Der Apex Verlag legt den 1983 bei Moewig veröffentlichten Roman „Alicia II“ in einer durchgesehenen Neuausgabe sowohl gedruckt als auch E Book wieder auf. Es ist der erste Roman aus der Feder Robert Thurston gewesen. Zwei weitere Science Fiction Romane sowie Beiträge zu den Buchserien „Battletech“ und vor allem Adaptionen der „Kampfstern Galactica“ Folgen machten ihn auch im deutschen Sprachraum bekannter. Dazu veröffentlichte der 1936 geborene Thurston noch fast fünfzig Kurzgeschichten in angesagten Anthologienreihen wie „Chrysalis“ oder Damon Knights „Orbit“, sowie den gängigen Magazinen. Seine literarische Karriere begann im Grunde 1968, als er einen der ersten Clarion Workshops besuchte. Daneben studierte der Armeeveteran Lehramt. Seine erste professionelle Veröffentlichung erfolgt anschließend in der Anthologie „Clarion“. Insgesamt drei Kurzgeschichten konnte Thurston in der vom Workshop Gründer Robin Scott Wilson herausgegebenen Anthologie unterbringen.
Neben den Adaptionen der „Kampfstern Galactica“ Folgen und mit einem zehn Jahresvertrag ausgestattet der Clade Jade Falcon Serie im „Battletech“ Universum verfasst Thurston neben zwei Filmadaptionen auch zwei Teile von „Isaac Asimov s Robot City“ Serie, die im Bastei Verlag erschienen sind.
Das Titelbild der Neuausgabe ist passender als die Fantasy Implikation des Moewig Verlags. Zusammen mit der Vorlage zu “Flucht ins 23. Jahrhundert” ist “Alicia II” einer der Romane, der sich auf eine perfide Art und Weise mit dem Generationenkonflikt per se, aber auch der sozialen Fragmentierung der Industriegesellschaften in arm und reich auseinandersetzt. Während in “Flucht ins 23. Jahrhundert” ja die Menschen mit 30 Jahren mehr oder minder freiwillig aus dem Leben scheiden müssen, weil die unterirdische Gesellschaft nicht genügend Lebensraum offeriert, hat Robert Thurston die Idee auf den Kopf gestellt. Die Jungen müssen sterben, damit die begüterten Alten mittels eines Gehirn, später im Laufe des Romans eher eines Seelentransfers in deren Körpern weiterleben können. Das soziale System hat sich auf diese auf den kopf gestellte Alterspyramide eingestellt, in dem Versicherungen den Jungen ein oder zwei Jahre in Saus und Braus versprechen, wenn sie dafür ein oder zwei Jahre früher freiwillig aus dem Leben scheiden und ihre Körper der Masse der auf sie wartenden alten Menschen früher überlassen.
Voss Geraghty ist einer der “Glücklichen”, die einen neuen Körper erhalten haben. Der erste Abschnitt des Romans wirkt wie eine ursprünglich separat geplante Novelle. Die perfide Pointe ist in mehrfacher Hinsicht passend, der anfängliche Ton der Geschichte erinnert an Thomas Manns provokante Geschichte “Tod in Venedig”, nur das der Protagonist sich in ein ausgesprochen junges Mädchen, eben Alicia II verliebt.
Die Seelen/ Bewusstseins können nicht gleich die neuen Körper übernommen. Es ist eine Art medizinischer Anpassungsprozess notwendig, bis zum Beispiel die Koordination der Gliedmaßen funktioniert. Robert Thurston beschreibt diesen Prozess sehr ausführlich. Deswegen ist Voss Geraghty auch in einer abgelegenen Reha Klinik, um sich auf sein neues Leben vorzubereiten.
Die neunjährige Alicia II ist mit ihrem Vater da. Geraghty ist von der Unbekümmertheit des Mädchens fasziniert. Aber sie hat auch eine Geschichte. Ihre Mutter ist gestorben und lehnte die Wiedererweckung ab. Ihr Vater betrachtet diese bislang noch platonische Beziehung mit einer Mischung aus Argwohn und ein wenig Neid, da er sich ebenfalls nicht wiedererwecken lassen möchte. Als Physiker ist er ein emotionsloser Charakter.
Dieser erste Abschnitt endet auf einer in mehrfacher Hinsicht ironischen Note. Anscheinend gibt es eine Untergrundbewegung, welche das Wiedererwecken boykottiert. Auf eine in Geragthys Fall perfide Art und Weise. Heimlich werden die zur Verfügung stehenden Körper der für den Zwischenraum lebendigen Toten präpariert und manipuliert, so dass die Wiedererweckten eben nicht ihr Luxusleben per se genießen können.
Der zweite Abschnitt des Buches wirkt ein wenig befremdlich. Zusammen mit seinem Freund und irgendwie auch sozialem Schatten Stacy verdingt er sich im All und wird widerwillig und zu Lasten des gegen die Gesetze verstoßenden Stacy zu einer Art Medienheld.
