„Der Napoleon von Notting Hill“ ist 1904 in London erschienen. Der Roman ist die erste von G.K. Chesterton phantastischen Satiren. Im Haupttext macht der Autor klar, das die Geschichte achtzig Jahre in der Zukunft spielt. Diese Aussage ist nur bedingt richtig, da der Autor eine Art Alternativwelt entwickelt, in welcher die technische Entwicklung sich zurückentwickelt hat. So finden die Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Parteien mit Schwertern, Messern und Hellebarden statt. Schusswaffen gibt es nicht. Die Straßen werden immer noch mit Gas beleuchtet und von Pferden gezogene Fuhrwerke dominieren die engen Gassen Londons.
Ob Chesterons Geschichte Einfluss auf die Wahl George Orwells gehabt hat, seinen Bestsetller 1984 zu nennen, lässt sich nicht mehr eruieren. Es erscheint allerdings unwahrscheinlich, weil Chesterton eine politische Farce verfasst hat, in welcher das Individuum das Kapital besiegen kann. Zumindest für einen gewissen Zeitraum.
Die Geschichte beginnt mit einem zeitlosen Prolog, in welchem G.K. Chesterton die Trens geißelt. Dabei kritisiert er die Naturwissenschaftler und Philosophen, die Ideen in die Breite tragen, bis irgendwann nach dem Einsetzen einer Massenbewegung sie als absurd darstellt und eine Gegenrichtung entwickelt. Chesterton schreibt nicht nur über die Vegetarier, sondern auch die Veganer. Dessen Thesen gipfeln schließlich im Ausruf, das auch Salz eine Daseinsberechtigung hat und leben muss. Satirisch überzeichnet erzählt, lassen sich die Aussagen des Autoren auf die Gegenwart übertragen. Und plötzlich wirken sie nicht mehr so absurd.
Im Epilog seiner Geschichte verbreitet Chesterton den Bogen und macht die Ereignisse in und um Notting Hill zu einer göttlichen Komödie, in welcher sich die beiden Gegenspieler zu einer neuen Herausforderung verabreden. Chestertons London ist nur ein politisch brisanter Spielplatz gewesen.
Zwischen diesen beiden Eckpunkten spielt sich eine interessante Satire auf das angeblich so moderne Großbritannien kurz vor dem Ersten Weltkrieg ab.
In Chestertons England wird der König gewählt. Durch ein Zufallsprinzip. Lange Zeit führte diese Wahl von politisch ungeeigneten Menschen zu einem Stillstand in der Monarchie. Gegen die Wahl kann sich der „Glückliche“ nicht wehren. Die Stasis wird durch die Wahl Auberon Quins durchbrochen, einem Beamten im mittleren Dienst, der Scherze lebt. Kaum im Amt beginnt er London, aber nicht ganz Großbritannien auf eine absurde Art und Weise umzugestalten und zumindest politisch ins Mittelalter zurückzuführen. Besessen von Farben und Stammesschilden befiehlt er, das London als Stadt aufhört zu existieren. Die Stadtteile werden wieder autark, müssen sich mit den entsprechenden Stadtmauern umgeben, Wachen aufstellen und eine Farbe präsentieren. Widerwillig passen sich die Londoner ihrem exzentrischen König an.
