Die ersten Zeitreisen

Reinhard Heinrich & Erich Simon

1977 veröffentlichten Reinhard Heinrich und Erik Simon mit „Die ersten Zeitreisen“ eine literarische Spielerei, die im Mantel eines fiktiven Sachbuchs als „Beilage zum Lehrbuch der Grundlagen der Temporalistik“ daherkommt. Mit der 14. Auflage des fiktiven Lehrbuchs wahrscheinlich im Jahre 2477 stellten die beiden Lehramtsinhaber aus dem Bereich der Temporalistik und der Timothy Traveller Preisträger im Grunde eine semirealistische Geschichte des wissenschaftlichen Zeitreisens zusammen, mit spielerisch wie verspielt eigene Regeln aufstellt und diese buchstäblich auch wieder auf den Kopf stellt.

 Den Auftakt mit „Die dritte Zeitreise des Timothy Traveller“. Widmet sich auch H.G. Wells Timothy Traveller träumt davon, seinem Idol zu begegnen, als er den ersten Teil von „Die Zeitmaschine“ gelesen hat, dem später ja das bekannte Werk der Zukunftsreise folgte. Die beiden Autoren exerzieren an dieser Geschichte die Parameter des Genres durch. Was war zuerst? Die Henne oder das Ei? Hat Traveller schließlich H. G. Wells frustriert und verhindert, dass „Die Zeitmaschine“ in ihrer ursprünglichen Fassung überhaupt erschienen ist? Hinzu kommt die Frage, ob alleine das Auftauchen einer Geburtsurkunde Travellers ausreicht, um diese wilde These zu begründen.

 In den nächsten beiden miteinander verbundenen Geschichten geht es um eine eher wissenschaftliche Vorgehensweise hinsichtlich der Zeitreise. Während die Expedition in die Steinzeit inklusiv des Schutzes der Ureinwohner wenig interessant erscheint, ist es die Idee, das Zeitreisende unsterblich sein müssen, weil sie ja quasi vor ihrer eigentlichen Zeit leben und die Reisedauer relativ ist, welche vor allem dem ersten ein wenig stereotypen Teil einen besonderen Reiz gibt. Im zweiten Abschnitt während der Rückreise inklusiv der Nutzung des Katastrophenschalters verbinden die Autoren Mythen und Legenden mit den Zeitreisenden. Auch wenn es auf den ersten Blick absurd erscheint. Dieser Abschnitt wirkt deutlich lebendiger und spannender, das Ende ist pointierter und vor allem auch weniger belehrend.   

 Mit der wahrscheinlich fünfzehnten und sechzehnten Zeitexpedition geht es um die Terrasse von Baalbeck. Auch wenn die Struktur aller Geschichten relativ gleich ist und die Autoren auf eine pseudowissenschaftliche Extrapolation Wert legen, die schließlich nicht nur im Absurden, sondern in sich selbst erfüllenden Prophezeiungen enden, wirkt die Mischung aus historischen Fakten oder Legenden wie der fliegende Holländer oder Atlantis faszinierend. Die einzelnen kleinen Kapitel oder besser Absätze sollen den Texten einen erhabenen Eindruck verleihen, wobei die Inhalte mehr und mehr skurriler werden und die Verzweifelung der Wissenschaftler ausdrücken, mit der neuen Forschungswunderwaffe Zeitmaschine die letzten vor allem historischen Geheimnisse zu klären. Natürlich ist das Gegenteil der Fall.

 Aber die Terrassen von Baalbeck verfügen über einen weiteren Subplot. Bürokratisch ist das „Bestellen“ einer Zeitmaschine durch das Ausfüllen nicht nur zahlreicher Formulare, sondern das Beantworten von widersprüchlichen Fragen. Hinzu kommt, das ausgerechnet die Entstehung dieser Terrassen als eine Art Anti Erich von Däniken Konstellation zu politischen Streitereien und vor allem die Bildung zweier Parteien geführt hat, die gemeinsam jetzt ein Geheimnis aufklären sollen. Die zahlreichen fruchtlosen Versuche, hinter das Geheimnisse der Bauten quasi wären der Entstehung zu kommen, sind wunderbar beschrieben. Die abschließende Lösung pragmatisch. Aber sie reiht sich in den Kontext dieser verschiedenen Zeitreisegeschichten oder besser begleitenden Forschungsstudien ein.

