Snatch

Snatch, Titelbild, Rezension
Gregory Mcdonald

Mit „Snatch“ erscheint in mehrfacher Hinsicht ein Doppelpack. Es handelt sich um zwei Romane des auch durch „Fletch“ oder „The Brave“ bekannt gewordenen amerikanischen Schriftstellers Gregory Mcdonald, die ursprünglich 1980 – in den siebziger Jahren spielend  und 1985 –  eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg – einzeln erschienen sind. Die zweite Doppelung ist, dass sowohl der auch in Deutschland schon veröffentlichte Roman „Who took Toby Rinaldi“ ( „Snatched“ ist der Titel der britischen Veröffentlichung) als auch „Safekeeping“ die Entführung eines jeweils acht Jahre alten Jungen zum Thema haben.

Auch wenn die Ausgangsprämisse vergleichbar ist,  sind die beiden Geschichten sehr unterschiedlich.     

Aus heutiger Sicht ist “Snatched” der wahrscheinlich bessere Roman. Die siebziger Jahre, die Ölkrise, die Möglichkeit, dass der persische Golf für die  Öltanker geschlossen wird, Krieg in Vietnam, Krieg im Nahen Osten und ambivalente Verbündete unter den Arabern. Politische Sprengstoff, der durch das Einreichen einer relevanten UN Resolution zum Zünden gebracht werden kann.

Aber die zweite Story mit ihrer Mischung aus sozialkritischem Spott in der Mark Twain Tradition und sowie vor allem in der ersten Hälfte mit Bezügen zu Charles Dickens ist der Text, der durch diese herrlich skurrile Ausgangssituation und einem intelligenten, wie auch überforderten Achtjährigen mit einer erstaunlich pragmatischen Grundeinstellung kompakter erscheint. 

Teodoro ist in „Snatched“ der Botschafter des Königs. Auch wenn Gregory McDonald keine explizierten Anspielungen gibt, scheint es sich um das saudische Königreich zu handeln, das selbst während der Krise durch eine interessante ambivalente Politik die eigenen Taschen gefüllt, den Westen aber niemals richtig verprellt hat.

Teodoros Frau Christina ist Amerikanerin aus der Mittelschicht, die sich zusammen mit ihrem inzwischen acht Jahre alten Sohn Toby niemals wirklich an das diplomatische Leben gewöhnt hat.  Sie will ihrem Sohn den amerikanischen Vergnügungspark an der Ostküste FANTAZYland zeigen. Nur kommt Toby mit dem Flieger nicht an.

Teodoro erhält einen Anruf. Er soll die Resolution nicht zur Abstimmung einreichen, sonst stirbt sein Sohn. Der König schickt umgehend seinen besten Mann in die USA, nur hat der eher rudimentär vorgestellte Mann aus ärmlichen Verhältnissen, aber vom britischen Geheimdienst ausgebildet und erzogen eigene Vorstellungen.

Das der eigentliche Entführer ein Drogenjunkie ist, der einen Freund um einen Gefallen bietet, hilft abschließend auch nicht. Bevor er weitere Instruktionen geben kann, setzt er sich den goldenen Schuss.

Der Roman funktioniert auf verschiedenen Ebenen ausgezeichnet. McDonald zeichnet ein sehr ambivalentes Bild der einzelnen Protagonisten und setzt ihre Charaktere vor allem aus unterschiedlichen Perspektiven fast perfekt zusammen.

So erzählt quasi im off Christina wie sie auf der einen Seite ihren Mann kennengelernt hat, als dieser ihre kleine Stadt besuchte. Abseits der Klischees ist es eine romantische Liebesgeschichte, welche die hohe Arbeitsintensität und vor allem die Künstlichkeit des diplomatischen Dienstes unterminiert hat.  Ihr Sohn Toby lernt seinen Kidnapper Spike vor allem als überforderten Menschen kennen, der möglichst schadlos aus der Situation kommen möchte. So pervers es erscheint, sie werden Freunde, als sich herausstellt, dass die Entführung nur ein Bauteil des ganzen Plots ist.  Dabei umschifft der Autor bis zum in mehrfacher Hinsicht cineastischen wie actiongeladenen Finales alle Klischees und beschreibt Toby als aufgeweckten Achtjährigen, der auf der emotionalen Seite aber auch Defizite hat. Spike dagegen ist ein überforderter Mensch, der immer wieder Schleifen im Gefängnis drehend niemals richtig mit seinem Leben zu Recht gekommen ist.

