Herausgeberin Corinna Griesbach leitet mit ihrem kurzweiligen Vorwort und einem Interview mit der Künstlerin diesen Bildband aus insgesamt fünfundzwanzig Collagen und einer entsprechenden Anzahl von Kurzgeschichten ein. Tatjana Frey spricht nicht nur über die Entstehung ihrer Werke, sondern den Versuch, eine Dynamik, ein Erleben ihrer Protagonisten zum Ausdruck zu bringen. Aggregatzustände, die sich sehr gut in Kurzgeschichten umsetzen lassen. Das Spektrum der Geschichten ist nicht durchgehend phantastisch, aber immer wieder stehen Menschen oder besser menschliche Wesen im Mittelpunkt der Handlung.
Nicht alle Autoren versuchen um die Bilder herum in sich abgeschlossene Geschichten zu präsentieren. Sara Schröders „Ich male dir ein Bild von mir“ ist eher die Beschreibung des entsprechenden Bildes, aber trifft den Inhalt trotzdem sehr gut. Blume alias michael johann bauer versucht expressiv mit „ich traeume, dass ich traeume, also traeume ich mich“ sowie „von der kunst als person des traums“ die Stimmung von Tatjana Freys ohne Frage nicht einfacher Collage einzufangen. Beide Texte wirken aber teilweise konträr zum Bild und ziehen zu viel aufmerksam von der Collage auf sprachliche Experimente und präsentieren zu wenig Inhalte. Peter Paul Wiplinger mit „traum bild welt“ versucht eine griffige Verbindung zwischen Wort und Bild zu schaffen. Die kurzen Texte leiden aber, so der Leser von leiden per se sprechen kann, an dem Versuch, die Bilder nicht zu begleiten, sondern sie irgendwie zu beschreiben, anstatt sie als Basis für eigenständige Geschichten zu nehmen. Lyrisch wird es bei C.H. Hubers „myth 3 oder monroe.verschnitt“. Peter Paul Wiplinger erschafft mit „lustwandler“ vor allem angesichts der Collagevorlage etwas wirklich Eigenständiges. Es ist schwer, einen Bogen vom Bild zum Text zu finden. Auch andersherum. Nele Sickels „Im grünen Kleid“ konzentriert sich auf einen sehr offenen Plot, ignoriert die Vorlage und endet zu offen.
In dieser Hinsicht macht es Manfred Lafrentz mit „Kleiner Sohn folgt den Meistern der Zeit“ ohne zu viel zu werten anders. Beginnend mit der Spinnenfrau und der Befriedigung der Wanderer in sexueller Hinsicht und endend bei einer märchenhaft surrealistischen Odyssee spannt er einen sehr weiten Bogen auf erstaunlich wenigen Seiten. Der Leser kommt vielleicht den ein wenig zu stilisiert gestalteten Protagonisten nicht wirklich nahe, aber wie Tatjana Freys Graphiken wird er zum Nachdenken, vielleicht auch Träumen angeregt.
Nele Sickels „Kuckuck“ ist eine dieser Chamäleongeschichten, in denen die Autorin mit ihrer kurzweilig zu lesenden Story einer seltsamen Gesellschaft, in welcher sich die Menschen zumindest in der Disco maskieren, dem entsprechenden Bild sehr nahe kommt. Sie schafft es aber nicht, dem Plot eine abschließende originelle Wendung zu geben. Das Ende ist zu früh zu erkennen, ist aber irgendwie angesichts des stimmungsvoll entwickelten Hintergrunds auch nur von sekundärer Bedeutung. Auch „Ich bin zu dritt“ (Casjen Griesel) sucht eine Beziehung zum Bild. Dabei wird nicht ganz klar, ob der Protagonist sich diese „Einstellung“ nur einbildet oder ob es eine phantastische Wendung ist. Casjen Griesel erschafft allerdings eine sehr griffige Atmosphäre, so dass sich der Leser mitziehen lässt. Auch in „Wie der Himmel“ erfolgt die Übernahme quasi von innen heraus. Karin Jacob hat sich dem Titelbild dieser Anthologie angenommen. Allerdings wirkt der Text zu statisch, sehr stark auf das Ende hin konstruiert und dem Leser fehlt die Identifikation mit der Protagonisten Nina.
„Timpe Te“ von Regina Schleheck nimmt die Herausforderung des Bildes an. Es gibt einen Moment in der Geschichte, in welcher der Plot und das Bild miteinander verschmelzen. Aber die Autorin hat nicht nur die Vorgeschichte in Form eines Rückblickens entwickelt, sondern auch ein irgendwie versöhnliches, aber auf einer Reihe von Missverständnissen basierendes Ende. Wie Manfred Lafrentz packt sie sehr viel Handlung auf nur wenige Seiten. Eine zufällige Begegnung; anarchistische Bestrebungen und schließlich der Versuch, ein Fanal am falschen Ort zur falschen Zeit zu setzen unterhält emotional intensiv, regt zum Nachdenken an und schafft es, das der Leser die Dynamik der Collage förmlich spürt.
