H.G. Francis hat den dritten „Space Thriller“ verfasst. Der Hamburger hat ja nicht nur im Rahmen der „Perry Rhodan Planetenromane“ eine Reihe von Tekener/ Kennon Thriller geschrieben, sondern im Herbst seiner Karriere drei hanseatische historische Krimis verfasst. Betrachtet man auch seine zahllosen Hörspiele, dann machen ihn die Abenteuer der drei Fragezeichen oder der TKKG zum kriminaltechnischen Spitzenreiter unter den vier Autoren. Allerdings adaptierte H.G. Francis überwiegend die Jugendbücher.
Aus heutiger Sicht ist sein Roman in mehrfacher Hinsicht beunruhigend modern. Kinder und Jugendliche agieren als Selbstmordattentäter wider Willen. Die Antagonist zwingt sie zu diesen Handlungen, um auf der einen Seite Wissen zu erpressen, aber auf der anderen Seite anscheinend eine alte Rechnung zu begleichen.
Der zweite extrem moderne Hinweis bezieht sich auf das Geheimprojekt Biothek und die Entwicklung von Biochips, die natürlich vornämlich zu medizinischen Zwecken von einer kleinen Gruppe Wissenschaftlern entwickelt worden sind. So sollen sie ganz besondere Krankheiten heilen, in dem sie die genetischen Codes der Träger quasi „zurückschreiben“. Ein typisches Beispiel ist die Kolonialisierung eines Planeten, bei dem die Menschen nach kurzer Zeit körperliche Verformungen erlitten haben. Natürlich lässt sich eine derartige revolutionäre Entwicklung auch als Waffe einsetzen, wie die Forscher feststellen.
Sie beschließen, alle ihre Daten zu löschen. Der freie Mitarbeiter und ehemalige Polizist Luz Korexxon hatte erkannt, dass die Chips nicht nur heilen, sondern auch das Bewusstsein der Träger kontrollieren und manipulieren können. Allerdings nur die A Generation.
Beim Löschen der Daten stellen die Forscher fest, dass eine Quelle von außen die Informationen quasi absaugt und kopiert. Im Haupttresorraum werden die vorhandenen Biochips allerdings der B Generation gestohlen.
Der Verdacht fällt auf Korexxon, der als freier Mitarbeiter am meisten unter dem Abbruch des Projekts leiden müsste. In seiner Vergangenheit ist Korexxon aus dem Polizistdienst entlassen worden, weil er als Gerichtsmediziner den Ermittlungen der Polizei und der Staatsanwaltschaft eben nicht Folge leisten wollte.
Spannungstechnisch baut H.G. Francis noch einen zweiten Handlungsbogen auf. Im Orbit von Kallisto befindet sich das Spezialkrankenhaus OCCIPITAL, in dem mittels Transmittern die Heilung von Patienten versucht wird. Beim „Sprung“ sollen zum Beispiel Krebszellen/ Wucherungen aktiv entfernt werden. Wie bei den Biochips könnte man aus dieser Vorgehensweise auch eine Waffe machen und Viren oder Krebszellen während des Transmitterdurchgangs einem Menschen quasi einpflanzen. An Bord des Spezialkrankenhauses wird eine Patientin vergewaltigt und ermordet.
Im Laufe der geradlinigen Handlung baut H.G. Francis diese Handlungsebene in den laufenden Plot. Anfangs irritiert sie allerdings, weil zwei konträre medizinische Methoden entwickelt werden, die beide als Waffe eingesetzt werden können. Die moralischen Bedenken der einen Seite; der Forschungsdrang per se auf der anderen Seite werden emotional zu distanziert abgehandelt.
Spätestens mit dem Einbruch bei Luz Korexxon wird die Sache persönlich. Er hat in seiner Wohnung noch A- Chips versteckt. Der Leser stellt sich aber unwillkürlich die Frage, wie ein freier Mitarbeiter unauffällig diese wertvollen Chips aus dem Forschungslabor positiv gesprochen sich leihen kann. Kopien aller Unterlagen sind noch verständlich, aber im Laufe des Buches macht H.G. Francis klar, dass es selbst mit den Unterlagen ausgesprochen schwer ist, diese herzustellen.
Korexxon ist seit vielen Jahren geschieden. Seine Töchter haben keinen Kontakt mehr zu ihm. Seine damalige Frau hat ihm sogar sexuellen Missbrauch der Kinder vorgeworfen. Korexxon hatte und hat ein ausgesprochen aktives Liebesleben, was ihn mit allen vier Protagonisten der „Space Thriller“ verbindet, das geht aber einen Schritt zu weit. Jetzt ist seine älteste Tochter verschwunden, nachdem sie das Anwesen eines reichen Industriellen und ihre Freundin dort besucht hat.
Als letztes mögliches Klischee bekommt bei der örtlichen Polizei ausgerechnet der Beamte den Fall der gestohlenen Biochips zugewiesen, der vor vielen Jahren schon mit Korexxon zusammengerasselt ist- der Ertruser Rampak Handerpass.
