Mit „König Salomons Diamanten“ greift Axel Halbach einen klassischen Abenteuerstoff auf, den der Brite Sir Henry Rider Haggard in seinem Roman ungemein populär gemacht hat. Sir Henry Rider Haggard verfasste seinen Roman 1885 nach einem fünfjährigen Aufenthalt in Afrika zwischen 1875 und 1880. Haggard wollte eine Geschichte schreiben, die populärer als Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“ (1883) sein sollte und über die Generationen vielleicht auch wurde. Für die Jagd nach dem legendären Schatz erfand Sir Henry Rider Haggard den Jäger Allan Quatermain, der noch in weiteren Romanen Haggards auftreten sollte. Während Karl Mays Sir David Lindsay – er spielt auch in dieser Geschichte eine wichtige Rolle – eher eine Parodie auf die britische Lebensart ist, zeichnete Haggard neben dem authentischen Bild des afrikanischen Lebens seine Engländer als Repräsentanten des englischen Sendungs- und damit auch Zivilisationsbewusstseins, die ohne Furcht auch in tödlichster Gefahr keine Miene verziehen. Axel Halbach reißt sich im vorliegenden Band zu einer lakonischen Bemerkung hin. Einer der Charaktere spricht aus, dass Gott drei Arten von Menschen erschaffen hat. Die Guten, die Bösen und schließlich auch die Engländer.
Haggards anfänglich von drei Verlagen abgelehnter Roman wurde zum ersten Mal 1888 unter dem Titel „Umbopa- König von Kukuanaland. Die Entdeckung der Schätze des Königs Salomons im dunklen Erdteil“ ins Deutsche übersetzt. Zehn Jahre später wurde der erste Teil des Titels auf „Diamantminen von Afrika“ geändert, der zweite Teil des in beiden Fällen von M. Strauß übersetzten Texts blieb unverändert. Erst 1910 wurde der Titel für eine dritte Auflage in „König Salomos Schatzkammer“ verkürzt.
Karl May konnte zu seinen Lebzeiten Sir Henry Rider Haggards Roman kennen. Aber von der Grundstruktur her nähert sich erst Axel Halbachs Kanon Geschichte dem Original ein wenig an.
Ausgangspunkt sind bei Halbach drei Briefe, die an einem Tag bei Karl May in seiner Villa Shatterhand eintreffen. In abgeänderter Reihenfolge ist es Dick Hammerbull – eine Nebenfigur aus einer der vorangegangenen Geschichten – zu langweilig auf der inzwischen blühenden Farm seiner Verwandten in Spanien. Er möchte wieder Abenteuer erleben, am liebsten im Wilden Westen. Sir David Lindsay kann im britischen Nebel seit Wochen nichts mehr sehen. Durch einen Zufall hat er einen Artikel in der glaubwürdigen Times über einen Fund in den Katakomben des britischen Museums gefunden, der impliziert, dass es König Salomons sagenhafte Mienen wirklich gegeben hat und die absichtlich vom sterbenden König verschütteten Stollen gefunden werden können. Im dritten Brief bittet Halef um Hilfe. Aus den Nachbardörfern und auch seiner Siedlung verschwanden in den letzten Monaten junge, kräftige Männer spurlos. Er will dem Verschwinden auf die Spur kommen.
Karl May alias Kara Ben Nemsi bündelt die drei Kräfte und reist mit Sir David Lindsay in den Orient, um erst seinem Freund Halef zu helfen und später nach den Diamantenminen zu schauen. Die Leser ahnen schon lange vor dem Erzähler, dass diese beiden Handlungsstränge miteinander verknüpft sind.
Kaum im vorderen Orient angekommen erleben Kara Ben Nemsi und seine Freunde erste Abenteuer. Axel Halbach hat diese kleinen Episoden eher zum Warmmachen eingestreut, auch wenn sie alle Hinweise auf die Haupthandlung enthalten. So wird Sir David Lindsay entführt, aber ein kurzer Hinweis von zwei Kleinkriminellen rettet den Briten. An einer anderen Stelle will der hoffentlich letzte Bruder des Schuts sich an dem in seinem Gasthaus nächtigenden Kara Ben Nemsi retten, dieser hat den Plan aber vorher von einem gesprächigen Dorfbewohner erfahren. Echte Spannung kommt in diesen Szenen nicht auf, sie wirken ein wenig wie Füllmaterial auf der langen Reise im Schatten eines herrischen Arabers, der schon vorher mit einer Gruppe von zwielichtigen Männern und schwer beladenen Kamelen aufgebrochen ist. Passend zu dieser Expedition erscheint in der vertrauenswürdigen Times ein zweiter Artikel, in dem auf weitere Funde im Museum hingewiesen und die Papyrusrollen umfangreich übersetzt wiedergegeben worden sind. Nur Wegweiser in der Wüste wären förderlicher gewesen.
