Sarah Brooks mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichneter Debütroman „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ hat viele erkennbare Onkel und Tanten und ist doch eine einzigartig Mischung. Die später zum vorliegenden Roman ausgebaute ursprüngliche Kurzgeschichte erschien in dem britischen Science Fiction Magazin „Interzone“.
Die Geschichte spielt in einem Zug. Die Reisenden und die Besatzung sind durch das Ödland, das sie queren, von der Außenwelt abgeschnitten. In Agatha Christies „Mord im Orient- Express“ steckte der Zug schließlich in einer Schneewehe fest und war damit auch von der Außenwelt isoliert. Wie bei Agatha Christie haben fast alle Reisenden nicht nur ihre ureigenen Geschichten, sie sind auch mit dem einzigartigen Zug, der in dieser Parallelwelt am Vorabend des 20. Jahrhunderts Peking mit Moskau verbindet, auf eine direkte oder indirekte Art und Weise verbunden. Niemand ist wirklich zufällig an Bord des Schmucksstücks des Transsibirien- Expresses. Nicht umsonst charakterisieren die Überschriften des ersten großen Kapitels die einzelnen Protagonisten.
Kinofreunde werden an von Sternbergs „Shanghai Express“ mit Marlene Dietrich, mit einigen Einschränkungen auch an den Film „Der General starb im Morgengrauen“ denken, in denen anscheinend ebenfalls eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe von Menschen auf ihrer Reise mit der Eisenbahn förmlich aus den Gleisen geworfen worden sind. Insbesondere zu Beginn der Geschichte wirkt die Geschichte auch expressionistisch.
Der Titel des Romans bezieht sich auf Anne Tylers auch verfilmtes Buch „The Accidental Tourist“. Valentin Rostow hat eine Vielzahl von Reiseführern geschrieben. Alle sollen dem vorsichtigen wie unwillig Reisenden als Leitpfaden dienen. Auch in Anne Tylers Buch gibt es einen Autoren, der Reiseführer schreibt für Menschen, die im Grunde niemals reisen möchten, es aber müssen. Sowohl Anny Tylers schließlich mit dem wahren Leben konfrontierten Rostow wie auch Sarah Brooks allgegenwärtiger, aber vor einigen Jahren verschwundener Rostow müssen lernen, dass ihre Bestseller im Grunde Absurditäten sind. Valentin Rostow ist nach der letzten Reise des Transsibirien- Expresses und der Verfassen des im Titel erwähnten letzten Handbuchs verschwunden. In der zweiten Hälfte des Buches erfährt der Leser, wohin ihn sein im Grund gefährlicher und den eigenen Büchern widersprechender Lebensweg geführt hat. Es ist eine der vielen ironischen Wendungen dieser Geschichte, dass Valentin Rostow in dem Augenblick sein Schicksal ereilte, als er die eigenen, von ihm aufgestellten Regeln verletzte.
Aber es stecken noch mehr Anspielungen in diesem Buch. Das Ödland ist eine Mischung aus den unendlichen Weiteren der letzten „Mad Max“ Filme und der unerklärlichen Evolution in Jeff vander Meers Southern Reach Trilogie. Nur mit einem Zug. Einige Sequenzen des Buches erinnern aber auch zusätzlich an die unbeschreiblichen, allgegenwärtigen Gefahren aus den bizarrsten Geschichten Lovecrafts. Insbesondere die Spuren an der letzten Fahrt des Zugs vor einigen Jahren erinnern an die unendlich mächtigen, unaussprechlichen und gigantischen Kreaturen, die H.P. Lovecraft in seinen Geschichten erfunden hat.
Da Sarah Brooks nicht nur bei den Beschreibungen des Ödlands, sondern ihrer Gefahren und Ambivalenz vage bleibt, fällt manchem Leser spontan eine weitere, ebenfalls verfilmte Geschichte ein: Das Ödland könnte ein ökologisches Geschwisterkind zu den Zonen in „Picknick am Wegesrand“ sein, aus der Feder der Strugatzis. Nur sind dort keine Außerirdischen gelandet und die Zonen haben sich über einen langen Zeitraum entwickelt. Hinzu kommt es spät in die Handlung integrierter weiterer Aspekt: der Zug und das Ödland sind untrennbar miteinander verbunden – auch wenn es gegen jede Logik ist – und mit jeder Querung kommt es zu einer wechselseitigen Veränderung.
