Vom gleichen Blut

Octavia Butler

1979 erschien der erste von nur zwei alleinstehenden Romanen Octavia Butlers. „Kindred“ – „Vom gleichen Blut“ – ist rückblickend ihre am meisten herausragende und die Essenz ihres Werkes mit historischen Bezügen auch am besten zusammenfassende Arbeit. Das Buch ist  als Radiostück, als Comic und schließlich auch im Jahre 2022 als Miniserie adaptiert worden. Nur die ersten drei Kapitel des Buches wurden in acht Folgen verfilmt, anschließend wurde die Serie gecancelt.

Im Vergleich zu all ihren anderen  Werken – selbst „The Fledgling“ verfügt über mehr Science Fiction als Horror-Elemente – lässt sich „Vom gleichen Blut“ eher in den Bereich der

Fantasy einordnen.  Die Zeitreisen finden wie eine Art Schwindel statt. Ihre Protagonistin Edana (Dana) Franklin wird nur zu einem bestimmten Ort gerufen. Immer in die Nähe ihres Vorfahren Rufus Weylin, wenn dieser in Lebensgefahr ist. Eine Rückkehr ist nur möglich, wenn Dana in Lebensgefahr ist.  Sie kann Gegenstände wie Kleidung, einen Rucksack mit Überlebensausrüstung und einmal ihren Mann Kevin mitnehmen. Sie kann aber nicht aktiv die Reise und vor allem die Zielzeit bestimmen. Jack Finney hat in  seinem einige Jahre vorher veröffentlichten Roman „Das andere Ufer der Zeit“ sich ebenfalls mit einer vergleichbaren Art der Zeitreise auseinandergesetzt. Hier konnten die Protagonisten mittels Selbsthypnose und einem festgelegten Ort – ein Zimmer im Dakota Gebäude – sich entlang des Zeitstrahls mittels Gedankenkraft versetzen. Dana muss aber in die Vergangenheit reisen, um die eigene und vor allem persönliche Gegenwart zu retten. 

Aber „Vom gleichen Blut“ ist unabhängig vom phantastischen  Elemente eine Auseinandersetzung mit den Themen wie Sklaverei; Rasse, Herkunft und vor allem Vorurteilen auf beiden Seiten.  Mit Dana verfügt die Geschichte über eine sehr starke Ich- Erzählerin. In der Gegenwartsebene hält sie sich zu Beginn mit Gelegenheitsjobs über Wasser, um nach einigen verkauften Kurzgeschichten ihren ersten Roman zu schreiben. Auch Octavia Butler hat diese Job angenommen, um fast im gleichen Alter wie ihre Protagonisten „The Patternmaster“ zu schreiben. Ihr Mann Kevin – ein Weißer – hat es inzwischen als Schriftsteller geschafft und ein lukrativer Buchvertrag ermöglicht es ihnen, ein Haus zu kaufen und mit unendlich vielen Büchern umzuziehen. In einer ersten Version sollte Dana ein Mann sein. Das hätte aber dem Konzept der Geschichte widersprochen, denn Dana als Frau muss deutlich mehr Kompromisse eingehen. Von ihrer männlichen Umwelt wird sie körperlich als ungefährlich, aber geistig als potentielle Aufrührerin angesehen. Dieser Widerspruch zeigt sich in den verschiedenen Szenen, in denen sie ausgepeitscht; auf die Felder zum Maisschneiden oder noch angeschlagen in die Waschküche geschickt wird. Ihr Körper weist starke Spuren der Sklaverei auf, ihr Geist bleibt aber ungebrochen und die perverse Mission – sie muss einen Sadisten vor sich selbst schützen, damit ihre Familie leben kann -  vollenden kann. Dana muss widerwillig ein Bestandteil des  Sklavenhaushalts der Weyton werden,  damit sie ihren noch ungeborenen Nachkommen „schützen“ kann. Das Problem ist, dass dieser Nachkomme als Kind einer Sklavin und des Sohnes des Plantagenbesitzers eher durch sexuellen Druck gezeugt worden ist. Und dieser Tatsache ist sich Dana auch bewusst.

