Das öde Land

John Brunner

Im Original heißt der Roman „To Conquer Chaos“ und stammt aus dem Jahr 1964. In den sechziger Jahren hat sich John Brunner als Autor von ausgesprochen geradlinigen, mit einem hohen Tempo ausgestatten Science Fiction Romanen etabliert, die nicht selten die Klischees des Genres wie der Kontrast zwischen einer primitiven menschlichen Zivilisation und fremden Wesen sowie unverständlicher Technik mindestens originell behandelten. Den Büchern fehlt die Tiefe seiner späteren experimentellen in den siebziger und achtziger Jahren veröffentlichten Arbeiten, aber auch heute noch lassen sie sich kurzweilig lesen.

In England veröffentlichte John Brunner die Geschichte ein Jahr vorher als Fortsetzungsroman im Magazin „New Worlds“.

Der Roman erschien zweimal auf deutsch. 1964 als Terra Taschenbuch 102 unter dem Titel „Die Wächter der Sternstation“. Dieser Titel gibt einen wichtigen Aspekt des Plots zu früh und zu offensiv preis.

1981 überarbeitete John Brunner den zugrundeliegenden Plot und veröffentlichte das Buch wie einige andere seiner Werke neu. Der Heyne Verlag publizierte das Buch in einer neuen Übersetzung – dieses Mal von Irene Holicki und nicht mehr wie beim Terra Taschenbuch dem allgegenwärtigen Wulf H. Bergner – unter dem deutlich passenderen Titel „Das öde Land“ neu. 

Der Plot spielt etwa 400 Jahre in der Zukunft. Die menschliche Zivilisation ist zumindest in der Gegend um „das öde Land“ in die Primitivität zurückgefallen und hat überwiegend seine technischen Wurzeln vergessen.  Mitten in dieser archaischen, aber seine in kleinen Siedlungen und Städten auf einem mittelalterlichen Niveau sich befindlichen Erde gibt es das angesprochene „öde Land“.  Eine Wüste, die quer zu durchqueren ist. Dabei steht sich John Brunner ein wenig selbst im Wege.  14 Tage durch die Wüste sind mit entsprechenden Vorräten vielleicht nicht mit einer Armee, aber zumindest einigen Leuten zu schaffen. An keiner Stelle zieht der britische Autor in Betracht, dass in der Gegenwart wie auch seiner Zukunft Menschen ja sich den gleichen Herausforderungen stellen müssen… siehe die Wüsten Afrikas. Daher wirkt dieses Element eher pseudodramaturgisch und dient dazu, die Anzahl der Freiwilligen auf genau „zwei“ im Laufe des Buches zu reduzieren.

In der Mitte der Wüste soll es einen seltsamen, anscheinend technischen Ort zu geben. Von dort kommen immer wieder Monstren derartig unterschiedlicher Art, dass sie nicht in dem öden Land „geboren“ sein können. Einige Überleben und bedrohen die kleinen Dörfer im Randgebiet, die sich als eine Art Wächter sehen. Andere sterben von selbst in dem für sie nicht verträglichen Klima.

John Brunner geht den Plot von zwei Seiten an. Auf der einen Seite ist der Herzog Paul, der mit einer kleinen Armee direkt in diese Zone verstoßen möchte, um das Geheimnis zu klären. Er ist ein den Umständen entsprechend relativ modern denkender Mensch, der mit den abergläubischen Dorfbewohnern nichts anfangen kann. Aber selbst in den Reihen seiner Offiziere gibt es Zweifler. Interessant ist, dass John Brunner Herzog Paul quasi scheitern lässt, um den „Primitiven“ die Möglichkeit zu geben, über sich hinaus zu wachsen und das Geheimnis zu lüften. In den meisten seiner Bücher hält der Autor nicht viel von klassischen Autoritäten. Wie Philip K. Dick sieht er in ihnen paranoid und skeptisch Kontrollorgane. Warum soll es in einer mittelalterlichen Welt anders sein?

So ist es der talentierte Seifenmacher eines in der Nähe liegenden Dorfes, der fast widerwillig zum Helden und die Erde in einer der stark konstruierten abschließenden Wendungen mit neuem „Leben“ füllen wird.  Er ist eine Art Aschenputtel. Sein Vater ist ein Trinker und plündert immer wieder die Einnahmen, die der junge wie verliebte Mann durch das Seifemachen verdient. Er liebt ein junges Mädchen, ist aber für die zänkische Mutter nicht standesgemäß genug.  Fast tragischen Slapstick erreicht der Spannungsbogen, als er in der Wüste eines der Monstren töten kann. Als er die Dorfbewohner als Zeugen seiner Heldentat heranholt, will der anreisende Herzog seine Männer mit dem toten Monster überzeugen, dass ihr Aberglaube übertrieben ist. Folglich wird das Monster abtransportiert und er steht wieder als Narr da.