Auch wenn dem erfahrenen Leser einzelne Aspekte bekannt vorkommen, werden sie alle auf eine originelle, auch in der deutschen Übersetzung getragene wie überzeugende Art und Weise präsentiert. „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ ist ein eigenständiges, ein lesenswertes Werk, dessen Wurzeln allerdings – wie angesprochen – in dem Moment erkennbar werden, in dem der Leser an ihnen zieht.
Züge haben immer ihre eigene Dynamik. Ein Zug im Bahnhof ist höchstens betrachtenswert, aber niemals wirklich beachtenswert. Der Zug muss rollen, sich trotz des Schienenbetts mit stetig wachsender Geschwindigkeit bewegen. In diesem Fall müssen die noch von Heizern befeuerten Kessel brennen; der Kapitän muss auf seiner persönlichen Brücke stehen und den aufkommenden Gefahren trotzen und die Passagiere der Ersten Klasse müssen sich in Dekadenz und Luxus wälzen. Bis auf wenige Fahrten in den Luxuszügen durch Kanada, dem Orientexpress oder einigen Nostalgiebahnen reisen die Passagiere heute anders.
Kein Wunder, dass Sarah Brooks ihre Geschichte ins Jahr 1899 und damit auch in eine Parallelwelt verlegt hat. Bis auf den Schienenstrang durchs Ödland als logistische Meisterleistung ist die Welt mit der dem Leser bekannten Geschichte identisch. Selbst das britische Imperium zieht seinen Hut vor der Leistung vor allem der Chinesen und die den Zug betreibende Handelsfirma ist das mächtigste Unternehmen der Welt. Überall ziehen sie ihre imaginären Stricke. Daher stellt sich dem Leser unwillkürlich die Frage, ob „Handbuch für den vorsichtigen Reisen durch das Ödland“ wirklich Science Fiction ist oder ein historischer Roman mit einer phantastischen Idee? Der Plot lässt sich in beide Richtungen interpretieren. Das Ödland mit seinem bizarren Leben ist so fremdartig, so exotisch, dass es ins Genre gehört. Die Ingenieursmeisterleistungen sind auch beachtlich wie utopisch. Neben der gigantischen Bahnstrecke inklusive alter Nebenklasse haben die Chinesen als Schutz gegen das sich immer weiter ausbreitende, gefährliche, aber auch irgendwie ambivalent wirkende Ödland eine zweite chinesische Mauer in diesem Fall um Peking herum gebaut. Der Zug fährt quasi durch eine Art Schleuse, streng bewacht. Die Strecke selbst ist nicht mehr umzäunt, aber die ersten wie auch die letzten Kilometer kurz vor Moskau fährt der Zug quasi im Schutz der gewaltigen Mauern. Wobei sich die Frage stellt, wer wirklich wen schützt. Sollte etwas aus dem Ödland in den Zug eindringen – wie auf der letzten Fahrt – wird er versiegelt und die Passagiere müssen auf unbestimmte Zeit in ihrem neuen Gefängnis verharren. Wer zu fliehen sucht, wird erschossen, um die Menschen außerhalb des Ödlands zu schützen. Diese konsequente Isolation erinnert dann eher an Strugatzkis „Picknick am Wegesrand“ mit den Stalkern, welche gegen die Gesetze verstoßen und zahlungskräftige Reisende in die Zone führen. In der Zone lauert grenzenloser Reichtum bei tödlicher Gefahr. Für einen der Reisenden an Bord des Zugs steht seine wissenschaftliche Reputation auf dem Spiel. So versuchen sie beide in ihren jeweiligen „Zonen“ mit Hilfe von Experten einzudringen, um ihre monetäre oder intellektuelle Gier/ Sucht zu befriedigen.
Wie schon angedeutet stellt Sarah Brooks im ersten großen Kapitel die Menschen vor, die zum ersten Mal nach einer Pause von mehr als fünf Jahren sich auf die Reise durch das Ödland begeben. Wie bei einem guten Krimi werden die einzelnen Motive alternierend erst nach und nach dem Leser offenbart.
