Zwischen den ersten drei Teilen seines „blauen Palais“ – 1974 – und den letzten beiden Folgen „Unsterblichkeit“ und „Der Gigant“ – 1976- inszenierte Rainer Erler zwei Filme: den zynischen Streifen „Die Halde“ und den klassischen Thriller im grellen Sonnenlicht des Mittelmeers: „Die letzten Ferien“.
1981 erschien die Romaninterpretation Erlers als reichhaltig aus dem Film bebildertes Taschenbuch. Ohne Fotos erschien der Text einige Jahre später im Ullstein Verlag, bei Michael Haitels p.machinery ist eine Neuauflage im Rahmen der Werksedition in Arbeit.
Heute erscheint „Die letzten Ferien“ im Schatten der zweiten Zusammenarbeit Rainer Erlers mit Jutta Speidel „Fleisch“ in Vergessenheit geraten zu sein. Dabei hatte Rainer Erler mit erst 20 Jahre alte Jutta Speidel noch vor ihrem Abschluss an der Münchner Schauspielschule für diesen klassischen Thriller engagiert.
Wie „“Fleisch“ – 2007 – hat Pro 7 bzw. Sat 1 auch „Die letzten Ferien“ neu verfilmt. Jutta Speidel spielte in „Einladung zum Mord“ die Mutter.
Den Charme des Originals, eines der erfolgreichsten Fernsehfilme des Jahres 1975 – konnte die Neuverfilmung nicht erreichen. Heute wirkt der Blick auf „Die letzten Ferien“ neben der spannenden Handlung wie eine Zeitreise in die Vergangenheit, als der Massenflugtourismus und den Einheimischen den Lebensraum auf den Balearen zu nehmen begann. Die kritischen Töne finden sich verstärkt in Rainer Erlers deutlich umfangreicher Romanvariation.
Familie Rehberg fliegt nicht nur zum Urlaub nach Lanzarote. Für die Tochter Beate – Jutta Speidel - sollen es „die letzten Ferien“ sein. Zusammen mit der ungeliebten, teilweise neuen Familie. Sie ist gerade von einem sündhaften teuren Internat geflogen. Allerdings wird sie bald achtzehn und erbt auf den Kanarischen Inseln alleinig das Vermögen ihres Vaters. Der ist vor einigen Jahre an einem Herzinfarkt gestorben. Auf den Kanaren hat er vor vielen Jahren mit Schwarzgeld aus seinem Immobiliengeschäft billig Land gekauft, das inzwischen touristisch erschlossen ist. Am Ende des Films bzw. Buches erfahren die Zuschauer/ Leser, dass mehr als 2.4 Millionen Mark auf Beate warten.
Der Weg in die Freiheit, denn ihre Mutter – Margot Leonhard – hat nach dem Tod ihres Mannes Manfred Rehberg – Veit Relin – geheiratet, einen schmierigen Anwalt.
Für Beate ist es der erste Flug. Rainer Erler gelingt es, die zahlreichen auf Beate einstürzenden Eindrücke des Frankfurter Flughafens an einem Abreisetag in kurzen, präzisen Sätzen festzuhalten. Immer wieder finden sich aber klein Anspielungen auf die kommenden Ereignisse und mindestens einen Passagier des Fluges, den sie eigentlich nicht sehen dürfte. Im Film ist dieser Vorgriff sicherlich leichter zu inszenieren als im Buch. Aber Rainer Erler beherrscht spannungstechnisch beide Medien, so dass der Ablauf der Handlung klar skizziert worden ist.
An Bord des Flugs mit Sektgläsern in der Hand fällt dann zum ersten Mal der fatale Titel des Films: „Die letzten Ferien“. Wie ein roter Faden mit zahlreichen Interpretationen ziehen sich diese drei Worte durch den Plot. Beate ist – wie ihre Familie – bis weit in das erste Drittel des Films nicht nur ein verwöhnter Teenager, im Grunde ist sie ein schwieriger Charakter. Sie ist widerborstig, aggressiv, eingebildet und arrogant. Sie sie attraktiv ist, ist aber auch in ihrem tiefsten Inneren unsicher. Jutta Speidel gelingt es in ihrer ersten Rolle, diese verschiedenen Widersprüche gut gegenüberzustellen und Beate zu einem tragischen Opfer der Intrige zu machen.
