Das fliegende Wirtshaus

G.K. Chesterton

Zehn Jahre nach seinem Debüt „Der Napoleon von Notting Hill“ kehrte G.K. Chesterton mit „Das fliegende Wirtshaus“ zu der Struktur des Schelmenromans, dem Kampf eines Individuums gegen die Ungerechtigkeit der Regierenden zurück.

Der Roman basiert auf einer britischen Tradition. Ein typisches britisches Pub ist nur perfekt mit dem entsprechenden Aushängeschild vor der Tür. Dabei spielen absurde Namen keine Rolle. Wenn ein Leser den Titel der Geschichte zu wörtlich nimmt und an technisch utopische Abenteuer eines Jules Vernes denkt, wird er unweigerlich enttäuscht. Kein gigantisches Luftschiff mit einem Pub statt Passagierkabinen durchstreift den britischen Luftraum. Viel mehr folgt G.K. Chesterton der Tradition der fliegenden Händler, die von Ort zu Ort eilen, um ihre Waren feil zu bieten. Im vorliegenden Roman ist das fliegende Wirtshaus das Schild einer Kneipe, die aufgrund der Islamisierung Großbritanniens nicht mehr betrieben werden darf.

Die beiden „Napoleons“ der Kneipenszene sind Humphrey Pump, der Betreiber einer uralten Kneipe an der britischen Küste und sein rothaariger Freund und Kapitän Patrick Dalroy, der gerade von den absurden Friedensverhandlungen zwischen dem türkischen Imperium und der Regierung Griechenlands um eine kleine Insel zwischen den beiden Reichen zurückkehrt. Dalory ist angewidert von der aus seiner Sicht armseligen und feigen Haltung

Großbritanniens gegenüber den aus seiner Sicht gefährlichen und nach der Weltherrschaft strebenden Türken, die dieses Mal nicht nur Waffen, sondern politischen Opportunismus im ureigenen britischen Reich einsetzen, um ihren Einfluss gen Westen zu erweitern. Verhandlungsführer ist der britische Lord Ivywood gewesen, der zum persönlichen Erzfeind Dalroys in dieser Geschichte werden sollte. Denn Ivywood hat nicht nur den Türken quasi die griechische Insel geschenkt, aus im britischen Parlament wird er zu einer willigen Marionette eines türkischen Straßenpredigers, dem zu Beginn der Geschichte nur eine junge Frau zuhört. Bezeichnend ist, das dieser Redner die einzige Frage, die an ihn gestellt wird, nicht beantworten kann. So leer ist sein Gewäsch. Aber dank der Frau gelingt es ihm, in der britischen Adelsschicht Fuss zu fassen. Und mit Lord Ivywood hat er einen willigen, opportunistischen Helfer, dessen Motive allerdings von G.K. Chesterton nicht abschließend herausgearbeitet worden sind.

 Die potentielle Beeinflussung der schwachen britischen Regierung in erster Linie durch einen islamistischen  Prediger erscheint moderner als es 1914 bei der Erstveröffentlichung des Buches der Fall gewesen ist. Damals wie heute werden vor allem Klischees bemüht. Zwar schreibt Chesterton über keine Terroristen, die Zivilisation töten, aber die Idee, das der Islam vor allem aus der Unterdrückung der einfachen Bevölkerung durch strenge Gesetze inklusive drakonischer Strafen besteht , erscheint auf den ersten Blick zeitlos. In erster Linie geht es um die einfachen hart arbeitenden Briten, denen der Zugang zum Alkohol verboten werden soll. Anfang des 20. Jahrhunderts war es aber eher das Bestreben von christlichen Gruppen, welche Alkoholverbote durchsetzen wollte. Die Prohibition in den USA ist ja auch nicht aus ausländischen Einfluss zurückzuführen. Aber als guter Christ wollte G.K. Chesterton in seiner Satire ein fremdes Feindbild etablieren. Alleine die Manipulation von aus Sicht des Autoren unfähigen aristokratischen Politikern egal von welcher Seite ist in dieser Hinsicht entscheidend.

