Sherlock Holmes gegen Cthulhu

Klaus- Peter Walter

Der Blitz Verlag legt unter dem ein wenig anders gestalteten Titel „Sherlock Holmes gegen Cthulhu“ den ursprünglich 2008  als „Sherlock Holmes im Reich des Cthulhu“ veröffentlichten Roman aus der Feder Klaus- Peter Walters innerhalb der Subreihe „Lovecrafts Schriften des Grauens“ neu auf. Der Roman wurde in der Zwischenzeit auch als Hörspiel adaptiert.

In den in sich abgeschlossenen französischen Comics ist Sherlock Holmes inzwischen auch Lovecrafts Kosmos der großen Alten begegnet. Vorher hatte Neil Gaiman  in dem phantastischen Kurzgeschichtenband „Schatten über Baker Street“ mit „Eine Studie in Smaragdgrün"  eine Geschichte publiziert, die eng mit Lovecrafts Mythos verbunden ist. Die Sherlock Holmes Elemente werden in Form einer Parallelwelt zu Arthur Conan Doyles Schöpfung in die laufende Handlung integriert.

Aber Klaus-  Peter Walther geht in diesem vor allem zu Beginn ausgesprochen diszipliniert geschriebenen Roman noch einen Schritt weiter und lässt die beiden berühmtesten Schöpfungen Arthur Conan Doyles - Sherlock Holmes und Professor Challenger - aufeinandertreffen. Der exzentrische Professor stellt auch gleich fest, dass sich ab diesem Moment zwei intelligente Männer im Raum befinden. Dazu kommen Anspielungen auf “Die verlorene Welt” - diese wirkt allerdings stark konstruiert und überspannt durch die Doppelung den Bogen - sowie “Als die Erde schrie”. Klaus- Peter Walther begnügt sich aber nicht mit dieser Symbiose aus Lovecraft und einem doppelten Arthur Conan Doyle. Während des Epilogs findet sich ein Hinweis auf einen weiteren sehr berühmten Schriftsteller und das entsprechende Drehbuch, das einen Blockbuster gebären sollte. Auch hier steht Klaus- Peter Walters  Plot fiktiv Pate.   

Verschiedene Ereignisse bilden die Grundlage dieses letzten Sherlock Holmes Falls, bevor er sich aus London zurückzieht und beginnt, Bienen zu züchten. Auf den Stufen der Baker Street 221b stirbt ein Mann, der aus Professor Moriartys “Familie” stammt. Anscheinend wollte er Sherlock Holmes eine wichtige Botschaft überbringen. Der Mörder hat den zwischen seinen Tätowierungen versteckten Hinweis übersehen, Sherlock Holmes entgeht er natürlich nicht.

Ein Klatschreporter, der gerade zu einer weitere Saurier suchenden Expedition aufbrechen wollte, wird in seinem Zimmer wahnsinnig aufgefunden. In seiner Hand hält er eine Schachtel mit einer Art lebenden Wurm. Der Wurm ist allerdings ein abgetrennter Finger. Der Besitzer des Fingers ist Sherlock Holmes nicht unbekannt.

Die Wohnung des Reporters  ist zerwühlt, aber es findet sich eine Kopie des Necronomicons, anscheinend ebenfalls in Menschenhaut eingeschlagen. Auch wirkt das Arbeitszimmer seltsam schräg geschnitten, als wenn es einen Übergang zu einer anderen Dimension gäbe. Für diese weit hergeholte Tatsache spricht auch, dass seltsame hufförmige Fussspuren in eine Richtung (zur Wand) tiefer eingedrückt sind als von der Wand weg. Als wenn jemand getragen worden ist.

In dem von Revolutionen erschütterten Russland wurde ein seltsames Wesen - im Eis eingefroren - aufgefunden und in Sussex in der Nähe einer kleinen Gemeinde erschreckt jeden Freitag ein futuristischer Laufapparat mit einem gigantischen Taucherhelm die Bevölkerung. Außerdem ist in eine geheimnisvolle Fabrik neben der Gemeinde der Rohstoff zur Gewinnung von Radium geliefert worden.  Mycroft Holmes ist zutiefst beunruhigt, kann aber nicht aktiv eingreifen. Und Professor Moriarty sendet von „jenseits des Grabes“ seltsame, bizarre Hinweise, als wenn er zum ersten Mal an der Seite Sherlock Holmes gegen ein noch böseres Wesen kämpfen will.

