Göttin Dämon

Richard Marsh

Göttin Dämon

 

Mirko Schädel geht mit dem 1912 zum ersten Mal in Deutschland veröffentlichten Roman von Richard Marsh in seinem Nachwort hart ins Gericht. Vielleicht ein wenig zu hart, denn der ursprünglich 1900 publizierte Roman verfügt über eine ausgesprochen stringente Spannungskurve; rechnet auf eine ironische Art und Weise mit der Polizei und dem Arzt ab – wer genau hinschaut, könnte Anspielungen auf Sherlock Holmes in Form des stetig sich in den Vordergrund drängenden Polizisten und Doktor Watson in Gestalt des sehr neugierigen, sich im Grunde wie ein Polizist/ Staatsanwalt und gleichzeitig Richter spielenden Arztes wiedererkennen - , bevor das Finale aus einer anderen Perspektive betrachtet das wahre Opfer entlarvt.

Die Geschichte ist erschien ursprünglich als Zeitungsfortsetzungsroman in der Manchester Weekly Times und der Salford Weekly News.  Zu dieser Zeit hatte sich Richard Marsh als eine Art Vielschreiber etabliert, der innerhalb von nur acht Monaten auch acht Romane präsentierte. „Göttin Dämon“ gilt nach dem mehrmals auch in Deutschland immer wieder aufgelegten „Der Skarabäus“ als sein bekanntestes Buch.

In der Reihe „Kabinett der Phantasten“ ist von Richard Marsh die längere Kurzgeschichte „Das Hausboot“ erschienen. Der Herausgeber stellt den britischen Autoren in seinem Nachwort ausführlich vor.

Richard Marsh ist das Pseudonym des 1857 geborenen Richard Bernard Heldmann, dessen schon erwähnter Thriller „Der Skarabäus“ populärer als Bram Stokers „Dracula“ gewesen ist. Sechsmal mehr Romane von Marsh sind über den Ladentisch gegangen als von Stokers zeitlosem Werk, das sich allerdings im Gegensatz zum heute eher in Vergessenheit geratenen Richard Marsh als eine Art Longseller und cineastischer Dauerbrenner erwiesen hat.

Mit dreiundzwanzig Jahren begann Richard Marsh erst Abenteuergeschichten für jüngere Leser zu schreiben. Als seine Arbeit als Herausgeber beendet worden ist, wählt er für seine zukünftigen Publikationen das Pseudonym Richard Marsh. Es gibt zwei mögliche Erklärungen. Entweder wollte er den halbjüdischen Hintergrund seiner Familie verbergen. Wahrscheinlich ist, dass er nach Verbüßung einer Haftstrafe von achtzehn Monaten wegen Wechselreiterei nicht öffentlich unter seinem richtigen Namen in Erscheinung treten wollte. Wechselreitereien und die entsprechenden Fälschungen spielen auch im vorliegenden Roman eine wichtige Rolle und sind der Katalysator für die tragischen Ereignisse gleich zu Beginn der Geschichte.

Neben „Der Skarabäus“ reihen sich der vorliegende Roman „Göttin Dämon“, aber auch der 1901 geschriebene „The Joss: A Reversion“ in eine kleine Reihe von Thrillern ein, die eng mit dem vorderen Orient und dessen Kulten verbunden sind. Es handelt sich nicht per se um übernatürliche Thriller. In den Bereich der Science Fiction driftete Richard Mars in dem 1905 publizierten Roman „A Spoiler of Men“ ab. Religiöse Untertöne hat „A Second Coming“. In dieser Geschichte kehrt Jesus in das London des 20. Jahrhunderts zurück. Das Buch ist zwar erst 1900 erschienen,  wurde also im 19. Jahrhundert geschrieben, blickt aber in die Zukunft.

 Neben seinen zahlreichen Romanen hat Richard Marsh auch eine Reihe von Kurzgeschichten verfasst, in denen er munter die verschiedenen Genres teilweise humorvoll miteinander mischte.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Ich- Erzähler John Ferguson.  Er spielt mit seinem langjährigen Freund Edwin Lawrence in dessen Zimmer – beide sind Untermieter in einem größeren Haus, ihre Zimmer liegen auf der gleichen Etage und die Balkone sind nebeneinander – Karten, nachdem sie von den eher übervollen Clubs abgestoßen sind.  In der Nacht verliert Ferguson nach der deutschen Ausgabe ungefähr 40.000 Mark, im englischen Original 1800 Pfund. Richard Marsh macht deutlich, dass Ferguson das Geld durchaus entbehren kann. Es ist eher eine persönliche Niederlage. Ferguson ist allerdings fest davon überzeugt, dass sein Freund geschummelt hat.