Octavia Butler zeigt von Beginn an, dass Dana gegen die eigene Überzeugung Kompromisse eingehen und auch von ihrer Umwelt erwarten muss. Es sind zwar dornige, aber keine tödlichen Wege, auf welche sie Menschen schickt, die ihr vertrauen und mit denen sie in der Vergangenheit eine Freundschaft beginnt. Dana ist eine stolze, aber nicht selbstherrliche, farbige Frau des 20. Jahrhunderts, die sich im Verhältnis zur Vergangenheit freier bewegen kann. Rassismus kennt sie auch aus der Gegenwart, aber sie kann deutlich besser mit ihm umgehen. Im Gegensatz zu vielen weiblichen Charakteren  in Octavia Butlers Werk, die aus dem „Nest“ durch Gewalt geworfen worden sind  und deren Persönlichkeiten sich erst im Laufe der Geschichten bilden, ist Dana von Beginn an ein ausgefeilter und vor allem sehr reifer Charakter, der sich in der Vergangenheit gegenüber Menschen verstecken muss, die ihr geistig unterlegen sind. Alleine die Macht, welche ihre Stellung als Besitzer der Plantage oder Vorarbeiter ihnen gibt, macht sie hinsichtlich körperlicher Züchtigung, Erpressen und Drohungen sowie sexueller Gewalt auf den ersten Blick überlegener.  Dana entgeht das Schlimmste.  Sie wird in der Vergangenheit nicht vergewaltigt. Das liegt aber alleine in dem Punkt begründet, das Rufus in ihr eine Hälfte einer kompletten Frau sieht. Alice Greenwood ist ihre Schwester und die gezwungene Mutter ihrer Vorfahren. Alice muss Rufus nach einer missglückten Flucht zu Willen sein, während Dana mit ihren unregelmäßigen Auftritten auf der Farm ohne zu Altern das moralische Gewissen ist. Zusammen bilden die beiden Frauen einen ausgesprochen interessanten Charakter und ihre Geschichte endet schließlich tragisch. 

Obwohl Dana nicht vergewaltigt oder sexuell genötigt wird, erleidet sie immer wieder das Schicksal der Sklaven. Mit ihrer modernen Art zu denken, ihren aus ihrer Sicht freien Handlungen und dem Spagat, auf der einen Seite viele Jahre ihres Lebens frei gelebt zu haben, auf der anderen Seite den undankbaren, von seinem Vater unterdrückten Rufus immer wieder retten zu müssen – reiner Selbsterhaltungstrieb – bringt sie sich immer wieder selbst in Gefahr.

Ganz bewusst hat Octavia Butler die Ich- Erzählerperspektive gewählt. Auch wenn Dana die Geschichte aus einer gewissen Distanz erzählt – sie verliert auf ihrer letzten Reise ihren linken Arm, der bei der Rückkehr in der Wand stecken bleibt - , verfolgt der Leser das Geschehen auf Augenhöhe einer jungen farbigen Frau, niedergeschrieben in der Gegenwart von einer anderen farbigen Frau. Octavia Butler hat nicht nur  ausführlich in den Archiven recherchiert und Unterlagen gewälzt, die Jahre später bei einem Brand in einer Bibliothek vernichtet worden sind, sie setzt sich auch mit der anerkannten Literatur auseinander. Zwischen ihren Reisen beginnt sich Dana mit der Sklaverei auseinanderzusetzen und bringt auch ein Buch wegen der vorhandenen Karte in die Vergangenheit mit. Sie verachtet das von einer weißen Frau geschriebene „Vom Winde verweht“  und zwischen den

Zeilen könnte „Vom gleichen Blut“ auch eine Antwort auf Alex Haileys „Roots“ und dessen populäre Verfilmung in den Jahren 1977/ 1978 sein. Viel mehr geht  Octavia Butler auf die authentischen Berichte von Sklaven ein, die

schließlich entweder in den Norden fliehen konnten und/ oder denen die Freiheit mittels einer entsprechenden Urkunde geschenkt worden ist. Sie haben ihren Erfahrungen auf den Plantagen niedergeschrieben und Octavia Butler nutzt diese Unterlagen, um die Brutalität und Willkür unter den Sklavenbesitzern niederzuschreiben. 