„Die Lügnerin“ ist eine alleinreisende Frau in der ersten Klasse. Sie hat einen falschen Namen angenommen, um ihr Geheimnis vor der Eisenbahngesellschaft , aber auch der Crew des Zuges sowie dem stetig mitreisenden Professor zu verbergen. Ihre Motive sind aber edel. Ihre Verbindung zur Gesellschaft eng. Sie ist das indirekte erste Opfer. Im Laufe der Geschichte werden nach und nach ihre wahre Identität; ihre Verbindung zum Zug und schließlich auch ihre Sehnsucht nach Wiedergutmachung, aber nicht Rache offenbart.
„Das Zugkind“ WeiWei ist wahrscheinlich in der dritte Klasse während der Fahrt zur Welt gekommen. Die Besatzung sah das Findelkind als Glücksbringer an und seitdem fährt sie auf dem Zug mit. Inzwischen ist sie im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur ein vollwertiges Mitglied der Crew, sondern das Mädchen für alles mit einem Schwerpunkt, den Passagieren der ersten Klasse zur Seite zu stehen. Ihr Interesse ist, dass der Zug ewig fährt. Bahnhöfe machen ihr Angst. Sie kennt jedes Versteck im Zug, hat Schmuggler entlarvt und sie nimmt als erste eine Verbindung mit dem Ödland auf, ohne das sie es wirklich ahnt.
„Der Naturforscher“ steht nicht nur in einer engen Verbindung zur „Lügnerin“, sondern auch zum „Zugkind“. Immer wieder fährt er zwischen Moskau und Peking hin und her. Bei seinen Forschungen hat er sich wegen einer kruden Evolutionstheorie blamiert. Seine einzige Möglichkeit, den ramponierten Ruf wiederherzustellen, wäre ein Beweis, dass seine Theorie im Ödland zumindest ansatzweise stimmt. Das Zugkind hat er auf den endlosen Fahrten unterrichtet. Die Risiken, welche er auf dieser für ihn letzten Fahrt eingeht, sind lebensgefährlich, auch wenn er entgegen seiner Forschungen am Ende mit Scheuklappen etwas sieht, was seinen Ruf retten oder endgültig ruinieren könnte.
Zu den weiteren Mitreisenden gehören die beiden Krähen als Mitglieder des Ordnungsdienst. Ein junges Pärchen – reich und dekadent/ arrogant – auf einer Art Liebesreise oder die Gräfin, welche aus Langeweile sich immer fortbewegen muss. In dem Zug gibt es keine zweite Klasse. Ein wenig erinnert es an die „Titanic“. Während heute vor allem über das Schicksal der Passagiere der ersten und dritten Klasse berichtet wird, gab es am Ende keinen Platz in dem Zug, um zwischen der Holzbretterklasse und den elitären Passagieren der ersten Klasse noch Wagen einzufügen. Die Passagiere der dritten Klasse werden eher pragmatisch gezeichnet. Sie dienen als eine Art Füllstoff in den wenigen dramatischen Szenen der Geschichte. Aber das Zugkind hat nicht nur eine Affinität für die aus ihrer Sicht „echten“ Menschen, ein Versteck befindet sich auch in der dritten Klasse. Daher muss sie immer wieder dahin.
Zur Crew des Zuges gehört die Kapitänin, die ein dunkles Geheimnis der letzten Fahrt mit sich führt. Anscheinend wurden einzelne Logbücher gefälscht, damit die wahren Ursachen der katastrophalen Fahrt nicht ans Tageslicht kommen. Sie ist allerdings auch eine entschlossene Person, die sich abschließend der Pflicht ihren Passagieren und der Besatzung, aber nicht ihrem Arbeitgeber gegenüber bewusst ist. Die Kapitänin hat nur wenige Auftritte, was für den grundsätzlich dreidimensionalen Charakter schade ist.
Suzuki ist ein weiteres, eher ambivalentes Mitglied des Zuges. Auch sie kennt – wie der Professor – viele Geheimnisse und weiß, dass die Zuggesellschaft einen Sündenbock gesucht und gefunden hat. Sie hat zwar eine seltsame Verbindung zum Ödland, aber im Laufe der Handlung verliert Sarah Brooks diese Figur aus den Augen.