Axel Halbach hat aber ein spannendes Garn gesponnen, das immer wieder auf Karl Mays Originalausgaben zurückgreift. Die Falle mit dem Treibsand ist eine direkte Hommage auf „Durch die Wüste“, die Geschichte, in welcher Kara Ben Nemsi zum ersten Mal auftrat. An einer anderen Stelle gibt es den schon angesprochenen Querverweise nicht nur auf den Schut, sondern auch auf den unglücklich betitelten „Schamanen“ (Im Wilden Westen Nordamerikas Band 20), sowie „Schwarzes Elfenbein“ (Neue Abenteuer Kara Ben Nemsis Band 22).
Der Plot wird bis zum brutalen und nicht der Tradition Karl Mays entsprechenden Ende sehr stringent erzählt. Kara Ben Nemsi schleicht sich mit seinem getreuen Diener Ben – eine der Figuren, die Axel Halbach in vorangegangenen Geschichten dem Karl May Kanon effektiv hinzugefügt hat – als Wasserforscher unter die Bande Abu el Kerbas., Dabei handelt es sich um den Bruder eines von Kara Ben Nemsi bestraften und getöteten Sklaventreibers. Es ist schon erstaunlich, dass Axel Halbach versucht hat, mit dieser Methode durchzukommen. Kara Ben Nemsi tritt als deutscher Wasserforscher auf. Er reitet seinen Rappen Rih und hat zwei besondere Waffen im Köcher. Kerba ist zwar bedingt misstrauisch, aber mit waghalsigen Erklärungen kann Kara Ben Nemsi ihn besänftigen.
Bei Karl May sind die Schurken arrogant, narzisstisch und selbstverliebt. Aber nur wenige sind blöd. Damit diese Methode funktionieren kann, muss Kerba blöd sein. Selbst bei einer direkten Konfrontation geht Kara Ben Nemsi relativ weit und entwaffnet Kerba, kann fliehen und die Banditen im Tal bzw. der Schlucht mit dem Geheimversteck König Salomons Diamanten isolieren. Kerba ignoriert anschließend die Falle und macht mit seinem Plan weiter. Dass er sich nicht um das andere Problem angesichts von Kara Ben Nemsis Ruf kümmert, scheint fahrlässig. Viel schlimmer ist, dass Kara Ben Nemsi auf eine brutale Art und Weise nach dem Auge um Auge, Zahn um Zahn Prinzip Kerba und seiner schon deutlich reduzierten Bande den Stecker zieht. Bei Karl May kamen die Schurken entweder im fairen Zweikampf oder während der Flucht aufgrund eigener Fehler ums Leben. Hier ermordet Kara Ben Nemsi seine Feinde und schließt gleichzeitig hinsichtlich der Flanke eine weitere Legende. Aber nur auf unbestimmte Zeit, denn die Hauptarbeit ist getan und das Versteck gefunden.
Dazwischen liegen einige kleinere Abenteuer, bei denen sich die Last auf unterschiedliche Schultern verteilt. Positiv ist, dass Kara Ben Nemsi bzw. Old Shatterhand in diesem Axel Halbach Abenteuer nicht naiv in eine Falle läuft, niedergeschlagen wird oder auf andere Art und Weise sein Bewusstsein verliert, um dann in aussichtsloser Situation gefesselt aufzuwachen und dann doch irgendwie gerettet zu werden oder sich dank des Zufalls selbst zu befreien. Seine Vorgehensweise ist nicht weniger spektakulär und auf die angesprochene Dummheit seines Feindes angewiesen, aber dieser Versatzstücke Krug geht dieses Mal am Leser vorüber.
Sir David Lindsay hat einige wenige Szenen des Ruhm, gepaart mit anderen Sequenzen voller vertrauter Dummheiten. Hadschi Halef Omar ist in erster Linie ein Steighügelhagel, der wirklich wenig zu tun hat. Die Entführungen der jungen Männer gehen ihm mächtig an die Seele, wobei auch hier die Zahl der Banditen im direkten Vergleich zu den entführten Kriegern ein arges Missverhältnis präsentiert.
Auf ein Attribut kann Axel Halbach seinem literarischen Vorbild folgend nicht verzichten. Es wird in den Geschichten viel gequatscht. Zur falschen Zeit am falschen Ort vor dem natürlich falschen Zuhörern. Mehrmals erhalten Kara Ben Nemsi und seine Mannen auf diese Art und Weise Informationen, die ihnen hilfreich sind und die finale Konfrontation begünstigen. Einmal ist das für den Leser nachvollziehbar, aber im vorliegenden Roman greift Axel Halbach dreimal auf dieses Mittel zurück.
Die Idee, die Legende um König Salomons Schatz der Tradition Sir Henry Rider Haggards folgend mit Karl Mays markanten Helden zu verbinden, ist verführerisch und die Geschichte liest sich auch entsprechend kurzweilig. Im Gegensatz zu einigen anderen Axel Halbach Romanen ist der Plot allerdings sehr konzentriert und fokussiert. Der Hintergrund wird eher karg beschrieben, so dass diese mystische Geschichte vielleicht ein wenig zu kurz kommt. Auf der anderen Seite unterstreicht „König Salomons Diamanten“, wie viel Potential in Karl Mays Originalgeschichten für noch viele kommende Generationen steckt.