Zurück in seinem Zimmer hat Ferguson den realistischen Traum, dass sein Freund Lawrence von einer Gestalt, die er nicht wirklich erkennen kann, brutal in seinem Zimmer überfallen und ermordet wird. Ferguson wacht  schweißgebadet auf, als eine seltsame Gestalt von außen anscheinend über den Balkon kommend durch das Fenster in sein Zimmer steigt. Sie trägt einen blutigen Mantel und scheint sich an nichts erinnern zu können.  Ferguson bringt die junge Dame bei der Vermieterin des Hauses unter. Auf dem Weg zurück erfährt er noch, dass der Bruder seines Freundes mit einem Bündel unter dem Arm das Haus schnell verlassen hat.

Am nächsten Morgen wird bekannt, dass John Ferguson brutal in seinen Räumen ermordet worden ist. Mindestens fünfzig unterschiedliche Messerstiche finden sich in seinem Körper. Der Leichnam ist entstellt. Augenscheinlich wurde er ermordet.

Der Arzt Dr. Hume vermutet in Ferguson einen möglichen Täter, da dieser sich auch seltsam verhält.  Von der Frau ohne Gedächtnis mit einem blutigen Mantel über dem Arm hat er nichts gesagt. Daraus ergibt sich eine weitere Schwierigkeit. Während der Arzt und die Polizei alternierend zu Beginn Ferguson, später die Frau ohne Gedächtnis als Täterin sehen, ist auch John Fergusons Bruder verschwunden und hinterlässt eine kryptische Nachricht, dass man ihm an einer bestimmten Stelle Geld hinterlassen soll.

Der Roman beginnt in der Nacht der Ermordung und durch einen Rückblick endet die Geschichte auch in dieser Nacht. Damit dieser Bogenschlag funktioniert, benötigt Richard Marsh allerdings die Hilfe des Zufalls. Ohne die entsprechende Begegnung wäre der Fall niemals aufgeklärt worden. Wobei aus dem Mord an einem und dem Verschwinden eines der Brüder immer noch Schlüsse gezogen werden könnte. Aber keine Aufklärung.

Richard Marsh nutzt klassische Elemente der Spannungsliteratur. Sein London ist überfüllt und vor allem nebelig. Die Stadt erscheint selbst der Oberschicht erdrückend. Der große Unterschied zwischen den Sherlock Holmes Geschichten und Richard Marshs Spannungsroman liegt in der Positionierung. Die Polizei ist immer einen Schritt zu spät, auch wenn der Inspektor manchmal am richtigen Ort zur richtigen Zeit erscheint und sogar teilweise die richtigen Fragen stellt. Der zuerst erscheinenden Arzt Dr. Hume ist deutlich aktiver. Neben der Untersuchung der Leiche – fünfzig unterschiedliche Messerstiche lassen sich nicht wirklich erklären – konzentriert sich Hume schließlich auf die partiellen Gedächtnislücken nicht nur der jungen Frau, deren Identität eine Überraschung ist, sondern auch beim Erzähler John Ferguson. Hier begibt sich Richard Marsh auf dünnes Eis, denn der Ich- Erzähler soll ja grundsätzlich die Identifikationsfigur des Lesers ein. Unzuverlässige Erzähler gibt es im Genre ja viele, aber ein Erzähler, der unter einem partiellem Gedächtnisverlust leidet, ist eher selten. Gene Wolfe hat es in seiner Fantasy um den Söldner Latro – nur der erste Teil ist als  „Soldat des Nebels“ in deutsch erschienen – auf die Spitze getrieben, in dem sein tragischer Protagonist jeden Tag die Ereignisse aufschreiben musste, weil er sie aufgrund einer Verletzung beim Schlafen vergisst. Auf der einen Seite könnte John Ferguson so zu einem unzuverlässigen Erzähler werden, auf der anderen Seite erläutert Richard Marsh den lebendigen und sich bewahrheitenden Alptraum zu Beginn der Geschichte nicht weiter. John Ferguson handelt ansonsten wie der klassische viktorianische Held, welcher die schöne Frau vor Bestrafung – ob gerechtfertigt oder nicht steht auf einem anderen Blatt – schützen möchte. Auch wenn er sich selbst opfern würde. Das wirkt angesichts der Stringenz der Geschichte emotional ein wenig überladen, baut aber auf den etablierten klassischen Spannungsmustern auf. Ein Mord, verschiedene Versionen und im Grunde keine Augenzeugen. Bis zum Finale keine Augenzeugen.