Klaus- Peter Walters Roman lässt sich aus zwei Perspektiven betrachten. Da wäre natürlich vordergründig die Sherlock Holmes Kanon Geschichte. Der britische Detektiv geht mit seinem ernsthafter und auch aktiv mithelfender gestalteten Sidekick Doktor Watson den entsprechenden Spuren nach. Beobachtungsgabe und deduktives Vorgehen bestimmen die erste Hälfte des Buches, während gegen Ende des Romans Sherlock Holmes nur noch reagieren, aber nicht mehr agieren kann.  Dabei teilt Klaus-  Peter Walter abschließend auch den Kampf gegen die Bedrohung aller Menschen geschickt auf. Sherlock Holmes “bekämpft” den einen Feind, während Doktor Watson zusammen mit dem sechsbeinigen Monster den anderen, auf den ersten Blick deutlich übermächtigen Feind von jenseits der vertrauten Dimensionen bekämpfen muss. 

Der Autor scheut sich auch nicht, Klischees auf den Kopf zu stellen. So wird Doktor Watson wieder einmal ausgeschaltet und entführt. Um die Rettung kann er sich aber mittels eines lebenden Toten - im Grunde des zweiten Menschen, der auf eine  tragische Weise mittels einer eingeschränkt wirkenden Tinktur wiederbelebt worden ist - selbst kümmern. Hier flechtet Klaus-  Peter Walter Anspielungen auf eine weitere Legende ein. Auch wenn Klaus- Peter Walter gerne zu Doppelungen greift, sind die einzelnen Elemente erstaunlich gut und überzeugend miteinander verzahnt und ergeben über weite Strecken ein wenig an Philip Jose Farmers Wold Newton Family Konzept. Wie Farmer fügt Klaus-  Peter Walter fiktive literarische Figuren hinzu, dazu Legenden und schließlich auch zwei Kosmen zusammen und baut daraus eine neue Geschichte, die in der Theorie in beiden Welten bestehen kann. 

Das Verhältnis zwischen Mycroft Holmes und seinem Bruder bzw. Doktor Watson wirkt ein wenig zu gekünstelt, zu distanziert. Angesichts der Bedrohung nicht nur den britischen Empires, sondern der Welt hätte Mycroft Holmes ein größeres Interesse, ein wenig offener mit seinem Bruder zu sprechen und ihm auch direkte Hinweise zu geben. Natürlich weiß Mycroft Holmes, dass die natürliche Neugierde seinen Bruder in die richtige Richtung treibt, aber dazu gibt es zu viele Elemente aus dem H.P. Lovecraft Kosmos als übernatürliche Bedrohung, welche einem rationalen Menschen wie Holmes das Leben nicht nur schwer machen, sondern es außerhalb der Realität eines Serienkosmos auch sehr schnell beenden könnten.  

H.P.Lovecrafts Cthulhu Kosmos ist im 21. Jahrhundert inzwischen zu einem Kosmos geworden, der wie die Sherlock Holmes Kanongeschichten den Umfang des ursprünglichen Werks in alle Richtungen vom Splatter bis zur Science Fiction verlassen hat. Kenner von Lovecrafts Schriften können die Geschichte kurzweilig lesen. Für die Leser, welche nicht im Detail mit den Arbeiten des Providence Autoren vertraut sind, finden ausreichende, aber nicht erdrückend viele Nebeninformationen im Plotverlauf. Hier dient vor allem Doktor Watson wieder als teilweise leicht überforderter Stellvertreter, dem von unterschiedlichen Protagonisten relevante Ereignisse erzählt werden. Manchmal sind es auch aufgefundene Berichte, die das Puzzle vervollständigen. Bei dieser Exkursion - Klaus- Peter Walters  Doktor Watson muss die laufende Handlung unterbrechen, in der Zeit voranschreiten und mittels einiger in Mycroft Holmes befindlicher Aufzeichnungen eine chronologische “Lücke”im Handlungsverlauf schließen -  greift der Autor irgendwie auf Füllmaterial zurück. Die Bedeutung der Tore und das Durchschreiten mittels Musik ist dem Leser inzwischen vertraut. Sherlock Holmes beweist es noch einmal dem Leser.  Die mehrfach angesprochene Insel könnte ein weiterer Hinweis auf das schon angesprochene Drehbuch sein, wobei mit Professor Challengers “Verlorener Welt” dieses Sujet ausreichend für einen kurzweilig zu lesenden Roman abgedeckt worden ist. Weniger wäre vielleicht sogar mehr gewesen. 