Auf die Details geht Chesteron nicht ein. In der Praxis müsste jegliche Struktur der öffentlichen Ordnung, der Handel zusammenbrechen. Die einzelnen Bezirke müssen plötzlich eine Unzahl von Wachen beschäftigen. Die Aufrichtung der Stadt bzw. Bezirksmauern gar nicht berücksichtigt. Aber Chesteron braucht diese Ausgangsbasis, um seine eigentliche Geschichte vom Widerstand eines Individuums gegen das Kapital zu erzählen. Schon lange vor Quins Ernennung haben zwei reiche Geschäfte beschlossen, eine neue Durchgangsstraße zu bauen, damit ihre Waren schneller transportiert werden können. Diese Straße führt durch den zwischen ihren inzwischen Bezirken liegenden Stadtteil Notting Hill. Die Pumpenstraße mit fünf kleineren Geschäften müsste abgerissen werden. Inzwischen ist Notting Hill ein eigener Stadtteil und der gewählte Bezirksbürgermeister Adam Wayne beginnt sich zu wehren. Einen Verkauf der Straße lehnt er ab. Drohungen ignoriert er. DA Quin als König nicht in der Lage ist, Entscheidungen bei einem persönlichen Treffen aller Beteiligten zu fällen, eskaliert der Konflikt. Notting Hill soll überfallen und die Pumpenstraße soll besetzt, anschließend abgerissen werden. Aber alle Parteien haben nicht mit dem intelligenten Widerstand Adam Waynes gerechnet, der mittels moderner Partisanentaktiken die Angreifer immer wieder trotz erdrückender Übermacht zurückschlägt und schließlich sogar mit ihrer Vernichtung bedroht.
Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Parteien schaut lange wie eine Art Wettkampf auf. Adam Wayne verwirrt anfänglich seine Gegner und nutzt die Kenntnisse über die engen Gassen und Notting Hill, um die Feinde abzulenken oder zurückzuschlagen. Da der Konflikt mit Knüppeln, Schwertern und nur bedingt mit den in den engen Straßen nicht einsetzbaren Hellebarden ausgefochten wird, wirken die Kampfszenen eher wie Parodien der Schlachten, die über Jahrhunderte ausgefochten worden sind. Es scheint keine Tote zu geben. Der Tonfall wird gegen Ende der Geschichte bis zum Finale deutlich dunkler. Da hilft es wenig, wenn der König auch zu den Waffen greift und eine Seite in diesem Spiel um die Macht und den Erhalt von Notting Hill unterstützen möchte. So kindlich bizarr seine Ausrufe auch erscheinen, am Ende handelt es sich um ein Blutbad mit mehreren hundert Toten. Chesterton orientiert sich plötzlich und für den Leser hinsichtlich der Brutalität überraschend an der König Arthur Saga und dessen finaler Auseinanderansetzung.
Diese auf den ersten Blick absurde Uneinheitlichkeit hinsichtlich des Gehalts einzelner Szenen zieht sich durch den ganzen Roman.
Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit Macht. Mit der Königslotterie stellt er die Monarchie bloss. Sie ist nicht repräsentativ, wie Auberon Quins Anweisungen hinsichtlich der geographisch politischen Neuordnung Londons beweist. Aber der König ist gleichzeitig auch ein naiver Narr, der sich an der Eleganz des Mittelalters mit seinen Wappen, Farben und vor allem Formen orientiert. So lange das Kapital von diesen absurden Gesetzen profitiert, steht es entweder auf der Seite des naiven Königs oder nutzt ihn in Form von Audienzen aus. Allerdings schreckt das Kapital auch zuerst vor Gewalt zurück. Die Investitionen werden neu bewertet. Am Ende bleibt nur der Konflikt.
Auf der zweiten Hierarchieebene ist der Bürgermeister von Notting Hill ebenfalls ein charismatischer Narr. Als Kind von den inhaltlosen Reden des Königs Quin angesteckt verteidigt er teilweise auch gegen den Willen der Bürger Ideale. Die Pumpenstraße muss bleiben, weil Adam Wayne dort aufgewachsen ist. Als er Unterstützung der fünf Händler in der Straße sucht, werden seine Vorstellungen ablehnt. Zu viel Geld hat das Kapital geboten. Nur der Besitzer des Spielzeugladens hat ein offenes Ohr für Wayne. Vor allem, weil er in seiner eigenen Wohnung mittels Zinnfiguren wichtige Schlachten nachstellt und den Krieg als opportunes Mittel ansieht. Zinnsoldaten bluten zwar nicht, aber die Begeisterung für das Militärische, für die Befehlsketten und schließlich die Durchsetzung der eigenen Meinung mit der Waffe sind ansteckend.
