„Winnetous Geist“ ist die erste Hälfte eines Doppelromans aus der Feder Ian Carringtons. Der Plot endet zwar nicht direkt mit einem Cliffhanger, aber handlungstechnisch übergibt der Autor den Staffelstab vom aufgrund seiner Westernerfahrung dominanten Karl May an Sherlock Holmes, der mit seinen deduzierenden Fähigkeiten in „Blutsbruder Sherlock“ ein Rätsel, initiiert durch Kriminelle lösen muss.
Es ist nicht die erste Begegnung zwischen Karl May und Sherlock Holmes. Klaus Peter Walter hat in „Sherlock Holmes und Old Shatterhand“ eine fiktive Begegnung inklusive eines Mords an Bord eines Zugs zwischen Karl May und dem berühmten Detektiv beschrieben. Sherlock Holmes erkennt sofort den Hochstapler und entlarvt ihn, obwohl zu diesem Zeitpunkt (1903) die Öffentlichkeit schon über Karl Mays falsches Eigenleben informiert gewesen ist.
Das Hörspielkollektiv PuzzleCat Entertainment enthüllt in “Der persische Pantoffel” nicht nur das Geheimnis von Sherlock Holmes Tabakbeutel, sondern der Meisterdetektiv erinnert sich an sein Zusammentreffen im Jahr 1893 mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar. Zu dritt gingen sie gegen den Geheimbund der Sillan vor.
In Ian Carringtons drei Romanen treffen mit Sherlock Holmes, Doktor Watson; dem Karl May aus der erzählerischen Perspektive der eigenen Büchern mit seinen Alters Ego und im Doppelband “Winnetous Geist” / “Blutsbruder Sherlock” eine sehr modern denkende, irgendwie zu gekünstelt perfekt beschriebene Klara May ausschließlich literarische Kunstfiguren aufeinander. Der von Ian Carrington beschriebene Karl May lebt in seiner von ihm selbst geschaffenen fiktiven Welt.
In „Der Fluch der Mandragora“ verschwindet Doktor Watsons Cousine in Marokko. Sie wird ermordet. Sherlock Holmes macht sich an der Seite seines Freundes auf, um die Hintergründe aufzuklären. In der Wüste begegnen sie Kara Ben Nemsi und seinem Weggefährten Hadschi Halef Omar. Gemeinsam versuchen sie die Mörder von Watsons Cousine zu fangen und zu bestrafen. Gleichzeitig müssen sie natürlich einer Verschwörung auf die Spur kommen.
Die Akzeptanz vom Überhelden Karl May und nicht dem realen Schriftsteller ist auch Ausgangsbasis des Doppelromans „Winnetous Geist“ und „Blutsbruder Sherlock Holmes“. Karl May und seine Frau Klara besuchen London. Karl May will dort nicht nur Buchverträge abschließen, sondern vor allem seine Freunde Sherlock Holmes und Doktor Watson besuchen. Während der gemeinsamen Stadtführung inklusive eines opulenten Essen haben Holmes und May das Gefühl, als wenn sie beobachtet werden. Bei einer Konfrontation mit den Verfolgern glaubt Karl May, Winnetou bzw. seinen Geist zu sehen.
Karl Mays Weg führt weiter in die USA. Spontan entschließen sich Sherlock Holmes und Doktor Watsons, die Mays zu begleiten. Auch auf dem Luxuskreuzfahrtschiff – Ian Carrington beugt mit der „Kronprinzessin Cecelie“ nach eigenen Angaben und vollkommen unnötig die Geschichte, da das Schiff erst einige Jahre nach der Reise vom Stapel gelaufen ist – werden sie ebenfalls beobachtet. Bei der Verfolgung springt einer der Schatten über Bord und ertrinkt im Atlantik.
Kaum in New York angekommen, wird Klara May entführt. Die Entführer hinterlassen eine deutliche Botschaft. Karl May soll Sherlock Holmes zum Mount Winnetou führen, ansonsten müsste seine Frau sterben.