Die Stärke des Romans liegt in der Tatsache, das H.G. Francis ein alter Hase ist. Er manipuliert fast schon seine Leser und steuert sie in eine bestimmte Richtung. Ein potentieller Verdächtiger an der Forschungseinrichtung; die Entführung der Tochter; schließlich auch noch ein Polizist, dem die Ehre wichtiger sein könnte als die Wahrheit bei einem Fall. Die Versuchung ist groß, den Roman in Gedanken weiter zu spinnen.
Aber dann dreht Francis den Plot. Die Tochter ist nicht nur verschwunden, sie wird wie später ihre Schwester gegen ihren Willen gezwungen, Verbrechen mit tödlichen Konsequenzen zu begehen. Auch hier deuten die Hinweise nur in eine Richtung. Es besteht die Möglichkeit, dass die Verbrechen mit der Verurteilung und Verbringung eines reichen Industriellen in eine geschlossene Anstalt zu tun haben. Dieser könnte die gestohlenen Biochips für seine Rache nutzen.
Auch der Ertruser ist weniger an dem aktuellen Fall und vor allem den Ermittlungen Korexxon auf eigene Faust und ohne Rückendeckung interessiert, sondern möchte zuerst sein Gesicht wahren. Erst später zeigt sich, dass dies eher eine Art Schutzbehauptung ist und der Ertruser schon tief in seinem Inneren weiß, dass Korexxon damals recht und die Anderen unrecht hatte.
Der letzte Aspekt ist, dass wirklich alles auf den Täter hindeutet und die finale Konfrontation – Korexxon ist quasi bei ihm eingebrochen und wird fast in überzogener James Bond Manier in einem abgeschlossenen Raum vom Verdächtigen bedroht – auch entsprechend gestaltet worden ist. Eine Anmerkung des Schurken löst diese spannungstechnisch überzeugend geschriebene Szene geschickt auf und stellt fast alles wieder auf den Anfang. Hier baut Francis auch die zweite Handlungsebene ein, die ebenfalls die Schuld des einzigen in Frage kommenden Verdächtigen untermauern soll.
Der Aufbau des Romans ist ambivalent. Die Eingangsprämisse mit den ihre Unterlagen vernichtenden Wissenschaftlern nach Jahren der Forschung vor allem bei einem vom Staat finanzierten Projekt ohne jegliche Rücksprache
Später machen die Antagonisten vor allem bei Korexxon zu viele Fehler. Sie können ja nicht wissen, dass er über A Chips verfügt, welche anscheinend den Trägern kurzzeitig mit fatalen Nebenwirkungen auch übermännliche Kräfte geben, wie Korexxons Freundin feststellt. In anderen entscheidenden Situationen wirken sie dagegen wenig fördernd und scheinen die Träger eher zu stören.
Auch die Herstellung der A Chips vor allem aus den vorhandenen Vorlagen der B Chips erscheint unnötig und nur in der Theorie spannungsfördernd kompliziert. Am Ende stellen sie eine Art MacGuffin während des Showdowns da. Das Meiste ist schließlich doch wieder harte und entschlossene Polizeiarbeit, immer einen Strahler in der Hand.
H.G. Francis streift eine Reihe von für die Perry Rhodan Serie damals wie heute unangenehmen Themen. Vergewaltigung und Mord; Selbstmordattentäter und schließlich auch die sexuelle Anziehungskraft von Außerirdischen, wobei Francis in diesem Punkt in doppelter Hinsicht einen Hinweis auf seine Tekenerabenteuer eingebaut hat.
Auf der anderen Seite wirkt der Roman ausgesprochen komplex. Die verschiedenen mit sichtlichem Vergnügen des Autoren gelegten Spuren heben das Buch aus der anderen drei Space Thrillern positiv hervor.
Wie alle vier Romane ist der Plot kompakt und die Balance aus Perry Rhodan Technik und Thriller Elementen überzeugt. Die Protagonisten sind mit entsprechenden Ecken und Kanten gezeichnet worden, aber H.G. Francis gibt ihnen den Raum, sich positiv zu entwickeln. Das gilt für die Pro-, aber auch die vermeintlichen Antagonisten.
Wie in seinen Serienromanen neigt H.G. Francis nicht zum Labern. Seine Romane sind immer gut strukturiert gewesen und das Tempo ist durchgehend auf den beiden zusammenlaufenden Handlungsebenen hoch. Das Buch wirkt auf den ersten Blick unspektakulärer als zum Beispiel die paranoide Jagd nach der Macht in Feldhoffs und Schaefs Büchern, aber bis auf die brüchig erscheinende Eingangsprämisse beherrscht Francis das subtile Spiel mit der Erwartungshaltung der Leser sehr viel besser und spielt nicht selten auch mit den Klischees des Genres.

- Dateigröße : 1866 KB
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 229 Seiten
- Herausgeber : Perry Rhodan digital (8. Juni 2016)
- Word Wise : Nicht aktiviert
- ASIN : B01CSWOQWU
- Sprache: : Deutsch