Auf der Erde zurück trifft sich Geragthy nicht nur wieder mit Alicia, der Untergrund beginnt buchstäblich Jagd auf die Wiedererweckten zu machen, um eine Generation nach der Nächsten das soziale Gleichgewicht wiederherzustellen und Alicia steht mit dem Untergrund in Verbindung.
Robert Thurston malt auf der einen Seite ein breites Bild einer auf den Kopf gestellten Gesellschaft. Durch die geringe Lebenserwartung der breiten Massen ist deren Leben im Grunde komprimiert. Viele wichtige Elemente wie Schulbildung, aber auch Sexualität werden quasi nach vorne geschoben. Das wird bei einigen Lesern Stirnrunzeln hervorrufen und die Idee des sehr neutral vorgetragenen Sexs mit aus heutiger Sicht Minderjährigen ist ein alltäglicher Vorgang. Die schmale Oberschicht mit Wiedererweckten wird allerdings deutlich ambivalenter beschrieben. Es scheint sie überall zu geben, aber auf der anderen Seite warten noch Millionen auf den Seelentransfer, weil nicht genug Menschen als Material zur Verfügung stehen. Angesichts der Überbevölkerung der Erde und der Idee, das Menschen sich auch aktiv gegen die Wiedererweckung wehren können, ein Widerspruch. Auf die Kosten geht der Autor an keiner Stelle ein. Normal müsste dieser Prozess nur der entsprechenden Elite zur Verfügung stehen. In diese Richtung geht auch die Implikation, dass es für die Jäger ein leichtes ist, die Wiederweckten zu finden und zu töten. Nur bei Geragthy stellen sich die Angreifer ein wenig naiv an.
Auf der anderen Seite unterscheidet Robert Thurstons in der Zukunft angesiedelter Entwurf - neben der Wiedererweckung ist die Raumfahrt inklusiv der Entdeckung neuer Welten das wichtigste utopische Element der Handlung - sich auf der zwischenmenschliche, sozialen Ebene erstaunlich wenig von gegenwärtigen Strömungen. Die Ernährung wird immer künstlicher, natürliche Nahrungsmittel sind ein Luxus, den sich die angesprochene Elite nur leisten kann. Auf der anderen Seite gibt es auch keine grundlegende Verelendung der Massen, das wäre ja auch konträr zum Ziel, junge gut erhaltene Körper auf lebendigen Vorrat zu halten.
Vom Erzählstil her bis zur finalen Aktion ist “Alicia II” erstaunlich “altbacken” im positiven Sinne. Aus der Ich- Erzählerperspektive Geragthys wird der größte Teil der Handlung erzählt. Exkurse finden nur bei einigen wenigen, für die Handlung nicht relevanten Nebenkriegsschauplätzen statt. Spannungstechnisch muss Robert Thurston einen Kompromiss eingehen, da Ich- Erzähler im Allgemeinen nicht getötet werden können. In einer Welt der Wiedererweckten aber kein klassisches Ausschlusskriterium.
Die Liebesgeschichte zwischen Geragthy und Alicia nimmt einen breiten Raum ein. Sie sind wie zwei Königskinder, die anfänglich vom beträchtlichen Altersunterschied getrennt werden. Aber Ende gleicht sich einiges in einer fast konstruiert erscheinenden Wendung mit einem erstaunlichen Happy End angesichts Geragthys Taten aus. Weder der Leser noch der Ich- Erzähler hat für das abschließende Finale eine wirklich überzeugende Erklärung. Die Charaktere inklusiv des Faktotums Stacy sind erstaunlich gut gezeichnet. In sozialer Hinsicht überzeugt das zweite im All spielende Kapitel vielleicht am meisten, da sich Robert Thurston notgedrungen durch die andere Umgebung von der lange Zeit platonischen Zweierbeziehung löst und verschiedene zwischenmenschliche Konflikte in die Handlung einbaut. Diese rote Faden wird dann auf der Erde zurückgekehrt nicht wieder aufgenommen.
Auch wenn die Grundidee provokant ist, baut Robert Thurston seinen Erstling mehr als klassische Liebesgeschichte denn Paranoiathriller nicht unbedingt in Zeiten der Cholera, aber sehr bewegten Jahren auf. Der Bogen ist mit mehr als dreißig Jahren auch inhaltlich weit gefasst. Geragthys innere Veränderungen sind überzeugend beschrieben worden, während Alicia II - nach ihrer Mutter benannt, auch wenn ihr richtiger Name ganz anders ist - nicht selten eine Art reaktives Chiffre bleibt.

- Herausgeber : Apex Verlag 1. Edition (22. Mai 2022)
- Sprache : Deutsch
- Taschenbuch : 528 Seiten
- ISBN-10 : 3756500098
- ISBN-13 : 978-3756500093
- Lesealter : Ab 18 Jahren
- Abmessungen : 12.5 x 3 x 19 cm
- UNSPSC-Code : 55101500
