Der Fall Bellamy

Frances Noyes Hart

„Zeugin der Anklage“ „Eine Frage der Ehre“ oder „Die zwölf Geschworenen“ haben im Kino den Begriff des Gerichtsthriller geprägt. Ein Raum, ein Prozess und immer ein Duell auf intellektueller Ebene, pointierte Dialoge und schließlich nur einen Sieger und damit auch einen Verlierer. Allerdings basierten einige dieser brillanten Filme vor allem auf Theaterstücken. Für das Medium Buch liegen die Wurzeln dieses hoch spannenden, aber auch sehr schwierig zu gestaltenden Subgenres in dem 1927 veröffentlichten Roman „Der Fall Bellamy“, den die 1890 geborene Amerikanerin Frances Noyes Hart verfasst hat. Nach ihrer Ausbildung an einer Privatschule, aber auch in Italien und an der Sorbonne in Paris studierte sie an der Columbia Universität in New York,. 1921 heiratete sie und hatte zwei Töchter. Sie verfasste eine Handvoll von Romanen, nachdem sie in den zehner Jahren als Übersetzerin wie auch Kantinenmitarbeiterin des YMCAs gearbeitet hat.

 

„Der Fall Bellamy“ basiert auf dem spektakulären Hall- Mills Prozess, in dem neben Mrs. Hall noch drei weitere Menschen angeklagt worden sind. Der Prozess fand 1922 statt, die eigentliche Tat in New Brunswick, New Jersey. Frances Noyes Hart hat nicht nur einen der ersten Gerichtsthriller geschrieben, der Roman erschien in Fortsetzungen in der „Saturday Evening Post“ und war ein derartig durchschlagender Erfolg, dass die in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten durch Fortsetzungsromane ersetzt worden sind.

 

Hinsichtlich der Struktur geht die Autorin ausgesprochen geschickt vor. Identifikationsfigur des Lesers ist eine junge Frau, die vom Prozess gegen Mister Bellamy und seine Geliebte berichten soll. Die Staatsanwaltschaft behauptet, dass die beiden Menschen Frau Bellamy in einem eher verlassenen Gartenhaus erstochen haben sollen, als sie von der heimlichen Liebschaft erfahren hat. Jeder Prozesstag ist ein Kapitel. Jedes Kapitel spielt bis auf den Epilog im Gerichtssaal, der Epilog dagegen präsentiert nicht nur die strengen Augen der Justizia, sondern die Kammer des Gerichts. Es ist vielleicht übertrieben, von einem fast ironischen Finale zu sprechen, dass den schmalen Grat zwischen Gerechtigkeit und gerechter Strafe in eine gänzlich andere Richtung überschreitet. Basierend auf einem tatsächlichen Fall kann die Autorin nicht die fast zynische Schlagfertigkeit von Agatha Christies glänzendem, in Billy Wilders mit Charles Laughton und Marlene Dietrich zusätzlich in Perfektion besetzten Theaterstück erreichen. Das der Film Agatha Christies Stück noch eine besondere Note aufsetzen, soll dabei nur nebenbei erwähnt werden. Im direkten Vergleich dazu wirkt Fraces Noyes Harts Roman fast bieder, eher dem 19. Jahrhundert als der Epoche geschuldet, in welcher er entstanden ist. Aber beide Arbeiten verbindet ein gänzlich anderes Element. Ein Urteil basiert nur auf den Fakten, die ans Tageslicht kommen. Was in „Zeugin der Ablenkung“ eine perfekte Ablenkung einer emotionslosen verliebten Narzisstin ist, gipfelt bei „Der Fall Bellamy“ in der verblüfften Anmerkung des Täters, das sich niemand in den Schatten bewegt hat und trotzdem weder von der Polizei noch der Staatsanwaltschaft wirklich gesehen worden ist.

