Some Kind of Fairy Tale

Graham Joyce

In den letzten Jahren hat sich der Engländer Graham Joyce von einem reinen, manchmal auch atmosphärisch dichten, aber inhaltlich stereotypen Horror- Romanen zu einem der besten semiphantastischen Autoren der Gegenwart entwickelt. Wie Charles de Lint gelingt es Joyce, die reale und nur selten optimistische dem Leser vertraute Umgebung zu verfremden und auf eine geschickte, aber auch manipulierende Art und Weise zu extrapolieren. Wenn dann wie in „The Facts of Life“ autobiographische Aspekte in die Geschichte einfließen, entwickeln seine Plots ein dreidimensionales Eigenleben. Am Ende der Lektüre glaubt der Leser, dass es auch zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs Hexen gegeben hat, wobei das grausame Geschehen des Krieges den Glauben bzw. Aberglauben relativiert. Joyce Bücher funktionieren am Besten, wenn die phantastischen Traumwelten überzeugend beschrieben worden sind und der Bezug zur Realität nachhaltig herausgearbeitet worden ist. Hier liegt vielleicht auch die größte Schwäche des vorliegenden Romans begraben. Am Ende der Lektüre  glaubt der Leser nicht unbedingt an die Idee einer Feenparallelwelt, die nur über den alten Wald zu erreichen ist. Da die Beschreibungen sich bis auf den ominösen Verfolger – ein künstlich entwickeltes, bedrohliches Element, das zu wenig inhaltlich herausgearbeitet worden ist-  in Klischees erschöpfen, verschenkt Graham Joyce unglaubliches Potential. Akzeptabel ist noch die Idee, dass durch unterschiedliche Zeitabläufe aus sechs Monaten im Fairyland schließlich zwanzig Jahre in der Realität werden. Ansonsten leben und lieben die Fairies um einen als Orgasmusreflektor funktionierenden See herum. Freie Sexualität bis zu Gruppenorgien teilweise im Rauschzustand wird angeboten. Wenn Graham Joyce mit diesen Beschreibungen die Möglichkeiten implizieren wollte, dass die fünfzehnjährige Tara nach dem ersten Sex und der ungewollten Schwangerschaft inklusiv Abtreibung Schuldgefühle gegenüber einem hemmungslosen Treiben allerdings mit einem Rockmusik machenden Freund empfinden sollte und sich dieses märchenhafte, aber auch erschreckende Exil nur ausgedacht hat, dann verfehlt er mit diesem Abhandeln von Klischees die beabsichtige Wirkung.  Vor allem weil er diesen Spannungsbogen kontinuierlich durch den Besuch beim Psychiater, beim Zahnarzt und schließlich durch eine Krebserkrankung inklusiv ebenso schwacher Wunderheilung unter Selbstopferung unterminiert.

Die Stärken von Graham Joyces letzten Romanen bestanden in der Zeichnung von sympathischen, so durchschnittlichen Charakteren, die plötzlich mit etwas Unerklärlichen und im vorliegenden Roman auch Unerklärten konfrontiert werden.  In „Some Kind of Fairy Tale“ versucht er diese Idee noch zu untermauern und erscheint überambitioniert. Durch  die jedes Kapitel einführenden Zitate soll zusätzlich auf eine Historie von Elfen/Feenentführungen hingewiesen. Das selbst bodenständige Menschen wie Sherlock Holmes Vater Arthur Conan Doyle an diese Möglichkeit glaubten, wird zu wenig nachhaltig herausgearbeitet.  Hinzu kommt, dass Graham Joyce in der Struktur nicht gänzlich schlüssig operiert. Der im Hintergrund agierende nur auf den ersten Blick allwissende Erzähler wird insbesondere in der ersten Hälfte des Buches durch seine Handlungen definiert, während er in der zweiten Hälfte Zweifel an dessen Position und vor allem Identität aufbaut. Dadurch verschiebt sich auch der Fokus des eigentlichen Plots. Unabhängig von der unwahrscheinlichen Möglichkeit, eine phantastische Münchhausengeschichte von Tara präsentiert zu bekommen,  gibt es nur die Urban Fantasy Erklärung, dass die Feen die in dem Augenblick verzweifelte und selbstzweifelnde junge Frau wie der Prinz im Märchen auf weißen Ross zu sich geholt haben.  Warum stellt der Autor diesen Fakt nachträglich in Frage und entschärft seinen interessanten, durch wechselnde Perspektiven auch vielschichtigen Aufbau?

Trotzdem gelingt es ihm überwiegend, diese für ihn ungewöhnlichen Schwächen in der Struktur des Buches durch die Beziehungen der einzelnen Figuren miteinander auszugleichen. Anrührend ist die Geschichte von Taras Neffen, der auf die harte Tour lernt, dass jedes Leben wertvoll ist. Dieser Lernprozess wird anrührend und ausgesprochen authentisch beschrieben. Leider verwischt der Autor diesen Nebenschauplatz, in dem er erstens der aus schlechtem Gewissen helfenden Jungen auf eine weitere Frau treffen lässt, die ähnliche Erfahrungen wie Tara gemischt allerdings mit einem dunklen Geheimnis gemacht hat. 

