Tod eines Unsterblichen

Herbert W. Franke

Im Rahmen der Herbert W. Franke Werksausgabe legen die Herausgeber Michael Haitel, Ulrich Blode und Hans Esselborn einen Roman aus der mittleren Periode Frankes ergänzt um ein kurzes Essay neu auf. Der Roman erschien erstmalig 1982 im Suhrkamp Verlag, im Jahre 2014 noch einmal als E Book bei Heyne.

Hans Esselborn fasst in seinem kurzen Nachwort gut zusammen, dass Herbert W. Frankes literarisches Alter Ego Arvid auf seiner bizarren Odyssee allen wichtigen Themen aus Herbert W. Frankes Kosmos begegnet. Aber das Buch ist durch die Einteilung in drei große Kapital – Militär, Wissenschaft und Politik – noch viel mehr.

Auf den ersten Blick wirkt der Roman wie eine Farce. Der Neurologe Arvid wird mit einem eingefrorenen Körper eines wichtigen Wissenschaftlers zum Planeten Nathan 4 geschickt, wo seiner Meinung nach die wichtigsten Wissenschaftler in vollständiger Isolation, in einem klassischen Elfenbeinszenario ohne den Einfluss von draußen vorwurfsfrei und damit auch von allem ethischen Ballast befreit forschen sollen. Arvid verspricht sich von dieser Mission eine bessere Ausbildung in seinem speziellen Bereich.

Vom ersten Moment an geht im Grunde alles schief. Das Raumschiff landet nicht an der richtigen Stelle. Es ist vielleicht keine klassische Notlandung, aber von Ordnung auch keine Spur. Anstatt den in der Stasis „gefangenen“ Körper den Forscher zu übergeben, damit diese den Todkranken heilen können, landet Arvid in einer militärischen Sektion des Planeten und soll zum Soldaten ausgebildet werden. Niemand kümmert sich um Arvids Belange. Als Soldat vollkommen ungeeignet kann der verzweifelte Arvid nur durch einen Zufall der militärischen Zwangsversklavung entkommen, der sich viele Menschen auf Nathan 4 unterworfen haben.

Er landet kurzzeitig bei den Wissenschaftlern und im Grunde kommt er vom Regen in die Traufe.  Die Forscher interessieren sich im Grunde nicht für die Rettung des Tiefgekühlten. Viel mehr sind sie an den eigenen Experimenten interessiert und streben eine Kontrolle aller Menschen auf Nathan 4 an. Wie Voyeure beobachten sie alle Vorgänge und versuchen mittels Manipulation die menschlichen Versuchskaninchen in der isolierten Umgebung der auf dem Planeten befindlichen Station vor sich herzutreiben.

Arvid kommt in Kontakt mit der Untergrundbewegung. Beim Herumstreifen in der labyrinthischen Anlage erfährt Arvid, dass eine Rückkehr zur Erde verboten ist und ein Kontakt für den technischen Fortschritt der Menschen nicht nur auf Nathan 4 pervertiert kompliziert ist. Arvid hat mehr und mehr das Gefühl, dass Nathan 4 nicht die intellektuelle Wiege der Menschheit sein soll, sondern eine Art modernes Gefängnis, in das eine besondere Elite verbannt worden ist.

Herbert W. Franke lässt die Leser auch länger in dem mit seinem Werk einhergehenden Glauben. Vor allem in seinen ersten Romanen wie „Das Gedankennetz“ oder „Der Orchideenkäfig“ hat der Physiker sich immer wieder mit diesen Ideen auseinandergesetzt und aufgezeigt, wie gut die moderne Technik Menschen isolieren und über das Bewusstsein oder Unterbewusstsein manipulieren kann.

Von der kleinen Untergrundorganisation wird Arvid zurückgeschickt, damit sein Verschwinden nicht auffällt. Im Grunde kennt jeder den Neuankömmling, aber nicht vermisst ihn wirklich. Alle Begegnungen nach dem kurzen Aufenthalt beim Militär sind zufällig. Die Verantwortlichen scheinen erwartet zu haben, dass Arvid aktiv zu ihnen kommt. Dabei kann dieser sich kaum in dem gigantischen Rattenkäfig bestehenden aus unendlich langen Gängen, einheitlichen Zimmern und einer bizarren Disco orientieren.

Als er schließlich der politischen Ebene in Form des Leiters der Station Berthe begegnet, zerbricht seine Illusion vollständig.

In diesem Punkt versucht Herbert W. Franke fast ein wenig umständlich dem nicht unbedingt komplett passenden Titel des Buches gerecht zu werden. Grundsätzlich erscheint die Idee der Langlebigkeit interessant, aber der Ansatz, dass die Forscher aus einer statischen menschlichen Gesellschaft heraus isoliert werden müssen, widerspricht dem grundlegenden Gieransatz vieler Menschen in verantwortlichen Positionen. Sollte Frankes These stimmen, dann müsste es eine Elite geben, die rein logisch handelt und sich von den möglichen der Forschung nicht „kaufen“ lässt. Das erscheint aber auch hinsichtlich der Klontechnik absurd. Es wäre wahrscheinlicher und effektiver, dass die wahren Träger des Geheimnisses nicht hinsichtlich ihrer Störmöglichkeiten der statischen irdischen Gesellschaft auf Nathan 4 isoliert werden, sondern weil sie schlicht und einfach aufgrund ihrer Forschungen zu viel wissen und zu viel können.

