Schon in seinen autobiographischen Notizen “Abenteuer Unterhaltungl” ist Jörg Weigand auf die acht Monate eingegangen, die er als Austauschstudent in Paris gelebt hat. Mit “Paris- Erinnerungen an Monate, die mein Leben veränderten” erweitert der Autor, Herausgeber und Journalist diesen relevanten Abschnitt in seinem Leben und stellt ihn quasi ausgegliedert und mit Fotos von H.D. Furrer - er hielt sich nur wenige Monate später ebenfalls in Paris auf - ergänzt als weiteren Teil seiner Memoiren vor.
Jörg Weigand konzentriert sich nicht nur auf diese wichtigen Monate. Immer wieder beschreibt er seinen Weg nach Paris und stellt sein strenges, von einem herrischen und gewalttätigen Vater dominiertes Elternhaus dem lockeren Leben in Paris gegenüber. In wenigen Szenen zeigt Jörg Weigand allerdings auch, welchen nachhaltigen Einfluss vor allem auch das kulturelle, aber auch das soziale Leben auf seinen späteren beruflichen Weg haben sollte. In “Abenteuer Literatur” beschreibt der Autor allerdings ausführlicher, wie sich sein Interesse an der Science Fiction und der Phantastik nach dem Paris Aufenthalt gewandelt hat. Wer nur auf Jörg Weigand phantastisches Werk und seine Arbeit als Herausgeber fokussiert ist, wird eher enttäuscht. Neben dem Abo des Magazins “Fiction” - dem französischen Ableger von “The Magazine of Fantasy and Science Fiction” beschreibt Jörg Weigand noch die erste Begegnung mit der französischen Perry Rhodan Ausgabe, die zu einem kleinen Artikel in dem entsprechenden Magazin führte und dem Angebot, einen der Herausgeber als Agent zu haben. Später findet sich noch ein Hinweis, dass seine Freundin/ Begleiterin wenig Interesse an Jörg Weigands Faible für Jules Verne oder die phantastische Literatur im Allgemeinen hatte.
Zwischen den Zeilen lässt sich aber nicht nur hinsichtlich der Begegnung mit der Science Fiction oder Phantastik herauslesen, dass Jörg Weigand in erster Linie sich als ein zwar alles immer wieder hinterfragender, aber dann auch Entscheidungen für sein Leben treffender Mann sieht, der den Mut hatte oder vielleicht auch noch hat, Lücken im System zu finden und zu schließen. Nicht umsonst gehörte zu seinen ersten Veröffentlichungen als Herausgeber eine Anthologie von französischer Science Fiction im Heyne Verlag und im Umkehrschluss auch der Versuch, deutsche Science Fiction in Frankreich populärer zu machen.
Auch wenn Jörg Weigand die eigentlichen Monate in Paris chronologisch beschreibt, ist es sinnvoll, sich das ihn lange Zeit prägende, vielleicht sogar unterdrückende Elternhaus anzuschauen. Der Vater war Fabrikleiter mit mehr als eintausendzweihundert Angestellten. Er kam aus einer gutbürgerlichen Familie, die nach außen anscheinend wenig Emotionen zeigte und vor allem Wert darauf legte, sich standesgemäß zu verhalten. Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeiten standen im zweiten Glied, ausgehend von den dominanten Männern. Jörg Weigands Vater gehört zu der Kriegsgeneration, die sich plötzlich in der Bundesrepublik wieder assimilierten und auf eine andere Art und Weise zum Establishment gehören und den braunen Mantel anlegen wollten. Wie viele Männer wird wenig über den Krieg erzählt, als wenn die Gräueltaten dadurch in Vergessenheit geraten. Weigand versucht ein wenig in der Vergangenheit seiner Familie zu forschen, vieles bleibt unausgesprochen.
Die Monate in Paris - wie Jörg Weigand selbst zugibt, inzwischen aus der Perspektive eines alten Mannes erzählt - teilen sich in verschiedene Abschnitte. Ausführlich beschreibt der Autor das Paris der sechziger Jahre, irgendwo zwischen dem fast klischeehaft heute kultivierten Charme einer Weltstadt mit Herz und dem Versuch der Jugend, wie Barrieren zu durchbrechen. Eher zufällig endet die Geschichte nicht nur zeitlich, sondern auch historisch mit den beginnenden Studentenunruhen, deren Beginn Jörg Weigand teilweise staunend erschüttert mitbekommen hat . Auch wenn Jörg Weigand die bekannten Sehenswürdigkeiten streift, zeichnet er ein deutlich ambivalenteres Bild einer Stadt der krassen Kontraste zwischen arm und reich. Das ist kein Novum und Paris ist nicht die einzige Stadt in den sechziger Jahren, aber auch der Gegenwart, wo “reiche Viertel” sich die Rückwände der Häuser im übertragenen Sinne mit den Slums teilen. Aber der Autor versucht diese Erfahrungen aus der Perspektive des lebenstechnisch noch ein wenig naiven Jugendlichen Weigands zu erzählen und nicht den inzwischen ergrauten weisen übergeordneten Erzähler heraushängen zu lassen. Das funktioniert erstaunlich gut, wenn der Student sein Alltagsleben beschreibt. Mit wenig Geld möglichst viel zu machen. Die Herzlichkeit der einfachen Menschen, etwas mehr als zwanzig Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einem Deutschen gegenüber, der aber sehr bemüht ist, die französische Kultur und Lebensart nicht nur zu akzeptieren, sondern auch zu assimilieren.