Das übernatürliche Element ist auch schwer zu greifen. Dabei unterscheidet Richard Marsh zwischen der tatsächlichen Bedrohung – sie lässt sich mechanisch rational erklären – und der eher abstrakten Beeinflussung. John Ferguson hat einen seltsamen Wachtraum. Es gibt aber in diesem Augenblick keine wirkliche Erklärung, warum nur er geträumt hat. Vielleicht, weil er sich unmittelbar vor der Tat in dem Zimmer aufgehalten hat? Vielleicht, weil er besonders empfänglich zu sein scheint? Richard Marsh nutzt diesen Wachtraum als Teil seiner Spannungskurve. Es besteht ja die Möglichkeit, dass der Ich- Erzähler im halbwachen Zustand den Mord tatsächlich begangen hat, sich aber nicht mehr erinnern will. Das stünde im Kontrast zur jungen durch sein Fenster steigenden Frau, die sich aufgrund des Schocks nicht erinnern kann. In erster Linie scheint die Inkarnation der Göttin aber ein klassisches Spannungsmotiv zu sein, dass in einem im Kern rein rationalen Krimi – alle Taten haben die entsprechenden Motive – lange Zeit gar nicht auffällt, bevor Richard Marsh es als einen elementaren, aber wie schon erwähnt auch unerklärten, vielleicht absichtlich auch unerklärlichen Teil präsentiert. Hinzu kommt, dass der Subkontinent Indien mit den immer wieder aufflammenden Aufständen  gegen die britischen Invasoren natürlich ein relevantes Thema ist. Dabei entwickelt Richard Marsh eine Kettenreaktion, die sich aus dem ersten Verbrechen – das spielt sich vor dem Einsetzen der Geschichte ab und wird folgerichtig erst während der finalen Konfrontation enthüllt, entwickelt. Dabei macht es sich Richard Marsh hinsichtlich der Motive und der implizierten Bedrohung des im Grunde schon dekadenten britischen Lebensstil in diesem Stillleben auch ein wenig zu leicht.

Die Göttin offenbart nicht die menschlichen Schwächen der unter ihrem Einfluss stehenden Menschen. Sie verstärkt sie auch nicht. Sie treten höchstens durch das Überschreiten bestimmter Grenzen eher zu Tage.  Mit dem Thema Wechselreiterei und der Fälschung von Wechseln kennt sich Richard Marsh aus eigenen Erfahrungen aus. Nicht ganz deutlich wird, ob es alleine Spielschulden sind, die John Ferguson in die Hände eines Wucherers jüdischer Abstammung treiben oder sein generelles Lebensstil. Mit ersten Wechseldiebstählen hinsichtlich des Vermögens seines Bruders überschreitet Edwin Lawrence eine Grenze, wobei die brüderliche Liebe und daraus resultierend auch die Nachgiebigkeit ihn zusätzlich eher antreiben als stoppen.

Halb zog es ihn runter, halb sank er hin in dieser unglücklichen Kombination. Zu den Stärken des Buches gehört aber weniger die Triebhaftigkeit John Fergusons, sondern wie der Autor das Verhältnis der einzelnen Figuren untereinander entwickelt und während des Finals auch aufklärt. Viele der roten Fäden sind in dieser Form nicht erkennbar. So haben auch alle Menschen, die sich während des verhängnisvollen Mordanschlags im Zimmer John Fergusons aufhalten, ein entsprechendes „Motiv“. Nicht unbedingt, um den Lügner und Betrüger zu töten, aber um in diesem Augenblick sich dort aufzuhalten. Das zeigt, wie gut Richard Marsh seine Romane trotz des offensichtlichen Tempos, mit welchem er sie niedergeschrieben hat, konzipierte und warum er um die Jahrhundertwende auch so erfolgreich als Fortsetzungsautor gewesen ist.

„Göttin Dämon“  ist ein klassischer Spannungsstoff aus der Feder Richard Marsh. „Der Skarabäus“ ist hinsichtlich der Atmosphäre, des Handlungsverlaufs und einigen Spannungsmomentan diesem Thriller noch überlegen, aber geschickt verzögert Richard Marsh auch in Person seines etwas naiven und schnell von der hemmungslosen Liebe zur Frau, die durch sein Fenster gestiegen ist, betriebsblinden Erzählers das Finale. Das macht den Reiz dieser zutiefst viktorianischen Geschichte aus. „Göttin Dämon“ ist kein Meisterwerk in der Tradition Wilkie Collins, aber ein Roman, dessen Neuveröffentlichung im Rahmen der Krimimuseum Nachdrucke überfällig ist. Gute, kurzweilige und für den Zeitungsleser immer auf einen jeweiligen Höhepunkt hin geschriebene Unterhaltung.

Krimimuseum Publisher Band 31: Göttin Dämon. Ein phantastischer Krimi

Taschenbuch, 265 Seiten

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