Der Apex Verlag legt mit John Sauls „Nathaniel“ dessen siebentes, ursprünglich 1984 veröffentlichtes Buch neu auf. Einige Quellen führen den Roman auch unter dem Erscheinungsjahr 1974, was allerdings falsch ist, da der Amerikaner erst drei Jahre später offiziell mit dem Schreiben angefangen hat.
Der Roman ist in Hinblick auf John Sauls Werk ein typisches Beispiel. Einige sprechen von Klischees, aber der Amerikaner hat in seinen frühen Horrorromanen bestimmte Schemata immer wieder in relativ engen Bahnen variiert und konnte trotzdem seine Leser überzeugen.
Janet Halls Ehemann Mark ist bei einem Unfall auf dem Land ums Leben gekommen. Er wollte seine Eltern in seiner alten Heimatstadt Prairie Bend besuchen. Warum Mark dorthin gereist ist und nach Jahren wieder Kontakt mit seinen Eltern aufgenommen hat, bleibt Janet anfänglich verborgen. Zusammen mit ihrem elfjährigen Sohn Michael- ein typisches „Opfer“ für einen John Saul Roman – reist sie als Großstädterin zur Beerdigung aufs Land.
Die Schwiegereltern berichten von einer Farm, die Mark gehört. Janet beschließt, sich in der kleinen und ihr gegenüber freundlichen Gemeinde niederzulassen und auf der Farm zu leben, die Mark hinterlassen hat. Während das Verhältnis zur Schwiegermutter durchgehend freundlich ist, begegnet der Schwiegervater den beiden Großstädtern mit reichlich Skepsis und Ablehnung. Natürlich warnt er vor allem Michael vor Ben Findley und seiner Farm. Ben Findley mag keine Menschen und fühlt sich von ihnen bedroht. Eine klassische Einladung für einen Jugendlichen, der irgendwie den Drang verspürt, nicht nur auf Ben Findleys Grundstück zu kommen, sondern vor allem auch in dessen Scheune, wo eine Stimme ihn förmlich ruft. Sie gehört Nathaniel, der laut den Mitgliedern der Gemeinde aber schon längere Zeit tot ist.
John Saul lebt vom Alltäglichen. Seine Bücher entwickeln sich. Es ist rückblickend schwer, einzelne inhaltliche Höhepunkte oder auch nur besondere Szenen hinzuweisen. Sie sind vorhanden, aber sie bilden mit den dreidimensionalen Charakteren und vor allem der beklemmenden ländlichen Atmosphäre eine Einheit. John Saul ist kein Schriftsteller, der Schockmomente liebt oder in den Vordergrund stellt. Die Bedrohung beginnt meistens mit einem beklemmenden Gefühl, dem obligatorischen Blick über die eigenen Schultern, während die Bedrohung direkt von vorne kommt und doch unvorhersehbar ist.
Seine Protagonisten sind wie bei Stephen King oder Dean Koontz normale Menschen mit alltäglichen Jobs und vor allem normalen, gängigen Problemen. Der durchschnittliche Leser kann sich sehr gut mit den Menschen identifizieren und der erste Stein, der fällt, löst nicht umgehend eine Lawine aus, sondern ist unmerklich. Der plötzliche Tod eines geliebten Menschen bedingt eine Veränderung, die anfänglich trotz der Trauer und des Verlusts positiv erscheint. Ganz bewusst baut John Saul in der gelungenen ersten Hälfte des Buches den Kontrast zwischen der Ansicht Mark Halls hinsichtlich seiner Herkunft und seiner Eltern sowie den „tatsächlichen“ Begebenheiten in einer ländlichen, manche würden einer primitiven Idylle sagen .
John Sauls Charaktere mit ihren Stärken und Schwächen sind zugänglich. Er sucht sich die Protagonisten aus, die wahrscheinlich am ehesten auch zu seinen Romanen greifen. Selbst bei den Schwiegereltern versucht der Autor Klischees zu vermeiden, wobei der Sadismus des gläubigen Amos dem Familienhund gegenüber grenzwertig ist. In den achtziger Jahren wie auch heute. Aber kleine Sünden bestraft John Saul nicht sofort, sondern zumindest am Ende der Geschichte.