 

Beginnend mit der Vorstellung einiger der Geschworenen führt Frances Noyes Hart die Leser dank der unerfahrenen Protagonistin behutsam in die Feinheiten der Geschworenengerichte ein. Manchmal zu spät kommend muss sie sich Informationen, aber auch Ratschläge und Tipps von einem der erfahrenen Gerichtsreporter holen, so dass der Leser mittelbarer Zeuge wird.

 

Im vorliegenden Romanformat hat Frances Noyes Hart auf Rückblenden und/ oder Exkurse verzichtet. Nach der Vorstellung kommt es zur Anklageverlesung und anschließend zu den Verhören der verschiedenen Zeugen durch den Staatsanwalt, aber auch die Verteidigung.

 

Und mit diesen auf den Punkt gebrachten, aber nicht unbedingt so feingeschliefenen wie in den oben angesprochenen Filmen präsentierten Dialogen ist die Bühne eröffnet. Während viele Prozesse wie eine Art Verdichtung wirken, die Fakten zusammentragend und einen Täter findet vorgehen, ist „Der Fall Bellamy“ entweder absichtlich oder zufällig ganz anders angelegt. Bis zur Hälfte des Buches bedeutet jede Zeugenaussage keine Klarheit, sondern erweitert den potentiellen Kreis der Verdächtigen, die allerdings nicht angeklagt sind. Es gibt immer wieder ausreichend Motive und teilweise sogar die entsprechenden Möglichkeiten. Das könnte zur Verwirrung führen, aber Frances Noyes Hart legt Wert darauf, dass quasi das Gericht in Form des lange Zeit wenig charismatischen Richters die von der Staatsanwalt präsentierten, aber eher rudimentär wirkenden Fakten immer wieder zusammenfasst. Der Kern mit dem Mord bleibt so unverändert.

 

Hinzu kommt, dass viele der Zeugen untereinander entweder geschäftliche oder private Beziehungen hegen und pflegen. Wie es sich für eine Reihe von Krimis aus dieser Zeit gehört, ist der Mord nicht wie im Hardboiled Kino oder dem Film Noir auf die Straßen der Großstädte zurückgekehrt, sondern findet in den feinen, gehobenen Kreisen statt, in die sich allerdings einige der Menschen erst wieder hineinarbeiten mussten.

 

Die innere Spannung der Geschichte besteht in der Filtration der verschiedenen Aussagen, aus denen schließlich sich ein Urteil ergeben soll. Dabei geht die Autorin sehr geschickt vor. Manche Aussagen sind beginnend mit den Angestellten der verschiedenen Häuser über die Ehepartner oder platonisch dritte Liebenden oder der Polizei bis zu den Angeklagten in sich komplett schließlich. Staatsanwalt und Verteidigung haben die schwierige, in einzelnen Szenen fast unmögliche Aufgabe, zwischen manipulierender Unwahrheit; blanker opportunistischer Lüge und schließlich der subjektiven Wahrheit zu unterscheiden. Dabei werden hinsichtlich der Aussagen die Kreise in den Kreuzverhören immer weiter gezogen, bis schließlich Mister Bellamy in den Zeugenstand tritt. Diese weiteren Kreise beginnen wie der Wurf eines Steins in stehenden Gewässer mit dem ersten Kreis, der unmittelbar die Tatnacht; die Tatzeit und vielleicht geographisch die nähere Umgebung betrifft. Schon die Tatzeit ist in einigen Fällen nicht leicht zu bestimmen, denn manche Uhren gehen anders. Die Ereignisse der Tatnacht werfen viel längere Schatten und beginnen schon sehr viel früher als es selbst die Polizei in ihren Ermittlungen ahnen kann. Die Angestellten haben jeweils eigene Vergangenheiten und vor allem nach dem Mord auch eigene Zukünfte, welche ihre in den Verhören und schließlich vor Gericht getätigten Aussagen plötzlich in einem gänzlich anderen Licht erscheinen lassen. Einige der Dialoge wie mit dem Gärtner grenzen an eine Farce, wenn er hinsichtlich möglicher Gefängnisaufenthalte behauptet, niemals in einem Gefängnis auf einem Hügel gewesen zu sein und die Anstalten in den Tälern ignoriert. Hier schließt sich aber eine andere Frage kann. Kann ein Verurteilter jemals wieder die Wahrheit sagen oder ist alles, was er von sich gibt, automatisch eine Lüge? Ein interessanter Aspekt, der beginnend mit der originären Aussage; der Dekonstruktion durch die Staatsanwaltschaft schließlich lange Zeit im gerichtlichen Nichts endet. Denn aus allen Aussagen kann nur ein Puzzle entstehen.

