Neil Clarkes Vorwort folgend sind die dunklen Wolken über dem Publikationshorizont immer noch nicht verschwunden. Während die drei großen Printmagazine Analog, Asimov´s und „The Magazine of Fantasy and Science Fiction inzwischen unter einem gemeinsamen Label erscheinen, ist die Generierung von Einnahmen für Online Magazine weiterhin schwierig.
Victoria Brun geht in ihrem Essay auf eine gänzlich unsichtbare Gefahr ein. Die Klimaveränderungen setzen Viren frei und Corona ist wahrscheinlich werde die erste noch die letzte Gefahr für Tier und Mensch. Die Autorin bleibt bei den Fakten und zitiert im direkten Vergleich zu früheren Essays keine Beispiele aus dem Genre.
Arley Sorg interviewt mit Ali Jiang und Natalia Theodoridou zwei junge Autorinnen, die vor allem Kurzgeschichten veröffentlicht haben. Insbesondere Alia Jiangs einflussreiche Begegnung mit dem geheimnisvollen Victor direkt aus einem klischeehaften Schnulzenroman wird dem Leser im Gedächtnis bleiben. Beide Autorinnen gehen ausführlich auf ihren bisherigen Werdegang, aber auch einflussreiche Vorbilder ein.
Insgesamt sieben Geschichten präsentiert der ansonsten launische April in „Clarkesworld“. Dabei handelt es sich nicht nur um Übersetzungen, sondern auch eine deutsche Autorin Sheri Singerling ist vertreten. Sie hat ihren Text selbst ins Englische übersetzt.
Samantha Murray eröffnet die Ausgabe mit „Through Those Moments, Darkly“. Jiayi ist eine dieser Wissenschaftlerin, die in der Theorie auf der Suche nach neuem Wissen über metaphorische Leichen gehen und damit die entsprechenden Risiken in Kauf nehmen. Dunkle Materie als eine Art MacGuffin, als Inbegriff einer fast suchterregenden Jagd auf die finalen Antworten und gleichzeitig auch ein Spiegelbild der eigenen Motive und damit auch der eigenen Vorgehensweise. Ganz bewusst erzählt die Autorin die Geschichte aus einer dritten Perspektive und bis zum pragmatischen wie konsequenten Ende werden nicht alle Punkte ausführlich diskutiert, sondern nur angerissen. Samantha gelingt eine überzeugende Ballance aus einem pseudowissenschaftlichen Vordergrund und der entsprechenden Liebesbeziehung zwischen Jiayi und dem Erzähler. Sie wird durch Jiayi Ehrgeiz getrübt, aber im Grunde kann sich der Erzähler dieser Faszination auch nicht entziehen.
„The Seed“ ist eine kurzweilige Geschichte über konstruierte Intelligenz als Gegenpol zu der klassischen, selbstlernenden K.I. Die Protagonistin stellt sich die Frage, ob diese künstlichen Schöpfungen zu menschlichen Regungen in der Lage sind. Können sie lügen? Täuschen? Manipulieren? Dienen ihre Ratschläge dazu, dem Menschen auf seinem Weg aus der eigenen ökologischen Selbstzerstörung zu helfen oder sind die Ziele andere? Die Geschichte spielt auf einem Wasserplaneten und die unter angemessenen, aber im Vergleich zur ehemals vorhandenen Technologie primitiven Verhältnissen lebenden Menschen finden einen Gegenstand im Wasser, der sich gegen die Vernichtung durch die Menschen zu wehren beginnt. Auch wenn die Autorin einzelne Klischees anspricht, gelingt es ihr sehr gut, die oben aufgeworfenen Fragen anzudiskutieren, ohne das es finale Antworten oder gar Lösungen gibt. Diese müssen sich die Protagonisten zusammen mit den Lesern selbst suchen.
Gordon Lis „Aegiopolis Testudo” ist eine bizarre Geschichte. Auf dieser Welt leben gigantische Schildkröten, auf deren Rücken sich das ganze Geschehen abspielt. Der Grundidee fehlt der Humor von Terry Pratchetts Scheibenweltgeschichten und der Leser wartet immer wieder auf einen humorvollen Moment, eine schräge Idee. Ein Mitglied des Forschungsteam beginnt sich als eine Art Parasit auf dem Schuldkrötenrücken zu sehen und hat ein schlechtes Gewissen, weil sein Arbeitgeber diese Tiere förmlich ausnutzt. Eine seltsame Begegnung zwingt ihn nicht nur, den bisherigen Status Quo zu hinterfragen, sondern neue andere Antworten zu suchen. Die kurze Story braucht einen Moment, um in Gang zu kommen. Die Fragen, welche sich der Protagonist während seiner Arbeit stellt, sind nicht ungewöhnlich, auch wenn am Ende der Hintergrund ein wenig spärlich entwickelt und die finale Pointe zu wenig überraschend erscheinen.
