
Uwe Posts vierter Roman „Sterne in Asche“ ist natürlich keine klassische Space Opera, aber inhaltlich auch nicht so überdreht wie der mit dem Deutschen SF Preis und dem Kurd Lasswitz Preis ausgezeichnete Roman „Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes“. Interessant ist, dass im Gegensatz zu seinen nicht selten satirisch überzeichneten Kurzgeschichten es in Uwe Posts Romanen immer um passiv oder aktiv Bewegung geht. Entweder handelt es sich um Quests oder wie in diesem Fall Fluchtbewegungen. Seine Figuren müssen sich bewegen und innerhalb des Kreislaufes dieser nur selten wirklich zu den angestrebten Zielen führenden Reisen erleben sie verschiedene Abenteuer, Begegnungen anderen Menschen und Wesen. Durch diese nicht selten aus Episoden aufgebaute Struktur seiner Bücher erhält sich der Autor seine in der Kurzgeschichte liegenden Stärken und kann gleichzeitig ein mehr ambitioniertes Szenario entwickeln. Das Risiko trotz seiner Umfangtechnisch zugänglichen Romane besteht in der unterschiedlichen Qualität der einzelnen Begegnungen und der Versuchung, auch manches Klischee ein wenig verfremdet in die Handlung einzubauen, da der Leser nur wenige Seiten weiter wieder mit neuen Ideen konfrontiert wird.
Mit bis zu fünf Handlungsebenen beginnt Uwe Post seinen Roman, wobei der Klappentext von den schrumpfenden Sternen, den vorzeitigen Supernova Sonnen oder den unbewohnbar werdenden Planeten nicht nur den Hintergrund stimmungstechnisch überzeugend bildet, sondern vom Leser als eine Art roter Faden zu verstehen ist. Wie in seinem letzten Roman spielt ein Jugendlicher am Wendepunkt seines bisherigen Lebens eine gewichtige, in diesem Fall aber nicht entscheidende Rolle. Ketz ist mit seinen neunzehn Jahren ein Sportstar in einer sich rasant ändernden Welt. Ballblazing wird kurz von Uwe Post beschrieben. In diesem Spiel ist Kretz ein Champion, auch wenn er sich zu Beginn des Romans mit einem Unentschieden gegen einen Außenseiter auf einer abgeschiedenen Welt zufrieden geben muss. Als er den Planeten verlassen will, stellt er fest, dass aufgrund der verlöschenden Sterne alle normalen Raumflüge gestrichen worden sind und er quasi am Rande des bekannten Universums festsitzt. Ganz bewusst ist Uwe Post mit Kretz als Identifikationsfigur des Lesers auch Risiko eingegangen, das auch seinen Vorgängerroman auszeichnete, aber auch belastete. Kretz ist keine sympathische Figur. Natürlich ist neunzehn – in einem bewohnten Universum vielleicht auch ein relatives Alter ? – Jahre alt für echte Lebenserfahrung nicht ausreichend. Er ist nicht volljährig und darf deswegen nur mittels eines Tricks alleine durch das All reisen. Seine Selbstreflektionen wirken vor allem zu Beginn extrem gestelzt und erscheinen wie die Quadratur des Kreises. Trotz seiner vielen Ideen ist die Entwicklung von glaubwürdigen Charakter noch eine Schwäche von Uwe Post. Es ist natürlich ein schmaler Grad, auf dem sich der Autor bewegt, aber als Figur wirkt der Jungstar nicht unbedingt sympathisch oder trotz des Chaos um ihn herum verloren. Ein weiteres Problem zeigt sich im Verlaufe von Kretzs Reise zusätzlich. Er stolpert in zu viele Klischees wie das Kennenlernen einer attraktiven wie fremden Außerirdischen, mit der er erst Sex hat, um dann die Ehe eingehen zu müssen. Wie oft hat der Leser das schon in anderen, deutlich niveauärmeren Werken gelesen und wie selten hat ein Autor aus diesem klischeehaften Szenario wirklich etwas Originelles gebaut. Gegen Ende des Buches scheint Uwe Post diesen Dreh hinzubekommen, aber insbesondere im ersten Drittel des Buches fordert er auf der persönlichen, emotionalen Ebene die Geduld seiner Leser förmlich heraus.
Vielleicht ist es Absicht, dass die Kretz Handlungsebene die Fragen aufwerfen soll, welche der zweite relevante Spannungsbogen beantworten sollte, aber es nicht zufrieden stellend genug tut. Das zweibeinige Tintenfischwesen Bwsoll ist ein klassischer Fangirl, das sofort aufbricht, um ihren auf einem exotischen Planeten festsitzenden Kretz zu retten. Dabei muss sie schwierigen Zwischenhändlern trotzen, die ihr ohne Papiere Raumschiffe verkaufen oder vom Leser erwartete Gefahren umschiffen. Gegen Ende des Romans steht ihr persönliches Schicksal in einem engeren Zusammenhang mit dem Geschehen, aber ihre Reise ist auf der einen Seite deutlich zugänglicher beschrieben worden als Kretzs Exkurse, auf der anderen Seite ist es Uwe Post gelungen, eine fremdartige Kreatur irgendwie „menschlich“ und doch anders zu beschreiben. Um diese beiden sich sklavisch aufeinander zu bewegenden Punkte herum hat der Autor eine Reihe von Nebenhandlungen angesiedelt, die den Leser allerdings teilweise auch unnötig fordernd den Hintergrund der Geschichte erläutern sollen.