 Das Alkoholverbot steht aber stellvertretend für die populistischen Trends, die G.K. Chesterton schon in der Einleitung zu „Der Napoleon von Notting Hill“ anprangerte und die zu kurzzeitigen absurden Exzessen in kleinen Teilen der Bevölkerung führten. Dabei ist der Autor den Minderheiten tolerant gegenüber, solange sie nicht in seinen durchaus auch persönlichen Lebensstil eingreifen. England ist aus seiner Sicht groß genug, um Scharlatane, Exzentriker oder zwischen den Zeilen Idioten zu ertragen. Aber diesen Bewegungen liegt ein unglaubliches Sendungsbewusstsein zu Grunde, die in einer kontinuierlichen Belehrung bis Gängelung der Andersdenkenden gipfelt. Viele Ideen aus den einleitenden Worten zu „Der Napoleon von Notting Hill“ wie Vegetarier, fanatische Gläubige sowohl des Christentums als auch des Islams; feige Pazifisten und aggressive Kriegsfanatiker und andere Verrückte bevölkern diesen Roman. Die beiden Protagonisten begegnen ihnen stellvertretend für die Leser auf ihrer Reise oder besser Flucht durch Großbritannien.

 Denn das erlassene Gesetz zum Verbot von Alkoholausschank hat eine entscheidende Lücke. Solange ein Wirtshausschild vor der auch sinnbildlichen Tür steht und  zum Alkohol Essen gereicht wird, darf Alkohol ausgeschenkt werden. Die beiden Freunde Pump und Dalroy retten das Pubschild ihrer von der Öffentlichkeit abgerissenen Kneipe. Zusammen mit einem sich immer wieder auffüllenden kleinen Fass Rum – das Thema Versorgung klammert Chesterton in dieser Geschichte komplett aus- und einem Laib Käse als Essen beginnen sie durch das Land zu ziehen und etablieren damit das „fliegende“ oder besser fahrende Wirtshaus. Die örtlichen Polizei kann ihnen nichts anhaben.

Zu einer politischen Satire gehört auch die Auseinandersetzung zwischen dem Staat und dem cleveren Individuum, das es schafft, die absurden Gesetze der Regierungen auf den Punkt genau zu interpretieren. Während in „Der Napoleon von Notting Hill“ der Straßenkämpfer von seinem König beeinflusst dessen Worten genau folgt und damit den Bau der Schnellstraße durch sein Viertel erst mit Intelligenz und später mit Gewalt verhindern kann, sind Dalory und Pump gesetzestreue Bürger, die mit List und Bauernschläue weniger das Kapital als Lord Ivywood und seine Getreuen in den Wahnsinn treiben. Jede Gesetzesänderung wird von ihnen als Herausforderung genommen. Das gipfelt in einer faszinierenden Interpretation der Tatsache, das Alkohol drei Tage an einem Ort gelagert werden muss, bevor er ausgeschenkt werden kann. Der Teufel liegt nicht nur im Detail, sondern entblößt die Janushaltung der Reichen, die im Gegensatz zur einfachen Bevölkerung immer wieder Schlupflöcher finden, um nicht auf den Alkohol zu verzichten.

 Allerdings gipfelt diese politische Farce nicht in einem entsprechenden Höhepunkt. Wie in „Der Napoleon von Notting Hill“ und teilweise auch am Ende von „Der Mann, der Donnerstag war“ flüchtet sich G.-K. Chesterton in christliche Allegorien und lässt die jeweiligen Geschichten offen enden. Hinzu kommt, das der Autor wie in „Der Napoleon von Notting Hill“ wieder auf ein abstoßende Eruption von Gewalt zurückgreift, die den bislang satirisch humorvollen Ton der beiden Geschichten deutlich untergräbt.

 Aber bis zum schwachen Ende verfolgt der Leser in dieser Schildbürgergeschichte den Kampf des Einzelnen gegen die ihre Macht missbrauchenden herrschenden. Politiker. Dabei gibt es ab einer bestimmten herrschenden Ebene nur noch Dogmatiker. Die britischen Politiker adaptieren ohne nachzudenken Ideen aus dem Islam. Diese werden förmlich durch den sie manipulierenden Priester aus dem Zusammenhang gerissen und der Bevölkerung aufgezwungen. Auf der anderen Seite fehlt dem Priester jegliche Vorstellung vom Westen bzw. der Lebensart des britischen Empire. Das zeigt sich zu Beginn seiner Steh-Greif- Rede am Strand einer kleinen Ortschaft und endet schließlich in der Tatsache, dass die Reichen auch mit der Billigung des Predigers ihre eigenen Biotope mit Alkoholausschank erschaffen haben. Teilweise in ihren Palästen, teilweise mittels ihrer eigenen Ärzte.