Rainer Erler agiert gerne doppeldeutig. Es könnten Beates „letzte Ferien“ als Minderjährige sein. Als Schülerin. Als armes Kind. „Die letzten Ferien“ mit ihren Eltern. Oder generell ihre „letzten Ferien“. Aber abschließend sind es möglicherweise nicht ihre „letzten Ferien“.
In der Tradition der französischen Nachkriegsthriller wie „Diabolique“ bleibt vieles offen. Alle Aussagen sind richtig und gleichzeitig falsch. Wie routiniert Rainer Erler den Plot gestaltet hat, zeigt sich am Ende der Geschichte, wenn alle Versatzstücke zusammengefallen sind und die Begrifflichkeit der „letzten Ferien“ plötzlich auf fast alle Aussagen zutrifft.
Auf Lanzarote lernt sie den charmanten Miguel – Dieter Laser – kennen. Das Gesicht kommt ihr vertraut vor, sie kann ihn aber nicht einordnen. Geschickt spielt er mit der emotional unsicheren Frau, lädt sie auf einen Ausblick über die Insel ein, zeigt ihr die Besonderheiten der Insel wie die Vulkanlandschaft in den Montanas del Fuego im Tamanfaya Nationalpark. Viele von Rainer Erlers Filmen nach „Die Delegation“ bringen den deutschen Fernsehzuschauer die Welt in ihre Wohnzimmer. Es wird nicht nur in „Die Delegation“, sondern vor allem auch in der Miniserie „Das blaue Palais“ viel gereist. Später geht es mit „Fleisch“ in die USA, einige Filme wie „News- Reise in eine strahlende Zukunft“ enden in Rainer Erlers späterer zweiter Heimat Australien. Die Welt ist Rainer Erlers Bühne, während Dieter Wedel mit seinen Blockbustern später das Drama auf die Mattscheibe bringen sollte.
In den Buchinterpretationen ersetzt Rainer Erler die langen, immer an den Originalschauplätzen gedrehten Urlaubspassagen mit einem dunklen Unterton durch ausführliche Beschreibungen. Dabei bemüht sich der Autor Erler, das Tempo seiner Geschichten und die unterliegende Spannung nicht zu unterminieren. Der Plot von „Die letzten Ferien“ macht es ihm in dieser Hinsicht deutlich leichter, denn die Vulkanlandschaft ist der perfekte Hintergrund, um über Unfälle und Tod zu philosophieren.
An einem einsamen Strand nach dem ersten gemeinsamen Sex – Rainer Erler verschweigt, ob Miguel Beate entjungfert, vieles spricht aber dafür – unter der Beobachtung des amerikanischen Hippies Gordon aus dem Schutz seiner abgeschieden gelegenen Höhle fahren sie mit einem Boot auf das Meer hinaus. Miguel fordert Beate zuerst auf, freiwillig ins Wasser zu gehen, nachdem er sich sadistisch erkundigt hat, ob sie die Strecke zurückschwimmen könnte. Nachher nutzt er Gewalt.
Im Film – der Trailer verrät schon fast zu viel vom Plot – wirkt die Szene brutaler und effektiver. Rückblickend relativiert Rainer Erler in der Romanvorlage vielleicht noch mehr als im Fernsehdrama Miguels Handeln. Er ist kein klassischer Killer. Kein eiskalter Mörder. Wie fast alle Protagonisten ist er eine Marionette, getrieben vom Geld, das seit Jahrzehnten in der Verwaltung eines spanischen Notars auf einen neuen Besitzer wartet.
Miguel lässt Beate auf dem Meer zurück. Unter normalen Umständen müsste sie irgendwann in dem kalten Wasser die Kraft verlieren und ertrinken. Ein perfekter Badeunfall. So perfekt, dass Miguel gezwungen ist, die Tat noch einmal unter anderen Umständen und mit Hilfe von Schlaftabletten zu wiederholen. Dieses Mal hat Miguel alles besser unter Kontrolle.
