Uwe Anton leitet mit seinen sehr emotionalen Worten diese besondere Philip K. Dick Anthologie ein. Nach dem Tod des Autoren Anfang der achtziger Jahre besuchte Uwe Anton unter anderem die Wohnungen, in denen Dick in den USA lebte, sprach mit seiner ehemaligen Frau und versuchte sich ein persönlicheres Bild des amerikanischen Autoren zu machen. Dabei kam ihm die Idee, Geschichten zu sammeln, die nicht wie sonst in Dicks verschiedenen Welten spielen, sondern Philip K. Dick oder erkennbare Inkarnationen des Amerikaners in den Mittelpunkt der Plots stellen. Paul O. Williams als dessen Freund und Nachlassverwalter führt diesen Gedanken noch weiter aus, in dem er deutlich macht, dass Dick nicht nur mit seinem besonderen Werk zu einem Synonym des Genres geworden ist, sondern als Mensch/ Persönlichkeit die Grenzen des eigenen Werkes überschritten hat, um quasi ein eigenes „Werk“ zu gründen.
Philip K. Dick selbst ist mit dem Treatment eines Drehbuchentwurfs für die amerikanische Fernsehserie „The Invaders“ vertreten. Zusammen mit „The Prisoner“ die wahrscheinlich paranoideste Genrearbeit im Fernsehen. „Warnung: wir sind eure Polizei“ nimmt Aspekte aus „Eine andere Welt“ vorweg. David Vincent scheint endlich auf seiner Flucht vor den Invasoren und auf der Suche nach Verbündeten auch eine außerirdische Polizeitruppe auf sich aufmerksam gemacht zu haben, die ihm gegen die Invasoren helfen soll. Wie es sich für Dick gehört, ist nichts, was es scheint. Eine Zwiebelschale nach der Anderen wird geschält. Fürs Fernsehen vielleicht ein wenig zu aufwendig ist, ist die Geschichte eine perfekte Paranoiageschichte, welche vor allem „The Invaders“ der zweiten Staffel auf eine höhere intellektuelle Ebene gehoben hätte.
Der Kurzgeschichtenteil besteht aus Nachdrucken überwiegend angloamerikanischer Autoren zu diesem Thema und einer beträchtlichen Anlass Erstveröffentlichungen, die von Uwe Anton mit „Willkommen in der Wirklichkeit“ angeführt werden. Kendrick lebt in einem kleinen verschlafenen Nest und arbeitet als Arzt. Eines Abends kehrt er von der Arbeit zurück und findet seine Stadt menschleer vor. Auf der Suche nach Erklärungen verliert er mehrmals das Bewusstsein, wird anscheinend überfallen und natürlich von den plötzlich doch in dem Ort lebenden Einwohnern nicht erkennt. Das Ausgangsszenario ist ein klassischer Dick und Uwe Anton baut lange Zeit die Spannungskurve konsequent auf, bevor er sich zu einer „Total Recall“ Lösung entschließt und das Ende zu offen gestaltet.
Ronald M. Hahn mit seiner frechen Schreibe, immer am Rande des subversiven Blödsinns, aber voller Anspielungen auf eine Reihe von Science Fiction Schaffenden ist in den neunziger Jahren entstanden. Wer heute „Philip K. Dick ist tot und lebt glücklich und zufrieden in Wuppertal- Vohwinkel“ liest, wird erkennen, wie Hahn damals sicherlich satirisch, heute eher nachdenklich eine soziale und soziologische Strömungen überspitzt extrapoliert hat, die in abgeschwächter Form inzwischen Realität sind. Die Begegnung zwischen dem Erzähler und der vermeintlichen Dick inklusiv der zynischen Pointe ist der Höhepunkt dieser bitterbösen Abrechnung nicht nur mit dem Genre, sondern auch den Menschen, die verzweifelt die Wirklichkeit portraitieren wollen, ohne das es dafür in ihrem Kreis Leser gibt. Ronald M. Hahn teilweise überzogener Slapstick Stil unterminiert aber eine Reihe von sehr wichtigen Ansätzen dieser kurzweiligen wie zeitlosen Geschichte. Und wer möchte nicht nach der Lektüre im Bahnkreis der Schwebebahn in Wuppertal- Vohwinkel leben ?
Philip K. Dick Zwillingsschwester ist sehr jung verstorben. Dieses Ereignisse hat einen mittelbaren Einfluss unterschiedlicher Art auf die beiden Kurzgeschichten von Michael Iwoleit „Das PKD- Projekt“ und Horst Pukallus „Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen“. Beide Geschichten haben wie Ronald M. Hahns Text auch Bezüge zur Science Fiction, wobei Michael Iwoleit am Ende ebenfalls den Bogen zur Science Fiction Times schlägt. Horst Pukallis greift auf den streitbaren und geschäftstüchtigen Hugo Gernsback zurück.
