Lübecker Blut

Christiane Güth

Christiane Güths „Lübecker Blut“ ist ein seltsamer Kriminalroman. Sie bemüht sich, neben der Zeichnung der ehemaligen Königin der Hanse ein neues natürlich konträres, aber zueinander findendes Ermittlerduo zu etablieren, einen spannenden Fall zu beschrieben und schließlich mit einigen eher metaphysischen Kommentaren den Leser abzulenken. Als Ganzes funktioniert die Mischung aber nicht so gut.

Als die junge Kanadierin Jett Eiden gerade in Lübeck angekommen ist und während sie auf ihren Großvater Kurt wartet, den sie noch nie gesehen hat, wird vor ihren Augen in der örtlichen Buchhandlung die Chefin des Ladens erschossen. In Zwischenkapiteln beobachtet die Tote das Geschehen und kommentiert trotz ihres sozialen Engagements die Entwicklungen fast gehässig zynisch von jenseits des Grabes, bis sie schließlich Frieden schließen kann. Bedenkt der Leser zusätzlich das Motiv, dann erscheinen diese Zwischenkapitel nicht nur irritierend, sie sind im Grunde überflüssig.

Da Jett als Zeugin in diesen Mord einbezogen worden ist, verläuft die erste Begegnung mit Kurt nicht optimal. Kurt selbst ist von seinem neuen, jungen ehrgeizigen Vorgesetzten zum Aktensortieren degradiert worden. Fast die Grenze zum Ruhestand erreichend lebt er in seinem kleinen Haus in einer ruhigen Straßen Lübecks und lebt für die Doppelkopfrunde am Dienstag, an der neben dem Kioskbesitzer sein Nachbar und eine ihn still heimlich liebende Polizeisekretärin teilnehmen. Kurt ist ein alter Knauserer, der am liebsten nichts verändert haben möchte. Seine Fähigkeiten als Polizist erscheinen eher eingeschränkt und wenn er wirklich einmal erfolgreich gewesen ist, so muss das lange her sein. Als Ermittler macht er auch im Verlaufe des vorliegenden Falls mit seinem Amateurteam einen eher schlichten bis schlechten Eindruck, die moderne Technik ignorierend und ansonsten eher auf verlorenem Posten. Das die Täter sich eher auffällig bis dumm verhalten, kommt ihnen entgegen. Jett dagegen möchte Feuer und Flamme nicht nur den Fall lösen, sondern in Lübeck studieren und am liebsten bei ihrem Großvater leben. Dieser ist nicht unbedingt begeistert. Das ausgerechnet Kurts Vorgesetzter ihr charmant den Hof macht, trägt nicht unbedingt zu einer Verbesserung der zwischenmenschlichen Atmosphäre bei. Auch Jette trägt ihr Päckchen. Sie ist nicht ganz freiwillig nach Deutschland gekommen und wird von einem ehemaligen Freund verfolgt. Sie hat ihm ein Drogengeschäft versaut und jetzt hätte er gerne sein Geld wieder. Diese Nebenhandlung wird abschließend relativ schnell und im Grunde effektiv aufgelöst. Alleine das sich Jette nicht mit ihrer Mutter – ehemalige Hippietante und inzwischen Besitzern eines Wellness Hotels-  versteht, hat dazu geführt, dass dieser Handlungsbogen überhaupt hoch gekocht ist. Als Kanadierin dient sie dem Lübeck unerfahrenen Leser als Reisebegleitung. Es werden einige der Spezialitäten dieser Stadt wie die Gänge, die Trave oder auch das Holstentor sowie mit einem Ausflug nach Pelzerhaken die Schönheiten der Ostsee gestreift. Wer sich in Lübeck auskennt, wird sehr viel wieder erkennen und auch die Geographie stimmt. Wer aber die Stadt noch nicht kennt, wird angesichts der auf die Namen folgenden teilweise doch ein wenig dürftigen und von wenig Atmosphäre begleitenden Beschreibungen nicht viel mit dem Charme der Stadt anfangen können. Wie vieles an „Lübecker Blut“ ist die Grundidee gut, aber die Umsetzung eher schlecht.

Jette und Kurt kommen anfänglich gar nicht miteinander zurecht. Dabei geht es über den Generationenkonflikt hinaus. Christiane Güth legt hier auch mit den Ebay Versteigerungen und der Möglichkeit, dass Jette sich auf diese Weise Geld für andere Zwecke besorgt, einige offensichtliche Lunten, die im Schlusskapitel nach der Ende gut, alles Gut Mentalität begradigt werden. Trotz oder gerade wegen ihrer unterschiedlichen Mentalitäten mit Kurt als dem distanzierten Großvater, der aus seinen engen Bahnen nicht ausbrechen kann, müssen sie sich in diesem Fall zusammenraufen. Auch wenn das Ende mit der Irrfahrt durch die Nacht Spannung erzeugt und insbesondere Kurt seinen kühlen Kopf behält, wirkt es abschließend zu aufgesetzt und wird zu abrupt abgeschlossen, als das es den eher schwachen Kriminalfall noch retten kann.

