Draconian New York

Sheckley, Draconian New Yoerk, Titelbild
Robert Sheckley

Bei "Draconian New York" handelt es sich um den zweiten Band der Hippie Trilogie aus der Feder Robert Sheckleys. Auch wenn die einzelnen Fälle in sich abgeschlossen sind, ist es wegen der zahlreichen exzentrischen Nebenfiguren und den verschiedenen sich wiederholenden Schauplätzen ausgesprochen wichtig, die Romane in der chronologischen Reihenfolge zu lesen. 

Robert Sheckley impliziert auf der einen Seite, dass mehrere Jahre zwischen "The Alternative Detective" und "Draconian New York" vergangen sind. Immer wieder gibt es entsprechende Hinweise, ohne das ein Leser diesen Spuren wirklich folgen kann. Einzelne Handlungsteile dagegen scheinen direkt oder indirekt aufeinander aufzubauen.

 Die vergangene Zeit lässt sich am ehesten an zwei Aspekten erkennen. Hub Draconian ist nach Ibiza zurückgekehrt und hat dort eine Finca direkt an der Küste von einem Gutsherren gekauft. Da die beiden Männer zu Freunden geworden sind, spielt der abgeschlossene Vertrag zwischen ihnen keine Rolle. Nur erleidet der Verkäufer einen Schlaganfall und ist nicht ansprechbar, während die geldgierigen Söhne das Anwesen am liebsten an einem Immobilienmakler verkaufen wollen. Robert Sheckley gibt eine Exkursion in spanisches Recht. Wenn die letzte Rate - in diesem Fall 10.000 USD -  nicht pünktlich bezahlt wird, fällt das Anwesen wieder an den Verkäufer zurück.

 Für Draconian ein Alptraum. Seine Detektei läuft nicht sonderlich gut, er ist wie immer fast pleite und der Verkäufer wird von der Familie abgeschirmt. Hinzu kommt, dass ihm das Haus nicht alleine "gehört", sentimental hat er seine zweite Ehefrau als Eigentümerin hinzugefügt. Seine erste Frau lebt inzwischen in seiner ersten Finca auf der Insel Ibiza und kümmert sich sehr erfolgreich um aufstrebende Künstler.

 Um den ersten Schritt zu gehen, muss Draconian nach New York reisen, um sich endgültig von seiner zweiten Frau scheiden zu lassen. Gleichzeitig möchte er einen Modezaren bieten, sich an den besten Sommer seines Lebens auf der Insel zu erinnern und ihm die zehntausend fehlenden US Dollar zu leihen.

 Im Gegensatz zu den anderen beiden Draconian Büchern konzentriert sich Robert Sheckley im Grunde auf einen einzigen Fall. Draconian braucht dieses Mal aktiv dringend Geld und der ihm erwiesene Gefallen - er soll für das Geld ein Modell aus New York nach Paris begleiten - erweist sich als Falle.

 Der extreme existentielle Druck bedingt, dass Draconian vor allem zu Beginn des Plots nicht unbedingt klar denken kann. Sonst wäre ihm vor allem wie seinem freundschaftlichen Umfeld aufgefallen, dass der Auftrag in einem starken Widerspruch zur überdurchschnittlichen Bezahlung steht.

 Die erschwerte Kommunikation in den neunziger Jahren ermöglicht es Robert Sheckley alleine, den Fall mit seinem so typischen humorvollen Ton zu erzählen. In der Gegenwart mit Handys und einer globalen Kommunikation hätten vor beiden Freunde/ Angestellten Draconian schon davon überzeugt, dass er im Grunde zum risikobehafteten Sündenbock gestempelt werden soll.  Spätestens dann wäre Draconians Motivation eine andere. Ohne diese Informationen und aufgrund des angesprochenen monetären Drucks Betriebsblind sind dessen Handlungen nachzuvollziehen, wobei ihm aber auch die Planung des Autoren hilft.

Der Amerikaner impliziert, dass das ganze Manöver mit Draconian als Köder nur funktionieren kann und wird, weil die amerikanischen und europäischen Drogenbehörden andere Ziele verfolgen und absichtlich die kleinen Fische laufen lassen. So wird Draconian zu einer Art doppelten Köder.