Während Pukallus Geschichte von Beginn an in einer exzentrischen extrovertierten Parallelwelt spielt und wie eine frühe Steampunkarbeit wirkt, baut Michael Iwoleit seine Welt deutlich subtiler auf. Der Besuch des Gerichtsvollziehers und ein einfacher Türschildertrick, um ihn in die Irre zu führen, ist der Auftakt eines Plots, der Philip K. Dicks bürgerliches Leben zum Mittelpunkt hat, nachdem er nicht an Stelle seiner Schwester früh gestorben ist.
Horst Pukallus Text setzt erst nach Dicks Tod ein. Reinkarnationen – siehe auch Richard A. Lupoff Interpretation dieses Thema in Form digitaler Armbanduhren – können wie Alpträume tief sitzende Schrecken verursachen.
Michael Iwoleit und später Richard A Lupoff nehmen den vorliegenden Text abschließend als Sprungbrett für eine noch zu schreibende Geschichte, während Horst Pukallus seine Story in Feuer und Flammen enden lässt.
Gero Reimanns Opernerzählung „Vom Leben und Sterben eines gottlosen Gnostikers“ vereint eine Reihe von Zitaten nicht nur aus Dicks Werk, sondern auch dem Sonderband der Science Fiction Times, die in verschiedenen anderen Beiträgen deutscher Autoren eine Hintergrundrolle spielt. Palmer Eldrich führt den gerade verstorbenen Philip K. Dick vom Dies- in das Jenseits. Neben den angesprochenen Zitaten setzen sich Eldrich als eine der letzten fiktiven Figuren, die Dick in seiner Spätphase erschaffen hat, und Dick nicht nur mit dessen Leben auseinander, sie philosophieren über den Inhalt von Dicks Romanen und versuchen eine Art Basis für das Leben im Jenseits zu finden. Nicht einfach, wenn der zu begleitende Mensch ein Science Fiction Autor und ein Zertrümmerer zahlloser Welten/ ebenen ist. Die Dialoge sind wie bei einigen anderen Geschichten dieser Anthologie ausgesprochen lebendig und Gero Reimann nutzt immer wieder die Zitate, um das zu Beginn eher existentielle Stillleben in die entsprechende Richtung zu treiben. Wie einige andere Storys leidet der Text abschließend aber unter dem zu offenen Ende. In diesem Fall wirkt sich das noch negativer aus, da Gero Reimann vor allem auf den ersten Seiten eine entsprechende Erwartungshaltung förmlich erschaffen hat.
Thomas Zieglers Novelle „Eine Kleinigkeit für uns Reinkarnauten“ schließt die Sammlung mit einem einzigartigen Höhepunkt ab. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren bemüht er sich lange Zeit gar nicht, auf Philip K. Dick zu verweisen, sondern nach einem auf dem ersten Blick mechanischen Finale dreht der Autor den Plot noch einmal subversiv und stempelt den begabten, aber emotional unterentwickelten, masochistisch veranlagten Reinkarnaut Valentin endgültig zum Verlierer.
Alle drei große Haupthandlungen spult der viel zu früh verstorbene Kölner in einer rasant wechselnden Reihenfolge ab.
In seiner Zukunft gibt es die Möglichkeit, reinkarniert zu werden. Und zwar so geplant, dass die Erben/ Freunde oder Geschäftsfreunde erahnen können, in welchem Baby der Geist wieder aufersteht. Zusammen mit einer Reihe von Erinnerungen, die aber erst nach und nach an die Oberfläche kommen. Thomas Ziegler beschreibt das eindrucksvoll an dem alten Astor, natürlich immer noch einer der reichsten Männer der Erde.
Die zweite Handlungsebene umfasst Zeitexperimente. Eines ist schief gegangen. Der Hausmeister am Institut für Reinkarnation ist ein Opfer geworden und lebt quasi rückwärts. Auch eine Idee aus einem der früheren Dick Romane.
Der dritte Handlungsbogen betrifft die Möglichkeit, eine Parallelwelt entweder zu erschaffen oder in diese einzutreten, in welcher im Grunde indirekt das dritte Reich mit einem besonderen Hitler wahrscheinlich den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat, weil es – so konträr es erscheint – keine Endlösung der Juden gegeben hat und diese sechs Millionen Menschen in der Militärmaschinerie bis zu ihrem „Tod“ eingesetzte worden sind.