Am Ende wechselt Quin quasi die Seiten und ergreift zweiundzwanzig Jahre nach der ersten Schlacht um Notting Hill aus patriotischen Gründen selbst zum Schwert. Die Idylle Notting Hill wird von außen bedroht, wobei die Feinde eher eindimensional skizziert werden. Es sind die Vorstädte, weil nach der Macht greifen. Motive werden nicht genannt. Chesterton hat den Drang in sich, das Paradies zu zerstören, weil es eben für die in Notting Hill lebenden Menschen zu einer kleinen Oase des auch wirtschaftlichen Glücks geworden ist. Im Gegensatz zu den unmittelbaren Nachbarn Nottings Hill, die sich der Allzweckwaffe der kleinen Siedlung unterwerfen müssen, sind die Stadtteile außerhalb des Londoner Kerns nicht bedroht.
Ein weiterer von Chesterton kritisierte Aspekt ist der soziale Zusammenhalt Londons, stellvertretend für den Rest des britischen Imperiums. London ist zu Begriff eine zentralisierte „Masse“ von gleichgeschalteten Menschen, unter der Knute des Kapitals und nicht mehr der direkten Kontrolle des Königs, der vor Quin im Grunde austauschbar ist. Quin durchbricht diese soziale Hegemonie, in dem er das Individuum in den Mittelpunkt seiner allerdings naiv absurden Argumentationsketten stellt. Mit der Zerschlagung der zentralen Ordnung und der Schaffung von einzelnen Stadtteilen, basierend auf den Karten des mittelalterlichen Londons, erschafft der König unabsichtlich auch wieder den Lokalpatriotismus, der die eigenen Interessen über die Notwendigkeiten des britischen Reichs stellt. Eine fatale Kette, an deren Ende das britische Reich auseinanderbrechen muss. Quin etabliert sich als Gegenentwurf zu König Arthur, der Großbritannien einen und schützen wollte. Am Ende sind die Nachbarn die größten Feinde. Am Ende ist es der dogmatische Träumer Adam Wayne, der Napoleon von Notting Hill, der die Legenden aufrechterhält und deswegen im Grunde nur heroisch sterben kann. Eine Gleichschaltung der Menschen will Chesterton verhindern, in dem bei ihm „small beautiful“ is.
Während Quin die Kleinstaaterei initiiert und mit seinen surreal erscheinenden Anweisungen auch protegiert, zeigen die Konflikte zwischen den einzelnen Londoner Stadtteilen, das das Militär immer noch nach den alten Regeln kämpft. Und damit in den engen Gassen Notting Hills scheitern muss. Adam Wayne hat auf jeden Angriff eine entsprechende Antwort. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Feind seinen wenigen Soldaten dutzendfach überlegen ist. Wayne nutzt die engen Straßen, er nutzt die Gaslaternen und schließlich auch das Symbol, für das Notting Hill auf seinem kleinen höher gelegenen Hügel steht. Interessant ist in dieser Hinsicht auch, dass auf der einen Seite die einzelnen Londoner Stadtteile autark sein sollen, es aber immer wieder Industrieanlagen gibt, die mehr als einen Bezirk versorgen müssen. Dieser Widerspruch wird vom Autor nicht aufgeklärt. „Der Napoleon von Notting Hill“ ist aber nicht die erste Geschichte, in welcher sich der „kleine Mann“ gegen die Obrigkeit mit Gewalt, aber auch Verstand durchsetzt, um kapitalistische Baumaßnamen zu verhindern. Der Roman ist auch keine Blaupause für den Widerstand einzelner Gruppen gegen die Staat. Am Ende sterben Menschen. Am Ende geht es auch nicht mehr um die Sinnhaftigkeit des Unternehmens, der Widerstand per se mit einem endgültigen Sieg – auch wenn er nur zweiundzwanzig Jahre anhält- ist das Ziel. Aufgeben für beide Seiten keine Option mehr.