Der Horror in Form einer ambivalenten Bedrohung setzt nur selten bei John Saul umgehend ein. Der Amerikaner bevorzugt zwar einen griffigen Prolog, eine temporeiche Eröffnung, der anschließend ruhigere, das Szenario etablierende Sequenzen folgen, aber spätestens ab der Mitte der Geschichte hat sich eine beklemmende, nicht immer in seinen Büchern wirklich nachhaltig zu bestimmende Atmosphäre der Angst, vielleicht auch ein wenig der berechtigten Paranoia breit gemacht. John Saul verzichtet in den meisten seiner Bücher, in denen entweder Jugendliche bedroht werden oder sie die Quelle der Bedrohung sind, auf nachhaltige Erklärungen. Wie die getriebenen Protagonisten soll sich der Leser selbst ein Bild machen. Er soll die Vorgänge einschätzen und dann zu einem Fazit kommen, das in John Sauls besten Büchern klassisch falsch ist. In einigen seiner inzwischen von der Zeit eingeholten Thrillern greift der Autor aus heutiger Sicht in eine gut gefüllte Klischeekiste und entwickelt über die im Hintergrund agierenden Antagonisten mindestens solide, aber auch schematische Thriller.
„Nathaniel“ fällt nicht in diese Kategorie. Die Ausgangsbasis ist eine Horrorgeschichte in einem Gruselroman. Nathaniel ist inzwischen eher eine Art der Abschreckung, der seine Mutter in einem der zahlreichen kalten und langen Winter überlebt hat. Aus dem potentiellen Schreckgespenst für Kinder als Basis der Geschichte erweitert John Saul den Bogen auf ungeborene Kinder – natürlich hat das kleine Dorf ein Geheimnis und dieses Mal lässt es sich nicht mit genetischen Experimenten erklären, wie in seinem Roman „Das Gott- Projekt - auf Paranoia und schließlich dem Verfall eines geistig gesunden Jungens. Dabei bleibt vollkommen offen, ob er unter dem potentiellen Einfluss „Nathaniels“ steht oder diese Figur in seiner Phantasie basierend auf der ihm erzählten Geschichte lebendig wird. Es spielt rückblickend auch kaum eine Rolle, denn über mehr als achtzig Prozent der Geschichte konzentriert sich John Saul neben den angesprochenen soliden, aber niemals charismatischen ober überdurchschnittlichen Figuren auf bekannte Versatzstücke. Neben dem tragischen Rückblick – in doppelter Hinsicht durch den verstorbenen Vater, aber auch die Geistergeschichte – auf eine dunkle Macht, die Michael unter ihre Kontrolle bringen könnte.
Erst am Ende erweitert John Saul die Geschichte und fügt ihr selbst für sein umfangreiches Werke neue, nicht zu oft verwandte Elemente bei. Dank der gruseligen Anfangsatmosphäre und dem Versuch, die weite Prärie wirklich unheimlich und besonders nachts bedrohlich erscheinen zu lassen, kann der Autor einige zu vertraute Ideen überspielen. Mit dem anziehenden Tempo und einem zufriedenstellenden, allerdings nur bedingt manche roten Handlungsfäden erklärenden Ende hebt sich „Nathaniel“ vor allem aus der Masse der Jahr auf Jahr folgenden John Saul Thriller positiv ab. Das Alter von fast vierzig Jahren merkt man der Handlung an, aber in der Zeit des Internets und der Handys, einer globaleren Kommunikation und vor allem mehr Bewegungsfreiheit würde ein wichtiger Punkt der Geschichte – die Isolation von der sogenannten Zivilisation – nicht funktionieren.
„Nathaniel“ ist keine aufregende Neuauflage. Es ist ein solider Horrorthriller der gemäßigten Fraktion. Zwischen Clive Barkers „Bücher des Blut“, Stephen Kings immer exzentrischer und aufregender werdenden Geschichte oder Dean R. Koontz, der vor allem einige Science Fiction Elemente in das Gewand des Horrorromans kleidete, ragt „Nathaniel“ vielleicht nicht einmal besonders heraus, aber es ist eine fiese, aber nicht durchgehend finstere Halloween Geschichte, die sehr gut in diesem Monat passt und am besten nach Sonnenuntergang gelesen werden sollte. Dann vergisst der Leser die leider auch zahlreichen stereotypen Wendungen und einige Mechanismen schneller, die John Saul immer und immer wieder angewandt hat.

- ASIN : 3746769116
- Herausgeber : Apex Verlag
- Sprache : Deutsch
- Taschenbuch : 372 Seiten
- ISBN-10 : 9783746769110
- ISBN-13 : 978-3746769110
