Mit dem Krimi „Harun Al Raschid“ legt Mirko Schädel in seiner Reihe von Publikationen aus dem Krimimuseum eine moralische Kriminalgeschichte zum dritten Mal auf. Ursprünglich erschien das von Michael „Cassablanca“ Curtiz verfilmte Spielerepos 1921 bei Schuster & Löffler. Als „Der Scheck auf die Million“ publizierte der Ullstein Verlag die Story ein zweites Mal. Mirko Schädels Neuauflage greift auf die Erstauflage zurück.
Paul Frank ist einer der vielen heute vergessenen Autoren, deren Karriere mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu Ende gegangen ist. 1885 in Wien als Paul Frankl geboren, begann er als Autor leichter Lustspiele und wandte sich nach dem Ersten Weltkrieg dem Film zu. Er publizierte zwei Geschichten mit Leo Perutz, wobei „Das Mangobaumwunder“ phantastische Elemente enthält. Leo Perutz sah in seinem Partner allerdings eher einen Handwerker am Wort.
Neben einigen Romanen verfasste Paul Frank auch Drehbücher und siedelte schließlich nach Berlin um. Zu seinen größten Erfolgen gehört „Die Drei von der Tankstelle“. Das Drehbuch schrieb er zusammen mit Franz Schulz.
Nach der Machtergreifung kehrte Frank erst nach Wien zurück, schrieb anonym Drehbücher und floh schließlich erst nach Frankreich. In Casablanca warteten sie auf die Ausreisevisa in die USA. Paul Franks Frau nahm sich in Marokko das Leben. Erst 1941 kam Frank in New York an, erhielt in Hollywood einen Vertriebenenjob, konnte aber kaum Ideen oder Drehbücher veröffentlichen. Sein ehemaliger Mitautor Leo Perutz war in dieser Zeit nach Israel gegangen und arbeitete an seinen heute als Klassiker angesehenen Romanen.
Paul Frank litt nach dem Zweiten Weltkrieg an einem Augenleiden und musste gepflegt werden. 1976 ist er in Los Angeles verarmt gestorben.
„Harun al Raschid“ bezieht sich auf einen der wichtigsten Herrscher im Orient, der im Westen nicht zuletzt durch die Geschichten aus „Tausendund eine Nacht“ bekannt geworden ist, in denen er nicht selten auftrat. Während er unter den Muslimen wegen seiner Brutalität und seines Lebenswandels umstritten ist, gilt er im Westen als märchenhafte Gestalt. Mehrmals wird Paul Franks Protagonist mit diesem Gönner verglichen. Das gilt für die gute Seite wie auch später die dunkle Vergangenheit, die während des Finals enthüllt wird und dem Roman noch einmal eine gänzlich andere Wendung gibt.
Maxime Kalff ist ein glückloser Berufsspieler. Jahrelang hat er sich an den Spieltischen in Europa herumgetrieben und vorsichtig gesetzt. Meistens hat er so viel gewonnen, dass er ohne Kapitalverzehr davon leben konnte. In Monte Carlo fordert ihn ein Unbekannter heraus. Er geht größere Risiken ein und verspielt alles.
Auf einer Parkebene will sich Kalff nach dem Bankrott das Leben nehmen. Er setzt sich schon die Pistole an die Schläfe, als ihn ein älterer Herr anspricht. Der macht ihm ein verlockendes Angebot. Er bietet ihm 1 Millionen, wenn er seinen Selbstmord um genau ein Jahr verschiebt. In der Nacht zum 1. Oktober nächsten Jahres will man sich in einem Hotelzimmer in Monte Carlo wieder treffen und dort soll sich Kalff im Beisein des alten Mannes das Leben nehmen. Verwundert nimmt Kalff das Angebot an.
Franks Geschichte wirkt – Mirko Schädel erwähnt es im Klappentext – wie eine morbide Version aus „Tausendundeine Nacht“. Das liegt nicht nur an den Verweisen auf Harun al Raschid, sondern auf der weiteren Entwicklung der Handlung, in welche aber auch Aspekte zum Beispiel von Jules Vernes „Die Leiden eines Chinesen in China“ einfließen.
Sowohl der arme Chinese als auch Kalff sind am Tiefpunkt. Der Chinese schließt eine hohe Lebensversicherung ab und will sich umbringen lassen. Kalff erhält in Form des Schecks eine zweite Chance, auch wenn sein Todesdatum feststeht. Aus unterschiedlichen Gründen beginnen die beiden Protagonisten wieder ans Leben zu glauben.