Aus dem Chinesischen ist Zhang Rans „Still Water“ übersetzt worden. Es ist die Geschichte einer Mutter, die ihrem Kind alles Gute wünscht. Die Mutter ist an einer Frühform von ALS erkrankt. Auf den zwei Handlungsebenen verfolgt der Leser die beiden Lebenswege von Mutter und Kind getrennt. Anscheinend wurde die Mutter geheilt. Auf eine interessante Art und Weise verknüpfen sich während des Finals die beiden Lebenswege und der Leser kann rückblickend das Geschehen aus einer gänzlich anderen Perspektive betrachten. Dabei handelt es sich auch um das einzige phantastische Element dieser Geschichte. Die Hauptcharaktere sind überzeugend gezeichnet und Zhang Ran verzichtet zu Gunsten einer nachvollziehbaren, emotionalen, aber nicht kitschigen Handlung auf eine Reihe von Klischees. Die Pointe ist – wie angedeutet – nicht nur kraftvoll, sondern in dieser Konstellation auch nicht erkennbar. Eine der besten aus dem Chinesischen übersetzten Geschichten der letzten Jahren im „Clarkesworld“ Magazin.
Auch in Carolyn Zhaos „Symbiotic“ geht es um die Verbindung zwischen zwei Menschen. Dieses Mal nicht Mutter und Kind, sondern Forschungsreisende. Gemeinsam untersuchen sie ein versunkenes Wrack, wobei sie dabei auf eine seltsame Kreatur stoßen, welche symbiotisch mit einem anderen Wesen verlinkt ist. Carolyn Zhao stellt sehr geschickt den Kontrast zwischen der intimen Arbeitsgemeinschaft der beiden Forscher, die wie ein Geist denken, und einer echten atypischen Symbiose gegenüber. Im Gegensatz zu „Still Water“ sind allerdings die einzelnen Protagonisten zu pragmatisch gezeichnet, die Handlung fließt in einem zu ruhigen Tempo und die Autorin hat die Angewohnheit, immer wieder nicht unbedingt notwendige Informationen einzustreuen, so dass selbst bei der Kürze der Geschichte der Plot aufgebläht und nicht aus sich selbst heraus entwickelt erscheint.
Thomas Ha gelingt es bei „In my Country“ einen ausgetretenen Pfad eines autoritären Regimes nicht in Gänge originell, aber mit neuen Ideen bestückt zu beschreiben. Die Herrscher wollen eine klare Sprache, direkte Anweisungen, während der Erzähler der Geschichte und damit auch die Bezugsperson des Lesers den gegenteiligen Weg geht. Er versucht unter dem Mantel der Klarheit seine eigene Meinung zu verstecken und so verklausuliert darzulegen, das nur wenige Menschen es „lesen“ können. Stilistisch ist diese Vorgehensweise eine Herausforderung und steht natürlich in einem klaren Kontrast zur Ansicht der Herrschenden. So clever diese Idee auch sein mag, sie schränkt den Kreis der Empfänger natürlich auch ein. Selbst der Leser hat Schwierigkeiten, zwischen den Zeilen zu lesen und er betrachtet das Geschehen aus einer natürlichen, wie auch sicheren Distanz. Wie aktuell die Geschichte ist, zeigen nicht nur die Entwicklungen in Russland oder China, sondern vor allem auch die Rückschritte in den USA mit der Tendenz, Geschichte umzuschreiben und die Universitäten zu drangsalieren. Und Thomas Has Protagonist hat eine Idee, die weit über den Horizont der Herrschenden vor allem in den USA hinausragt und zeigt, dass Stärke alleine nicht reicht. Thomas Ha präsentiert aber nur einen Pfad und keine finale Lösung, so dass diese Idee auch für einen Roman dienen könnte, in dem die Hintergründe des totalitären Systems und die Wechselwirkung der Nutzung von Sprache auf beiden Seiten noch ausführlicher entwickelt werden kann. Aber selbst in dieser kurzen Form eine lesenswerte, provozierende wie herausfordernde Geschichte.
Rich Larson schließt den April mit „An Ever Greater Cold to Come“ ab. Zwei Töchter verstecken sich mit ihrer Mutter in den Wäldern. Aus diesem klassischen Klischee entwickelt Rich Larson dank der guten Pointe eine nachdenklich stimmende Story, in welcher sich nicht zum ersten Mal in dieser „Clarkesworld“ Ausgabe die Perspektiven der Leser verschieben und rückblickend alles anders ist als es auf den ersten Blick scheint.
Beginnend mit einem stimmungsvollen Titelbild ist der April 25 eine der besseren „Clarkesworld“ Ausgaben mit überzeugenden, sozialkritischen Geschichten und einigen guten Wendungen bekannter Plot. Es empfiehlt sich, dieses Mal die Storys wirklich aufmerksam bis zum Ende zu lesen, denn das Auge des Betrachters ist viel wichtiger als der erste unbewusste Eindruck.

