten sich die reichen Exilrussen im modernen, ein wenig dekadenten Berlin damals sicherer als heute.
Wassow dringt bei seinen Ermittlungen nicht nur in einen elitären, sondern hinsichtlich ihrer Vergangenheit auch in einen elitären, nach außen eher verschlossenen Kreis ein. Im Grunde ist er auf sich alleine gestellt, da die meisten „Opfer“ aus der unteren Bürgerschicht stammen und die reichen Adligen sich nicht wirklich für sie interessieren.
Auch wenn die Gangster bei ihren Opfern vorsichtig vorgehen und selbst Decken für die kalten Nähte mitliefern, sind sie entschlossen, ihren im Zufall entstandenen Plan umzusetzen und sich auch rücksichtslos gegenüber den Polizeiorganen mit entschlossener Brutalität zu wehren.
Nur eines lässt sich nicht mehr aus den Menschen austreiben. Die angeborene Demut gegenüber dem lange Russland beherrschenden Adel. Hier liegt der Schlüssel für die finale Aufklärung, wobei Wassow ausgesprochen viele Informationen schon erhalten hat. Die Geständnisse dienen eher als Ergänzungen.
Die Liebesgeschichte zwischen einem der russischen Mädchen – bei den ganzen Mädchen auf der Liste gibt es im Grunde nur zwei, die eine größere Bedeutung haben – und dem Kommissar wirkt anfänglich ein wenig kitschig. Wassow ist ein eingefleischter Junggeselle, der wenig mit der deutlich jüngeren, sehr attraktiven, aber für ihre Herkunft erstaunlich bodenständigen Frau anfangen kann. Auch wenn diese für die damalige Zeit ihr Interesse an dem mutigen Polizisten relativ offen signalisiert. Bis zum Epilog vermeidet Karl Suter kitschige Szenen. Das holt der Autor zwar auf wenigen zuckersüßen Seiten nach, aber bis dahin haben die beiden spannenden Kriminal Handlungen den Leser mehr als zufrieden gestellt.
„Das Grab von Belgrad“ ist auf der einen Seite sicherlich eine Zeitkapsel, die den Lesern vor dem historisch nicht mehr einzigartigen Hintergrund einer ganzer Bevölkerungsschicht im Exil ausgesprochen gut unterhält. Auf der anderen Seite ist der Roman zusätzlich durch die beiden verwobenen Handlungsebenen auch eine grandiose, kurzweilige und stilistisch überdurchschnittlich geschriebene spannend fiktive, aber mögliche Kriminalgeschichte eines Autoren, der das Chaos der letzten Tage des zaristischen Russland als eine historisch gut recherchierte Ausgangsbasis nutzt.