Im Mittelpunkt der Handlung müsste Tara stehen, die vor zwanzig Jahren spurlos verschwunden ist. Jetzt kehrt sie am Heiligen Abend hungrig, von der Entwicklung ein wenig verwirrt zurück.  Anfänglich versucht sie eine unglaubwürdige Geschichte zu erzählen, bevor sie am Neujahrstag mit der "Wahrheit" herausrückt. Anscheinend ist sie von einer männlichen Fee verführt worden, auf einem weißen Pferd über die Grenze geritten und musste mindestens sechs Monate dort bleiben. Bis diese relative Erkenntnis bekannt ist, dauert es seine Zeit. Tara lebt sich erstaunlich schnell in diese für sie neue Epoche wieder ein, überwindet das Misstrauen und schafft es selbst, den Psychiater für sich einzunehmen. Vielleicht hätte Graham Joyce in einem umfangtechnisch ohne Frage gut anzulegenden breiteren Epos die Distanz zwischen der ohne sie fortschreitenden Welt und Tara besser, intensiver, problematischer beschreiben können und sogar müssen, hier werden die Unterschiede wie Internet oder Handy nur als Mittel zum Zweck eingesetzt. Bis auf den schon angesprochenen Neffen wirken alle Protagonisten eher wie aus einem anderen Jahrhundert. Der Leser kann mit Tara rückblickend "warm" werden, dazu benötigt er aber mehr Informationen über die Zeit vor ihrem Verschwinden, was die Rückblenden der zweiten Romanhälfte bestimmt. Aber viele neue Fakten oder gar relevante Wendungen werden nicht präsentiert.

Die tragische Figur wäre Ritchie, ihr damaliger Freund, angehender Rockmusiker und schließlich auch gescheiterte Existenz. Als Vater ihres Kindes wollte er es selbst in jungen Jahren mit einer Ehe versuchen.  Tara hat sich zur Abtreibung entschlossen. Mit ihrem Verschwinden sah die Polizei ihn als Hauptverdächtigen, als Mörder. Das Verfahren musste schließlich eingestellt werden. Als Rockmusiker ist er trotz oder vielleicht auch wegen seines sperrigen Talents gescheitert. Es ist vorhersehbar, dass die Wiederbegegnung mit Tara nicht nur einige Wunden schließt, dass sie ihn über sein bisheriges Leben nachdenken lässt. In diesen Szenen wächst der Form förmlich über sich hinaus, wenn der ebenfalls schwerkranke Graham Joyce seine Leser darauf aufmerksam macht, dass das Leben aus dem Augenblick und nicht aus dem Warten auf den goldenen Moment besteht. Am Ende wirkt das abschließende Wunder ein wenig zu stark aufgesetzt und soll Ritchie zusammen mit dem wieder auftretenden beruflichen Erfolg über einen Verlust hinwegtrösten, den er vor zwanzig Jahren erlitten und in der Gegenwart ein zweites Mal durchlaufen musste. Ritchie ist vielleicht als Figur am lebendigsten, während Taras Bruder Peter eine Art Anachronismus verkörpert. In den zwanzig Jahren hat er geheiratet, Kinder bekommen, sich als Hufschmied mit Studium etabliert und lebt in einem alten, immer noch verfallenden Haus. Es gibt in seiner Person keine Facette, die nicht zeitlos ist. Das Aufeinander zugehen der lange getrennten Geschwister ist emotional ergreifend, aber nicht kitschig beschrieben. Für Peter wird nicht nur die Wunde ihres Verschwindens geheilt, sondern die Freundschaft zu Ritchie - zerbrochen durch Taras Beziehung zu ihm und ihrem Verschwinden - wieder hergestellt. Im Schatten von Peter erscheint seine Frau Genevieve eher wie ein Stichwortgeber, eine Stimme der Vernunft als Brückenschlag zum Leser. Das ihr Name für Legenden steht, ist eher Zufall.

Taras und Peters Eltern mit ihrer liebevollen britischen Exzentrik, ihrem so bodenständigen Wesen dominieren positiv lebhaft die ersten Abschnitte des Buches, werden dann allerdings zu Gunsten der eher sperrig klischeehaften Berichte des Psychiaters in den Hintergrund gedrängt.  Graham Joyce verzichtet auf ein Happyend. Seine Feen sind keine märchenhafte Kreaturen. Sie leben in einer Art Sex und Drogenrausch. Ironisch könnte man an die späten sechziger und frühen siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts denken. Das Tara ausgerechnet zu ihrem Verführer, der sich weniger als Prinz denn als egoistischer eifersüchtiger Opportunist herausstellt, zurückkehrt, wird durch den mehrfach beschriebene, aber unglaubwürdige Wunder ein wenig dem Leser versüßt und schmackhaft gemacht. Ob das notwendig ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Grundidee, einen geliebten Menschen unverändert nach zwanzig Jahren wiederzusehen und damit die vergangene Zeit in doppelter Hinsicht schmerzhaft zu erfahren, ist ohne Frage die Stärke dieses kompakt, aber auch emotional ansprechend geschriebenen Buches, das aber auch durch die verschiedenen Konstruktionen zu Graham Joyces schwächsten phantastischen Romanen der letzten Jahr gehört.  Es ist schade, dass sich Joyce angesichts der wirklich zeitlosen Thematik - die in den Überschriften der einzelnen Kapitel beschriebene Entführung inklusiv Wechselbalg spielt gute 150 Jahre vor der Gegenwart - nicht noch sorgfältiger in seine Figuren und damit emotional auch in die verschiedenen Probleme hereingearbeitet hat. Dann wäre "Some Kind of Fairy Tale" vom ironischen Titel an ein überdurchschnittliches Buch und nicht nur ein schwächerer Joyce geworden.   

 

  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: Gollancz (14. März 2013)
  • Sprache: Englisch
  • ISBN-10: 0575115297
  • ISBN-13: 978-0575115293
Kategorie: