Michael Siefener ist einer der stilistisch am meisten versiertesten Autoren der deutschsprachige Weird Fiction. Auch wenn er vor allem für seine bizarren Romane bekannt geworden ist, präsentiert er sich seit vielen Jahren auch als versierter Novellenautor bzw. Verfasser von Kurzgeschichten. „Das Haus am Ende der Träume“ präsentiert mit zahlreichen, passenden Innenillustrationen Timmo Kümmel die ganze Bandbreite seiner literarischen Fähigkeiten von der expressiven Miniatur bis zur Novelle.
Statt eines Vorworts präsentiert Michael Siefener mit „Der Angst und der Autor“ einen in Bern gehaltenen Vortrag, in welchem er auf eine Reihe seiner Vorbilder wie H.P. Lovecraft, Robert Fordyce Aickmann oder Ramsey Campbell eingeht. Alle drei Autoren verbinden traumatische Erlebnisse im familiären Umfeld während ihrer Jugend. Anschließend lässt Michael Siefener die Zuhörer und jetzt die Leser auch in die eigene Vergangenheit blicken und berichtet von einigen unschönen Erinnerungen, die ihn Kombination mit der Entdeckung der phantastischen Literatur nur wenige Monate ihn als Menschen aber auch als Autoren geprägt haben. Das Vorwort ist nicht nur eine emotionale überzeugende, aber an keiner Stelle kitschige Einführung in Michael Siefener als Mensch und dessen Werk, das Vorwort bildet auch eine interessante, aber nicht ausschließliche Grundlage für die mehr als zwanzig kürzeren Arbeiten, die in dieser empfehlenswerten Sammlung zusammengefasst worden sind. Aber die Idee der Angst – welche Ursache sie auch immer haben möge – ist nicht das rote Band, das diese Geschichten ausschließlich zusammenfasst. Es ist nur ein Teil.... vielleicht nicht einmal mehr als ein Faden.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass Michael Siefener die Sammlung mit seiner persönlichen Schöpfergeschichte „Im Schatten“ eröffnet. Ein alter Theologe beginnt an seinen Studien zu verzweifeln, als ihm ein Besucher – nicht der einzige Besucher in den hier gesammelten Geschichten – im übertragenen Sinne die Augen öffnet. Er lernt die eigene Macht kennen und wie es sich für derartige Storys gehört, überschreitet er auch die eigene Grenze, um dafür bestraft zu werden. In der zweiten Geschichte „Der Besuch“ erhält ein Sterbender Besuch von einem Priester. Der Patient hat Krebs im Endstadion. Das Gespräch zwischen dem vermeintlichen Priester und den Sterbenden bewegt sich auf eine religiös- philosophischen Ebene, wobei der Leser nicht abschließend beurteilen kann, ob der Besuch tatsächlich stattgefunden hat oder es sich der Sterbende einbildete. Auch „Die Kälte jenseits der Träume“ – eine der kürzesten Arbeiten dieser Sammlung – ist eine surrealistische Miniatur mit einem Mann, der einen sterbenden Künstler besucht und schließlich zum Mittler zwischen den Welten wird. Alle drei Geschichten sind stilistisch stark geschrieben, haben aber ein unterschwelliges Sendungs- bzw. Botschaftsbewusstsein, das sich in den längeren Arbeiten Michael Siefener eher unbewusst im Leser anstatt wie hier offen in den laufenden Handlung entwickelt.
„Die Rückkehr“ zeigt Michael Siefener einzigartige Fähigkeit, aus einer scheinbar alltäglichen Handlung einen surrealistischen Alptraum entstehen zu lassen, aus dem es für den Protagonisten kein Entkommen gibt. Perverserweise stellt sich gegen Ende die Frage, ob er überhaupt entkommen möchte. Ein junger Mann wird von seinem Vater nach Hause gerufen. Seine Mutter und er liegen im Sterben. Sie wohnen in einem alten Turm an einer nicht näher bezeichneten Küste. Kaum ist er angekommen, bemerkt er, dass seine Eltern einen seltsamen Helfer haben, der sich auch nach deren Tod in der Unterwelt des Turms besser auskennt als er Protagonist. Die Geschichte ist eine Hommage an H. P. Lovecraft und seinen biologischen Horror, wobei Michael Siefener noch einige Schritte weitergeht. Mit seinen Beschreibungen erzeugt er nicht nur eine morbide, sondern vor allem auch eine surrealistisch- bizarre Atmosphäre, einen Kreislauf des Lebens, dessen Bedeutung der Protagonist dem Leser in Form eines später niedergeschriebenen Berichts vermittelt. Wie in einigen anderen Storys dieser Anthologie unterstreicht Siefener, das der „Tod“ nicht das Ende, sondern ein – vielleicht ungewollter – neuer Anfang ist.
Hexen, Hexerei sind Themen, denen sich Michael Siefener über seine Doktorarbeit hinweg immer wieder auf sehr unterschiedliche Art und Weise gewidmet hat. „Die Versuchung“ ist dabei die einfachere, weniger subtilere Geschichten. Sie steht im Schatten von „Das schwärzeste Buch“. In „Die Versuchung“ erhält die überforderte Mutter eines dominanten wie gewalttätigen Mannes die Möglichkeit, ihn endgültig loszuwerden und mit ihren Freundinnen ein neues, anderes Leben zu beginnen. Da diese Versuchung einen hohen Preis hat, schlägt sie es beim ersten Mal aus. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
“Das schwärzeste Buch“ zeigt Michael Siefeners Stärken. Seine Charaktere sind ständig auf der Suche, in Bewegung. Dabei geht es nicht selten um Literatur wie in „Das Schattenbuch“ oder Vergangenes wie in „Janus“. „Die magische Bibliothek“ ist ein Roman, der sich nahe an Stokers „Dracula“ herankauert und doch eine gänzlich andere kriminaltechnische Ebene enthält. Auch „Das schwärzeste Buch“ verbindet geschickt Gegenwart und Vergangenheit miteinander. Oder auch nicht. Es kann sich alles bis auf die Schatten, die lauernd warten, um Einbildung handeln. Ein Staatsanwalt lädt abends seinen Freund zum Essen ein. Er ist Junggeselle und hat den Freund seiner Frau als Mörder an ihr überführt. Vielleicht zu voreilig und vor allem auch zu passend. Seinem Freund erzählt er aber die Geschichte eines Professors, der auf die Spur eines der schwärzesten Bücher gekommen ist, in denen neben den Hexenritualen auch die Mitglieder der Hexenzirkel aufgeführt werden. Das Buch ist angeblich hinter dem Altar einer kleinen Kirche eingemauert. Die Suche des Professors und die schwere Last des Staatsanwalts könnten miteinander zusammenhängen, auch wenn kein Gericht der Welt daraus ein Urteil ziehen könnte. Subtil baut Michael Siefener nicht nur eine kontinuierlich stärker werdende Bedrohung durch den im Grunde passiv im Raum stehenden Schatten und seinem Gefolge auf. Am Ende der Geschichte bemühen sich die beiden Freunde um eine rationale Erklärung, wobei der Eine (ohne Schuld) deutlich realistischer argumentiert als das Andere (seine Schuld ist quasi mitten im Raum). Diese Rückkehr in die „Realität“, um auf den letzten Metern alle Basen zu verlieren, macht den Reiz von Michael Siefeners Prosa aus. In dieser Hinsicht ist er seinen Vorbildern wie H.P. Lovecraft deutlich überlegen, deren übernatürlicher Schrecken auch (manchmal mittels Einladung) in die Realität eindringt, bei Siefener ist das Übernatürliche da und wartet seit Jahrhunderten auf seinen/ ihren großen Moment. Es dauert, bis Siefeners so bodenständige, fast langweilige Figuren es wahrnehmen. Dann ist es aber – wie bei jeder guten Horrorstory – schon lange zu spät. „Das schwärzeste Buch“ ist ein Musterbeispiel für den Schrecken, in diesem Fall tatsächlich auch die im Vorwort angesprochene Angst, den sein Werk auf eine besondere, fast einzigartige Art und Weise auszeichnet.
