Verlorene Paradiese

Ursula K. LeGuin

In ihrem Vorwort spricht Ursula K. Leguin davon, dass sie einmal eine Geschichte über die mittlere Generation eines Generationenraumschiffes schreiben wollte. Die Menschen, die weder die Erde als Teil einer immer mehr sich verfremdenden Legende als Abflugstelle kennen noch das Ziel – eine Welt, über die man vielleicht nicht einmal genug Hintergrundwissen hat, um sie als neue Heimat zu bezeichnen – mit eigenen Augen sehen werden. Eine grundlegend faszinierende Idee, die eine soziologisch vielseitig interessierte Autorin wie Ursula K. Leguin angesichts ihrer Erfahrung auch umsetzen kann. Nur scheint ihr irgendwo im Verlaufe dieser Novelle an Mut gefehlt zu haben. Im letzten Drittel des Plots greift sie auf einen mechanischen „MacGuffin“ zurück. Das Raumschiff fliegt schneller als erwartet, könnte sein Ziel viel früher erreichen und macht aus dieser avisierten „Mittelgeneration“, die eher Steigbügelhalter bei der späteren evolutionären Wiederausbreitung der Menschenart sind, Entscheidungsträger. Ohne dass der Planet wirklich „betreten“ wird, müssen sich die Menschen an Bord entscheiden, ob sie im Grunde zur Errde zurückkehren wollen, was dem Gedanken der Generationenraumschiffe eher widerspricht oder die Herausforderungen der neuen Welt annehmen sollen. Mit diesem Versuch, dem Inhalt ein wenig mehr Dynamik zu geben, schränkt die Autorin auf der anderen Seite allerdings auch ihre Möglichkeiten ein, mit einem bekannten Szenario zu experimentieren und sich schriftstellerisch der Herausforderung zu stellen, über das große „Nichts“ zu schreiben, das im Gegensatz zu vielen anderen „Generationsraumschifftexten“ aus den Einzelschicksalen unzähliger Menschen besteht.

Die Stärke dieser insbesondere zu Beginn zu experimentell komprimierten Novelle liegt auf den Charakteren und ihrer eingeschränkten Bewegungsfreiheit, die allerdings ebenfalls ein wenig enttäuschend von Ursula K. Leguin immer wieder unterminiert wird. 4000 Menschen leben an Bord des Raumschiffs. Ein gerade noch akzeptabler Genpool, der eine geordnete Vermehrung voraussetzt. Passend verzichten aber so viele Familien/ Partnerschaften auf Kindern, dass statt des geplanten einem Kind andere Familien mehr Kinder haben dürfen. Kritisch gesprochen engt das den geplanten Genpool wieder ein und potentielle Konflikte hinsichtlich einer von oben verordneten Vermehrung finden nicht statt.

Interessant ist, dass Ursula K. Leguin als die größte Stärke der vorliegenden Novelle den Versuch unternommen hat, ein gesellschaftliches Paradies zwischen zwei Höllen zu erschaffen. Die Erde mit ihrer Umweltverschmutzung wird genauso als Hölle angesehen wie der möglicherweise unwirtliche Planet, der das Ziel dieser Expedition darstellt. Dazwischen haben sich 4000 Menschen ein Paradies erschaffen. Das Leben der Menschen beginnt „richtig“ mit der ausführlich beschriebenen Bekleidungszeremonie im Alter von sieben Jahren, die bekannte irdische Zeremonien wie die Firmung abgelöst hat. Die Autorin setzt sich relativ früh mit einem weiteren, für ihr Werk so signifikanten Aspekt menschlichen Zusammenlebens auseinander: Die Mitglieder „Bliss“ haben ihre eigene Religion entworfen. Sie sehen ihr Raumschiff nicht als Mittel, auf einem anderen Planeten neues Leben zu erschaffen, sondern inzwischen zu einer Art Mutterleib, der sie vor den tödlichen Herausforderungen des Alls schützt und ihren als Bestandteil der ein Leben lang andauernden Reise als auserwählte Engel ein Paradies zur Verfügung stellt. Bliss Anhänger haben mehr und mehr die wichtigsten Bereiche des Schiffes – das beginnt ihr den Schulen und endet in der nach amerikanischen Muster aufgebauten semidemokratischen unter der Position des Kapitäns angesiedelten Plenarrunde. Das führt zu Konflikten mit den erzkonservativen Kräften, welche die Reise ausschließlich als Mittel zum Zweck ansehen. Wie eingangs angedeutet scheut die Autorin allerdings, diesen Konflikt in einem Nichts gipfeln zu lassen. Interessanter wäre es, einen Ausschnitt dieser generationenlangen Reise wirklich zu isolieren und die Thesen/ Ideen beider Seiten wirklich lange vor jedem Erreichen der Zielwelt als Sturm im Wasserglas aufeinander prallen zu lassen.  So scheut sich die Autorin auch, eine Position einzunehmen und beendet diese spirituell intellektuelle Diskussion im Grunde mit einem wenig zufriedenstellenden wie dem Vorwort widersprechenden Kompromiss.

