
Michael Fisher spricht in seinem kurzen Nachwort über das umfangreiche Werk seines Vaters. Mehr als sechshundert Kurzgeschichten und mehr als einhundert Romane, dazu eine Reihe von Drehbüchern unter anderem auch für zwei Bogart Filme. Steve Fisher ist nicht nur ein erfahrener Autor, sondern in seinem 1958 veröffentlichten Spielerroman „No House Limit“ wird nicht nur der Geist eines noch expandierenden Las Vegas aus der Historie heraus lange vor Martin Scorseses Gangsterepen beschrieben, sondern dieser kompakte Roman mit einer Handvoll von nicht unsympathischen, vom Leben gezeichneten Außenseitern hätte auch als Film mit Bogart in der Hauptrolle des dynamischen, ehrgeizigen, aber in seinem Herzen auch einsamen Joe Martin sehr gut funktioniert. An manchen Stellen erinnern die pointierten, sehr konzentrierten Dialoge auch an „Casablanca“ und diese vom Leben getriebenen Menschen, die für kurze Zeit in dem Casino und nicht mehr in „Rick´s Bar“ eine Heimstatt, vielleicht sogar eine Heimat gefunden haben. Im Gegensatz allerdings zu „Casablanca“ ist sich der Autor bewusst, das der später aufkommende Fatalismus der sechziger und siebziger Jahre nicht gänzlich passend ist. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten präsentiert er ein erstaunliches Happy End, in dem viele der Protagonisten in einem Moment der Ehrlichkeit ihre Maske fallen lassen; den Mut haben, sich der Wahrheit zu stellen und bereit sind, ein neues Leben zu beginnen.
Dabei ist der Plot vielschichtiger als es ein typischer Spielerroman sein muss. Das finale Duell kommt aus dem Nichts und überraschend. Bis dahin agiert der vom Syndikat angeheuerte Bello alle stoisch wie eine Maschine am Würfeltisch und zieht dem Besitzer des Casinos Joe Martin das Geld aus der Tasche. Es bleibt die Frage offen, ab welchem Moment der Short – die auf mehr als 2 Millionen Dollar wachsende Spielschuld der Casino Bank - nicht mehr einlösbar ist. Von Beginn an ihr klar, dass das Syndikat Joe Martins unabhängiges, von ihm geführtes und über Anteile mit seinen Angestellten verbundenes Casino auf die harte Tour übernommen werden soll. Joe Martin wartet wie ein Revolverheld auf den ersten Zug des Gegners. Dieser findet in unterschiedlichen Formen statt. Falsche Chips von den eigenen Angestellten in Umlauf gebracht. Unruhe unter den Angestellten durch plötzlich auftauchende falsche Würfel in Verbindung mit der Ankunft Bellos mit einer attraktiven Freundin. Gleichzeitig verliebt sich die unschuldige und unscheinbare Lehrerin Sunny in Joe Martin und lenkt seine Aufmerksamkeit auf ihn. Könnte sie trotz ihrer Vorgeschichte auch ein Teil des Komplotts sein.
Die Faszination dieses Buches entspricht einem Revolverduell. Die Pfosten sind gesetzt. Bello spielt einsam gegen die Bank an seinem Tisch. Mit nur wenigen Pausen, die Joe Martin auch nutzt, um eine Stunde zu schlafen. Es kommt lange nicht zum direkten Duell dieser beiden so ungleichen und doch emotional leicht verletzbaren Männer. Joe Martin ist in einer klassischen Zwickmühle. Er weiß wie alle anderen inklusiv seines Sicherheitschefs, dass Bello mit Mr. Willy, den Handlanger des Syndikats spielt. Er hat ihm kein Houselimit an seinem Tisch zugesichert. Also kann er unbegrenzt spielen. Selbst als die falschen Würfel von den eigenen Angestellten auftauchen, kann er nicht eingreifen. Ein Beenden des Spiels bedeutet in dem arroganten Las Vegas einen Gesichtsverlust, den er nicht mehr ausgleichen kann. Bello weiß das. Er kann nur die Grenze seines Gegners nicht abschätzen. Kontinuierlich werden die Summe nach oben getrieben, wobei jeder kleine Verlust Bellos wie ein Pyrrhussieg gefeiert wird. Erst am Ende kommt es zum direkten Duell zwischen Joe Martin und Bello, das plötzlich aufgrund der hohen Einsätze schneller zu Ende ist als es der Aufbau des Romans verspricht. Es ist nicht unspannend, aber Filme wie „Cincinnati Kid“ oder später „Der Clue“, Bücher wie der ebenfalls in der Hard Case Crime Reihe veröffentlichte „Casino Moon“ haben eindrücklicher bewiesen, wie man die Sucht erregende Faszination des Glücksspiel in eindringliche Bilder packt. Aber die Idee des „Alles oder Nichts“ ist ein Aspekt des Romans, der sich mit der Unerbittlichkeit eines Metronoms durch den Roman zieht.