Erweitert wird diese emotionale Auseinandersetzung mit Paris um den Kreis von Studenten, in denen sich Jörg Weigand bewegen konnte. Vor allem die jungen Frauen mit asiatischen Wurzeln haben es ihm nicht nur angetan, sondern ermöglichten ihm einen Blick über den Horizont. Mit seinem Studium der Sinologie unter anderem eben als Stipendiat an der französischen Eliteschule “Ecole Nationale des Langues Orientales Vivantes” hatte Jörg Weigand schon eine Grundlage, um vielleicht offener auf Menschen zuzugehen. Es ist ein wunderbarer, fast verkitscht wirkender Schmelztiegel von jungen Menschen unterschiedlicher Kontinente, die alle ein wenig, ein kleines Stückchen ihrer Heimat, ihrer Kultur zu den regelmäßigen Treffen bei Jörg Weigand Freundin Vanida trafen.
Neben dem kulturellen Austausch auf einer erstaunlich bodenständigen Ebene beschreibt Jörg Weigand die deutlich lockere Moral in Frankreich, ohne die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten oder zu expliziert zu werden. Manches wirkt wie ein Klischee - die ältere attraktive Frau mit ihrem Mann im Rohlstuhl, der gerne zuschaut oder die unbefangene Nacktheit Vanidas mit dem vor ihr knienden in Liebe verfallenen Arzt -, aber die Szenen passen sich gut in den stringent erzählten Text. Aber auch in Person des ehemaligen Fremdenlegionärs mit einer wahrscheinlich dunkleren Vergangenheit, den sozialen Missständen und schließlich auch Unruhen; der beginnenden innenpolitischen Auseinandersetzung mit dem schweren Erbe der ehemaligen Kolonien sowie dem Algerienkonflikt oder dem Krieg in Vietnam zeigt Jörg Weigand auf, dass zumindest seine Cliquee nicht in einer studentischen Blase der Glückseligkeit gelebt hat. Jörg Weigands sachlicher, auch seine Kurzgeschichten dominierender Stil hilft bei den Beschreibungen.
Der junge wie anscheinend der “alte” Jörg Weigand versucht die Szenen nicht nur zu beschreiben, sondern auch emotional zu bewerten.
Viel wichtiger ist allerdings, wenn man sich als Leser ein wenig vom Text entfernt und vielleicht auch aus der Distanz des Alters die Implikationen verfolgt. Zu Beginn die Erwartungen, vielleicht auch Ängste, als junger Mensch in einem anderen Land nicht das Leben zu genießen, sondern auch straf studieren zu müssen. Eine zweite Chance auf einen Abschluss gab es zumindest für Jörg Weigand nicht. Die persönliche Veränderung, das sich stetig steigender Selbstbewusstsein und schließlich die Erkenntnis, das man immer und überall auf der Welt zumindest kurzfristig Wurzeln schlagen kann, wenn man den Menschen oder der Gegend zumindest Respekt entgegenbringt. In den sechziger Jahren gehörte ein Aufenthalt im Ausland nicht zum Alltäglichen. Jörg Weigand macht auch immer wieder klar, dass er seinen Weg selbst gegangen und auch finanzieren musste. In der heutigen Zeit ist kein Aufenthalt im Ausland - egal ob während der Schule oder des Studiums, als Praktikum oder schließlich auch beruflich - fast ein Makel, wobei natürlich vieles einfacher ist. In den sechziger Jahren gab es kein Internet, das Telefonieren nach Deutschland war unerschwinglich und die schnellste Kommunikation war die Post. Es wurde mit dem Zug gefahren und nicht geflogen. Aber vielleicht hat diese Isolation von einer wie Jörg Weigand immer wieder beschreibt schwierigen Familiensituation den Menschen Weigand genauso geprägt wie die Erkenntnis, die ihm die herzensgute, ein wenig kecke Vanida ihm für sein weiteres Leben mit auf den Weg gegeben hat.
Das Ende dieser Erinnerungen an die Monate, die Jörg Weigands Leben prägen, ist abrupt. Dem Leser stellen sich unwillkürlich Fragen. So möchte man gerne wissen, ob Jörg Weigand noch in Deutschland Kontakt mit seinen französischen Freunden hatte oder ob es noch einmal Begegnungen vielleicht auch in der französischen Hauptstadt gab. Aber wie wahrscheinlich der Autor Paris mit dem Ende seines Studiums verlassen musste - alle Alternativen, in der Stadt zu bleiben, haben sich zerschlagen -, endet auch dieses prägende Kapitel abrupt. Als Ausklang präsentiert Jörg Weigand mit “Der Vogel” eine für ihn so typischen Pointengeschichten.
“Paris” gibt mehr als “Abenteuer Literatur” einen guten Einblick in den Menschen Jörg Weigand. In dieser Hinsicht ergänzt dieses kleine, liebevoll von den Fotos illustrierte Büchlein die 80 Jahre Lebensgeschichte ausgesprochen gut. Wer beide Bücher nicht kennt, sollte vielleicht sogar mit “Paris” anfangen, da Weigand zurück auf sein nicht immer einfaches Leben unter einem nicht selten die Beherrschung verlierenden und zu Gewaltausbrüchen neigenden Vater genauso beschreibt wie die Perspektive, die er über Jahrzehnte aus der Science Fiction entgegen brachte.