Ein reicher sterbenskranker Industrieller will dieses Ziel mittels Valentin, dem besten Reinkarnauten und damit Begleiter der Sterbenden, erreichen. Vordergründig will er den Holocaust verhindern, was wiederum in einer von Thomas Ziegler provokant beschriebenen Szene, die Palästinenser auf den Plan ruft. Hintergründig geht es um die Übernahme eines verrückten Diktators natürlich in der Wiege.
Die Geschichte besticht durch so viele Ideen, die typisch für Dick sind und von Thomas Ziegler überzeugend extrapoliert worden sind, dass man sich förmlich nicht satt lesen kann. Valentin ist ein klassischer Opfer. Seine deutsche Frau will sich wegen seelischer Grausamkeit von ihm scheiden lassen. Nach deutschem Recht natürlich. Er ist pleite und muss sein von einer K.I. gesteuertes Appartement verlassen, obwohl er für alle Schäden aufgekommen ist. Ein intelligentes Robotertaxi wird umgeleitet und kann ihm nur beipflichten, das die Situation sehr gefährlich ist.
Wie perfide und intelligent die Falle über viele Jahre aufgebaut worden ist, erfährt der Leser immer auf Augenhöhe Valentins, der zum Täter und Opfer zu gleich wird. Allerdings schenkt ihm Thomas Ziegler im entscheidenden Moment eine Art Pyrrhussieg, denn von alleine hätte er sich fatalistisch seinem Schicksal ergeben. Auch diese Vorgehensweise findet sich nicht selten in Dicks Werk.
Der Humor schwankt zwischen subtil und provokativ. Thomas Ziegler streift in seiner Zukunftswelt alle in den achtziger und neunziger Jahren relevante Fragen und gibt im Grunde unangenehm direkte Antworten. Selbst dreißig Jahre nach ihrer Entstehung hat die Novelle nichts an Schärfe verloren.
Alle Figuren sind mit einer fatalistischen Liebe zum Details entwickelt worden. Im Mittelpunkt steht ein nicht nur für Dicks Werk typischer Verlierer allerdings mit einer einzigartigen Eigenschaft, die für alle andere zu einer Art Sechser im Lotto werden könnte. Nur für Valentin selbst nicht, der um seine gescheiterte Ehe trauert und sich weigert, zum eigenen Vorteil mit Prinzipien zu brechen.
Geprägt von einem hohen Tempo und einigen irrwitzigen Situationen ist „Eine Kleinigkeit für uns Reinkarnauten“ – eine Art geflügeltes Wort für Valentin – eine wunderbare Satire, eine respektvolle Hommage an Philip K. Dick und ein weiterer Beweis für Thomas Zieglers Fähigkeiten, aus einer Reihe von Versatzstücken etwas Originelles und ganz Eigenes zu erschaffen.
Michael Bishop hat über Philip K. Dick mit „Dieser Mann ist leider tot“ die ultimative und zeitlose Romanhommage verfasst. Seine Kurzgeschichte „Die Verwandlung“ – im Original fasst der Titel „Rogue Tomato“ das Geschehen perfekt zusammen – ist ein abstrakter Alptraum eines als gigantische Tomate im Orbit erwachenden Philip K. Dick, der sich auch gegen Tomaten liebenden Motten durchsetzt, um abschließend sein Sendungsbewusstsein zu entfalten. Michael Bishop spielt ein wenig zu sehr mit dem Plot und versucht zu viel in die kompakte Handlung zu packen, um wirklich überzeugen zu können. In dieser Hinsicht muss die längere Arbeit eher empfohlen werden.
„Das Mädchen mit dem Vita-Gel Haar“ von Thomas M. Disch ist nicht nur eine Satire auf die damals im Grunde noch in den Kinderschuhen stehende Manipulation der arglosen Konsumenten, sondern unterstreicht die fast kindliche Naivität Philip K. Dicks, der außerhalb seiner von ihm geschaffenen Romanwelten hilflos wirkt. Thomas M. Disch ist ein Autor, der pointiert und doppeldeutig, gleichzeitig aber auch sehr warmherzig schreiben kann.
John T. Sladek überspannt den Bogen ein wenig zu sehr mit „Der solare Schuhverkäufer“. Natürlich ist in dieser paranoiden Welt der zwei sich vordergründig bekämpfenden Großkonzerne, die hintergründig voneinander abhängig sind, nicht mehr der einfache Angestellte das, was er sein soll. Aber Sladek spannt den Bogen weiter und weiter, ohne wie bei Dick sympathische Verlierertypen zu entwickeln, die in diesem System automatisch zermahlen werden müssen.