Bei Paul Frank erscheint diese Wendung wunderbar wie unerklärlich. Maxime Kalff wird die eine Million gar nicht los. Er verschenkt Geld an eine arme Frau; er unterstützt einen Erfinder und hilft einem Kellner, das Kaffee zu kaufen, in dem er arbeitet. Bei beiden wirtschaftlichen Unternehmungen soll er beteiligt werden. Am Spieltisch verliert er plötzlich trotz aller Anstrengungen nicht mehr, sondern gewinnt fast nur noch. Und die Frau will Kalff heiraten, um sie nach dem Tod ihres Mannes zu unterstützen. Emotionen sind angeblich nicht im Spiel. Aber natürlich verlieben sich die Beiden ineinander und sie wird schwanger. Das Kind soll in der ersten Oktoberwoche geboren werden, wenige Tage nach seinem feststehenden Selbstmord.
Jules Vernes Chinese befindet sich auf der kontinuierlichen Flucht vor den Mördern, die er selbst beauftragt hat. Paul Franks Kalff versucht die Initiative zu behalten und heuert einen Privatdetektiv an, der den unbekannten Wohltäter aufspüren und den Pakt auflösen soll.
Der mittlere Abschnitt des vorliegenden Romans ist der Stärkste. Nach dem dynamischen Auftakt und vor dem fatalistischen Ende entwickelt der Autor minutiös, detailverliebt, aber effektiv seine Figur weiter. Aus dem leichtsinnigen Spieler Kalff wird ein liebender, verzweifelter Ehemann und potentieller Vater, der sich aber nicht traut, seiner Frau die Wahrheit zu sagen. Er beginnt körperlich schneller zu altern, seine Haare werden aus Sorge aufgrund des bevorstehenden Todes weiß. Er kann sich nicht aus der Verabredung befreien, auch wenn es nur die Möglichkeit gibt, dass sein Wohltäter ihn heimlich überwachen lässt. Über allem schwebt die Drohung, wenn Kalff zum verabredeten Zeitpunkt an dem vorbestimmten Ort nicht seinem Leben ein Ende setzt, wird er auf eine brutale Art und Weise ermordet. Beweise gibt es nicht.
Sein Wohltäter wird mehr und mehr zu einem Phantom. Mit jeder guten Tat Kalffs werden die Schatten länger.
Eine dramatische Wendung erhält die Geschichte zusätzlich, als in Europa der Erste Weltkrieg ausbricht. Die Verbindungen aus London, wo Kalff mit seiner Frau heimisch geworden sind, zum Kontinent sind unterbrochen. Kalff ist zusätzlich Belgier und muss sich kurz vor Ablauf der First in seiner Heimat zum Wehrdienst melden. Alles scheint sich gegen ihn verschworen zu haben.
Trotzdem versucht Kalff erstaunlich stoisch, verzweifelt, aber auch fatalistisch entschlossen, Monte Carlo zu erreichen. Manches geht vielleicht ein wenig zu einfach, auch wenn Paul Frank eine interessante, rückblickend nicht einmal konstruierte Erklärung hinzufügt.
Es ist die finale Begegnung mit dem Gönner, welche die Geschichte endgültig auf den Kopf stellt. Die bislang unbekannten Schatten der Vergangenheit werden gelüftet und einzelne, im Roman beschriebene Szenen bekommen mehr Sinn. Paul Frank gelingt es, aus dem potentiellen Opfer einer perfiden Idee wieder einen narzisstischen Täter zu machen, dessen Vergangenheit – vor Handlungsbeginn – ihn wieder einholt. Paul Frank präsentiert eine perfekte, aufgeschobene Rache. Natürlich wäre es ein Leichtes gewesen, Kalffs Leben auf der Parkbank enden zu lassen. Aber das wäre zu schnell gegangen.
Auf der anderen Seite wirkt dessen Höhenflug mit dem finanziellen wie privaten Glück auch ein wenig zu stark konstruiert. Kalff hätte die Millionen auch in den nächsten Tagen verspielen können. Die Geschenke und finanziellen Hilfsangebote zu Enttäuschungen und Konkursen. Die Geschichte erhält ihre besondere Note, dass anscheinend mit dem Scheck auch das greifbare Glück zurückkehrt. Das wirkt wie in den belehrenden Märchen aus „Tausendundeine Nacht“. Aber trotz dieses notwendigerweise engen Handlungskorsett funktioniert die Handlung erstaunlich gut und am Ende kann der Leser jeden Schritt vor und während des laufenden Plots nachvollziehen und auch einordnen.
Das unterscheidet trotz einer vergleichbaren Grundkonstruktion Jules Vernes komische Farce mit einem wirklich unschuldigen, sogar naiven Chinesen von Paul Franks Berufsspieler Kalff. Irgendwann wünscht sich der Leser für Kalff allerdings auch einen gesichtswahrenden Ausweg aus der Situation, bis er die Wahrheit kennt. Schuld und Sühne sind Themen, die Paul Frank in dieser stringenten Story vielleicht an einigen Stellen zu oberflächlich streift, aber rückblickend auf eine interessante, originelle und vor allem konsequente Art und Weise abarbeitet. Das macht die Geschichte auch mehr als einhundert Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung zu einem lesenswerten Sozialkrimi, der bis zum Schluss konsequent durchgeplant worden ist.