Ruth Moebius- Hanssen schafft das Gleich auf nur zwei Seiten. „Fragment eines Traums“ ist die Geschichte zweier Schwestern. Oder genauer... die Lebensgeschichte einer Schwester aus der Perspektive ihrer Schwester.
„Alles eine Frage der Perspektive“ von Christian Gerhard entspricht Tatajana Freys Bildern. Es lässt sich viel in diese Collagen hineininterpretieren, manchmal vielleicht sogar zu viel. In Gerhards Geschichte vor einem immer noch futuristisch erscheinenden, aber tief in seinen Traditionen verwurzelten Tokio ist es die fatale Mischung aus der eben angesprochenen „falschen“/ „anderen“ Perspektive und tief im Inneren sitzenden Schuldgefühlen, welche schließlich zu einem Mord aus dem Affekt heraus führt. Wie bei einer Zwiebel wird eine Schicht nach der Anderen zwar abgeschält, aber das Innere bleibt fremd.
Auch Anna Streatmanns „Gestern war ich eine andere“ fasst sehr viel Plot auf wenigen Seiten zusammen. Allerdings leidet sie mit „Kuckuck“ unter einem vorhersehbaren Ende. Die Obsession – sie spiegelt sich in zwei Collagen Tajana Freys zu Beginn und am Ende der Geschichte sehr gut wieder – einer Frau mit ihrem neuen Liebhaber wird konsequent, aber wie eingangs erwähnt auch ein wenig mechanisch zu Ende gedacht.
Peter Zemlas „Holzwolle“ ist deutlich verklausulierter. Freunde treffen sich. Ein Mann bringt anscheinend eine neue Frau mit. Oder ist es nur eine Kopie der Alten? Interessant ist die Vertrautheit der Menschen nach Jahrzehnten der Freundschaft, wobei diese Lockerheit im Umgang miteinander unglaublich schnell Brüche bekommen kann. Der Autor verweigert wie einige andere aus der Gruppe eine abschließende Auflösung seiner Geschichte.
Zu den intensivsten Geschichten gehört „Vertraute Fremde“ von Miriam Rieger. Sie präsentiert eine abgeschlossene Geschichte mit einer tragischen wie nachvollziehbaren Erklärung. Eine junge Frau fühlt sich nach einem Unfall von Fremden umgeben, die mehr über ihr Leben wissen als sie selbst. Die Ärzte und Polizei können ihr anscheinend nicht helfen. Die Geschichte hat keine phantastischen Aspekte, unterhält aber nicht nur spannend, sondern dank der subjektiven Perspektive der Protagonistin ausgesprochen gut.
Gerald Friese „Prolog der Esperanza“ erweist sich wie der Titel sagt als Einleitung zu dem berühmten Hörspiel. Aber auch ohne Kenntnis der „Hauptgeschichte“ versucht der Autor mit dem aktuellen Thema der Flüchtlingskrise eine Diskussion in Gang zu setzen. In einer Fernsehsendung prallen verschiedene Ansichten aufeinander. Dabei sind es besonders die Künstler, die mit ihrer seltsam weltfremden Art leicht die Kritik auf sich ziehen können, während Lösungen theoretisiert werden, aber nicht umgesetzt werden können.
Oliver Henzler „Die Natur der Dinge“ beginnt naturalistisch. Ein Gespräch in einer Gaststätte in den Bergen, die Wanderung in Gottes Natur und schließlich eine besondere Begegnung. Mit diesem griffigen Auftakt etabliert der Autor ein Szenario, das er anschließend ein wenig unterminiert und erweitert. Dadurch verliert er ein wenig das eigentliche Ziel aus dem Auge, überlässt den Lesern sehr viel Interpretationsspielraum und führt die Geschichte mit dem offenen Ende allerdings zu wenig konsequent zu Ende.
Auch Ester S. Schmidts „Lauflauf“ ist lange eine naturalistische Geschichte. Eine Frau macht in den Bergen alleine einen Ausflug. Plötzlich vermisst sie einen Ast. In einer Gaststätte wird sie vom Kellner bedrängt, die Umgebung scheint sie zu erdrücken. Die Pointe mit einer Science Fiction Anspielung kommt aus dem Nichts heraus und überrascht angesichts der Entwicklung des Plots ein wenig. Sie wirkt im Text zu unvorbereitet, ist aber zumindest konsequent.