Rainer Erler driftet ein wenig ab, wenn die Rettung aus einem Instinkt heraus erfolgt. Der Hippie Gordon sieht nur Miguel mit dem Boot zurück kommen. Er verhält sich auffällig und wirkt nervös. Deswegen entschließt sich Gordon, ein Feuer am Strand zu machen. Der Lichtschein ermöglicht Beate, mit einem starken, für sie bislang unbekannten Willen zum Ufer zu schwimmen. Gordon bringt sie in seine Höhle und versorgt sie.
In jedem klassischen Thriller wäre der Moment der Wiederauferstehung auch der Wendepunkt der Handlung. Aber Rainer Erler ist inzwischen mit seiner Erfahrung deutlich routinierter. Beate ist von den Toten zurückgekehrt, aber sie muss das Leben noch lernen. Abseits des Reichtums ihrer Eltern.
Ein wichtiger Mittler ist Mike – Udo Vioff . Mike ist ein Fahnenflüchtiger, er hat sich geweigert, dem Einberufungsbefehl nach Vietnam zu folgen. Stattdessen versteckt er sich auf Lanzarote. Mike liebt das Schachspiel. Das Schachspiel ist für ihn ein Muster des Lebens. Jeder ist irgendwann einmal am Zug, aber nur wer seine Züge taktisch clever plant, kann gewinnen. Oder im Falle Beates Überleben.
Unmittelbar nach ihrem „Tod“ verhält sie sich unter Schock noch ambivalent. Rainer Erler gesteht ihr Fehler zu. Mit ihrem Pass wäre die Scharade sehr früh zu Ende. Diese Chance lässt sie verstreichen. Miguel provoziert sie – zu diesem Zeitpunkt noch unwissend und naiv – und zwingt ihn, weitere Verbrechen zu begehen. Am Ende hat er drei Menschen auf seinem Gewissen.
Erst dank Mike beginnt sie fokussierter zu agieren. Übernimmt die Rolle ihres Doppelgängers und beginnt das Spiel zu kontrollieren. Rainer Erler setzt in der zweiten Hälfte des Plots auf eine Reihe von Möglichkeiten. An jeder Stelle könnte für Beate das Spiel zu Ende sein. Anfänglich ohne Papiere, der örtlichen Sprache nicht mächtig, wäre sie ein Spielball der Behörden. Mit Papieren ausgestattet reicht es nicht, ihre Eltern und Miguel der örtlichen Polizei zu überstellen. Nur in Frankfurt könnte sie in der Theorie den Spieß umdrehen. Aber bis Frankfurt und dem potentiellen Rückflug ist noch viel Zeit, die Beate als Fremde in einem fremden Land, das für Millionen von Menschen zu einem nicht mehr exotischen Urlaubsparadies werden sollte, überstehen muss.
Mike ist eher eine passive Hilfe. Selbst auf der Flucht und bei einer Verhaftung dem Risiko ausgesetzt, in die USA ausgeliefert zu werden, ist er mit seiner fatalistischen Einstellung der Schlüssel zur Selbsthilfe. An seiner Seite beginnt Beate zum ersten Mal zu agieren und nicht mehr ausschließlich zu reagieren. Mit dieser inneren Wandlung, eine Fokussierung auf das Wesentliche und schließlich mit der Konfrontation mit dem Erbe ihres Vater – nicht in monetärer, sondern ökologischer Sicht – wird sie zu einer jungen, für ihr Alter reifen und damit für den Leser/ Zuschauer auch sympathischen Frau. Sowohl im Film wie auch dem vorliegenden Roman Thriller arbeitet Rainer Erler diese charakterliche Wandlung sehr überzeugend heraus.
Beate ragt - zumindest in der Buchadaption - deutlich aus den handelnden Personen heraus. Ihre Mutter wirkt wie ein Schatten. Ängstlich, neurotisch. Nur an einer Stelle findet sich ein Hinweis, dass ihr erster Mann durchaus ein Familientyrann, ein egoistisches Arbeitstier gewesen ist. Ihr Stiefvater ist der schmierige Anwalt, der vor allem kleine Ganoven aus dem Knast herauspaukt. Der sich mit dem Aktenkoffer eines Toten schmückt, in der Hoffnung, dass dessen geschäftlicher Erfolg, vielleicht auch dessen Charisma auf den Winkeladvokaten abfärbt. Geld verdirbt den Charakter. Beate hat ihre Lektion gelernt, aber ihre Verwandten werden dem Schein des Mammons zum Opfer fallen. Wie ihr Vater, der nicht aufgehört hat, dem Geld nachzujagen und früh einem Herzinfarkt erlegen ist.