„Liber Nominum Mortuorum“ gehört auch in die Riege von Geschichten, die sich mit der verbotenen Literatur auseinandersetzen. Ein Antiquar erhält den Nachlass einer seiner Kunden, der plötzlich verstorben ist. Zwischen den Büchern findet sich das Manuskript eines fast eintausend Seiten umfassenden Werkes zur Hexenliteratur. Anscheinend versuchte der Verstorbene an ein seltenes Buch zu kommen. Ein anderer Antiquar gibt ihm den entsprechenden Tipp, allerdings muss er als Gegenleistung eine Kopie des Buches besorgen. Die Riese des ängstlichen Mannes wird zu einem Alptraum. In einer Hinsicht ähneln sich die vorliegende Geschichte und „Das schwärzeste Buch“. Die gesuchten literarischen Objekte üben eine derartig verführerische Wirkung auf die Suchenden aus, das sie bereit sind, die Gesetze zu überschreiten. Dabei ist die Grenze zwischen dem nächtlichen Einbruch in eine Kirche oder das Eindringen in das Schloss eines gerade Verstorbenen marginal. In beiden Fällen werden wertvolle Bücher gestohlen, in der zweiten Story bleibt der Erzähler anfänglich mit nicht ganz leeren Händen, aber intellektuell unbefriedigt zurück, bis er merkt, dass sich das entsprechende Buch seinen Besitzer auszusuchen scheint. Beide Geschichten enden auf einer dunklen Note, der Wahnsinn lauert auf seine fast naiv agierenden Opfer gleich um die Ecke und beide Geschichten werden aus der Distanz eines jeweils Dritten erzählt. Wobei Michael Siefener in „Liber Nominum Mortuorum“ noch geschickter vorgeht, denn es handelt sich um die Wiedergabe eines Berichts durch einen Berichtenden, dessen Schicksal auch ungeklärt ist, während „Das schwärzeste Buch“ ja im mittleren Abschnitten diese Tagebuchaufzeichnungen direkt präsentiert. Michael Siefener baut einige Seitenhiebe auf einen verzweifelten Übersetzer ein, der sich mit Unterhaltungsliteratur über Wasser hält. Dafür beginnt „Das schwärzeste Buch“ mit einem Zitat aus einem anderen Michael Siefener Roman, still und heimlich zwischen anderen Zitaten versteckt.
„Wiedersehen mit Kingsport“ fügt sich auf der einen Seite in die kleine Phalanx von Geschichten ein, in denen sich die obskure Literatur mit der Wirklichkeit verbindet. Auf der anderen Seite bleiben aber alle beschriebenen Ereignisse auch fragwürdig. Alleine die Reise nach Kingsport scheint es gegeben zu haben. Der Erzähler ist ein Autor, dessen einziges in einer kleinen Auflage gedrucktes Buch vor fünfundzwanzig Jahren angeblich komplett ein Raub der Flammen im Verlagshaus geworden ist. Ein Antiquar hat eine Teilauflage in einem Außenlager entdeckt und den Autoren zur verspäteten Buchpräsentation eingeladen. Zwischen dieser in Flammen aufgegangenen Erstveröffentlichung und der Gegenwart hat der Autor ausschließlich für sich selbst produziert. In bester Lovecraft Manier mit den entsprechenden Anspielungen – auch in „Liber Nomunum Mortuorum“ trägt der Erzähler eine Lovecraft Komplettausgabe als persönlichen „Schutz“ gegen das Böse bei sich – überlappen sich Wirklichkeit und skurrile Phantasie mehr und mehr, bis weder der Leser noch der Protagonist wirklich weiß, was noch Wirklichkeit oder Wahnsinn ist. Die Geschichte ist stimmungsvoll, die Ereignisse bauen wie bei einem gelungenen surrealistischen und doch auch überzeugend wirkenden Alptraum aufeinander auf. Es gibt kein Entkommen, der Protagonist will trotz seines Widerwillens auch gar nicht entkommen. Wie der Leser wird er magisch mehr und mehr in den kleinen Ort hineingezogen, dessen morbide Atmosphäre sich auf eine unheimliche Art und Weise in den Erzählungen der Storysammlung widerspiegelt. Oder ist es genau anders herum ?
Auch „Hinter dem roten Fenster“ ist die Geschichte eines am Rande des Wahnsinns befindlichen Mannes, den seine Freundin aus der Wohnung geschmissen hat. Inzwischen wohnt er in einer möblierten Absteige. Vor einigen Jahren hat er als Schriftsteller einige Romane verkaufen können, auch wenn sein Verlag nicht mehr an ihm interessiert ist. Der einzige warme Ort ist die lokale Bücherei und hier kommt er auf die Idee, über die alten Legenden der Stadt zu schreiben. Ein fischköpfiger Mann spricht ihn an. Auch er hat schon über diese Legenden recherchiert und bietet ihm seine Arbeit zur Lektüre an. Damit öffnet er in dem Protagonisten nicht nur Tür und Tor, die Gier wächst in ihm, aus der Arbeit mehr als zu zitieren. Der Leser erwartet wahrscheinlich eine andere Wendung in dieser Geschichte. Der Titel wird die Handlung mehr und mehr dominieren, bis sich der lange Zeit unsichtbare Kreis schließt. Wie einige andere von Michael Siefeners Figuren ist der Abstieg in den Wahnsinn für den Leser leichter zu erkennen als sie selbst noch zwischen (Alp-) traum und Wahn unterscheiden können. Diese in seinen Romanen deutlich langsamer sich einschleichende Veränderung ist in den Kurzgeschichten notgedrungen viel stärker, wirkt vielleicht auch ein wenig konstruierter, aber zeigt den schmalen Grat nachdrücklich an, auf dem sich die von Leben gezeichneten menschlichen Außenseiter wahrscheinlich schon seit vielen Jahren unbewusst bewegen.
In der letzten Geschichte dieser Sammlung befindet sich der Erzähler mit seiner Frau auf einer Urlaubsreise in Lyon. Die Antiquariate reizen in „Die Magie des Enchiridion Leonis Papae“ mit einem schmaleren Geldbeutel. Er wird fündig, auch wenn ihn beunruhigende Geräusche bis nach Deutschland begleiten. Der Leser ahnt, aber weiß nicht, welche seltsamen Figuren der Erzähler im Grunde im direkten Vergleich zu einigen anderen von alten Büchern besessenen Charakteren dieser Anthologie geweckt hat. Grundsätzlich ist er unschuldig, ehrlich (er bezahlt für die Bücher mittels einer Kreditkarte) und höchstens ein wenig naiv. Das hebt die kurze Geschichte aus den vergleichbaren Arbeiten positiver hervor, auch wenn das dunkle Ende sich nahtlos in die Riege der hier gesammelten Storys einreiht.
„Das Haus am Ende der Träume“ eröffnet einen ganzen Reigen von kleinen Reisegeschichten, in denen Protagonisten teilweise gegen die eigene Angst sich in fremde Städte bewegen müssen oder an die Orte der eigenen Kindheit zurückkommen. Die Titelgeschichte „Das Haus am Ende der Träume“ berichtet von einem ängstlichen Mann, der von seiner Firma in eine neue Stadt versetzt wird und dort durch einen Zufall ein altes Häuschen mieten kann. Nicht in den Details, aber dem Handlungsbogen folgend ist das Ende der Geschichte vorhersehbar. Der Rückzug ins Innere, eben in das im Titel angesprochene Haus der eigenen Träume. Aber die Zeichnung des ängstlichen, sich an Vertrautheiten festkrallenden Protagonisten hebt die Geschichte aus einer Reihe ähnlicher Plot positiv heraus. Auch in „Die Angst und die Stadt“ muss der Protagonist beruflich reisen. Als Antiquar kauft er in anderen Städten Buchbestände auf. Die Stadt ängstigt ihn, durch einen Zufall kommt er an die richtige Anschrift... allerdings einen Tag zu früh. Das Ende ist deutlich offener und der Leser bezweifelt, dass der ängstliche Mann wirklich seinem ursprünglichen Ziel einen Schritt näher gekommen ist. „Willkommen“ ist in dieser kleinen Reihe die bitterböseste Geschichte. Ein Mann, ein Journalist will endlich die Biographie eines obskuren Autors einer sekundärwissenschaftlichen Arbeit über Hexenliteratur schreiben und macht sich auf die Reise. Er landet schließlich in dessen Schloss und muss erkennen, dass alles im Grunde eine perfide Illusion ist. Mit der nächsten Geschichte „Hotel Kehrwieder“ ist „Willkommen“ durch die Person des für Geld schreibenden Erzählers verbunden. Nur kehrt in „Hotel Kehrwieder“ der Erzähler in die Stadt seiner Jugend, an den Heimatort seiner Eltern zurück. Er bucht sich in das einzige, im Titel aufgeführte Hotel ein und erlebt in diesem im Grunde gastlichen Haus Seltsames. Dieses beschreibt er nicht direkt, sondern fügt es in eine fiktive Erzählung ein, in welcher sein Protagonist die eigenen Erlebnisse wiedergibt. Am Ende zeigt sich, dass auch die Realitätsebene möglicherweise nur eine Illusion ist. Das Ende ist traditionell, fast klassische Lovecraft Manier voller bizarrer Bilder, die sich mehr und mehr nicht nur über die Wirklichkeit des Autoren und seines fiktiven Charakters schieben, sondern auch den Leser dieser Anthologie manipulieren.
Hinzu kommt die Faszination für alte Häuser, möglichst mit einem düsteren Geheimnis. In „Das neue Leben“ kauft ein Rechtsanwalt ein altes Haus zu einem Spottpreis, verkauft seine Praxis und beginnt ein neues Leben. Wie in der folgenden Story „Das Erbe“ beginnt sich das jeweils große Haus anscheinend innerlich zu verändern, die jeweils neuen Besitzer finden sich nicht in den langen Gängen und bei den zahlreichen, gleich aussehenden Türen zurecht. In der zweiten Geschichte hat ein Mann – ein Antiquar, der nach der Trennung von seiner Frau und der Pleite seines Geschäfts fast mittellos ist – von einem entfernten Verwandten ein großes Haus mit Personal geerbt. In der ersten Geschichten zieht eine angefangene Arbeit zur Hexenliteratur – ein beliebtes Motiv bei Michael Siefener und in verschiedenen Geschichten dieser Anthologie vertreten – die Aufmerksamkeit des Anwalts auf sich, in der zweiten Story kommt der Protagonist gar nicht so weit, etwas Eigenständiges zu machen. Beide Geschichten enden auf einer dunklen Note, aber die morbide Atmosphäre, die langen Schatten der ehemaligen Besitzer und einige groteske Szenen entschädigen für die stellenweise allerdings auch zu wenig aus dem Plot heraus überraschende Handlung.
„Eine Bibliotheksphantasie“ erschien in der „Exodus“ Ausgabe zur phantastischen Bibliothek zu Wetzlar das erste Mal und sollte inhaltlich – nicht negativ gemeint – auch in diesem Kontext betrachtet werden. Es ist eine Odyssee zwischen kleinen Städten eigentlich nach der besonderen Entdeckung entweder in einem der kleinen, unscheinbaren Antiquariate oder schließlich in den literarischen Schätzen eines alten Adelsgeschlechts. Der sympathische Erzähler nach dem Erhalt einer seltsamen Erbschaft macht sich auf eine Suche, die ihn - wie es sich für Horror gehört - zu einem gänzlich anderen Ziel führt. Die Story ist gut geschrieben, die morbide Atmosphäre mit Anspielungen und keinen Exzessen überzeugt bis zum Ende, das ein wenig zu stark konstruiert erscheint und vor allem dem bisherigen Weg nicht gerecht wird.
„Die Messe für das besondere Buch“ fügt den verschiedenen Handlungen, in denen Antiquare im Mittelpunkt der Geschichte stehen, eine andere Note hinzu. Auch hier erhält ein Antiquar durch den Tod seines Kunden sehr günstig nicht nur die von ihm verkauften wertvollen Bücher zurück, sondern ganz andere Exemplare, teilweise mit handschriftlichen Note verziert. Unter den Sammlern gibt es Gerüchte, dass es eine Messe der besonderen Bücher gibt. Nur auf persönliche Einladung und der Ort/ die Zeit manifestiert sich erst einen Tag vor der Veranstaltung. Dabei reicht der Spektrum der angebotenen Bücher bis zum legendären, in Menschenhaut eingeschlagenen Exemplar. Verstörend ist, dass sich einige dieser Bücher unerklärlicherweise in der angekauften Sammlung befinden. Natürlich findet der Antiquar auch eine Einladung. Die Geschichte ist in Form eines Briefes an die ehemalige Freundin gerichtet, in welcher der Antiquar am Vorabend der Messe von den bisherigen Erlebnissen berichtet. Das offene Ende der Geschichte ist vorhersehbar, aber die Obsession für Bücher und die Wege, welche einige Sammler bereit sind, für seltene bis einmalige Exemplare zu gehen, durchzieht nicht nur diese Geschichte, sondern die ganze Anthologie.
„Die Traumsuche nach dem unbekannten R´lyeh“ ist eine Hommage an H.P. Lovecraft und seine ähnlich benannte frühzeitliche Novelle. Ein ehemals leidlich erfolgreicher Phantastikautor wird nach Jahren zur Mitarbeit an der oben im Titel genannten Anthologie um die legendäre Unterwasserstadt und seine Bewohner eingeladen. Mit jedem Treffen bei seinem Freund wird er seltsamer, die Recherchen und das wieder aufgenommene Trinken scheinen ihn zu beeinflussen, bis er plötzlich verschwunden ist. Auch in dieser Geschichte erzeugt Michael Siefener eine morbide Atmosphäre und präsentiert eine gut ausbalancierte Hommage an H.P. Lovecraft mit eigenständigen, in der Moderne verankerten Bezügen. Das Ende ist keine echte Überraschung, aber wie bei vielen Michael Siefener Geschichten zumindest konsequent bis zum Ende der Geschichte. Kompromisse oder faule „Deus Ex Machina“ Wendungen gibt es in Siefeners Werk nicht.