 Ergänzend kann die Suche nach Atlantis verstanden werden. Hier treffen verschiedene Mythen aufeinander, wobei der Bogen von Helgoland über Kreta bis nach Spanien geschlagen wird. Interessant ist dabei, dass der Forscher eigentlich gar kein Interesse hatte, mehr als eine anstrengende Zeitreise zu unternehmen. Er wird quasi von seiner Umwelt gezwungen, nicht nur die eigene aufgestellte These zu beweisen, sondern die Gegner mit ihren Ideen mundtot zu machen. Das erweist sich nicht als ganz so einfach, weil sie vielleicht recht haben könnten. Wie die einzelnen Ideen zusammenfließen und wer letzt endlich den Anstoß für die erste Expedition gegeben hat, kann der aufmerksame Leser dank seiner Vorkenntnisse anderer Arbeiten sehr viel schneller erkennen als die Autoren sich erhoffen oder vielleicht glauben. Aber das fiktive Hintergrundwissen wird in dieser Geschichte effektiver in den Handlungsverlauf eingebaut, dazu kommt, dass man mit dem zerstreuten Professor über eine klassisch klischeehafte Figur verfügt, die nur scheitern muss. Andere Protagonisten wie der sich sein eigenes Forschungsgrab grabende Traveller wirken bemühter charakterisiert und deswegen vielleicht auch distanzierter.

 Bei der Suche nach mindestens einem echten Atlantis greifen die Autoren mehr auf eine direkte Erzählung zurück. Während die anderen kürzeren Texte vor allem pragmatisch stoisch den fiktiven Sacherzählungscharakter in den Mittelpunkt der Geschichte stellen, unterhalten die Wortgefechte bis zur handgreiflichen Auseinandersetzung durch die doppeldeutigen wie pointierten überdurchschnittlich gut.

 Die Zeitwilderei deutet sich in den letzten Expeditionsberichten mehr und mehr an. Privat gebaute Zeitmaschinen unterschiedlicher Qualität bedrohen die Vergangenheit, obwohl der Logik des etablierten Universums zu Folge Veränderungen in der Vergangenheit Auswirkungen direkter oder wie in diesen Berichten auch auf selbst befruchtender Art und Weise Inspirationen bieten. Auf jeden Fall sollte der linear verlaufende Zeitstrom irgendwo zwischen verändert, gebogen oder gar umgeleitet erscheinen. Daher stellt sich die Frage, ob die Herstellung von Zeitmaschinen und deren Einsatz wirklich so effektiv beobachtet und analysiert werden kann, da die neuartig geschaffene Zeitpolizeitruppe ja immer aus einer subjektiven Perspektive schaut. Die Inspektionsreise oder die Suche nach potentiellen Zeitbanditen erreicht weder sprachlich noch inhaltlich die herausragenden Exkurse des Timothy Travellers oder die Suche nach irgendeinem Beweis für die Existenz von Atlantis an einen nachvollziehbaren Platz. Schade ist, das ausgerechnet diese Episode das meiste Potential aufweist, das vor allem in der vorliegenden Berichtsform eher sperrig bis konstruiert daherkommt. Das verschenkte Potential wird auch nicht durch das mit einem Augenzwinkern geschriebene natürlich fiktive Nachwort zu einem fiktiven Begleitband eines nicht existenten Lehrbuchs ausgeglichen.

 Viele der „Schicksale“ oder literarisch historischen Bezüge werden in Anhängen erläutert, wobei die Autoren hier mit einem deutlichen Augenzwinkern auch Schindluder mit den eigenen Ausgangslagen treiben und vor allem einer im Haupttext vorhandenen Erklärung noch eine absurdere wissenschaftliche fundierte Fußnote hinzufügen wollen. Das wirkt an einigen Stellen ein wenig zu bemüht, funktioniert aber durchgehend mindestens zufrieden stellend.

 Peter Muzeniek hat die einzelnen Geschichten inklusiv des Titelbildes in Form von surrealistisch wirkenden Collage begleitet. Sie erinnern ein wenig an die Arbeiten Thomas Frankes, mit denen dieser vor allem die Kurzgeschichten Manfred Borchards visualisierte.

 Aus heutiger Sicht ist „Die ersten Zeitreisen“ ein Kuriosum erster Güte. Mit hintergründingen Anspielungen gespickt, einem Augenzwinkern geschrieben und vor allem durch die so stoisch starre Erzählstruktur wieder belustigend empfiehlt es sich, die einzelnen wie ein Fugenroman bedingt zusammenhängen Berichte verschiedener Zeitreisen nicht als Block zu lesen, sondern in Abschnitten mit zeitlichen Unterbrechungen zu goutieren. Dadurch verliert der Leser die verschiedenen nicht immer plakativen Hinweise der beiden Chronisten Reinhard Heinrich und Erik Simon nicht zu sehr aus den Augen. 

 

 

Verlag/Jahr/Seiten: Das neue Berlin [DDR] / 1977 - 150 Seiten
Reihe: Kompass-Bücherei 224 [642 466 9]