Der zweite Teil von „Winnetous Geist“ besteht aus der herausfordernden, gefahrvollen Reise der drei Freunde zu dem ausführlich von Karl May in seinem surrealistischen Roman „Winnetou IV“ beschriebenen Mount Winnetou. Mehr und mehr fließen Karl Mays in „Winnetou IV“ niedergeschriebene fiktive Erinnerungen in die laufende Handlung ein.
Ian Carrington nimmt noch mehr als in „Der Fluch der Mandragora“ ein literarisches Wagnis auf sich. Der Autor etabliert Karl May als seine Alter Egos Kara Ben Nemsi in „Der Fluch der Mandragora“ und Old Shatterhand – seine Faust wird mehrmals ihrem Ruf gerecht – in „Winnetous Geist“. Der Leser muss sich auf diese Fiktion einlassen. Ein realer Schriftsteller – er verschweigt seine Gefängniszeit nicht – träumt sich in die eigene Überheldeninkarnation und erlebt mit zwei weiteren weltberühmten fiktiven Helden Abenteuer. Ohne Akzeptanz dieser Ausgang Prämisse funktioniert die Geschichte nicht.
In „Winnetous Geist“ hat Sherlock Holmes relativ wenig zu tun. Nur wenige Beobachtungen, aber keine Deduktionen lassen sein Gehirn im Ruhemodus verharren. Zwar erkennt er wie Karl May mehrmals seine Verfolger, aber diese entkommen ihnen mit waghalsigen Aktionen bzw. einmal Selbstmord. Ansonsten muss Sherlock Holmes Bankräuber verhaften, entkommt mit seinen Freunden einem Tornado und wird von hinterhältigen ehrlosen Indianern an den Marterpfahl gebunden, nachdem sie vorher im Zweikampf ihre Tapferkeit und Überlegenheit gegenüber den roten Kriegern beweisen konnten.
Zumindest verzichtet Ian Carrington auf einige Klischees aus den Karl May Geschichten und lässt die erste Befreiung aus Eigenhand kläglich scheitern. Die Rettung in letzter Sekunde vor dem Tod am Marterpfahl ist dagegen kein literarischer Zufall, sondern Teils eines komplexen, im Grunde viel zu komplizierten Plans, um Sherlock Holmes zu einem bestimmten Ort zu bringen, wo alleine seine Fähigkeiten als der weltbeste Detektiv Verbrechern von Nutzen sein könnten.
Ian Carrington verfasste in der ersten Hälfte des Romans ein sehr geradliniges Garn. Die Actionszenen sind gut geschrieben und wirken als respektvolle Hommage an Karl May überzeugend. Immer wieder fließen - nicht selten von Karl May in Monologen präsentiert - notwendige Hintergrundinformationen zu den Indianern, aber auch Winnetous Tod und sein Begräbnis in die Handlung ein. Karl May hat ja schon in „Winnetou IV“ entsprechende Vorarbeit geleistet. Doktor Watson als Chronist vervollständigt den Hintergrund mit Sherlock Holmes Kanon typischen Informationen. Die Geschichte ist gänzlich aus Doktor Watsons Sicht erzählt. Parallel laufende Handlungsstränge werden in Form von zusammengefassten Dialogen, manchmal auch Monologen hinzugefügt. Bei einem derartig kompakt konzipierten Roman wird der Handlungsfluss nicht sonderlich behindert, da sich Doktor Watson im Gegensatz zu seiner sonstigen Art tatsächlich auf die wesentlichen, für den Plot relevanten Fakten fokussiert.
„Winnetous Geist“ ist durch die längere beschwerliche Reise zum Mount Winnetou im Vergleich zur Seereise oder den wenigen in London bzw. New York spielenden Szenen eher eine Western-Hommage im Karl May Stil als eine Sherlock Holmes Geschichte. Auch wenn Sherlock Holmes und Doktor Watson gut gezeichnet worden sind, erdrückt die bizarre Ausgangsbasis dieser Reise ihre Stärken und reduziert zumindest Sherlock Holmes zu einem weiterhin scharfen Beobachter, der mehrmals aber zu lange braucht, um aktiv zu handeln.

Ian Carrington
WINNETOUS GEIST
Band: 37, Historischer Kriminalroman
Seiten: 150 Taschenbuch
Exklusive Sammler-Ausgabe
Preis: 12,95 €
