Im Dezember 2016 erblickte mit dem “Quarber Merkur” 117 wieder ein bunter Reigen sekundärliterarischer Texte und Rezensionen das Licht der Welt. Das Titelbild deutet zwar auf eine Konzentration klassischer Science Fiction Themen hin, die Bandbreite ist aber wieder aus der literarischen Vergangenheit in die Gegenwart deutend.
“Der Seziertisch” mit Rezensionen von Jacek Rzeszotnik - er nimmt den Stanislaw Faden aus dem launischen Vorwort Franz Rottensteiners wieder auf -, Erik Simon, Simon Spiegel und schließlich vielen Texten des Herausgebers ist eine interessante Mischung aus gegenwärtiger Science Fiction wie Stephen Baxter; schwer erhältlichen Liebhaberausgaben zum Beispiel aus dem Synergenverlag; ausländischen Storysammlungen mit einem Schwerpunkt Weird Fiction und schließlich einer Reihe von außerhalb der klassischen Genrereihen veröffentlichten Texten mit zumindest phantastischen Einfluss. Die Qualität der Rezensionen ist dabei erstaunlich uneinheitlich. Franz Rottensteiner spult sich selten sein Pensum ab, bleibt trotz seines Wissens manchmal oberflächlich flapsig. Das mag bei einigen Texten auch passend sein, aber in der Konzentration der Rezensionen und vor allem den eigenen Ansprüchen an den “Quarber Merkur” hätte sich der Leser eine fundamentale Aussage bei einigen der nicht billigen Ausgaben gewünscht.
In seinem Vorwort geht Franz Rottensteiner deutlich kritischer auf eine Veranstaltung in Wien ein, deren Schwerpunkt ironisch gesprochen die Abgrenzung des verstorbenen Stanislaw Lem vom Science Fiction Genre zu sein scheint. Franz Rottensteiner stellt von Beginn an klar, das sein Verhältnis zu dem inzwischen verstorbenen Stanislaw Lem nach den zahlreichen Prozessen höflich gesprochen eingetrübt ist und Jacek Rzeszotnik macht in seiner Rezension zu “Der Holocaust und die Sterne” ebenfalls deutlich, dass Lem aus welchen Gründen auch immer dichterische Freiheiten und biographische Fakten gerne vermischt hat. Aber auf diese Art und Weise stellen beide Autoren klar, das es wenig Sinn macht, das Science Fiction Genre aufspalten und dann pseudo literarisch zu analysieren zu wollen.
Ralph C. Doeges “Ein Streifzug durch die fantastische Literatur Japans” ist genau das, was der Titel verspricht. In Form einer abendlichen Geistererzählung spannt der Autor den Bogen von den ersten Geistergeschichten über das New Weird vor allem im japanischen Film bis zu den Science Fiction Autoren kurz vor der Gegenwart. Das Projekt ist ambitioniert, aber nicht frei von Fehlern. Manchmal liegen die Originalgeschichten nicht vor und der Autor muss wie bei Rampo den zahlreichen cineastischen Adaptionen folgen. Ein schmaler Grat, auf dem sich der Erzähler bewegt. Aber interessierte Leser werden in diesem Streifzug und nicht einer literarischen Analyse der phantastischen Literatur Japans ausreichend Tipps und Hinweise finden, um selbst auf die Suche zu gehen. Wenn auch meistens inzwischen in den zahlreichen Antiquariaten und Onlineplätzen.
Christian Hoffmann führt mit “AfraFantastik- eine neue Welle?” seinen Überblick +ber die afrikanische phantastische Literatur nicht nur aus einem früheren “Quarber Merkur”, sondern auch seinen anderen Artikeln fort. Der Autor stellt einzelne Anthologien und Autoren vor. Für sich alleinstehend kann Christian Hoffmann die von selbst aufgeworfene Frage nicht beantworten, aber dank einiger plakativer Beispiele zeigt der Autor auf, wie schwer es ist, die eigene kulturelle Identität literarisch umzusetzen und dabei gleichzeitig die klischeehaft schematische Erwartungshaltung einiger Leser zu befriedigen.