Was auf den ersten Blick kompliziert und vor allem komplex erscheint, löst Sheckley am Ende in routinierter, vielleicht nicht unbedingt origineller Manier auf. Aus heutiger Sicht könnte eine andere These Widersprüche aufweisen. Nicht nur in diesem Roman wird zwischen der Nutzung von bewusstseinserweiternden Drogen durch Erwachsene und der gewöhnlichen Drogenkriminalität unterschieden. Diese Argumentationskette wirkt bizarr, aber schon im Auftaktbuch hat sich ein Drogenboss Sorgen um die Verrohung der Sitten gemacht. Am Ende von „Draconian New York“ sind es zum Teil die Verbrecher, die Erbauer von Luftschlössen, welche Draconian aus der Bedrängnis helfen und sich vielleicht nicht als edle Ritter, aber zumindest Menschen erweisen, die sich an die gegebenen Versprechen halten. Unabhängig davon, dass sie auf der anderen Seite Verbrechen begehen und zumindest einige Menschen absichtlich in ihr Verderben laufen lassen.

In diesem Punkt schließt sich für Draconian auch eine Art Kreis, da er wie im ersten Buch beschrieben vor einigen Jahren seine Freunde in der türkischen Zollkontrolle hat stehen lassen, als die in seinem Auftrag geschmuggelten Drogen verraten worden sind.

Rückblickend ist es für die Betroffenen erstaunlich glimpflich ausgegangen und die Wiederholung der Ereignisse könnte Sheckley als fehlende Phantasie und zu schematische Plotentwicklung zum Vorwurf gemacht werden.

Aber dank Draconians zeitlosem Charme und seinem „Verliererimage“ relativiert Robert Sheckley diese Wiederholungen und nutzt den Plot eher als eine Art MacGuffin, um sarkastisch über die Modeszene nach dem Exkurs in den experimentellen Film in „The Alternative Detective“ herzuziehen.

Hinzu kommen die einzelnen Begegnungen mit der eigenen Vergangenheit. So nimmt die jüdische Scheidung angesichts der Gesamtlänge des Romans einen sehr breiten Raum an. Auch die Exkursion nach London wirkt im Gesamtumfang zu breit angelegt. Immer wieder verzettelt sich Robert Sheckley erzähltechnisch aber ausgesprochen souverän und vor allem immer wieder mit einem Augenzwinkern den beschwingt und manchmal stärker an die siebziger denn die neunziger Jahre erinnernden Lebensstil.

Auch wenn der Plot gegen Ende neben der obligatorischen Spannung, ob Draconian nun mit zu den Verdächtigen und im Grunde Täter gehört oder dank seiner naiven Opferrolle von jeglicher Verfolgung freigesprochen wird, einiges an Tempo aufnimmt, hat der Leser nicht das unbestimmte Gefühl, als wenn sich der Hippie Detektiv hinsichtlich seiner Finca wirklich unter Druck gesetzt fühlt. Vor allem weil Sheckley im Überschwang der Gefühle einen kleinen Rechenfehler macht. Draconian fliegt nur mit  knapp 4000 Dollar aus London ab, dann erreicht er das Schiff nach Ibiza nicht und muss sich ein Flugzeug mieten. Er springt im flachen Wasser aus der Maschine zwischen die Badegäste, wird von der Polizei kurzzeitig verhaftet und fährt dann zu seinem Vermieter… mit der vollen Summe.

Robert Sheckleys Romane weisen immer wieder Querverweise zu bekannteren anderen Arbeiten auf. In diesem Fall stellt er im ersten Schritt die Pointe von Jules Vernes „In achtzig Tagen um die Welt“ auf den Kopf, um dann dank der ehrenwerten Verbrechen doch eine Art Happy End zu präsentieren.

Diese Vorgehensweise wirkt nicht immer logisch, aber in einem Punkt gänzlich überzeugend: es passt zu dem beschwingten, nicht immer dynamischen, aber sehr individuell gestrickten Grundton der ganzen Trilogie.

Der Leser muss sich auch beim vorliegenden, am besten strukturierten „Draconian“ Roman allerdings auf das besondere Lebensgefühl der Hippies einlassen und sich von Sheckleys humorvoll subversiven Tonfall treiben lassen, um „Draconian New York“ genießen zu können.         

  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
  • Verlag: St Martin's Press (1. Juli 1996)
  • Sprache: Englisch
  • ISBN-10: 0312851308
  • ISBN-13: 978-0312851309
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