„Kult“ wäre ein perfekter Abschluss dieser Sammlung. Wie schon einige von Michael Siefeners Autorenprotagonisten – früher kurzer literarischer, aber nicht kommerzieller Ruhm, inzwischen von simpeln Übersetzungen einsam und isoliert lebend – wird Edgar Mandelkern von seiner Vergangenheit eingeholt. Ein Fan schreibt ihm Briefe, bittet ihn um ein persönliches Treffen. Die Briefe sind ohne Absender. Gleichzeitig nähern sich von der Straße über die Hauswand, dann den allgemeinen Flur bis an die Wohnungstür Graffitis Mandelkerns Refugium, in dem er sich – um Frau und Tochter trauernd – seit Jahren von der Welt isoliert hat. Das auf den ersten Blick vertraute Szenario endet in einer der grotesken und vielleicht auch am meisten schockierenden Szenen dieses Buches.
Zu den Miniaturen gehört „Der Anruf“. Der jung verstorbene Malte S. Sembten spricht mit der Ehefrau des Erzählers über die entstehenden Werke mit einem Einfluss auf die Realität. Eher an eine Hommage an den Kollegen als ein abgeschlossenes Werk. Auch „Mutter“ – eine im Sterben liegende dominante Mutter scheint ihren hilflosen, unter dem Pantoffel stehenden Sohn noch im Krankenhaus an einer sehr kurzen Leine zu führen – ist eher eine Fingerübung, eine kleine Spielerei in Sachen, die an keiner Stelle die intellektuelle Tiefe der längeren Texte erreicht. „Die Fabrik“ – ein einsamer Nachwörter, der seit Jahren in einer Stadt voller Fremder lebt – wirkt wie ein kleiner Fremdkörper in dieser Sammlung. Nicht unbedingt negativ gemeint, aber die morbide Stimmung weicht emotionaler Melancholie und der Versuch des Nachwärters, aufgefundenen Blumen in einem Glas unter Kunstlicht zu Hause zu retten, berührend bis an den Rand des Kitsches, aber keinen Millimeter drüber hinaus. Die Zeichnung des Protagonisten ist absichtlich schematisch, die zu einem Labyrinth werdende verlassene Fabrik wirkt fast schematisch, aber der Wechsel in den Bereich des Surrealistischen ist die einzige Möglichkeit, dieses Stillleben zufrieden stellend abzuschließen.
Timo Kümmels Zeichnungen illustrieren die Geschichten perfekt und geben die makaberen bis morbiden Stimmungen ausgezeichnet wieder. Michael Siefener ist einer der besten deutschsprachigen Weird Autoren, der die ganze Klaviatur des Schreckens von provozierend grotesk bis subtil beherrscht. Immer wieder steht das geschriebene Wort – inklusive deren Meister – im Mittelpunkt seiner anfänglich ruhigen, aber stets atmosphärisch ausgesprochen gut entwickelten Geschichten. Die insgesamt dreiundzwanzig Geschichten sind von Michael Siefener für die empfehlenswerte Neuausgabe im Rahmen dieser Sammlung sorgfältig überarbeitet worden. Vor allem die Seltenheit einzelner Texte – „Das schwärzeste Buch“ erschien nur in einer Auflage von 55 Exemplaren; „Mutter“ erschien unter einem anderen Titel als ARCANA Piccolo und zwei der Geschichten in den von Frank W. Haubold zusammengestellten Jahresanthologien des EDFCs in Kleinauflage – macht „Das Haus am Ende der Träume“ nicht nur für Leser interessant, welche die Bandbreite Michael Siefener kennen lernen wollen, sondern auch für Anhänger seines Werkes, denen dieser Sammelband einen Zugang zu seltenen Storys in überarbeiteter Form bietet. Beide Zielgruppen erwartet eine qualitativ hochwertige Auswahl an phantastischen Grusel/ Horror oder Weird Storys.

- Herausgeber : Atlantis Verlag (20. Januar 2023)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 380 Seiten
- ISBN-10 : 3864028698
- ISBN-13 : 978-3864028694