Während Teodoro noch naiv seinem König die Stange hält und nicht glauben mag, dass der Sicherheitschef eigenen Interessen – sie werden teilweise in einem zu eindimensionalen weiteren persönlichen Rückblick erläutert – hat, folgt Christian eher den losen Spuren und kommt mittels Zufällen ihrem Sohn auf die Spur.

Es ist kein klassischer Krimi. Die Polizei spielt keine Rolle.  Der Plot ist durch ein sehr hohes Tempo gekennzeichnet. Fast siebzig Kapitel unterstreichen, dass es McDonald darum gegangen ist, die Geschichte aus wechselnden Perspektiven effektiv, stringent und spannend zu erzählen. Nicht selten treibt der Autor die Geschichte über die pointierten, aber nicht zur Parodie werdenden Dialoge voran und zeichnet so ein dreidimensionales Bild der meisten, aber leider nicht aller Protagonisten. Einige wichtige Figuren vor allem auf der Antagonisten Seite bleiben eindimensional und selbst der allgegenwärtige König mit seiner Wandlung vom gerechten Herrscher zum egoistischen Druck ausübenden „Tyrannen“  wird zu hektisch beschrieben. 

Das hohe Tempo könnte auf der anderen Seite aber auch den Eindruck erwecken, als handele es sich vor allem bei „Snatched“ um eine Rohentwurf, eine Art Drehbuch, aus dem ein umfangreicherer die Hintergründe besser beleuchtender Stoff hätte entstehen können. Aber positiv ist es eine kurzweilig zu lesende, in den siebziger Jahren spielende Gangstergeschichte, die mehr Elmore Leonhard denn klassischer Hardboiled Stuff ist.

Am Ende steht die Familie über allem und viele von Mc Donalds überlebenden Figuren durchlaufen eine Art Sinnkrise, ausgelöst durch die Entführung, die sie nicht unbedingt zu perfekten, aber zumindest in familientechnischer Hinsicht besseren Menschen macht. Dazwischen liegt eine tempotechnisch ansprechende Geschichte mit zahlreichen Wendungen, von denen sich der Leser an einigen Stellen noch ein wenig mehr Skurrilität gewünscht hätte, während das Finale im zu einem Park des Schreckens insbesondere für Spike werdenden Vergnügungspark großartig und interessant geschrieben worden ist.   

„Safekeeping“ startet mit einem doppeldeutigen Titel. Die Eltern des Protagonisten in durch einen Angriff der Nazis auf London ums Leben gekommen, das Haus zerstört. Die Schule beschließt den achtjährigen   Robert James Saint James Burnes Walter oder Robby Burnes als Kurzfassung nach Amerika zu verschiffen und dort an einen Freiwilligen zu vermitteln, der auf ihn aufpassen soll. Keinen echten Verwandten.  Eigentlich soll er in den USA in Sicherheit sein, daher der Titel. Das Gegenteil  ist der Fall. 

Der Auftakt mit dem überforderten Schuldirektor, der bizarren Überfahrt und  schließlich der Ankunft in New York wirkt ausgesprochen komprimiert und ist wahrscheinlich auch satirisch gedacht.

Der Onkel erweist sich als eine Art Scrooge der amerikanischen Tageszeitungen. Er ist selbstverliebt und geizig.  Aus der Ankunft des Jungen macht er einen rührseligen Artikel für die Titelseite seiner Zeitung, der vor Unwahrheiten und Übertreibungen nur so strotzt. So behauptet er, der Junge wäre ein enger Freund des britischen Königs.

Am nächsten und seinem ersten Tag bei der neuen Schule wird Robby Burnes von einer Frau unter dem Vorwand mitgenommen, ihm den Weg zur Schule zu zeigen. Aus dem Affekt heraus und vor allem ohne den Hintergrund des Jungen zu kennen entführt sie ihn.

Auch ihr Mann und Schwager sind Kleinkriminelle aus den Slums in New York, die plötzlich die Chance auf das große Geld wittern. Sie informieren die britische Botschaft, während die Zeitungen aus der Entführung eines „Flüchtlings“ ein menschliches Drama machen. Wie Toby in „Snatched“ ist sich Robby Burnes anfänglich gar nicht bewusst, dass er erstens entführt worden ist und zweitens ebenfalls wie im ersten Buch diese einfältigen Menschen Kriminelle sein könnten. 