Die Stärke des Buches liegt in den ambivalenten Charakteren. Es gibt in dieser Geschichte kein klassisches gut oder böse. Selbst Dana muss Entscheidungen treffen, die konträr zu ihrem Gewissen und vor allem auch ihrer Entziehung stehen. Dana wird durch ein im Grunde absurdes Ziel getrieben. Sie muss ihr eigenes Leben retten. Nicht nur physisch in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart. Denn wenn Rufus und

Alice nicht die Eltern von Hagar werden, wird sie auch nicht knapp 150 Jahre später existieren. In der Gegenwart ist Dana mit einem Weißen verheiratet, was in der Vergangenheit unter den Sklaven wie Rufus sowie seinem Vater für Abscheu sorgt. In der Vergangenheit ist es der Weiße Rufus, der mit der Farbigen durch ständige Vergewaltigung Kinder zeugt.      

            

Rufus ist ein Getriebener. Sein Vater setzt ihn unter Druck, seine Mutter ist durch die Geburt weiterer Kinder körperlich geschwächt und lebt in einer anderen Welt. Anfänglich ist sie die Matrone, welche sich mit fremden Federn schmückt. Der Vater ist ein Geizhals, ein Sadist und ein Tyrann, der allerdings auch immer zu seinem Wort steht. Selbst wenn es sein Sohn gegenüber Dritten gegeben hat. Diese charakterlichen Widersprüche verwirren nicht nur Dana, sondern geben dem Leser die Möglichkeit, tief in die Protagonisten einzutauchen und sie auf der einen Seite relativ leicht zu „hassen“, aber die Handlungen auch in ihrem jeweiligen Kontext zu betrachten, vielleicht auch zu beurteilen. Octavia Butler will ganz bewusst die jeweilige Zeit nicht aus ihren Figuren herausnehmen, sondern versucht ihre aus heutiger Sicht menschenverachtenden Handlungen, aber auch die zwischenmenschlichen

Beziehungen unter den Sklaven relativ emotional, aber nicht manipulierend kitschig gegenüberzustellen.

 Rufus wird von Alpträumengetrieben. Bei ihrer ersten Reise rettet Dana ihn vorm Ertrinken und wird gleichzeitig von Rufus hilfloser Mutter nach der Rettung angegriffen. Bei ihrer zweiten Reise hat Rufus einen Vorhang in dem Haus angezündet, das Haus droht ein Raub der Flammen zu werden. Erst war ihrer zweiten Reise ist es Dana bewusst, dass sie keine Halluzinationen hat, sondern bewusst und körperlich in das Jahr 1815 und nach Maryland versetzt worden ist, wo Rufus einer ihrer Vorfahren ist. 

Auf der dritten Reise nimmt sie unfreiwillig Kevin mit. Rufus hat sich ein Bein gebrochen. Im Vergleich zu den ersten beiden und vor allem auch folgenden lebensgefährlichen Situationen ein schwacher Katalysator für die Reise. Mit Kevin tritt ein Faktor auf, den der unsichere, aber aggressive Rufus nicht einordnen kann. Dana und Kevin sind verheiratet, auch wenn sie es nicht beweisen können. Sie lieben einander auf einer respektvollen Basis, was Rufus weder auf der Plantage noch durch seine Eltern kennengelernt hat. Da zwischen den einzelnen Reisen in der Vergangenheit Jahre, in der Gegenwart aber höchstens Tage vergehen, erscheint Dana immer kaum gealtert, während Kevin einmal in der Vergangenheit für mehrere Jahre zurückbleibt und wie die Menschen auf der Plantage natürlich altert. Aus dem Knaben Rufus ist inzwischen mit der vierten Reise ein Mann geworden, der Dana