Ein weiterer Aspekt dieses Buches ist der uneinheitliche Humor. Der König als Clown mit seinen irrsinnig erscheinenden Ideen – so schreibt er nicht nur über die Auseinandersetzungen, er baut sich als Augenzeuge in die Kämpfe ein und beschimpft sich selbst als König in der dritten Person – ist der eine Aspekt des Buches. Adam Wayne als naiver, leicht gläubiger Narr, der sein Leben auf eine unbedachte Äußerung des Königs vor vielen Jahren ausrichtet, ist kein Gegensatz, sondern wirkt wie eine Variation Quins. Gemeinsam könnten sie tatsächlich ein neues Großbritannien aufbauen. Die Dialoge wirken überdrehte. Jahre später wird man diese Art von verbalen Feuerwerken in den amerikanischen Screwballkomödien wieder finden. Aber sie ergeben nicht immer einen Sinn, wie die beiden treibenden Kräfte am Bau der Schnellstraße durch Notting Hill feststellen müssen. Der humorige Tonfall wirkt Fehl am Platze, je blutiger die Schlachten werden. Anfänglich bewegen sich die Aktionen und die Reaktionen der entschlossenen Notting Hiller auf dem Niveau von Sandkastenspielen, bei denen niemand ernstlich verletzt wird. Es wird eher der Knüppel geschwungen. Die letzten beiden Schlachten mit hunderten von Toten sind deutlich blutiger, aber auch hier wechselt der Autor bei den teilweise überzogenen Beschreibungen, aber auch den ironischen Dialogen nicht die Tonlage. Dieser Widerspruch reiht sich in eine Reihe von auf den ersten Blick absurden Szenen, die mehr als einhundert Jahre nach der Entstehung des Romans aber auch mehr als ein Korn Wahrheit enthalten.
Die Ausgangsprämisse mit der Erschaffung eines neuen Londons bzw. der vielen kleinen selbstständigen Domänen erscheint genauso absurd wie die Tatsache, das Wayne bis auf vier ver fünf Kaufleute der Pumpenstraße relativ schnell aller Bewohner Notting Hills hinter seine Pläne des aktiven Widerstands gegen den Bau der Schnellstraße bringt. Aber Chesterton greift absichtlich zum Mittel der Übertreibung zurück, um seinen Standpunkt eines arroganten, selbst verliebten und vor allem im Grunde nicht mehr lebensfähigen, unter seinen Traditionen und Selbstbeweihräucherungen zusammenbrechenden Großbritanniens mit einem unfähigen König an der Spitze plakativ zu demonstrieren. Aber der Autor hat auch keine Alternativen. Adam Wayne als der heroische Held, der wegen seiner militärischen Erfolge zum Napoleon von Notting Hill „Übermensch“ ist keine Alternative. Unter seiner Führung verharrt Notting Hill auch in der Erinnerung an den Sieg und hat keinen Blick für die Zukunft. In seiner Unberechenbarkeit ist König Quin zwar eine Art anarchistisches Element gegen die politische Star- und damit auch Sturheit des britischen Empires, aber keine Basis, auf welcher eine Zukunft aufgebaut werden kann. Abschließend bleiben die Kirche – Chesterton geht in „Der Napoleon von Notting Hill“ nicht weiter auf ihre Rolle ein und das Kapital, dargestellt von den Baumeistern der Schnellstraße, die ihre Investitionen möglichst schnell zurückhaben möchte. Keine empfehlenswerten politischen Zukunftsbausteine, so dass am Ende nur ein totaler Neuanfang mit einem gehörigen Schuss Naivität übrig bleibt.
„Der Napoleon von Notting Hill“ ist aus heutiger Sicht ein Kuriosum, das in einem Großbritannien spielt, wie es niemals war oder sein wird. Dessen Autor seine Finger in wirklich alle Wunden des alltäglichen Lebens steckt und aufzeigt, das im Grunde nur das reine Chaos für einen Moment funktioniert und das Trends niemals ein Freund der Menschen sein wird.

- ASIN : B0BJYM6T41
- Herausgeber : Independently published (20. Oktober 2022)
- Sprache : Englisch
- Taschenbuch : 173 Seiten
- ISBN-13 : 979-8798584420
- Abmessungen : 15.24 x 0.99 x 22.86 cm