Viel interessanter sind die einzelnen Figuren, die Steve Fisher teilweise mit wenigen Zügen eindringlich und eindimensional erschafft. Da wäre Bello, über den der Leser im Grunde am wenigstens erfährt. Er ist einer der besten Spieler der Welt, auch wenn er dem Glück der Würfel und nicht der Taktik am Pokertisch vertraut. Er hat sich um eine gefallene junge Frau gekümmert, die er eifersüchtig hütet, auch wenn sie ihm überdrüssig geworfen ist. Er ist ein Profi, der seinen Auftrag erfüllt. Emotionen sind ihm dabei fremd. Es ist nichts Persönliches und im Grunde muss er auch niemanden seine Klasse beweisen. Er bricht am Ende auch nicht zusammen oder wird vernichtet. Für ihn ist es ein Spiel, für das er bezahlt wird und in dem er nichts im Grunde verlieren kann. Verluste deckt das Syndikat, sein Einsatz ist alleine Zeit. So bleibt Bello bis auf zwei/ drei Szenen, in denen er absichtlich provoziert und auch seinem Rhythmus gerissen wird, für den Leser ein Chiffre, ein Schmelztiegel des distanzierten Spielers.
Sein Gegenpol ist im Grunde zwei geteilt. Da wäre neben Joe Martin auch sein Sicherheitschef Sprig. Sprig liebt nicht nur seinen Job, er hat auch Anteile an Casino und er verehrt Joe Martin. Er ist Vaterfigur und paranoider Kontrolleur zugleich. Er sucht immer den Hinterhalt, die Falle. Auf der anderen Seite ist er auch Opportunist und will anderen Menschen im Rahmen seiner Möglichkeiten helfen. Er ist der weitschauende Planer, der schließlich die Vielschichtigkeit des Syndikatsangriffs erkennt. Erstaunlich dreidimensional gezeichnet überrascht Steve Fishers im letzten Viertel des Romans seine Leser mit einem plötzlich Ausbruch ungewöhnlicher Gewalt, der von Bello initiiert schließlich Joe Martin auch aus seiner Paralyse weckt. Steve Fisher zeigt an Sprig eine ungewöhnliche Pflichterfüllung und vor allem auch eine erstaunliche Unabhängigkeit. Joe Martin und Sprig begegnen sich im Grunde auf Augenhöhe. Beide Männer hat das Leben gezeichnet und Sprig ist im Vergleich zum wankelmütigen und müde erscheinenden Martin auch bereit, sein Casino, seine Heimat bis zum Äußersten zu verteidigen.
Der Musiker Mal könnte eher aus einem David Goodis Streifen stammen. Er spielt am Klavier. Er ist ausgesprochen talentiert, will seine eigene Musik produzieren. Die Plattenstudios wollen aber nur seine Stimme und nicht seine Texte. Mal ist für die melancholische Stimmung der Geschichte zuständig. Er ist der Katalysator, der mit seiner Aufmerksamkeit zu Bellos Freundin dessen stoische und fast mechanische Vorgehensweise beim Ausnehmen des Casinos ins Schwanken bringt. Gegen seine Überzeugung lässt er sich für eine persönliche Mission anheuern. Dabei erkennt er seine Gefühle für Bellos Freundin. Es ist eine von zwei nicht kitschigen Romanzen dieses Buches. Mal ist nicht unbedingt ein klassischer Verlierer, er ist der Realist dieses Dramas. Auch wer die Fassade eines eher sadistisch veranlagten Hochstaplers durchschaut, fühlt er sich an sein Versprechen gebunden. Srpig schafft es, ihn aus seiner Austernschale zu ziehen, auch wenn er es fast gegen seinen eigenen Willen macht. Zwischen Hoffnung und Verzweifelung ist er einer der vielen talentierten Musiker, der wie die Starlets auf dem Weg zum Ruhm bzw. Hollywood gestrandet ist. Aber Mal ist vielleicht die dreidimensionalste Figur des Buches. Wie Sprig ist er hinter seiner traurigen distanzierten Fassade ein ehrlicher Charakter, der zu größeren Opfern bereit ist als der eindimensionale Joe Martin, dessen erste Geliebte immer sein Casino sein wird. Mal glaubt nicht an die Liebe auf dem ersten Blick und doch begegnet sie ihm irgendwie. Im Gegensatz zu vielen anderen Figuren dieses dramaturgisch geschickten aufgebauten Stücks ist er menschlich, verletzlich und damit auch zugänglich. Er ist der Erste, der sich verändern will und dazu bereit ist, mit Einschränkungen die Brücken abzubauen.
„No House Limit“ ist kein klassischer Thriller. Auch das eigentliche Verbrechen – die Übernahme des Casinos durch ein Syndikat – spielt sich fast in Zeitlupe ab. Der minutiös angelegte, auf verschiedenen Ebenen in der Theorie funktionierende Plan zerfällt abschließend in dem Augenblick, in dem sich die Opfer aus dem Labyrinth zu befreien sucht. Aber wie sich die Puzzleteile vor allem dank der überzeugenden, immer dreidimensionalen emotionalen Ebene zusammensetzen und wie effektiv Steve Fisher alle Figuren wie Marionetten reagieren, aber zu wenig agieren lässt, überzeugt nicht zuletzt durch seinen stringenten, nicht absichtlich zynischen, sondern pointierten und sehr direkten Stil. Wie „Casino Moon“ – ein anderes Drama über die Existenzen im Schatten der glitzernden Casinos – geht es dem Autoren um die Menschen und das Casino wird mehr und mehr zu einem Damoklesschwert, zu einer Art MacGuffin, immer präsent und doch irgendwie nicht gänzlich greifbar.
Hard Case Crime, Taschenbuch
224 Seiten
July 2008
ISBN: 978-0857683496
Cover art by Richard B. Farrell