Klaus- Peter Walter spielt souverän mit einer Liebe zu den exzentrischen, bizarren Details H.P.  Lovecrafts Kosmos durch. Dabei geht der Autor weit über das Monster-der-Woche Sujet hinaus und lässt Professor Challenger als Traum eines jeden Archäologen nach der “namenlosen Stadt” ausgerechnet in England graben und sogar fündig werden. Ohne mittels Erklärungen die Hintergründe von Lovecrafts Kosmos zu zerreden, präsentiert der Autor neben den entsprechenden Monstren zwei “Krüppel”, direkt dem Steampunk Universum entstiegen, die ihre körperlichen Beschwerden dank der viktorianisch modernen Technik unter Kontrolle haben, aber nicht mehr überwinden können. Auch hier wirkt die Doppelung ein wenig überzogen, aber Klaus-  Peter Walter hat in beiden Fällen die richtige Hintergrundgeschichte parat. In einem Fall ist sie sogar perfekt in den Sherlock Holmes Kanon eingepasst, während das Schicksal des eigentlichen Antagonisten eng mit den Forschung Marie Curies verbunden erscheint.  

In den folgenden Jahren hat Klaus- Peter Walter eine ganze Reihe von Sherlock Holmes Geschichten geschrieben, in denen der britische Detektiv während seiner verlorenen Jahre unter anderem durch Europa bzw. Deutschland reiste und immer wieder historischen Persönlichkeiten begegnete oder mittelbar seine Hand auf geschichtliche Ereignisse dieser Ära legte. Einige dieser Romane wirken gedehnt und inhaltlich stark konstruiert. Diese Schwächen finden sich im vorliegenden Band nur an ganz wenigen Stellen, in denen eine direkte Fortführung der Handlung einer Exkursion in Form von Tagebuchaufzeichnungen spannungstechnisch sinnvoller gewesen wäre.  Den Plot zeichnet über weite Strecken nicht nur ein hohes Tempo aus, sondern ein gutes Auge für die Details des Lovecraft Kosmos mit einem anfänglich sehr gut ermittelnden Sherlock Holmes, der mit viel Sinn für sarkastischen Humor die Arroganz seines lange Zeit unbekannten Feindes positiv ausnutzt, um sich allerdings im mittleren Abschnitt des Romans mit einigen Irrungen auf das Ziel hinbewegen, das während des Finales in doppelter Hinsicht und in zwei Welten angegriffen werden kann. Klaus-  Peter Walter erzeugt eine interessante Weird Fiction Atmosphäre mittels einiger kleinerer Ideen - alleine der Wurm und die Auswirkungen auf den Journalisten ist ein früher Höhepunkt des Buches -, die wirkungsvoller sind, als das zumindest auf der Doktor Watson Ebene fast zu cineastische, zu theatralische und vorhersehbare “Ende”, während Holmes  in “seiner Welt” pragmatisch in James Bond Manier handelt und damit den Bogen zum langen Nachwort schlägt, in welchem Klaus- Peter Walter noch einmal nicht nur auf seine Inspirationen, sondern den über den Roman hinaus fortgeführten Stammbuch hinweist. 

Mario Heyer hat ein sehr schönes Titelbild dieser lesenswerten Neuauflage beigesteuert, das den Leser, aber nicht unbedingt Sherlock Holmes gleich in die richtige, schauerliche Stimmung bringt.    

Klaus-Peter Walter
SHERLOCK HOLMES
GEGEN CTHULHU


Band: 32, Unheimlicher Roman

www.blitz-verlag.de
Seiten: 228 Taschenbuch
Exklusive Sammler-Ausgabe
Preis: 12,95 €

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