begehrt, aber nicht körperlich/ sexuell besitzen kann, aber Alice braucht, um seine pervertierte Sicht der Liebe auszuleben. Ein nicht nur emotionaler Widerspruch, der sich auf unterschiedliche Art und Weise in fast allen Charakteren dieser Geschichte zeigt. 

Dana weiß inzwischen, dass sie Rufus bis zu einem bestimmten Punkt in seinem Leben benötigt und das sie während ihrer Aufenthalte in der Vergangenheit dafür sorgen muss, dass er dieses „Ziel“ trotz der Unterdrückung Alice erreichen muss.  Daraus bildet sich eine gegenseitige Abhängigkeit. Auch Rufus ist von Dana und ihrer Präsenz förmlich abhängig, auch wenn die Rollen Herr- Sklave klar verteilt sind. Es ist eine fast symbiotische Verbindung. Sowohl in der „Patternist“ Serie wie auch der ihrem letzten Roman „The Fledgling“ wird Octavia Butler diese Art der auf den ersten Blick krankhaften Verbindung intensiver untersuchen. In „Vom gleichen Blut“ geht es aber um zwei Menschen, die in ihren Rollen gefangen sind. Es herrscht nicht nur Gewalt zwischen Rufus und Dana. Dana versucht, Vorteile für die Sklaven auszuhandeln und wird deswegen von einigen der Sklaven auf der Plantage gehasst und verachtet. Rufus versucht aus seinem intellektuellen, kleinen Käfig auszubrechen und Dana zu erpressen, wenn sie Verbesserungen haben will. Ein Manöver, das die Frau des 20. Jahrhunderts durchschaut und verabscheut.  Aber sie muss teilweise dieses Spiel mitmachen, damit sie indirekte ihre Ziele erreicht.  Rufus ist eifersüchtig, sexuell dominant gegenüber schwächeren Frauen und hat Minderwertigkeitskomplexe, die er nur mit (sexueller) Aggression zu überwinden sucht. Er ist von seinem Vater geprägt und kann später nicht aus seinem Schatten treten. Kindliche Ausbrüche von blanker Wut sind gepaart mit masochistischer Suche nach Vergebung durch seine Opfer.   

Octavia Butler hat in zahlreichen interviews auch davon gesprochen, dass sie “Vom gleichen Blut” auch geschrieben hat, um gegen die Vorwürfe der jüngeren schwarzen Generation an zu argumentieren, dass die versklavten Farbigen einfach nur zu schwach gegenüber ihren weißen Herren gewesen sind. Daher zeichnet sie außerhalb der in einer modernen Gesellschaft aufgewachsenen Dana ein ambivalentes, aber auch gut

erkennbares Bild der anderen Farbigen auf der Farm, bis auf einen einzigen kurzen Exkurs in die kleine Stadt in der Nachbarschaft, der Haupthandlungsort aller historischen Episoden dieses Buches.  