Der beste Artikel ist “Wie George Orwells Roman 1984 fast in der DDR erschienen wäre” von Wolfgang Both. Beginnend mit der Entstehung und der möglichen Nutzung als Propagandaliteratur durch die westlichen Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg spannt der Autor einen weiten Bogen über die Verbote in der DDR und die Bestrafung hinsichtlich der Verbreitung von Orwells Büchern sowie umfangreichen Zitaten aus den natürlich kommunistisch gefärbten Gutachten, welche Orwells generelle Warnung vor totalitären Systemen und Strukturen gänzlich ignorieren. Fokussiert, mit zahlreichen Zitaten und Materialien untermauert führt Wolfgang Both den Lesern die Zeit des zweigeteilten Deutschlands sowie der politischen Agitation nach dem Zweiten Weltkrieg wieder vor Augen.
Franz Rottensteiner stellt mit “Coelho Neto” einen weiteren brasilianischen Autoren vor. Zweimal hat er es im Rahmen der Phantastischen Bibliothek des Suhrkamp Verlags schon gemacht. Neben einer ausführlichen Beschreibung von Coelho Netos Leben geht Franz Rottensteiner auf die beiden zu unterschiedlichen Zeiten auf deutsch veröffentlichten Kurzgeschichtenbände ein, die beide antiquarisch kaum noch zu erhalten sind. Bei der Kritik an den jeweiligen Kurzgeschichten/ Novellen überwiegt aber die inhaltliche Zusammenfassung gegenüber einer detaillierten Auseinandersetzung mit der eigentlichen Geschichte.
Auf den ersten Blick beschäftigen sich sogar drei Beiträge mit den Strugatzkis. Erik Simon geht in seiner aus mehreren zusammengefassten und ergänzten Rezensionen bestehenden Analyse “Zum Fortgang der russischen Strugatzki- Edition” auf verschiedene Sammelbände mit Briefen, unveröffentlichten Texten, Artikeln und auch Vorwörtern zu Arbeiten von Kollegen ein. Der Leser taucht in die dunkle Zeit der UdSSR ein, die plötzlich wieder mit ihrer Unterdrückung jeglicher Meinungsfreiheit, einer Diktatur und schließlich einer kompletten Überwachung allgegenwärtig ist. Da die Bände nur auf russisch vorliegenden, ist Erik Simons sehr nuancierter und vor allem auch in verschiedene Richtungen kritischer Artikel der beste Schlüssel, um mehr über die nicht nur von außen herangetragene Situation der Strugatzkis zu erfahren. Wladimir Borrisow und Alexander Lukaschin folgen - dieses Mal übersetzt von Erik Simon - im Grunde der Tiefenforschung hinsichtlich des Strugatzki Nachlasses und arbeiten die beginnende Kooperation zwischen den beiden Brüdern und dem Regisseurs Tarkowski natürlich für “Stalker” auf. Interessant ist, das sowohl die Brüder wie auch Tarkowski im Grunde vom jeweiligen Panteon gefallen waren und extreme Probleme hatten, ihre Bücher zu veröffentlichen bzw. neue Filme anzufangen. Die beiden Autoren präsentieren an Hand von Zitaten aus den Briefen der Strugatzkis auch noch einen Blick hinter die Kulisse eines “Künstlers”, der wenig mit den Begriffen wie Geld oder kommerzieller Erfolg anfangen kann. Der Titel “Wie die Meisterwerke entstanden” ist allerdings ein wenig hochgestochen, dazu reicht der Umfang dieses kurzen Essays nicht aus. Es werden einige Quellen aus subjektiver Sicht der Autoren bzw. des allgegenwärtigen, aber nicht wirklich präsenten Regisseurs beleuchtet. Das macht den Reiz dieses Artikels aus, aber anschließend bleibt das Essay auch sprunghaft vage.
Daniil Danilets versucht sich an einer Subgenretechnischen Einordnung von Cornelia Funkes “Reckless. Steinernes Fleisch”. Wie einige von Franz Rottensteiner in seinem Vorwort kritisierte Akademiker geht Danilets Argumentationskette abschließend ins Leere und zeigt auf, das es ihm gar nicht mehr um gute literarische Unterhaltung geht, sondern den Versuch ein im Grunde sinnfreien Einordnung eines Buches zwischen “wissenschaftlich Fantasy” oder einem guten alten Märchen.
Das zweite Interview mit Walder Adler - das erste erschien vor einigen Jahren im “Quarber Merkur” - setzt sich weniger mit den “Strugatzlis” auseinander, die hörbar gemacht werden sollen, sondern nutzt eine mögliche Adaption ihres Buches “Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang” eher als eine Analyse der Chancen wie auch Möglichkeiten des phantastischen Hoerspieles.
