Sinclair- Dead Zone

Dennis Ehrhardt

Dennis Ehrhardt - vielen auch als Dario Vandis aus den "Dorian Hunter" Romanen oder als "Zaubermond" Verleger bekannt - startet mit "Dead Zone" ein fast unmögliches Unterfangen. Einen neuen Anfang für John Sinlair, den Dauerbrenner im Bastei Verlag. Dennis Ehrhardt und Sebastian Breidbach haben die Idee entwickelt, der Erstere hat den Roman verfasst. Der „Zaubermond“ Herausgeber, Krimiautor und Hörspielredakteuer hat ja schon vor einiger Zeit die Regie der „John Sinclair“ Hörspiele übernommen, gleichzeitig erscheint „Dead Zone“ als Hörbuch. Wer einige Passagen des Buches laut liest, wird positiv Ehrhardt Affinität auch zum gesprochenen Wort finden. Es gibt viele andere Autoren, die nicht in der Lage sind, glaubwürdige Dialoge zu schreiben. In diesem Fall ein bestechend genutztes Merkmal des ganzen Romans.

 Es ist allerdings der erste Teil eines Doppelbandes. Anworten auf die einzelnen offenen Flanken werden erst in "Underworld" gegeben, dessen Veröffentlichung noch aussteht.

Der Paperback ist auch im Fischerverlag und nicht im Bastei Stammhaus erschienen.

"Perry Rhodan Neo" hat einen vergleichbaren Versuch gestartet, in dem die Autoren die wichtigen Eckpunkte der alten Serie teilweise umgeschrieben, teilweise umgebogen und schließlich irgendwie neu und doch bekannt zusammengesetzt haben.  Herausgeben ist eine Reihe mit ausreichend Anspielungen auf die Originale, dem Versuch etwas Neues zu erzählen und dann doch wieder irgendwie zurückzukehren.

Dennis Ehrhardt geht einen gänzlich anderen Weg. Heftromanleser werden genauso gut unterhalten wie Neueinsteiger. Im Grunde sind die Anspielungen auf die Originalhandlung - siehe das am Meeresgrund aufgefundene Artefakt - zum Verständnis der Geschichte nicht notwendig. John Sinclair stirbt gleich auf den ersten Seiten nach dem Fund des am Meeresgrund aufgefundenen Gegenstands in einer heruntergekommenen Hafengegend.  Der Leser ist wahrscheinlich genauso schockiert wie dessen Kollegen, allen voran der schließlich die Ermittlungen mit einer neuen Partnerin leitende Gan Zuko. In den Heftromanen besser als Suko bekannt. Die vom Drogendezernat versetzte Shao Sadako - in den Heften nur Shao genannt - wird seine Partnerin. In den Heftromanen sind sie ein Paar, in der vorliegenden Romanfassung wäre es noch ein weiter Weg, für die einsame Shao, Sex und manchmal ein wenig Trost bei männlichen Prostituierten suchende Shao. 

 Neben diesem bekannten Pärchen führt Dennis Ehrhardt auf den parallel zur dunklen Bedrohung mit einer ambivalenten wie ominösen Kreatur verkaufenden Handlungsbögen weitere Figuren aus der Heftromanserie neu ein, ohne das ein wirklicher Bezug zum Plot hergestellt werden kann. Bill Conolly ist der Drogensüchtige Ehemann von Sheila, die von ihrem Vater den Zeitungsverlag geerbt hat. Sheila findet in dem Buch im Grunde gar nicht statt. Bill Conolly möchte unbedingt Politik machen und nicht mehr über diese berichten. Erst versucht er es mit einem Blog, dann einer Videokolumne auf der Zeitungsseite und schließlich geht er unter die Youtuber, in Kooperation mit zwei Dumpfbacken, die dort schon mit wenig Content, noch weniger Leistung, aber einer großen Klappe sowie dem entsprechenden Agenten erfolgreich sind. Die Verbindung zur Haupthandlung liegt in der Tatsache, dass Bill Conolly Insiderinformationen aus einem anderen Revier während der laufenden Ermittlungen ungeprüft der Öffentlichkeit für Quote förmlich verbal um die Ohren haut.  Eine weitere Figur aus der Heftromanserie Glenda Perkins wird auf ihre Tätigkeit als Kaffee kochende Platzhalterin für erklärende Dialoge reduziert. 

 Leser der Heftromanserie werden sich wegen der Entlehnung von eher Namen als Protagonisten wahrscheinlich ärgern oder amüsieren. Wichtig ist, dass ein neues Zielpublikum - die Taschenbücher oder Paperbackkäufer - nicht zu sehr vom Handlungsverlauf abgelenkt werden. Deswegen geht Dennis Ehrhardt bei den bekannten Protagonisten nicht in die Tiefe.

 Spannung bezieht der charakterliche Teil des Buches eher aus der Frage, wann und wie Sinclair wieder von den Toten auferstehen wird oder ob er überhaupt wirklich gestorben und begraben worden ist. Könnte sich ja wie bei Doyles "Der Hund der Baskervilles" auch um ein ausführliches Ablenkungsmanöver handeln.  Dieser Punkt wird anfänglich ein wenig melodramatisch - der leere Schreibtisch, die fast typische irische Beerdigung für den Nichtiren Sinclair; das schlechte Gewisse der Partnerin - abgearbeitet, um dann unspektakulär, erstaunlich zurückhaltend wieder relativiert zu werden.