Sam ist ein kräftiger Arbeiter auf den Feldern, der hofft, dass Dana seinen Kindern das Lesen beibringt und sie ein besseres Leben führen könnten.  Aus Eifersucht wird er von Rufus verkauft. Alice war eine freie Farbige, die im Wald lebte. Ihr Mann Isaac Sklave. Octavia Butler zeigt, wie Alice erst der Freiheit beraubt, zum Sexobjekt - aus Danas Sicht wegen ihrer Ahnenreihe unabänderlich - degradiert worden ist und schließlich ihren Lebenswillen verliert. Wie bei einigen anderen Sklaven zog die Drohung lange Zeit, ihre kleinen Kinder zu verkaufen. Beispiele genug gab es auf der Farm.  An Alice demonstriert Octavia Butler noch besser als an Dana den schmalen Grat, auf dem sich Frauen bewegen mussten. Hinzu kommt eine sadomasochistische Beziehung mit Rufus, der abwechselnd dominant und emotional sich unterwerfend ist. Liza wird zu einer Verräterin an Dana, weil sie neidisch ist. Das sie eine Frau der eigenen Rasse an einen weißen Mann verrät, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Rufus ehemaliger Freund und später Leibwächter Nigel versucht trotz der eigenen Gefangenschaft zwischen den beiden Lagern auch zu vermitteln. Auch wenn Rufus sein Herr ist, ist Nigel der einzige Mann, der einen gemäßigten Einfluss auf ihn hat und gleichzeitig auch gegen Ende der Geschichte pragmatisch emotionslos handelt. Sarah ist die Köchin, die Dana auf der einen Seite schikaniert, sie auf der anderen Seite auch bewundert. Auch ihre Kinder sind verkauft worden und diese Drohung hält das innere Feuer in ihr unter Kontrolle. Wahrscheinlich würde sie am liebsten alle Weißen auf dem Hof vergiften.    

Neben den dreidimensionalen Charakteren ist die Interaktion zwischen ihnen ein herausragendes Merkmal, nicht nur in diesem Buch, sondern in Octavia Butlers ganzem Werk. Es sind zwei gemischtrassige Paare – der Begriff Paar ist in der Konstellation Alice/ Rufus allerdings mit Vorsicht zu verwenden -, die den Kern der Geschichte und damit die Basis für eine Auseinandersetzung mit den Themen Sklaverei und sexuelle Dominanz bilden.  Dana und Kevins Basis ist die Gegenwart. Nicht alles ist perfekt, aber Dana kann relativ frei (bestimmt) in den USA leben. Sie liebt Kevin und Kevin liebt sie. Dana ist allerdings auch selbstbewusst, will nicht zu sehr in eine finanzielle Abhängigkeit Kevins rutschen und versucht für ihre Schriftstellerei das Geld selbst zu verdienen. In der Vergangenheit wäre ihre Schwester im Geiste Alice der entsprechende Gegenpol. Sie wird von Rufus zwar körperlich dominiert und sexuell ausgenutzt. Aber sie unterwirft sich im niemals. Dabei zeichnet Octavia Butler Rufus als einen ambivalenten Charakter, der auch fürsorglich sein kann. Rufus denkt, dass er Alice liebt. Er weiß, dass sie ihn hasst. Aber er kann nicht über seinen Besitzanspruchschatten springen und Alice als vollwertigen Menschen anerkennen. Er ist neidisch auf die Beziehung, die Dana und Kevin haben. 

Sklaverei als eine Symbiose ist ein fast ketzerisches Thema. Aber Octavia Butler macht deutlich, dass vor allem im 19. Jahrhundert diese vorherrschte. Die Plantagenbesitzerdominierten ihre gekauften Sklaven, fühlten sich als Mitglieder der Herrenrasse ihnen überlegen, missbrauchten die Frauen sexuell und zeugten sogar mit ihnen Kinder, die sie als Druckmittel verwandten.  Als Handlanger fungierten manchmal auch Farbige, deren Bestrafungen der Sklaven grausamer gewesen sind als es die Weißen vollzogen haben. Beispiele finden sich ausreichend in dieser Geschichte. Aber vor allem die Baumwollplantagen  im Süden konnten ohne die Sklaven nicht betrieben werden. Nach dem Bürgerkrieg zeigte sich das deutlicher denn je. 