Das würde die machtgierigen Politiker stören, die auf der Erde ohne das schlechte Gewissen der Forschung eben diese Elite still und heimlich vertreten können. Frankes These ließe sich in dieser Form nur akzeptieren, wenn die Menschheit vielleicht auch mittels künstlicher Intelligenzen eine tatsächlich absolut gleichberechtigte und damit idealisierte kommunistische Gesellschaftsform erreicht hätte, in welcher es eine Herrschaft aller gibt und keine politische oder wirtschaftliche Führung. Diese These würde allerdings nicht im Einklang mit dem auf Nathan 4 bestehenden Mikrokosmos stehen.

Auch das Ende mit der doppelten Täuschung hinsichtlich der Kassetten macht nur bedingt Sinn. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass der Institutsleiter Opfer der Untergrundbewegung geworden ist. Vielleicht gibt es noch eine dritte, bislang unbekannte Macht, deren Ziele sich während des Finals indirekt zeigen. Vielleicht ist der doppelt unterminierte Plan abschließend doch der richtige Ausweg. Franke entlarvt die Politik als ein System der Feiglinge, die mittels des Militärs eine Hierarchie des Schreckens aufrechterhalten haben. Wie in einer Diktatur fliehen sie vor der abschließenden Veränderung. Im Gegensatz zur irdischen Realität werden sie für ihre „Sünden“ konsequent bestraft. Damit schließt sich aber auch der gedankliche Kreis, dass die Politik niemals alleine der Wissenschaft eine derartige „Allmacht“ geschenkt hätte, ohne einen entsprechenden Preis zu verlangen oder gleichberechtigt zu sein. Eine mögliche soziale Unruhe hätte immer noch vom Militär kontrolliert werden können. Auch wenn diese Fehleinschätzung ein gängiges wirres Gedankenmodelle der Tyrannen, Diktatoren und manchmal nicht mehr demokratischen Politiker der Vergangenheit, der Gegenwart und wahrscheinlich auch der Zukunft sein wird.

Das Ende ist zwar auf der einen Seite konsequent und fatalistisch optimistisch zu gleich. Die Schleusen werden geöffnet und zumindest Nathan 4 kann der immer wieder beschworenen Stasis entkommen. Das Ende wirkt aber auch wie bei einigen anderen Romanen Herbert W. Franke konstruiert und damit nicht aus dem Plot heraus entwickelt.

Nicht selten sind die Wege in Frankes mahnenden Dystopien interessanter als die jeweiligen Ankünfte. Die seltsame, immer absurde werdende Reise Arvids folgt der Tradition klassischer Texte wie Joseph Conrads „Herz der Dunkelheit“, an deren Ende nicht die Erfüllung, sondern der Untergang steht. Getrieben von einer auf den ersten Blick schon fast unmöglich erscheinenden Mission versucht der treue Diener Arvid seinem im übertragenen Sinne Herren und eingefrorenen Schlüssel zu einer besseren Karriere Rettung zu verschaffen. Arvid durchlebt in wenigen Tagen viele Abschnitte eines ihm fremden Lebens. Im Grunde wird er von allen manipuliert. Vom Militär offen zu einem Mordwerkzeug gegen einen unsichtbaren Feind ausgebildet. Von einer der Frauen der Untergrundbewegung emotional. Von den an Voyeure erinnernden Wissenschaftlern und den Politikern intellektuell zu einer Art willigem Werkzeug reduziert. Arvid kann nur reagieren. Selbst der finale Aufstand gegen das System wird ihm suggeriert. Arvid ist von Beginn an ein klassischer Vertreter einer statischen und damit auch in Scheuklappen denkenden Gesellschaft. Ein Antiheld, ein durchgehend passiver Charakter.

Im Gegensatz zu den vielen nihilistischen Romanen aus der Feder Frankes lässt sich „Tod eines Unsterblichen“ auch optimistischer interpretieren. Im Angesichts des eigenen Todes öffnet einer dieser Unsterblichen die Pforten des stählernen Gefängnis und befreit damit die Menschen. Nathan 4 könnte als Mikrokosmos eine neue Chance für die hier angesiedelten Menschen sein. Mit dem Tod des „Alten“ bricht das „Neue“ aus.

Herbert W. Frankes Schwäche hinsichtlich der Charakterisierung seiner Protagonisten ist in dem vorliegenden Roman kein Manko, sondern unterstreicht die absolute durchgehende Planung dieser Klassengesellschaft mit ihren drei Kasten (Militär, Wissenschaft und schließlich Politik) ohne Fußvolk und den verzweifelten Weg, etwas Perfektes und damit Degeneriertes verzweifelt auszulagern.

 „Tod eines Unsterblichen“  ist auf der einen Seite eine Zusammenfassung einer Reihe klassischer Themen wie die Manipulation am Menschen, künstliche Intelligenz und vorläufiger virtueller Irrealitäten sowie eine Isolation des oder der Protagonisten; auf der anderen Seite ist es aber auch schon eine sehr kritische Auseinandersetzung mit einigen in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts immer akuter werdenden Themen wie der Verselbstständigung von Militär und Politik sowie den moralischen Konsequenzen von reiner Forschung um ihrer Selbst Willen.   

Herbert W. Franke
TOD EINES UNSTERBLICHEN
Science-Fiction-Roman
SF-Werkausgabe Herbert W. Franke, Band 15
hrsg. von Ulrich Blode und Hans Esselborn
AndroSF 80
p.machinery, Winnert, Monat Jahr, 186 Seiten
Paperback: ISBN 978 3 95765 216 4 – EUR 15,90 (DE)
Hardcover (limitierte Auflage): ISBN 978 3 95765 217 1 – EUR 25,90 (DE)
E-Book: ISBN 978 3 95765 878 4 – EUR 7,99 (DE)