Neil Clarke setzt im Sommervorwort seine Gedanken zu neuen Marketingmöglichkeiten und damit auch neuen Kundengruppen fort. Auch wenn das Magazin inzwischen fast zwanzig Jahre existiert, ist die Existenz durch die Verschiebungen insbesondere bei Amazons Kindle wieder gefährdet. Die Macht der Großkonzerne lässt sich leicht aus diesen trotzdem vorsichtig gesetzten Zeilen ablesen.
Andrew Liptak geht in „Destination: Jupiter“ auf zahlreiche Science Fiction Romane ein, welche auf dem Jupiter selbst oder dessen Monden, sowie in diesem Teil des Sonnensystems spielen. Verbunden werden diese kurzen Vorstellungen mit einigen wissenschaftlichen Exkursionen. Informative, aber nicht zu schwere Kost.
Matthew Kessel als Herausgeber/ Autor und Elizabeth Bear als eine der besten neuen Autorinnen könnten nicht weiter genretechnisch auseinanderliegen. Und trotzdem gibt es eine Reihe von erstaunlichen Überschneidungen in ihren bisherigen Karrieren, aber auch hinsichtlich ihrer Projekte. Arley Sorg kitzelt vor allem in dem im Grunde Folgeinterview – sie ist nicht zum ersten Mal Gesprächspartner – mit Elizabeth Bear sehr viele neue Informationen heraus.
Acht Kurzgeschichten und keine Novelle bilden den Kern dieser „Clarkesworld“ Ausgabe.
Ng Yi-Sheng eröffnet den Reigen mit „Emily of the Emerald Starship“. Die Autorin schreibt in einer Art Nachwort davon, dass die Charaktere und ein kleiner Teil der Handlung dem Theaterstück „Emily of the Emerald Hill“ entnommen worden sind, das in Singapur sehr populär ist. Allerdings ist die Geschichte für sich alleine stehend ausreichend gut, um die Leser befriedigt zurückzulassen. Die Erzählerin verliebt sich in den jungen Richard, dessen Mutter allerdings in ein Raumschiff integriert worden ist. Inzwischen gibt es unter ihrem Kommando eine ganze Dynastie von Raumschiffen. Richard möchte sich aber von seiner dominanten Mutter befreien, was natürlich tragische Konsequenzen hat. Auch wenn die Grundlage aus Singapur stammt, wird der Leser schnell an die griechischen Tragödien erinnert, in denen Liebe immer mit starken Schmerzen, nicht selten auch mit dem Tod verbunden ist. Vielleicht manipuliert die Autorin die Leser durch die Charakterisierung der handelnden Personen ein wenig zu sehr, aber generell liest sich die Geschichte ausgesprochen flott, die Emotionen sind ohne Kitsch an die richtigen Stellen gesetzt und die pragmatische Pointe im Grunde unabänderlich. Niemand entkommt seinem Schicksal.
Auch „If an Algorithm Can Cast a Shaow“ (Claire Jia-Wen) trägt in ihrem Mittelpunkt einen Mutter- Sohn Konflikt. Oscar hat sich mit seiner Freundin umgebracht und die Mutter versucht dessen Handlungen zu verstehen, in dem sie sich ein digitales Double ihres Sohnes anschafft. Tragisch ist, dass das Double trotz der ganzen Spuren, die Oscar in seinem realen wie virtuellen Leben hinterlassen hat, nicht perfekt ist. Nicht perfekt sein kann.
Die Autorin hinterfragt in ihrem emotionalen Text ausgesprochen viel. Welche Spuren hinterlassen Menschen wirklich nach ihrem Tod? In diesem Fall sogar Selbstmord? Lässt sich wirklich auch aus ihren Aktivitäten auf den Charakter schließen? Die Themen sind im Grunde geschickt aus der Gegenwart in die Zukunft extrapoliert worden. Eine spannende Frage ist, ob die Mutter bei ihrer noch lebenden Tochter Hannah vielleicht die gleichen Fehler macht, wobei die Schuldfrage in dieser Geschichte ausgesprochen ambivalent und absichtlich neutral behandelt wird. Der Plot endet ein wenig hoffnungsvoll im Nichts. Die meisten Fragen werden nur angerissen, andiskutiert, aber nicht wirklich aufgelöst. Dazu ist das Thema zu komplex und der Versuch hätte wahrscheinlich auch dem lesenswerten Text geschadet. Aber wie die erste Geschichte ein interessanter Versuch, Science Fiction mit sozialen Problemen wieder zu erden, auch wenn keine der beiden Autorinnen wirklich in der Lage ist, eine „Lösung“ zu präsentieren.