Rufus und Dana sind auf eine perverse Art und Weise auch voneinander abhängig. Trotz seiner Undankbarkeit rettet Dana Rufus im Laufe der Handlung viermal das Leben. Das letzte Mal, als es nach der Geburt ihrer Vorfahrerin nicht einmal mehr nötig gewesen ist. Dana muss Rufus retten, damit sie selbst in der Zukunft leben kann.  Diese gegenseitige Abhängigkeit bricht erst in dem Moment, in dem Rufus Alice durch Dana sexuell ersetzen möchte. In der Gegenwart leben Dana und Kevin auf Augenhöhe. Das betrifft auch den Sex. Dana unterwirft sich Rufus Willen bis zu einem gewissen Grad, um Ziele zu erreichen. Aber diese Schwelle überschreitet Rufus schließlich und muss dafür final bestraft werden.

Das Thema Sklaverei und Unterdrückung,, das Ermorden von mehr als zehn Millionen Farbigen während der Sklaverei geht Octavia Butler durch die intime Ich- Erzählung drastisch an. Schon der erste Satz des Romans, in dem die Ich- Erzählerin davon berichtet, dass sie ihren linken Arm verloren hat – nicht als Folge der Folter in der Vergangenheit, sondern durch eine „Panne“ während ihrer Rückreise, deren Details im letzten Absatz der Vergangenheitsebene erläutert werden – legt den Inhalt der Geschichte fest und offenbart die Wechselwirkung zwischen Dana und Rufus. In einem späteren Interview mit Randall Kenan im Frühjahr 1991 geht Octavia Butler auf diese Szene, dieses Trauma auch: 

      "I couldn't really let [Dana] come all the way back. I couldn't let her return to what she was, I couldn't let her come back whole and [losing her arm], I think, really symbolizes her not coming back whole. Antebellum slavery didn't leave people quite whole.“

Octavia Butler hat unter anderem in Maryland für das vorliegende Buch recherchiert. Sie hat sich an der Autobiographie Frederick Douglass orientiert, welcher der Sklaverei entkommen ist. Auch wenn der Roman über einige drastische Szenen verfügt, ist er weder sexuell expliziert noch wird das Auspeitschen der Sklaven (inklusive Dana) voyeuristisch ausgewalzt. Die heutigen Leser auf die Thematik aufmerksam zu machen, sie aber nicht schockierend zu brüskieren, hat Octavia Butler anscheinend einen literarischen Mittelweg gewählt. 

Octavia Butler hat sich bemüht, ein lebendiges, durchaus auch kritisches Bild der damaligen Lebensumstände zu zeichnen, ohne in stereotype Muster zu verfallen. Das zeigt sich auch bei den dominanten Weytons, deren Brutalität und Sadismus ihre menschlichen Schwächen und im Falle Rufus auch seine Unsicherheiten demonstriert, die es ihm nicht ermöglichen, mit einer Frau auf Augenhöhe zu kommunizieren. Auch die Kälte

seines Vaters wird später durch seine Krebserkrankung, durch einen im Zeitraffer stattfindenden Verfall vor der immer wieder auftauchenden Dana – stolz und anscheinend nicht gealtert – relativiert. Im Sterben sind alle Menschen gleich.

„Vom gleichen Blut“ ist wahrscheinlich der frühe Höhepunkt in Octavia Butlers Schaffen. Auch wenn sie sich in verschiedenen Büchern immer wieder mit den Themen Geschlechterkampf; sexuelle Selbstbestimmung, Rassismus, Religion als Manna für die Massen und schließlich auch Frauen vor starken Herausforderungen auseinandergesetzt hat, ist diese eindringliche Science Fantasy Geschichte mit einer Ouboros Schlange als Symbol des ewigen  Kreislaufs ihr bester Roman. Zeitlos, schockierend, die Geschichte nicht verklärend und doch auch optimistisch (allerdings aus den siebziger Jahren) in die Zukunft (der USA) schauend.      

 

Vom gleichen Blut. ( Science Fiction) : Amazon.de: Bücher

  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3404240421
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3404240425
  • Bastei Verlag
  • 380 Seiten