 

Erschwerend kommt hinzu, dass es einen Liebhaber gibt, der aus der Ferne das Opfer bewundert hat. Er ist kein Verdächtiger, auch wenn er sich verdächtig verhält und schließlich sich auch umbringt, nachdem er vor Gericht eine nicht einmal belastende Aussage getätigt hat. Ob er unter dem imaginären schlechten Gewissen zusammengebrochen ist, wird nicht gänzlich geklärt, aber die statische Vorgehensweise vor Gericht bestimmt durch die einzelnen Aussagen und Verhöre erlaubt es dem Leser nicht, sich den zahlreichen, im Grunde manchmal fast zu einer zusammenhängenden Masse verschmelzenden Aussagen und den entsprechenden Protagonisten wirklich emotional zu nähern.

 

Da die Geschichte im Gerichtssaal beginnt, deutlich nach der verübten Tat und der Verhaftung der (üblichen, vielleicht auch nur passenden ) Verdächtigungen, fehlt diesem Gerichtskrimi insbesondere zu Beginn das emotionale Herz. Die Distanz kann die Autorin ab der Mitte der Geschichte, der immer schneller ablaufenden Gerichtstage überwinden, in dem sie einen der Verdächtigen/ Angeklagten seine Version der Tatnacht erzählen lässt, nachdem der Leser verschiedene, teilweise spekulative Aussagen zu den Abläufen literarisch entsprechend umgesetzt verfolgen konnte. Aber mit Mister Bellamys Aussage beginnt – wie schon erwähnt – der spektakuläre und verworrene Prozess nicht nur aufzuleben, sondern für den Leser auch fühlbarer im positiven Sinne zu werden. 

 

Zwischen dem Verhör Bellamys und seiner Mitangeklagten Mrs. Ives liegt die Aussage von Mister Ives. Es ist eine der erstaunlichen Wendungen dieser Geschichte. Sie widerspricht in keinem einzigen Punkt den anderen Aussagen. Sie fügt sich auch hinsichtlich der bekannten Fakten sehr gut in den Ablauf des Abends beginnend allerdings schon einige Zeit ein. Und doch  stellt sie alle Punkte auf den Kopf, erweitert den Handlungsbogen um mindestens zehn Jahre in die Vergangenheit und konzentriert sich nicht alleinstehend, aber wieder hinsichtlich der Aussagen der beiden Angeklagten in die Idee wahrer Liebe, Harmonie und vor allem auch dem Begriff der Ehre.

Konzeptuell ordnet die Autoren mit den letzten drei Verhören ihre Geschichte wieder dem Kriminalgerne per se und keinem klassischen Gerichtsdrama mit der historischen Vorlage unter., Zu sehr wirkt der Handlungsablauf geplant, denn die Aussagen werden aus einer anderen Perspektive rudimentär und doch passend bestätigt, ohne das es Beweise gibt.

Einzelne Fakten wirken wie ein Bogenschlag zurück an den Anfang. Zeugenaussagen wurden als falsch dargestellt, weil sie angeblich nicht den Tatsachen vor Ort entsprechen. Mit der finalen Aussage zeigt sich, dass es doch der Fall ist und die Polizei schlampig recherchiert hat.

Hinzu kommt noch ein anderer Aspekt. Nicht nur Täter können entweder streng logisch oder irrational handeln. Auch „unschuldige“ Menschen sind vor dummen Handlungen nicht  gefeit und in emotional herausfordernden Momenten agieren Menschen impulsiv, improvisierend und manchmal auch nur einer vagen Hoffnung folgend.

