Tobias Bachmann
"Melusine" ist Tobias Bachmanns dritter Beitrag zu den Bastei Gespenster Krimis.
Unglücklich verlief die Veröffentlichung seines zweiten Beitrages "Stalker", der weder vom Autoren noch einem externen Lektor gründlich durchgesehen worden ist. Das führte zur Wiederauferstehung einer bestialisch ermordeten Person.
"Melusine" ist in dieser Hinsicht deutlich überzeugender. Es ist im Grunde keine übernatürliche Geschichte, sondern ein Psychothriller. Die Anspielungen
auf die Nixe dienen eher als roter Faden, um das Portrait eines Psychopathen zu zeichnen, der sich lange Zeit hinter dem Deckmantel einer Familienkrankheit,
aber auch seinen künstlerischen Ambitionen als Schriftsteller versteckte.
Wie Tobias Bachmann auf seiner Facebook Seite verkündet, handelt es sich nicht um eine Erstveröffentlichung. Unter dem deutlich passenderen Titel "Ein wahrhaft seltener Privatdruck" ist die Novelle 2014 in der Goblin Press ohne ISBN und/ oder Verkauf über den Buchhandelt erschienen. Das bildet einen passenden Rahmen für die Suche nach einem wahrhaftig seltenen Buch aus einer kleinen Bücherei. Nur vier Exemplare sind ausgeliefert worden, bevor der Autor das Manuskript zurückgezogen hat. Toboas Bachmann schätzt aber, dass einige Exemplare mehr von der Erstveröffentlichung 2014 verkauft worden sind.
Spätestens während des Epilogs durchbricht Tobias Bachmann spektakulär und überzeugend die Distanz zum Leser, in dem er den Erzähler sich an sein
Publikum wenden und einige der Erkenntnisse während der Recherche zu einer Biographie Stephan Anglers relativiert. Zu diesem Zeitpunkt konnte der Leser einige Aspekte dieser Suche nach dem letzten Werk erahnen, aber Toboas Bachmann führt sie in einem zynisch nihilistischen, aber auch kosequenten Ende gut zusammen.
Auch wenn Stephan Angler als Objekt der biographischen Begierde im Mittelpunkt der Geschichte steht, folgt der Leser lange Zeit ausschließlich Peter Langhans, einem eher wenig erfolgreichen Autoren, der aufgrund seiner örtlichen Nähe zu einem Wohnsitz Anglers den Auftrag erhält, ein Buch über den vor zehn Jahren verschwunden Autoren zu schreiben. Er macht sich auf die Suche nach Augenzeugen, aber auch seinem letzten in dem angesprochenen Kleinverlag veröffentlichten Werk.
Anscheinend verfolgt ihn aber ein weiterer Interessent. Ein Exemplar ist vor vielen Jahren beim Brand einer Bibliothek anscheinend vernichtet worden. Vorher hat jemand das Haus eines Sammlers angesteckt und diesen schwerverletzt, der auch über ein Exemplar verfügt hat. Der Kleinverleger hat auch kein Buch mehr. Auch Anglers Ehefrau kann Peter Langhans nicht weiter helfen.
Angler hat anscheinend für diesen Privatdruck die eigene tragische Familiengeschichte recherchiert. Diese steht im Zusammenhang mit dem Symbol der Doppelnixe, einem Zeichen, das es öfter in der Öffentlichkeit gibt, als man denkt.
Tobias Bachmann baut seinen Roman auf einer ein wenig brüchigen Prämisse auf. In Zeiten von DNA Abgleichen oder Fingerabdrücken ist es ohne Frage möglich, dass ein Mensch wie der Autor Angler komplett verschwinden kann. Auf der anderen Seite ist Peter Langhans Opfer eines sehr schweren Unfalls geworden, bei dem große Teile seines Körpers verbrannt sind. Beide Menschen verbindet also mehr als man denkt. Der Leser muss diese Idee verinnerlichen, damit einzelne Abschnitte des Buches funktionieren. Dabei kommt es anscheinend weniger auf die objektiven Daten, sondern auch auf subjektive Empfindungen an, wie der Autor in einer wichtigen Schlüsselszene impliziert.
Betrachtet man die Geschichte rückblickend, dann fallen dem Leser diese kleinen Ecken und Kanten bei "Melusine" ohne Frage auf. Das Positive ist, dass der Leser vorwärts schauen und ausschließlich auf Peter Langhans Ebene den Plot überblickend überzeugend gut und kurzweilig genug unterhalten wird. Die einzelnen Exkursionen in den Bereich des klassischen Horrors wie die Besichtigung von Mumien in den Gewölben eines Museums wirken aufgesetzt. Dabei soll beim potentiellen Käufer der Eindruck geweckt werden, als handele es sich bei "Melsuine" eher um einen Gruselschinken als einen Psychothriller. Diese Ablenkungen sollte der Leser ignorieren. Peter Langhans macht es bei der Suche nach dem Objekt seiner Begierde auch.
Grundsätzlich ist "Melusine" eine erstaunlich kurzweilige, vor allem im mittleren Abschnitt spannend inszenierte Schnitzeljagd mit einigen kleineren Konstruktionswagnissen, um es positiv auszudrücken. Es ist eine Reise in den Wahnsinn, wobei Tobias Bachmann mit seinem ambivalenten Ende manche Klischees umschifft und mit einer Verzögerung von zehn Jahren und weiteren Opfern einen perfiden Plan gelingen lässt.
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