Aufbautechnisch geschickt konzentriert sich die Autorin auf zwei eher unauffällige Protagonisten Luis und Hsing, deren Leben der Leser förmlich begleitet. Es ist ihr Leben von der verspielten Jugend bis ins hohe Alter, das der Leser begleitet. Die letzte Szene mit dem Staub/ der Erde unter den Füßen ist ergreifend beschrieben, entlädt die über Jahre aufgestauten Emotionen und beendet diese Liebesgeschichte auf einer zumindest zwischenmenschlich zufriedenstellenden Note. An Luis und Hsing kann der Leser am ehesten und sehr zufriedenstellend die verschiedenen Kulturen erkennen, die sich zu einem ganzen Neuen, im Grunde zu einem neuen „Paradies“ an Bord des Raumschiffs vermischt haben. Bei Luis und Hsing gelingen Ursula K. Leguin wirklich sehr schöne, emotionale und berührende Momente, welche die teilweise zu distanziert, zu konzentriert erzählte Geschichte persönlicher und damit auch nachvollziehbarer erscheinen lassen. Vor allem, weil sie nicht heiraten, sich nicht offen ihre Liebe gestehen oder ein Verhältnis haben. Das Band der Liebe wird intellektuell geflochten und ist doch fester als manche Partnerschaft in ihrer Umgebung. Darüber hinaus finden sich immer wieder kleine Szenen, in denen LeGuin wie bei den Familienunterkünften um einen durch das Verschieben der Wände erschaffenen Innenhof beschreibt. Der Leser begegnet im Rahmen dieser Novelle erstaunlich vielen sehr unterschiedlichen Charakteren, die sich allerdings zu wenig entwickeln können. Die Stärke der Geschichte liegt in der Tatsache begründet, dass der Leser aber mehr über sie erfahren möchte und die wenigen verbrachten Augenblicke nicht reichen. Diese schriftstellerische Stärke dominiert den Mittelteil der Geschichte, bevor zu viel Handlung auf zu wenigen Seiten wie schon beschrieben ambivalent abgeschlossen wird.          

Am Ende finden die beiden angesprochenen Gruppen ihre individuellen Paradiese. Keines ist wirklich verloren, denn kein Siedler ist gezwungen worden, auf dem Schiff zu bleiben, kein Bliss Anhänger musste aufgrund seiner Position/ Qualifikation auf dem Planeten landen. Wie nicht selten bei derartigen Geschichten ist die Reise interessanter als die Ankunft. Trotz der inhaltlichen Kompression – vielleicht wäre ein Roman die bessere Form gewesen – finden sich insbesondere zu Beginn sehr viele kurzweilig zu lesende Szenen, welche die Autorin im elementaren Mittelteil in eine über das Leben des Einzelnen hinausgehende Handlung verpackt. Mit der Idee, die Welt zu schneller zu erreichen und die Position der mittleren Generation zu verlieren, rutscht „Verlorene Paradiese“ allerdings sehr schnell in bekannte Schemata ab, bei deren Beschreibung die Autorin keine neuen Ideen, keine neuen Aspekte der bekannten und oft verwandten Thematik hinzufügen kann. Zumindest verzichtet sie in ihrem fast ausschließlich intellektuellen Gedankenmodell auf Gewaltszenen, so dass sich die Handlung ausschließlich über manchmal nur skizzierte Protagonisten und ihre Handlungen, Gefühle, Hoffnungen und Träume definiert. „Verlorene Paradiese“ ist ohne Frage eine über weite Strecken gut geschriebene Novelle, in der Ursula K. Leguin sehr viele Themen ihrer sonstigen Science Fiction Roman aufgreift und ein wenig dank des umschlossenen, isolierten Raums auch extrapoliert. Im Gegensatz allerdings zu anderen Werken ihrer bislang letzten Schaffensperiode wie „Die Erzähler“ fehlt ihr in Form der vorliegenden Novelle der Raum, um die Schicksale noch emotionaler, die Probleme noch differenzierter und die Geschichte ausführlicher, ruhiger vergleichbarer dem unendlich „langsamen“ Flug des Raumschiffs zu erzählen. In dieser Hinsicht steht sich Ursula K. Leguin selbst im Wege und wenn der Leser Horst Illmers Nachwort gedanklich folgt, dann hat sie die selbstgesteckten Ziele nicht erreicht.

Deutsche Erstveröffentlichung
Stolberg, Atlantis Verlag, 3/2014
Hardcover (laminierter Pappband) mit Lesebändchen,
150 Seiten, ohne ISBN nur über den Atlantis Verlag zu beziehen,

Paperback-Ausgabe
ISBN 978-3-86402-161-9


eBook-Ausgabe

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