Der Kontrast zwischen den “Kapitalisten” und ihrer Jetset-Mentalität sowie den Hippies in einer der schönsten, aber auch abgeschieden gelegenen Buchten Lanzarotes könnte nicht größer sein. Beide Gruppen sind von den Schatten ihrer jeweiligen Vergangenheit getrieben. Aber trotz der Repressalien der Polizei haben sie in ihrer Selbstversorgerwirtschaft Frieden gefunden, wobei Rainer Erler weniger auf den esoterischen Gordon, sondern eher auf den später dazu stoßenden Mike mit seiner Vergangenheit eingeht. Erzählen hilft manchmal. Nicht nur Beate, sondern auch Mike. Rainer Erler lässt die Frage offen, ob Beate einmal wieder nach Lanzarote und dem Lebensstil der Hippies zurückkehren wird. Der Roman endet auf einer (selbst) zufriedenen Note. Grundsätzlich sind es aber die Hippies, die Beate uneigennützig helfen und ihr buchstäblich wie später tragisch den letzten Poncho schenken. In “Die letzten Ferien” werden gute Taten eher bestraft.
Einige Jahre später wird Rainer Erler einige, aber nicht alle Elemente dieses Thrillers für “Fleisch” übernehmen. Während die Protagonistin in “Fleisch” ihren einheimischen Mann an die Ambulanz verliert und von diesem Moment an alleine auf sich gestellt erscheint, bleibt Beates Freund in Deutschland zurück. Beide Frauen sind mehrmals in Lebensgefahr und können sich nur in größter Note retten. In beiden Romanen kommt ihnen aus dem Nichts ein Mann, aber nur als Freund, zu Hilfe. Dabei handelt es sich um Außenseiter. In “Fleisch” der selbstständige Truckfahrer mit polnischen Wurzeln, in “Die letzten Ferien” handelt es sich um eine Kombination aus dem eher komplett in sich gekehrten Gordon und dem deutlich taktisch geschulten Mike. Aber Beate wird nur entweder- oder von den beiden Männern unterstützt. In beiden Romanen ist der finale Angriff die beste Verteidigung. Der größte Unterschied liegt in der grundlegenden Struktur der beiden Romane. In “Die letzten Ferien” bietet Rainer Erler seiner Beate keine Hilfe von innen an. Beate kann den Behörden nicht trauen, während es in “Fleisch” schließlich eine Insiderinformation ist, welche die finalen Puzzlestücke zusammenfallen lässt. Daher wirkt “Die letzten Ferien” trotz einer auf den ersten Blick zwar perfiden, aber auch bodenständigen Idee als der belanglosere Thriller, ist aber deutlich paranoider und stringenter aufgebaut als “Fleisch”. Beide Geschichten spielen an Orten, welche die Zuschauer / Leser vor allem als exotisch- paradiesisch- herausfordernd empfinden. Wie Alfred Hitchcock zerrt Rainer Erler das Verbrechen aus dem nebeligen Dunkel der Städte des Film Noirs in doppelter Hinsicht ins grelle Tageslicht. Und die Wüsten der USA sowie Lanzarote sind sich in dieser Hinsicht gleich.
“Die letzten Ferien” ist auch als Roman ein perfider Thriller, bei dem die Gefahren aus dem inneren Kreis allerdings einer dysfunktionalen Familie kommen. Minutiös geplant und dank einer zufälligen Begegnung auch planbar scheitert alles ausgerechnet an dem Stoff, hinter dem alle her sind: dem Geld. Mit Profis wäre es so nicht passiert. Das ist eine der ironischen Wendungen, die Rainer Erler in diesem auch heute noch lesenswerten modernen Thriller präsentiert, dem schließlich genretechnisch in dieser Präzision und diesem Zynismus noch sein Abschlussfilm “Die Kaltenbach- Papiere” folgen sollten.
Goldmann Verlag
205 Seiten mit Bildern
1981 erschienen