Dadurch kommt es schließlich zur mittelbaren Begegnung zwischen den beiden männlichen Protagonisten. Die Expedition in die Wüste und schließlich zu deren Geheimnis nimmt einen erstaunlich schmalen Raum im ganzen Roman ein. Vor allem in der ersten Hälfte etabliert John Brunner die verschiedenen Szenarien und nimmt sich die Zeit, ein wenig ironisch die primitiven sozialen Verhältnisse in den Dörfer zu analysieren. Das wirkt wie Slapstick und die Sorgen/ Nöte des jungen Mannes mit den künstlerischen Fähigkeiten könnten auch aus einer Soap stammen, aber John Brunner flechtet die klassische klischeehafte „Coming of Age“ Story solide in den Handlungsbogen ein.

Der Berater des Herzogs Jervis Yandermann ist eine Art Mittler zwischen der Primitivität dieser Welt und einer besseren Zukunft.   Zusammen mit dem Seifenmacher, der über eher ambivalent beschriebene PSI Fähigkeiten als Art Traumvisionen plötzlich verfügt, erreichen sie ihr Ziel.

Der Handlungsbogen wird ein wenig abrupt beendet und das ausgerechnet ein Seifenmacher den im übertragenen Sinne Schlüssel in der Hand hält, den die Wärter vergessen haben, wird zu wenig extrapoliert. Viel interessanter sind die sozialen Probleme. Nicht nur in diesem Roman setzt sich John Brunner mit einem eingeschränkten Genpool auseinander, welche für die abgeschottet in der Wüste lebenden Wächterkaste mehr und mehr zu einem Problem wird. Um ihre Aufgaben zu erledigen, müssen sie sich vermehren. Auf der anderen Seite beginnt sich Widerstand in der jüngeren Generation zu regen, wobei es ironischerweise ausgerechnet eine junge Frau ist, die ihren Zugesprochenen als abstoßend empfindet, während der junge Seifenmacher ja seine Geliebte nicht aufgrund der renitenten Stiefmutter –in-Spe heiraten darf.

Zehn Jahre später wird John Brunner diese These eines eingeschränkten Genpools in dem beim Bastei Verlag veröffentlichten Roman „Das Geheimnis der Draconier“ auf eine intellektuell sehr viel mehr Zufrieden stellendere Spitze treiben. 

Aber John Brunner verpackt noch eine für die britische Science Fiction klassische „Quatermass“ Idee in seinen Handlungsbogen. Anscheinend stammen nicht nur Monstren von den Sternen, sondern eine Krankheit ist ebenfalls zur Erde transportiert worden und hat die meisten Menschen getötet. Die Krankheit ist immer noch aktiv, wie der Herzog und seiner abergläubischen Männer teilweise am eigenen Leib erleben.  Wahrscheinlich beeinflusste Nigel Kneales berühmte Fernsehserials John Brunner in diesem Punkt seines Handlungsbogens, wobei der Brite die Idee noch in der Hinsicht überspitzter darstellt, in dem er die Stimme der „Vernunft“ an der Krankheit ein wenig theatralisch sterben lässt. Für aufmunternde Worte, den eingeschlagenen Pfad fortzusetzen, ist allerdings noch Zeit.  

Vor allem in struktureller Hinsicht hat John Brunner den Plot noch einmal für die angesprochene Neuauflage überarbeitet. Die Protagonisten erscheinen ein wenig abgerundeter und einige der Ecken/ Kanten hat John Brunner geglättet.  Aber auch die ursprüngliche Fassung hat ihren Reiz.  Ambitionierter und ein wenig experimenteller, motivierter und manchmal auch ein wenig belehrend erscheint sie ein wenig lebendiger und nicht so routiniert wie John Brunners spätere, allerdings qualitativ hochwertigere Arbeiten. 

Viele klassische Ideen sind in den geradlinigen Stoff eingeflossen und werden auf unterschiedlichen Handlungsebenen mit ein wenig geheimnisvollen Andeutungen auch über fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch zufriedenstellend erzählt.     

gebrauchtes Buch – Brunner, John – Das öde Land

Heyne Taschenbuch, 219 Seiten 

ISBN 9783453010130

Übersetzung Irene Holicki