 Mit Lord Ivywood hat G.K. Chesterton einen interessanten Antagonisten etabliert. Im Gegensatz zu den Kapitalisten aus „Der Napoleon von Notting Hill“ und der Führung des königlichen Narren oder der paranoiden Gruppe von Anarchistenführern, von denen nicht einer das ist, was er zu sein scheint, ist Lord Ivywood gefährlich. Nur durch seinen Stand ist er in die wichtige Position eines außenpolitischen Mittlers gerutscht, der unfähig ist, für beide Seiten einen vernünftigen Kompromiss auszuhandeln. Nur durch die Manipulation des islamischen Predigers wird er zu einem Werkzeug fremder Mächte und erkennt nicht, das auch sein eigener Stand bedroht ist. Abschließend ist es Lord Ivywood, der verzweifelt ob der Ignoranz seiner lückenhaften Gesetze zu Gewalt greift und der Farce ein Ende machen will. Ohne Rücksicht auf Unschuldige.

 Ohne eine Lösung anzubieten untersucht G-K. Chesterton in dieser satirischen Farce die Wechselwirkung zwischen rezessiver vor allem ihren eigenen Status erhaltender Autorität und den frei denkenden,  von Vorurteilen nicht beeinflussten einfachen Menschen. So ist Kapitän Patrick Dalroy, der von den ungerechneten Friedensverhandlungen angewidert ist. Dalroy ist ein Pragmatiker, der an die Eigeninitiative der Menschen und mit Einschränkungen an den Selbsterhaltungstrieb als Feder des Fortschritts glaubt. Das ist vielleicht bei einer Gesellschaft der kleinste gemeinsame Nenner, aber Chesterton schreibt als relativ begüteter Mann aus der Perspektive der einfachen Bevölkerung, der er in „Das Napelon von Notting Hill“ und „Das fliegende Wirtshaus“ zumindest Toleranz, wenn auch nicht immer angesichts egoistischer Feigheit vor größeren Zielen Respekt entgegenbringt.

 Auf ihrer Reise finden die beiden Antihelden nicht nur immer wieder verblüffte Briten, die zögernd ihrem Volkssport – dem Trinken von Alkohol in jeglicher Form von „Pub“ – nachgehen wollen, sondern zum ersten Mal auch eine Romanze. Sowohl in „Der Napoleon von Notting Hill“ noch in „Der Mann, der Donnertag war“ trat eine Frau in wichtigen Rollen auf. Das ist bei „Das fliegende Wirthaus“ anders. Wobei es in den entscheidenden Szenen wieder Männer sind, welche die groteske Handlung zu dem angesprochenen leider viel zu offenen und christlich dogmatischen Ende bringen. Die Sprunghaftigkeit ist  bei „Das f.liegende Wirtshaus“ deutlich zu erkennen als in dem stringenten und handlungstechnisch zu einem allerdings unbefriedigenden Ende geführten „Der Mann, der Donnerstag war“. In „Der Napoleon von Notting Hill“ ist die zugrunde liegende Auseinandersetzung zwischen den neuen kleinen Stadtstaaten der rote Faden, um den G.K. Chesterton unzählige, nicht immer relevante Ideen, politische Exkurse oder einfach satirische Seitenhiebe auf alle möglichen Strömungen gewoben hat.

 Den größten Vorwurf, den ein Leser von heute dieser mehr als einhundert Jahre alten Geschichte machen kann, ist in der Tatsache begründet, das weder der Westen – stellvertretend durch das im Zerfall befindliche britische Imperium – die Kultur des Nahen Ostens respektiert, wie auch die konservativ fundamentalistischen Kräfte des Islams die aus ihrer Sicht verweichlichten westlichen Staaten akzeptieren. Und diese gegenseitige Sichtweise ist erschreckend zeitlos. 

Das fliegende Wirtshaus

  • ASIN ‏ : ‎ B0BRLFTYLV
  • Herausgeber ‏ : ‎ Sharp Ink (30. Dezember 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Dateigröße ‏ : ‎ 827 KB
  • Text-to-Speech (Vorlesemodus) ‏ : ‎ Aktiviert
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