„Bis sich was ändert“ von Carlo Maximilian Engeländer beschreibt etwas Alltägliches. Eine Familie ist in ihrem Trott gefangen, bis sich tatsächlich durch ein tragisches Ereignis was ändert. Auch wenn der Inhalt der Geschichte allgemein gültig ist, leidet der Text ein wenig unter der Distanz zwischen den Protagonisten und dem Leser. Die Tragik ist nicht vollkommen griffig, auch wenn sie verständlich wie durch einen absurden Unfall ausgelöst nachvollziehbar erscheint.
„Die Königin von Lethausen“ (Jens- Phillipp Gründler) ist eine der Geschichten, in denen ein möglicherweise fiktiver Hintergrund mit dem Schicksal zweier Protagonisten verbunden wird. Der Autor spannt wie einige anderen Schriftsteller dieser Anthologie einen sehr weiten Rahmen, in dem er sich auf das Schicksal zweier Schwestern konzentriert. Das Ende der atmosphärisch interessanten, ein wenig herausfordernden Geschichte ist allerdings zu offen und gibt positiv Raum für Interpretationen, wirkt aber ein wenig negativ auch abrupt beendet.
Auch Nadine Horn dreht in „Schneewittchens Prinz“ eine im Grunde alltägliche Situation im Büro zwischen zwei Kollegen ins Absurde. Dabei weiß der Leser nicht, ob die Trollfrau nur im Auge des Betrachters erscheint oder sich Phantasie und Realität miteinander mischen. Tatjana Freys College ist bei dieser Geschichte allerdings anziehender, verstörender und erweckt mehr Neugierde als die „liebevolle“ Begegnung zwischen zwei Menschen und der immer wieder erscheinenden dritten Hand.
Friedrich Bastians „Unter ihren Blicken“ nimmt eine Spielshow als Background für eine seltsame Geschichte. Der Leser hat wie der Protagonist nicht wirklich das Gefühl, an der Show teilzunehmen. Es wirkt eher wie eine Art Alptraum, wobei der Gewinner schließlich zum Verlierer wird. Stilistisch allerdings intensiv baut der Autor seinen Plot mit einer hohen Dynamik auf, ohne das eine finale und zufrieden stellende Auflösung erfolgt. Der Leser fühlt sich wie der Teilnehmer an der Show am Ende leer und erschöpft.
Mit einem klassischen Science Fiction Thema endet diese Anthologie. „Trinität“ von Jens- Phillip Gründler schafft es allerdings, diese Idee lange Zeit mit einer im Grunde Hippie Reise zu verstecken. Das Ziel wird angedeutet, die Zusammenhänge bleiben im Dunkeln. Wie einige andere Texte hätte dem Plot mehr Raum gut getan. Vieles wirkt zu abrupt, die Zusammenhänge kommen ein wenig zu hektisch daher und vor allem fällt es dem Leser schwer, sich mit den Protagonisten nachhaltig genug zu identifizieren, um die Besonderheit der Pointe nicht nur zu akzeptieren, sondern vielleicht auch einschätzen zu können.
Tatjana Freys thematisch sehr konzentrierte und doch unterschiedliche Collagen sind nicht leicht in Worte zu fassen. Bei den besten Geschichten sind Tatjana Freys Bilder nur Momentaufnahmen in einer fortlaufenden, eigenständigen und vor allem spannenden Handlung. Einige der Autoren versuchen die künstlerischen Elemente dieser Collagen mit Wortspielen zu überbieten und scheitern zumindest im subjektiven Auge des Betrachters. Bei einigen Texten hätte sich der Leser mehr Umfang, besser und vor allem dreidimensionaler herausgearbeitete Protagonisten gewünscht. Aber die Verbindung von Collage und Wort ist trotzdem ein interessantes Experiment, das eher zum Pausieren, aber nicht unbedingt zum Verweilen in Hinblick auf eine kontinuierliche Lektüre einlädt. Es empfiehlt sich, zwischen den einzelnen Texten ein wenig Abstand zu haben. Die Bilder auf sich wirken zu lassen. Dabei gibt es kein Allgemeinrezept. Manchmal ist es sinnvoller, den Text zuerst zu lesen und abschließend wie eindringlich zu den Collagen zurückzukehren. Manchmal bleibt das Bild eher hängen als das geschriebene Wort. In einigen wenigen Fällen ist die Symbiose aber perfekt und die durch die Bank sprachlich intensiv wie stilistisch herausfordernd ansprechend geschriebenen Geschichten verschmelzen mit Tatjana Freys ungewöhnlichen Collagen zu einem neuen Ganzen.

- Herausgeber : p.machinery; 1. Edition (1. November 2020)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 160 Seiten
- ISBN-10 : 3957651999
- ISBN-13 : 978-3957651990