Ohne die einzelnen Aussagen zu verwerfen oder zu bestätigen, ergeben die einzelnen Zeugenaussagen inklusive der beiden Angeklagten – ein potentieller Zeuge ist nach Kanada geflohen, ein Weiterer hat sich erschossen – zwei Bilder der Tatnacht, die auf ihre Art und Weise gut zusammenpassen. Aber die Aussagen ergeben nicht zwingend einen oder zwei Täter, da sich zum Beispiel die potentielle Mordwaffe nicht an dem Ort befunden haben konnte, während die Motive der beiden in Frage kommenden und    angeklagten Täter lange Zeit sonnenklar wirken und dann wie Asche im Wind sich auflösen.

„Der Fall Bellamy“ endet im Grunde mit zwei Überraschungen. Der Epilog in der Tradition Agatha Christies, aber der britischen Autorin nicht wirklich würdig besteht aus der finalen Überraschung. Auf dem Weg dahin muss noch die Schuld oder Unschuld der beiden Angeklagten bewiesen haben. Während die Verteidigung eher an die Emotionen der Geschworenen appelliert, präsentiert die Staatsanwalt eine aus ihrer Sicht lückenlose Beweiskette, die wie Asche vom leichtesten Gegenwind weggeblasen wird. Ein finaler Augenzeuge, der im Grunde die eigene bürgerliche Existenz mit seiner Aussage vernichtet, bringt den staatsanwaltlichen Elfenbeinturm zum Zusammenbrechen. Diese finale Wendung nach einige verbalen Konstruktionen beider Seiten im Gerichtssaal kommt aus dem Nichts, ist aber notwendig, um den Fall zumindest juristisch auf einer positiven Note enden zu lassen. Hinsichtlich der Gerechtigkeit ist es der letzte Brief dieser an Briefen nicht armen Geschichte, welcher einen schlagenden Beweis in Form eines Geständnisses präsentiert.

 

„Der Fall Bellamy“ verlangt von Lesern ein wenig Geduld, wenn sie nicht unbedingt den einzelnen Querverbindungen in der oberen Bürgerschicht einer kleinen Gemeinde folgen wollen. Wie angedeutet sind die meisten Charaktere pragmatisch eindimensional angelegt, ihre Handlungen triefen teilweise vor falschen Emotionen von abgöttischer Liebe bis blanker Gier über. Das wirkt übertrieben, ist aber spannungstechnisch auch nicht verkehrt, da jeder inklusive der Angeklagten der Täter sein könnte. Der Leser hat keine Möglichkeit, den Täter zu erkennen, auch wenn der Tatvorhang aus unterschiedlichen Augen der Betrachter minutiös nicht nur einmal, sondern vielfach beschrieben und entsprechend analysiert wird. Es ist blanke Ironie, das alle Recht und gleichzeitig auch Unrecht haben. Wie angedeutet lebt die Geschichte mit den Aussagen Bellamys und Mrs. Ives deutlich auf, das Tempo zieht mehr an und die Autorin greift auf einige Tricks des Theaters zurück, die in dieser Form cineastisch in den folgenden Jahrzehnten zum Standardrepertoire gehören werden. Hier ist alles in Romanform, hier ist alles noch frisch und wirkt auch experimentell.

Mirko Schädel hat Recht, wenn er „Der Fall Bellamy“ nicht nur als einen ausgesprochen spannenden Gerichtsthriller tituliert; als ein völlig neues Subgenre des Krimis und vor allem als ein Buch, dass das literarische Vergessen nicht verdient hat. Daher ist der Nachdruck selbst in der limitierten Auflage des Krimimuseums mehr als überfällig. 

 



 



antiquarisches Buch – Frances Noyes Hart – Krimimuseum Publisher Band 58: Der Fall Bellamy. Ein Klassiker des Gerichtskrimis

www.krimimuseum.de 

Taschenbuch,  282 Seiten

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