Richard Lupoff ist einmal unter seinem richten Namen, ein zweites Mal unter dem Pseudonym Ova Hamlet vertreten. „Schmerz und Reue auf Rhesus IX“ ist eine klassische Dick Geschichte. Die Menschen sind im Grunde auf verlorenen Posten weit draußen im All. Sein Protagonist ist ein mehrfacher Verlierer. Geschieden, mit den Unterhaltungszahlungen im Rückstand, lebt von der Hand im Mund und sitzt auf einem der langweiligsten Posten dieser auf einer unwirtlichen Welt angesiedelten Kolonie. Wenn da nicht die grünen Ohren wären. Auch wenn die Pointe erkennbar ist, entwickelt Richard Lupoff mit seinem leidenden Statistiker einen so typischen Dick Verlierer, das der Leser nur auf seiner Seite sein kann. Und der kurze Ausbruch aus dieser Zwangslage kommt natürlich unmittelbar vor dem nächsten Fall.
In der zweiten Geschichte „Die digitale Armbanduhr des Philip K. Dick“ spielt der Autor Lupoff am Ende sogar mit. Dazwischen finden sich eine Reihe von irrwitzigen Dialogen. Philip K. Dich wacht nach seinem Schlaganfall in seiner eigenen digitalen Armbanduhr auf und beginnt mit anderen beseelten Gerätschaften zu philosophieren. Am Ende wählt Ricard A. Lupoff allerdings eine bekannte und eher mechanische Auflösung, aber vor allem die ersten Hälfte der Story gehört zu den Höhepunkten dieser Sammlung.
Nicht nur Philip K. Dicks literarischer Geist schwebt über Neil Fergusons „Der Mann aus der Zukunft“. Auch der Protagonist trägt diesen Namen, der von einem Mister Gold angeregt wird, seinen langweiligen Job zu verlassen und quasi eine Spur von Dick Romanen in der Welt zu hinterlassen. Vor allem regt diese Geschichte zum „Suchen“ der einzelnen Hinweise an. Das fast surrealistisch erscheinende Ende ist allerdings unbefriedigend, Philip K. Dick hätte für seinen Reisenden ein besseres Ziel ausgesucht.
Robert Silverbergs pragmatische Geschichte „Der Stellvertreter“ hat weniger mit Dick direkt, sondern mehr mit seinem Werk zu tun. Ein Junggeselle auf einer Expedition zu den mexikanischen Pyramiden wacht plötzlich mit einer Ehefrau und vor allem einem ganz anderen Leben auf. Die Idee ist nicht neu, aber Silverberg beschreibt anschaulich die Ängste und Nöte des aus seiner Welt verstoßenen Mannes, der ganz verzweifelt erst einen Weg zurück und anschließend eine gängige Lösung sucht. Dieser Aspekt ist gut herausgearbeitet und überzeugt durch den griffigen Lösungsansatz, der sich von vielen anderen Geschichten dieser Art unterscheidet.
Michael Swanwick „Die Verwandlung des Philip K.“ spielt wie Gero Reimanns Arbeit direkter mit entsprechenden Versatzstücken. Das große Problem ist die Tatsache, das Swanwick fast zu viele in seine Geschichten packen möchte. Mit Philip K. Dicks Tod bis zu seiner Transmigration, wie die Geschichte im Original impliziert, wechseln sich gut geschriebene Szenen und groteske Bilder förmlich ab, so dass kein echter roter Faden entsteht. Damit unterscheidet sich der Text vor allem von Dicks eigenen Arbeiten, in denen der Amerikaner den Leser verwirren und irritieren konnte, am Ende aber zumindest eine Erklärung bereit hält. Egal wie absurd sie erscheinen mag.
Norman Spinrad würdigt Dick expressiv in einer verbalen Spielerei, wobei er „Ubik does the Trick“ 1983 auf den ersten internationalen Science Fiction Tagen in Bergisch Gladbach vorgetragen hat.
„Willkommen in der Wirklichkeit“ ist auch knapp dreißig Jahre nach der Erstveröffentlichung eine der besten und interessantesten Anthologien, in deren Mittelpunkt mit Philip K. Dick ein geschätzter wie umstrittener Kollege gestanden hat. Anstatt seinem Werk nachzueifern, haben die Autoren eigene Wege gefunden und nicht selten den zu früh verstorbenen Amerikaner ausgesprochen effektiv in die Handlung eingebaut.

- SBN-10 : 3453042980
- Broschiert : 444 Seiten
- ISBN-13 : 978-3453042988
- Herausgeber : Heyne Verlag (1. Februar 1992)