Gegen den chronologischen Erzählstrang verläuft der Spannungsbogen mit dem bestraften Mitglied einer Gruppe von Hackern. Anfänglich irritierend und niemals so wie erwartet ins Detail gehend wirkt dieser Handlungsabschnitt teilweise wie eine zu offensichtlich prüfende Provokation des Lesers. Das Durchbrechen von strukturierten Ordnungen, den Mosaikanarchismus seiner Romane unterstreichend versucht der Autor anscheinend gegen die beiden oben erwähnten, stringent angeordneten Spannungsbögen zu argumentieren und den Hintergrund wieder verschwommener als notwendig erscheinen zu lassen. An der Grenze zur Überambition wird der Leser ohne Frage herausgefordert, wobei eine hintergrundtechnische Verstärkung der nicht selten fragmentarisch und sprunghaft erzählten „Reisegeschichte“ von Kretz und Bwsoll „Sterne in Asche“ abgerundeter hätte erscheinen lassen.
.Neben den Trivia, die nicht selten in ihrer Irrelevanz zum Schmunzeln animieren, sind es die kleinen Nebenkriegsschauplätze, die wie in „SchrottT“ den kompakten Roman umfangreicher und vielschichtiger erscheinen lassen. Nicht immer offensichtlich versucht der Autor auch in einer Space Opera Exzesse der Gegenwart, Fehlentwicklungen und vielleicht auch politische Absurditäten bloß zu stellen. Dabei ist es wichtig zwischen Ursache und Wirkung zu differenzieren. Die Intentionen des Autoren sind klar erkennbar. Nur zeigen sie manchmal zu wenig Wirkung. Wie in „SchrottT“ reicht das Aufzeigen dieser Exzesse für eine Kurzgeschichte ohne Frage aus, im Roman erwartet der Leser den notwendigen Schritt mehr. Während „Symbiose“ als Erstling mit teilweise unnötigen Ideen förmlich überfrachtet erschien, hat Uwe Post diese angenehme Balance zwischen Handlung und Hintergrund im ausgezeichneten „Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes“ am Besten getroffen. Ausgestattet mit einer zugänglichen Identifikationsfigur und einem surrealistisch erscheinenden Phänomen wirkte dieser Roman fließender und natürlicher. „Sterne in Asche“ ist der nicht immer gelungene, aber für seine Ambitionen hervorzuhebende Versuch, mehr als weniger zu präsentieren. Auf der anderen Seite ist Uwe Post aber inzwischen als Romanautor sehr gereift, das er sein Szenario positiv abschließt. Die gegen laufende Handlung als eine Art Trigger funktioniert in sich geschlossen und mit den beiden Reisenden sowie ihrer Ambitionen – Flucht in die Zivilisation und eine klassische Rettungsmission - verfügt das Buch über zwei in einer für den Leser greifbaren Realität angesiedelten Grundankern. Der Hintergrund ist ohne Frage exotisch. Uwe Post ist ein klassischer Ideenautor, dem der Geistesblitz teilweise positiv gesprochen wichtiger ist als eine abgeschlossene Umsetzung. Seine Leser müssen insbesondere im Vergleich zu seinen deutlicher von akzeptablen Pointen lebenden Kurzgeschichte nachdenken. Damit stehen sie nicht auf der gleichen Ebene wie seine Figuren, die aufgrund ihrer verschiedenen Reisen zu Handlungen und vor allem Reaktionen, aber nur selten Aktionen gezwungen werden. Diese Widersprüchlichkeit macht den Reiz seiner Romane aus. Im Falle von „Sterne in Asche“ kommt allerdings nicht immer positiv als herausforderndes Element die Eingangs schwerfällige Entwicklung des Szenarios mit fehlenden, wirklich irgendwie sympathischen oder nur zugänglichen Protagonisten hin. Das erste Drittel des Romans ist ohne Frage überambitioniert gestaltet und phasenweise hat der Leser die Befürchtung, als werde der Autor Uwe Post von seinem eigenen Szenario erdrückt, bevor er im deutlich kompakteren und interessanteren, weniger verspielten als in sich entwickelten Mittelteil die verschiedenen Plotebenen ausrichtet, sich aber gegen Ende weigert, alle Antworten selbst zu liefern, sondern seine Leser mit fast sadistischem Vergnügen selbst suchen lässt.
Wie seine bisherigen Romane ist „Sterne in Asche“ alles andere als eine nihilistische Space Opera, als der Versuch das Ende des bekannten Universums in Bilder ohne Worte zu fassen. Während der herausfordernden Lektüre ist es stellenweise nicht das große Ganze, das fasziniert, sondern sind es die Details, die animieren, die manchmal zu komplizierte, aber nicht immer komplexe Lektüre fortzusetzen und am Ende Zufrieden gestellt, aber auch intellektuell herausgefordert eine ungewöhnliche, eine eben für Uwe Post typisch andere Geschichte gelesen zu haben.
Atlantis- Verlag