Erich Mitterer geht auf die utopisch phantastischen Kurzgeschichten im österreichischen Jahrbuch “Frohes Schaffen” ein, das immerhin zwischen 1924 bis 1958 (in den Jahren 1945 und 1946 erschien kein Jahrbuch) publiziert worden ist. Erich Mitterer geht die Jahrbücher einzeln durch, stellt inhaltlich die Kurzgeschichten vor, konzentriert sich aber hinsichtlich einer Beurteilung der Qualität der Geschichten eher auf eine allgemeinere Zusammenfassung als eine detaillierte Auseinandersetzung.
Der Filmpart wirkt erstaunlich antiquiert. Daniel Ableev geht auf die Metamorphosen in David Cronenbergs Adaption “Naked Lunch” ein. Der Autor kann aber beginnend mit dem ein wenig zu hochgestochenen, künstlich akademisch gewählten Titel dem Thema keinen einzigen neuen Aspekt abgewinnen. Insbesondere Naked Lunch” ist kurz nach der wenig erfolgreichen Premiere in allen erdenklichen Filmzeitschriften sowie einigen literarischen Magazinen analysiert worden. Aus heutiger Sicht mit einer Rückkehr zu seinem Body Horror wäre es vielleicht noch einmal interessant, den jungen Cronenberg dem “Naked Lunch” Regisseur und schließlich dem sein Alterswerk ausbauenden Filmemacher gegenüberzustellen, aber Daniel Ableev wiederholt nur bekannte Aspekte. Vielleicht für eine neue Lesergeneration interessant, aber wer Cronenberg und Burroughs länger begleitet hat, wird enttäuscht sein.
Auch eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Manga dank ausgewählter Kurzanalysen fantastischer Mangas und Animes von Stefan Tuczek und Torsten Ehlers tut sich beginnend mit “Akira” und dessen überraschenden weltweiten Erfolg schwer, diesem Subgenre über die Vorstellung von einigen Filmen hinaus neue Aspekte abzugewinnen. Echte Fans wird der Artikel nicht überraschen und interessierte oberflächlich mit Mangas vertraute Leser werden trotz der Fußnoten und des entsprechenden Anhangs schwer einen Ausgangspunkt für die eigene Entdeckungsreise finden.
Launisch hebt sich Jewgeni Lukin mit “Lügen, die zur Wahrheit führen” aus der Masse der Artikel ab. Sein Essay wirkt fast wie eine Art autobiographische Rede, die vor dem letzten Gericht als Selbstverteidigung gehalten werden muss. Es fließen persönliche Erfahrungen und Anekdoten ein. Der Leser weiß aber nicht, ob sie wirklich “wahr” sind oder der subjektiven Perspektive des Erzählers entstammen. Am Ende spielt es keine Rolle, ob er sich als Phantast oder Geschichtenerzähler sieht. Mal ist es sinnvoll, als utopischer Autor angesehen zu werden; manchmal stört das auch. Aber Lukin ist auf jeden Fall ein charismatischer “Redner”, der in seinem Essay die Leser immer ein wenig provoziert, aber auch an den richtigen Stellen intellektuell abholt und wie Erik Simon mit der Analyse der Strugatzki Korrespondenz auch durch den Irrsinn der sowjetischen Behörden führt.
Wie die “Phantastische Bibliothek” im Suhrkamp Verlags sind die “Quarber Merkur” osteuropäischer, aber auch literarisch exotischer ausgerichtet als zum Beispiel “Das Science Fiction Jahr”, dessen Überblick generalisierter ist. Neben den zahlreichen seltenen Buchvorstellungen sind es allerdings die thematisch interessanten, bekannte Aspekte erweiternde Essays/ Artikel eines Erik Simons, die Kombination Wladimir Borrisow & Alexander Lukaschin sowie Jewgeni Lukins subjektive/objektive Achterbahnfahrt, welche auch den 117. Quarber Merkur vor allem aber auch in Kombination mit dem jeweiligen “Science Fiction Jahr” Buch zu einer wichtigen Lektüre für alle machen, die sich intensiver und ernsthafter mit dem Genre beschäftigen wollen.

- Herausgeber : Lindenstruth, G (1. Dezember 2016)
- Sprache : Deutsch
- Broschiert : 292 Seiten
- ISBN-10 : 3934273963
- ISBN-13 : 978-3934273962