Hier greift wieder der Hinweis, dass es sich im Grunde um den ersten Teil eines Doppelbandes, möglicherweise wie das Nachwort andeutet er ganz neuen Serie handelt. Nur muss "Dead Zone" erstens für sich alleinstehend betrachtet werden und zweitens muss der Leser ja noch einige Zeit auf den zweiten Teil warten. Angesichts der zahlreichen in der Luft hängenden Handlungsfäden eher ein Ärgerniss als eine zufriedenstellende Lösung. 

 Der zugrundeliegende Plot ist solide, aber auch nicht unbedingt zufriedenstellend dynamisch zu nennen. Zu viele Szenen schleppen sich mit Milieubeschreibungen und zu vielen, eher oberflächlich gezeichneten Nebenfiguren sehr lange hin. Ohne Frage gibt es eine Reihe von unangenehmen Situationen und auf eine an David Cronenbergs frühe Filme erinnernde brutale Art und Weise Sterbende, aber vieles wirkt stark konstruiert, zu sehr in die einengende Form gepresst als spannungstechnisch entwickelt. 

 Ausgangspunkt ist das aus den Tiefen des Meeres von einem reichen Exzentriker geborgene Artefakt mit seltsamen Schriftszenen. Die ihn begleitende Archäologin kommt kurze Zeit später auf eine brutale wie unerklärliche Art und Weise ums Leben. Ihr Körper ist von schnell wachsenden Krebswucherungen förmlich aufgefressen worden. An einer anderen Stelle sterben Menschen in einsamen längst verlassenen U- Bahnschächten durch eine mysteriöse Gestalt, die eher mit "Krallenhänden" ihre Opfer förmlich zerteilt. Nicht immer findet die Polizei alle Gliedmaßen.

 Da John Sinclair an einem Kai, an dem meistens Drogen angelandet werden, bei einer Explosion "ums Leben kommt", verbinden sich die Ermittlungen hinsichtlich der seltsamen Todesfälle - so hat ein angeblich an Asthma erkrankter Polizei dem sportlichen John Sinclair gegenüber Sporengeld gegeben, bevor er in einer Kneipe ums Leben gekommen ist - mit den Exkursionen ins Drogenmilieus und seinen Opfern. 

 Zu den Stärken des Buches gehören die ungewöhnliche, aber minutiös recherchierten Schauplätze in einem nicht den Hochglanzprospekten entsprechenden London. Ohne belehrend zu erscheinen wirken die beschriebenen Hintergründe authentisch und unterstreichen immer wieder die dunklen, teilweise ins Drogenmilieu reichenden Aspekte des Plots. Auch die Polizeiarbeit ist gut beschrieben. Mit einem Auge eher für die britischen Polizeiserien und einer Reihe von Hintergrundinformationen direkt aus deren Arbeit liegt der Fokus der ersten Hälfte des Doppelbandes eher auf dem Krimi denn der Gruselgeschichte. Zwar gibt es eine Reihe von unheimlichen und bedrohlichen Szenen, die Beobachtungen der Zeugen und die verstümmelten Leichen könnten genauso auf einen kranken Psychopathen wie ein übernatürliches Wesen deuten. Schade ist, dass mit der ersten großen Entdeckung der Leser unwillkürlich an „Alien“ erinnert wird, anstatt die Idee origineller und bizarrer zu entwickeln. Hier wäre es sinnvoller gewesen, einen anderen Weg zu gehen.  Die Vorbereitung ist allerdings sehr gut.

Positiv ist zusammenfassend, dass Dennis Ehrhardt wirklich einen anderen Weg gegangen ist. Der Fokus liegt über weite Strecken des Buches auf den Schultern von John Sinclairs Begleitern und weniger auf dem ewigen Jäger. Auch wenn sie nur an ihren Namen einzuordnen sind und wenig bis gar nichts mit den Heftromanprotagonisten zu tun haben, tut diese Art des Faceliftings ihnen auch gut. Sie wirken moderner, nicht unbedingt mondäner,  ihre Handlungen sind realistischer und die „Kennenlernphase“ nicht nur zwischen Leser und Buch, sondern auch untereinander sind gut und harmonisch mit der Handlung verbunden.

In dieser Hinsicht könnte „Dead Zone“ tatsächlich die Art von Neustart sein, die sowohl „Jerry Cotton“ in den E Books als auch „Perry Rhodan“ mit Neo nicht wirklich überzeugend gelungen ist. Zielgruppe ist weniger das reine Heftromanpublikum, man möchte mit der schön gestalteten Ausgabe in die Buchhandlungen. Ein solider Plot, der allerdings nicht nur ein wenig gedehnt, sondern durch den offensichtlichen Doppelband an einer wichtigen Stelle auf unbestimmte Zeit auseinandergerissen worden ist, unterhält, aber reißt den Leser bislang nicht wirklich mit. Es bleibt abzuwarten, ob Dennis Ehrhardt bei „Underworld“ noch einen Zahn zulegen kann, um seinen Sinclair in den Herzen der Fans zu etablieren.

Sinclair - Dead Zone

  • Broschiert: 464 Seiten
  • Verlag: FISCHER Tor; Auflage: 1. (23. Januar 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596299942
  • ISBN-13: 978-3596299942
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