Ein wichtiger Handlungsabschnitt ist dabei Robbys Odyssee durch ein New York, das auf der einen Seite so weit vom Zweiten Weltkrieg entfernt ist wie es nur sein könnte.  Im letzten Drittel baut der Autor aus spannungstechnischen Gründen ein klassisches Kriminalelement zusätzlich ein. Während die Entführer  in ihrer fast sympathischen Naivität – als sie erfahren, welche Lösegeldsumme sie eigentlich „fordern“ , bekommen sie es plötzlich mit der Angst zu tun -  fast schon wie eine satirische Parodie auf die zu klugen und zu geradlinigen Verbrecher erscheinen, wirkt der Straßenmafiosi eher wie ein eindimensionales Klischee. Da Robby Burnes zu einem unfreiwilligen Zeugen wird, verfolgt ihn der Täter durch fast alle sozialen Schichten New Yorks beginnend mit einer industriellen Familie, die ihr Geld nicht unbedingt redlich verdient und endend bei einer farbigen Prostituierten, die inzwischen elf Kinder auf ihren Namen in der örtlichen Schule angemeldet hat. 

Gregory McDonald arbeitet zwar mit einigen Klischees und karikiert die sozialen Stände, da Robby Burnes als Londoner mit den Amerikanern generell wenig anfangen kann und überfordert wirkt,  kommentiert der Junge aus seiner naiven Sicht den Big Apple auf eine zeitlose, humorvolle und teilweise sehr differenzierte Art und Weise, die auch dreißig Jahre nach der Veröffentlichung des Buches und mehr als siebzig Jahre nach dem Handlungszeitraum immer noch Spaß macht. Es ist aber in diesen Abschnitten kein klassischer Kriminalroman.

Impliziert ist auch die Kritik an der Objektivität der Presse im Allgemeinen und Robby Burnes „Onkel“ im Besonderen spürbar.  Mit Staunen verfolgt der Junge, wie seine Entführung inklusiv der ominösen Forderung, der Geldübergabe und schließlich der möglichen Freilassung einen  breiten Raum in der Presse einnimmt. Anscheinend schreibt sein Onkel diese falschen Artikel, um selbst nicht entlassen zu werden und endlich wieder einen Knüller zu haben. Dass die falsche Berichterstattung fatale Folgen für Burnes haben könnte, bedenkt der Mann nicht.  Da der Junge die Berichte aus seiner subjektiven und erfahrenen Perspektive kommentiert, erhält die Geschichte noch eine besondere Note.  

Das Tempo ist deutlich geringer, die Sätze und Kapitel länger als bei „Snatched“. Hinzu kommt die weihnachtliche Atmosphäre, die wie eingangs erwähnt Teile des Romans an Charles Dickens erinnern lässt. Es ist auch kein klassischer Krimi, da die Entführung eher ein spontanes Versehen ist und Robby sich vielleicht auch wegen deren Naivität im Kreise der ärmlichen und dummen Entführer wohler fühlt als bei seinem Onkel, der aufgrund dessen Verschwindens eine patriotisch erlogene, pathetische Geschichte für die Öffentlichkeit schreibt.  

Die große Schwäche ist die teilweise zu distanzierte Erzählung. Natürlich kann ein achtjährige Junge nicht von einem Moment zum Nächsten verstehen, dass seine Eltern, deren Bedienstete und  ihr ganzes Haus von einer Bombe weg gesprengt worden ist. Aber die Art, wie der Lehrer fast in Klamauk Manier die Situation vorstellt, erscheint unrealistisch.  Auch an einigen anderen Stellen wird die soziale Kritik von der Handlung einfach weg gedrückt und erscheint nicht mehr.

„Safekeeping“ ist aus unterhaltungstechnischer Sicht in einem direkten Vergleich mit „Snatched“ der schwächere Roman, weil er zu hart versucht, auf zu vielen unterschiedlichen Hochzeiten zugleich präsent zu sein. Alleinstehend ist es eine gut geschriebene Geschichte mit zahlreichen überzeugenden Szenen, die vor allem von guten Dialogen, aber auch intimen inneren Monologen begleitet wird, während die schwachen Passagen zu überdreht erscheinen und dadurch ihren Realitätssinn verlieren.

Der Doppelband selbst ist aber unabhängig vom dieses Mal wirklich nicht passenden, extra angefertigten Titelbild eine Anschaffung wert, da die beiden in den achtziger Jahren veröffentlichten Romane deutlich machen, das Gregory McDonald mehr als nur die „Fletch“ Serie und zu Unrecht bis auf die Verfilmung mit Chevy Chase in Vergessenheit geraten ist.

  • Taschenbuch: 448 Seiten
  • Verlag: Hard Case Crime; Auflage: Reissue (7. Februar 2017)
  • Sprache: Englisch
  • ISBN-10: 178565182X
  • ISBN-13: 978-1785651823
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