Charlie Chan: Der chinesische Papagei

Earl Bigger

Schon in seinem zweiten 1926 veröffentlichten  Charlie Chan Roman versetzte Earl Derr Bigger seinen Meisterdetektiv verkleidet von den schönen Inseln Hawaiis auf das Festland.  Auch hier greift in mehrfacher Hinsicht nicht ganz befriedigend die Vergangenheit auf die Gegenwart zu, während der Hintergrund nicht mehr dem von Bigger sehr minutiös gezeichneten Honolulu entspricht, sondern auf einer Ranch in der Wüste spielt. Charlie Chan wird von einer älteren Lady, bei der er als Junge gearbeitet hat, gebeten, ihre wertvolle Perlenkette von den Inseln aufs Festland zu bringen. Sie hat aus finanzieller Note die Kette verkauft, wobei der Käufer P. J. Madden – er erinnert ein wenig an J.P. Morgan – wiederum neben dem niedrigen Preis in erster Linie eine persönliche Wunde schließen wollte. In seiner Jugend hat er als Fahrstuhljunge in einem der Hotels gearbeitet, in dem die Verkäuferin der Perlen immer wieder abgestiegen ist. Seine junge wie platonische Liebe hat sie niemals erwidert. Inzwischen ist Madden durch die Wall Street zu einem sehr vermögenden Mann geworden, der sich auf diese Art auch ein wenig rächen möchte.

Als Mittler dient ein Juwelier in San Franzisco. Die Perlen sollen eigentlich nach New York verschickt werden, aber Madden entscheidet sich anders. Da sich seine Tochter in der Nähe der Ranch in Pasadena aufhält, soll das Collier von Charlie Chan und dem Sohn des Juweliers Bob Eden in die Wüste gebracht werden. Da Charlie Chan stets loyal ist, erfüllt er seiner ehemaligen „Herrin“ diesen Wunsch und bricht nach einem kurzen Abstecher in Chinatown in die Wüste auf. Er will aber auf Nummer sicher gehen. Bob Eden soll so tun, als wenn er die Perlen transportiert, während sich Charlie Chan als verkleideter neuer Diener in den Haushalt schmuggelt. Diese Idee macht auf den ersten Blick wenig Sinn, da selbst dank der Unterstützung der reichhaltigen chinesischen Verwandtschaft auf dem Kontinent es unwahrscheinlich erscheint, das im richtigen Moment im passenden Madden Haushalt ein Platz frei ist. Aber diese Konstellation klappt. Kaum sind die beiden unterschiedlichen Männer auf der Ranch eingetroffen,  spricht der Papagei von einem Verbrechen, das anscheinend stattgefunden hat. Als wenige Stunden später der seltene Vogel vergiftet aufgefunden wird, ahnt Charlie Chan, dass er mehr als Detektiv denn als Diener Arbeit finden wird. Dabei darf er seine Tarnung nicht  aufdecken.

Während Charlie Chan im ersten Roman „Haus ohne Schlüssel“ in mehrfacher Hinsicht eine Randerscheinung unter der Anleitung seines Vorgesetzten gewesen ist, rückt der Charakter in dieser Fortsetzung deutlich mehr in den Mittelpunkt, ohne gänzlich alleine zu agieren. In beiden Büchern gibt es einen außenstehenden „Zeugen“, der durch die Ereignisse nicht nur seine Liebe -  Paula Wendell arbeitet als Location Scout für den immer stärker ausschwärmenden Filmcrews – finden wird, sondern vor allem als Mann reift. In beiden Fällen agieren die Identifikationsfiguren des Lesers eifrig bis überambitioniert. Sie müssen quasi an mehreren Stellen wieder eingefangen werden.

In beiden Büchern spielt auch die Vergangenheit eine Rolle. Während das erste Opfer in „Haus ohne Schlüssel“ anscheinend einen sterbenden Piraten ausgeplündert und sich mit der Beute abgesetzt hat, wird Madden immer wieder von kriminellen Elementen bedroht. In einer Spielhalle hat er vor vielen Jahren eine ganz besondere Bande kennengelernt. Ohne zu viel vom Plot zu verraten ist das Vorhaben der Diebe ohne Frage ambitioniert, wobei ihr Plan auch durch einige Zufälligkeiten begünstigt wird. Ob ein Verzicht auf die Perlen und eine raschere Umsetzung des zugrundeliegenden Plans effektiver gewesen ist, lässt sich streiten. Im Vergleich zum ersten Charlie Chan Roman ist das Geheimnis etwas besser versteckt und mangels des exotischen Hintergrundes der hawaiianischen Inseln wirkt der Plot auch deutlich fokussierter.  Auch in seiner Dienerrolle kann Charlie Chan im Hintergrund sehr viel effektiver wirken. Kritiker könnten auch davon sprechen, dass der vorliegende Roman im Grunde Biggers „Der Hund der Baskervilles“ ist, in dem auch Sherlock Holmes die eigentliche Handlung lange Zeit verlassen hat.  Als Diener kann Charlie Chan eine Reihe von potentiellen Gefahrenquellen ausschalten, die sich erst während des wie bei Agatha Christie aus einem Zusammentreffen aller potentieller Verdächtiger bestehenden Finales offenbaren.