Auch die Sekretärin mit dem Herz aus Gold und einer langen Anhimmelung des eher distanzierten Kurts ist ein weiteres Klischee, das zu einem Happy End am Ende des Buches ausgerechnet in dem Moment führt, in dem Kurt das Zusammenleben mit der jungen Generation nicht nur akzeptiert, sondern auch gutheißt. Der erste leibhaftige Auftritt von Kurts Schwiegertochter und Jettes Mutter wirkt dagegen aufgesetzt und soll eher die Soap Elemente Seiten füllend dieses Krimis verstärken. 

Da wäre die Problematik mit dem Schönling Goran als Vorgesetzten, der über Kurt als Versager an der Front herzieht, sich selbst aber als arroganten und egoistischen Blindgänger präsentiert, der alle Hinweise ignoriert, weil seine Theorie in den Geist der Zeit passt. Natürlich muss ein Autor inzwischen eine Art Kontrastpunkt setzen, um das private Vorgehen der so exzentrischen wie teilweise auch liebenswert überzeichneten Ermittlergruppe zu rechtfertigen, aber dabei muss auch die Balance zwischen Realismus und vielleicht satirischer Überzeichnung von Unfähigkeit in Uniform bewahrt werden. Das ist hier nicht der Fall.

Vor allem hinsichtlich Gorans Zeichnung und seinem auffälligen Lebensstil bei einem kleinen Beamtengehalt trotz des Hintergrunds einer fleißigen Familie von nach Deutschland gezogenen Kroaten hätte ausgebaut werden können. So wird nicht zum ersten Mal im Leser Misstrauen gesät, das die Autorin nicht bis zum letzten Aspekt durchspielen möchte. Das die bisher als bodenständige, eigenständig dickköpfig beschriebene Jette auf einen derartig schmierigen  Typen ein zweites Mal nach ihren Erfahrungen in Kanada hereinfällt, erscheint unwahrscheinlich. Wenn es Teil ihres Langzeitplans gewesen sein sollte, die Reputation Kurts in der Behörde zu schützen, wird dieser Boden eher zu wenig nachhaltig vorbereitet. 

Kritisch gesprochen wird der Fall für die Leser knapp nach der Mitte des Buches durch das intensive Betrachten der Videoaufnahmen in der Lübecker Bahnhofsbuchhandlung gelöst. Das Motiv wird durch das Mitschneiden eines Gesprächs und einfache Aktenkunde auch gleich mitgeliefert.

Wie es sich für diese Art von Krimis gehört, hängt der zweite Fall- eine Diebstahlserie in Travemünde – doch mit dem Mord in der Buchhandlung zusammen. Dazu kommt eine Explosion in Kücknitz. Anscheinend hat sich der Dieb dort sein Warenlager angelegt. Selbst Phantomzeichnungen scheinen Kurts Vorgesetzten nicht davon zu überzeugen, in die eine Richtung zu ermitteln, während die vier Verschwörer mit dem kauzigen, auf Bahncard 50 in und um Lübeck reisenden Rentner immer der Polizei einen Schritt voraus sind. Wie schon angedeutet geht es in der zweiten Hälfte des Buches nur noch darum, den eigentlichen Täter bzw. dessen Helfer zu stelle, wobei hier der Spieß umgedreht wird. Schaut man sich rückblickend den Fall und vor allem die Lokalität an, dann hätte die einführende Tat komplett abgeschlossen werden können, bis die geschockten Zeugen reagieren. So wird absichtlich an der Spannungskurve gedreht, wobei das wenig effektiv ist. Auch wie der Täter schließlich gestellt wird, widerspricht einem erfahrenen Polizisten wie Kurt, der es weniger mit einem professionellen Killer als einem Straffälligen zu tun hat.

Zusammengefasst kann die Autorin durch das kontinuierlich stoische Einhalten eines Tempos und vor allem das Aufdecken zu vieler Spuren keine echte Spannung aufbauen. Das Motiv des Mordes ist wie angedeutet nach der Hälfte des Buches durch das intensive Auswerten der Videobänder zumindest dem Leser, aber noch nicht den Amateurermittlern und vor allem der in dieser Hinsicht anscheinend vollkommen dummen Polizei bekannt, so dass es nur noch um das Finden des Täters geht. Hier macht sich die Autorin es nicht nur zu einfach, sondern fügt ihrem Buch keine wichtige Komplexität hinzu. Als Reisebuch ist „Lübecker Blut“ – der Titel ist auch irritierend, da es auf geheimnisvolle Verbrecherorganisationen oder historisch bedingte Entwicklungen hinweist – ebenfalls zu oberflächlich geschrieben, so dass insbesondere erfahrene Krimifans eher enttäuscht als fasziniert werden.    

Ullstein Verlag

  • Kriminalroman
  • Taschenbuch
  • Broschur
  • 288 Seiten
  • ISBN-13 9783548286198
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