A.T. Greenblatts „In the Shells of Broken Things“ geht in eine gänzlich andere Richtung. Edna hat ihrem entfernten Bekannten und weniger Verwandten nach ihrem Tod ihr Vermögen hinterlassen. Es ist nicht viel, es kommt aber überraschend. Jude beschließt, Ednas Spuren zu folgen und reist zu einer inzwischen verlassenen ökologischen Siedlung „Evergreen Dome“. Edna gilt hier als Verräterin, welche die Siedlung wenige Monate vor der Katastrophe verlassen hat. Jude muss Edna neu oder subjektiv durch die Antworten der in der Nähe des ehemaligen Domes lebenden Menschen kennenlernen, sich ein eigenes Bild schaffen, bevor er urteilen und damit vielleicht auch das Erbe annehmen kann. Er lernt mit Maddie ein junges Mädchen kennen, das an einer chronischen Krankheit leidet. So wird Jude in dieser emotionalen Geschichte ein Mittler zwischen den wenigen Menschen in den Ruinen des Domes und denen da draußen, zwischen Maddie und ihrer Umwelt sowie schließlich auch zwischen Edna und den Menschen, die sie angeblich verraten hat, um sie zu retten. Viele relevante Themen werden angesprochen, die Charaktere sind ausgesprochen dreidimensional gezeichnet und vor allem die jeweilige Motivation ist ausgesprochen klar und präzise in dieser lesenswerten, ein wenig emotionalen Kurzgeschichte angesprochen worden.
Offen gesprochen könnte „The Eight Pyramid“ (Louis Inglis Hall) die Idee des World Buildings aus Greenblatts Story fortsetzen. Allerdings spielt die Handlung auf einem fremden Planeten, auf dem die Menschen die sieben verlassenen Pyramiden der Ureinwohner zu einer einzigen riesigen Stadt verbunden haben. Die Erzählerin Canticle ist von dieser Entwicklung schockiert, weil sie das Äonen umfassende Werk der Ureinwohner beschmutzt sieht. Anscheinend sind die Menschen inzwischen die letzte Zivilisation in einem aussterbenden Universum und die Botschaften aus der Vergangenheit sind eher mahnend als optimistisch. Als die Vergangenheit der ursprünglichen Pyramidenbauer ausgelöscht werden soll, rebelliert Canticle zusammen mit ihrer Mutter – hier wird das Thema aus den ersten beiden Geschichten fortgesetzt – und durch einen Zufall findet sie heraus, dass es – wie der Titel impliziert – in Wirklichkeit acht Pyramiden sind.
Die Geschichte bezieht vor allem ihre Spannung aus der Frage nach der achten Pyramide, während zu viele relevante Informationen auf zu wenig Raum präsentiert werden und die Hintergründe solide, aber ein wenig zu spartanisch/ pragmatisch entwickelt worden sind. Der Plot wäre ausreichend für eine Novelle und gäbe auch mehr Raum, um die einzelnen Figuren besser zu entwickeln.
Es ist immer schwierig, wirklich fremde Wesen darzustellen. Aber Matthew Marcus versucht es in „Faces of the Antipode” andersherum. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die sich inzwischen der fremden Flora/ Fauna auf dem Kolonialplaneten angepasst haben. Sie haben eine Symbiose mit dem Wald ausgebildet und Quezel soll als ihr Bote auf die andere Seite des Planeten reisen, um die Rodung der Wälder durch ihre Mitkolonisten zu verhindern. Quezel kommt aber nicht an, so dass mit Tani eine weitere Botschafterin geschickt wird. Dabei erfährt sie das Geheimnis der Symbiose. Der Autor präsentiert keine leichten Antworten auf das von ihm entwickelte Szenario. Wie weit soll oder darf die Anpassung reichen? Die Ausgangsidee rückt die Geschichte ein wenig in den Bereich des Horrors, der sich auf eine andere Art und Weise in der finalen Geschichte dieser „Clarkesworld“ Ausgabe “Outlier” noch einmal zeigt. In beiden Storys geht es um Anpassung, einmal freiwillig, einmal als Teil eines Experiments, aber beide Texte gehen mit ihren Ansätzen unangenehm unter die Haut.