Letztendlich gibt es noch die blinde Passagieren. Sie ist die eigentliche und scheinbar erstmalige Verbindung zum Ödland. Eine faszinierende Figur, die Sarah Brooks zwar mit sehr viel Feindgefühl entwickelt, aber nicht wirklich präsenter wird. Lange Zeit muss die Autorin es bei Andeutungen, bei Hinweisen belassen. Am Ende verliert sie die blinde Passagieren zwar nicht aus den Augen, aber sie kompromitiert diese wichtige Figur. Viele Fragen bleiben in ihrer Hinsicht offen und so steht sie zwar für die Veränderungen des Ödlands. Aber sie ist mitten drin und doch außen vor.
Das Ödland. Eine stark wachsende Gegend, in welcher sich der Mensch nur mit Schutzanzügen bewegen kann. Ein Land, das von der Eisenbahn durchschnitten worden ist. An einigen Stellen wirkt es wie die Zone, lebensfeindlich und unnahbar. In anderen Abschnitten des Buches erweckt die Autorin den Eindruck, als wenn es Leben würden. Es imitiert den Zug. Der Zug ist das Vorbild und Schrecknis zugleich. Aber es gibt im Ödland noch neben den Ruinen auch Wasser. Der Zug als autarkes System muss – um Spannung zu erzeugen – auf dieser beschriebenen Reise fehlerhaft sein. Sonst gäbe es keine Dramatik. Und Wasser ist das Element, das alle Menschen an Bord zum Leben und Überleben brauchen. Daher baut Sarah Brooks eine in doppelter Hinsicht gefährliche Situation ein, für welche sie allerdings auch eine „Deus ex Machina“ Auflösung präsentiert. Es erscheint unwahrscheinlich, dass die Ingenieure und Arbeiter angesichts der zahlreichen Herausforderungen noch Nebenstrecken gebaut haben. Die Zugstrecke Peking- Moskau ist immer nur in eine Richtung befahrbar. Das war immer so und wird laut der Kompanie auch immer so bleiben. Daher sind diese Ausweichrouten überflüssig und teuer. Aber handlungstechnisch werden sie benötigt, also sind sie da.
Das Ödland ist in ständiger Veränderung begriffen. Es ist allerdings auch verführerisch. Viele Menschen haben sich in dem Land verloren. Nicht körperlich, sondern rein geistig, in dem sie erst Stunden, dann Tagelang während der Fahrt in die endlos erscheinenden Weiten geblickt haben . Das Ödland ist der Abgrund, aus dem sie wieder angestarrt werden und in den sie liebend gerne fallen. Das Ödland ist totes Land. Das Ödland ist bizarres Leben. Das Ödland könnte intelligent sein, weil es Mimikry betreibt. Das Ödland ist alles oder nichts. Der Leser muss sich wie die Crew und die Passagiere nach dieser vorerst letzten Reise mit dem Transsibirien- Express sein eigenes Urteil bilden. Vieles wird ausgesprochen und bleibt doch vage. Das macht den Reiz dieser einfachen, sich wie ein Schienenstrang stringent entwickelnden Geschichte aus. Der Leser muss sich allerdings auch auf diese Spekulation einlassen.
Am Ende der Geschichte weiß der Leser nicht, wer die wahren Monster neben den Kapitalisten der Kompanie sind. Die Autorin präsentiert eine Art Happy End nach einem cineastischen, an ein Crescendo erinnernden Finale. Aber wie eine endlose Reise findet die Geschichte kein Ziel, kein Ende. Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. In diesem Fall der ersten Umdrehung der Bahnräder. Und manchmal endet sie wie die Legende um den fliegenden Holländer nie. Und hier wird der aufmerksame Leser noch an einen anderen, unterschätzten Film mit einem Zug erinnert: „Runaway Train“, basierend auf einem nicht von ihm umgesetzten Drehbuch Akira Kurosawas.
„Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ ist eine angenehme, eine spannende und schließlich auch eine ungewöhnliche Lektüre. Ein Reisebuch, vordegründig aus einer anderen Zeit und in einem alten Gewand; eine Odyssee durch eine gänzlich neue Welt und schließlich auch die Geschichte zweier Handvoll Menschen, die in einem Zug eingesperrt etwas unendlich Schönes, aber auch Gefährliches sehen. Alles muss sich ändern, damit es bleibt, wie es ist.

- Herausgeber : C.Bertelsmann Verlag
- Erscheinungstermin : 24. Juli 2024
- Auflage : Deutsche Erstausgabe
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 416 Seiten
- ISBN-10 : 3570105008
- ISBN-13 : 978-3570105009
- Originaltitel : The cautious traveller's guide to the wastelands