Politisch gesehen prangert Bigger aber auch den latenten Rassismus in den USA an. Während Charlie Chan höchstens abfällig über die Japaner spricht, deren Kampfkunst er aber in einer Szene anwenden muss, spürt der Leser die Behandlung der Zweite-Klasse-Menschen an anderen Stellen deutlicher. Madden geht mit seinen Dienern noch menschlich um, während vor allem die Polizei Charlie Chan in seiner Verkleidung lange Zeit diskriminierend behandelt, bevor sie erkennen, mit wem sie es wirklich zu tun haben.  Bigger selbst folgt aber auch manchmal diesen Klischees, in dem nicht nur in diesem Roman, sondern vor allem auch „Haus ohne Schlüssel“ die Ureinwohner Hawaii genauso wie der zweite langjährige Diener Maddens eher abfällig bis verzerrend sowohl von ihren Äußerlichkeiten als auch ihren Aktionen beschrieben werden. Dagegen dient sich Bigger der natürlich weißen Mittel bis Oberklasse deutlich mehr an. Positiv ist, dass er sich aber Zeit nimmt, die einzelnen Nebenfiguren selbst in kleinen Rollen differenziert und sorgfältig zu charakterisieren, so dass der Leser immer den Überblick behält und vor allem gegen Ende die einzelnen Lager sehr gut voneinander unterscheiden kann.

Es ist aber der Plot, der nachhaltig und mit einigen überraschenden Wendungen unterhält. Anfangs ist es im Grunde ein Mord ohne Leiche. Selbst als die Kleider eines Linkshänders gefunden werden, gibt es weder ein Motiv noch ein nachhaltiges Indiz, wer ermordet worden ist und wer der Täter sein könnte. Bigger entwickelt dem Rahmen des ersten Buches folgend inzwischen eine ordentliche Routine, auch absichtlich falsche Spuren vor allem für alle Guten außer Charlie Chan zu legen. Der chinesische Pragmatiker wartet im Grunde darauf, bis ihm alle Beweise eher zugetragen werden als das er sie nachhaltig gefunden hat.  Ab der Mitte des Romans ahnt der aufmerksame Leser durch einige zu offensichtliche Hinweise, in welche Richtung der Zug geht. Da die Handlung überwiegend bis auf die Auftaktszene in San Franzisco , zwei kleinere Ausflüge in die nächste Stadt und schließlich einem Teil des Finals auf Maddens Ranch spielt, hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als verfolge er eher ein Theaterstück mit den entsprechenden Auftritten potentieller Verdächtiger. Selbst Madden erscheint aus berechtigten Gründen genervt.  Das auf seinem Grundstück drehende Filmteam sowie der angesprochene attraktive Location Scout Paula Wendell – sie vergleicht ihren Beruf mit dem aussterbenden Dodo, da Hollywood in den USA im Grunde alle interessanten Gebiete schon cineastisch abgearbeitet hat – wirken wie eine Abrechnung des Theatermanns Bigger mit den neuen Medien.     

Wie im ersten Buch wird der Leser Sohn Nummer eins vermissen, wobei Charlie Chan zumindest seinen ältesten Sohn in „Haus ohne Schlüssel“ den Lesern vorgestellt hat.  Bis auf Charlie Chans markante gesäuselte Sprüche und seine nur vordergründige Untertänigkeit ist der Plot deutlich ernster angelegt als in den zahllosen Verfilmungen.  Wer sich sehr gut mit den Filmen auskennt, wird erkennen, welche Facetten der markanten und interessanten Persönlichkeit Charlie Chans den Bücher entnommen und welche sie hinzugefügt haben.  Charlie Chans Sprüche sind aber in den Büchern deutlich zielgerichteter und dienen nicht als Comic Relief. In erster Linie reagiert der Detektiv auf die falschen Deutungen seiner Amateurbegleiter, die als Brücke zum Leser dienen. Dadurch wirkt die Figur Charlie Chans geheimnisvoller, während ein ganzes Publikum den nicht dummen, aber zu wenig in die Tiefe sehenden Watson spielt.  Natürlich folgt Bigger auch lange Zeit in seinen Romanen der Erwartungshaltung des damaligen Publikums mit dem verklausuliert sprechenden devoten Chinesen, der sich hinter den Phrasen nicht nur der Zeit, sondern auch den weisen Sprüchen eines Konfuzius versteckt. Aber hier liegt auch die Würze dieser Romane, denn auf den letzten Metern erweist sich Charlie mehr in diesem Buch als im Debüt „Haus ohne Schlüssel“ als der erfahrene wie intelligente Polizist, der den Plot aufdeckt und mit seinem Intellekt ohne Gewalt die Täter entlarvt.  Bigger ist ein sehr intelligenter Autor, der unbewusst mit einem Lächeln seiner Figur eine ungewöhnliche Tiefe gibt, während in den Filmen Charlie Chan nicht selten sich zu einer Parodie auf das Detektivgenre entwickelte. Der literarische Charlie Chan ist aufgeregt, dass er einen bezahlten Urlaub auf dem Festland machen kann. Er saugt förmlich die neuen Eindrücke in sich auf, fühlt sich aber auch manchmal mit dem Rücken zur Wand. Während Charlie Chan in den Filmen überall zu Hause ist, nimmt sich Bigger die Zeit im Roman, um seine Figur zu assimilieren und damit menschlicher zu machen. 

Hinzu kommt zumindest ein  in „Haus ohne Schlüssel“ sehr gut entwickelter Hintergrund mit den kulturellen und politischen Besonderheiten Hawaiis, während „Charlie Chan und der chinesische Papagei“ eher auf die exzentrische Welt der Reichen in den zwanziger Jahren eingeht und sich bei einem auch heute noch unterhaltsamen Plot manche Spitze nicht verkneifen kann.      

Charlie Chans zweiter Fall

315 Seiten , Originaltitel: The Chinese Parrot
Erscheinungstag: 31.10.2012
ISBN 978-3-8321-8695-1 Dumont Verlag

Übersetzung: Monika Elisa Schurr i

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