Neben den beiden Horrorgeschichten setzen sich auch zwei andere Science Fiction Texte mit zukünftigen Evolutionsmöglichkeiten der Menschen auseinander. Derek Künsken „The Last Lunar New Year“ beschreibt eine Menschheit, die sich derartig den Herausforderungen angepasst hat, dass sie selbst die wenig erklärte Hitze eines sterbenden Universums widerstehen kann. Der Mond droht ohne Einfluss der inzwischen in den Meeren auf den Wassermonden des Sonnensystems lebenden Menschen zu zerbrechen. Diese Energie soll positiv genutzt werden.
Die Zusammenfassung klingt kompliziert. Derek Künsken muss erst einmal den exotisch phantastischen und wissenschaftlich ein wenig fragwürdigen Hintergrund entwickeln, bevor die eigentliche Handlung in Form einer Diskussion um eine Petition abläuft. Bis zum Auftreten einer Art Kronzeugen bleibt die Diskussion eine Quadratur des Kreises, da sich der Leser in den Text förmlich einarbeiten muss. Die finale Wendung ist überzeugend vorbereitet und entschädigt für den schwierigen, statischen Auftakt.
Rita Chang – Eppig setzt sich in „The Last to Survive” mit dem Thema relative Unsterblichkeit in Form einer kybernetischen Umwandlung auseinander. Die Autorin fügt aber eine interessante Note hinzu. Durch den graduellen Datenverlust schwinden die Erinnerungen und es fällt den neuen Menschen nicht leicht, andere Erinnerungen auszubilden. Der ganze Prozess der Umwandlung scheint gefährlich zu sein, wie der erste Mensch, der den kybernetischen Prozess überlebt hat, erfahren muss. Sie wird „Die Glas-Frau“ genannt und kommt auf einer abgeschieden gelegenen Insel mit normalen Menschen in Kontakt. Sie versucht, ihre Erinnerungen zu teilen und dabei wieder menschlich zu erscheinen. Die Pointe ist herausfordernd, da der Leser die Protagonisten und ihre Sehnsucht nach Menschlichkeit in einer anderen nicht herausfordernden, aber ambivalent beschriebenen Umgebung akzeptieren muss. Gut geschrieben, überzeugende Dialoge, aber inhaltlich stark konstruierte und ein wenig pathetisch präsentierte Kost.
R.L. Mezas „Outlier“ ist eine verstörende Horrorgeschichte, die auf eine gänzlich andere Art und Weise mit der dunklen Realität verbunden ist. Wissenschaftler führen Experimente mit Obdachlosen aus, die sich lieber als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen als auf der Straße zu wohnen. Wobei die allerdings eher spärlich charakterisierten Protagonisten wenig zwischen diesen beiden Extremen unterscheiden. In der Tradition von H.G. Wells Dr. Moreau ist die Erzählerin inzwischen weniger eine Frau als ein „Wesen“, das sich aus einer Art Stockholm Syndrom befreit und sich schließlich an den Forschern rächen will, obwohl sie sich freiwillig in deren Hände begeben hat. Der Plot ist verstörend, es gibt keine Grautöne. Ohne expliziert Gewalt zu beschreiben, dominiert der aggressive Unterton. Die Science Fiction Elemente gehen ein wenig unter, wirken angesichts der Kürze der Story auch eher konstruiert, aber der Blick in die psychotische Seele der Frau- Kreatur entschädigt für einige kleinere Mängel in der Handlungsführung.
Mit zwei Themenschwerpunkten - der zukünftige Mensch und die Familienbande- präsentiert “Clarkesworld” 225 acht solide, teilweise nur spektakuläre, aber auch konstruierte Geschichten. Es ist keine herausragende Ausgabe, aber im Jahr 2025 hat Neil Clarke schon schwächere Nummern zusammengestellt. Guter Durchschnitt in einem Jahr, das qualitativ noch oben weist.

