Kritik zu Die fantastische Reise des Dr. Dolittle - Schiffbruch mit Tieren

John Dolittle (Robert Downey Jr.) hat ein Talent, um das ihn viele beneiden: Er kann mit Tieren sprechen. Die seltene Gabe nutzt er, um allem, was kreucht und fleucht in aller Welt zu helfen und bei Bedarf auch zu heilen. Sogar vor einer OP mit tierischen Helfern schreckt er nicht zurück. Zusammen mit seiner Frau Lily (Kasia Smutniak, From Paris with Love) bereist er sämtliche Kontinente - bis diese eines Tages plötzlich bei einem Schiffbruch tragisch zu Tode kommt. Dolittle, getroffen von dem schweren Verlust, zieht sich auf seinen Landsitz in Wales zurück, umringt von zahlreichen Tieren.
Doch bald ist auch dieses Heim in Gefahr: Die Königin von England (Jessie Buckley, Wild Rose, Judy) leidet an einer rätselhaften Krankheit - sollte sie sterben, droht Dolittle nicht nur der Verlust des Staatsoberhauptes, sondern auch der des Anwesens. Nur die Frucht eines legendären Baumes auf einer unbekannten Insel soll die Königin heilen können. Zusammen mit seinen Tieren macht sich der Doktor noch einmal auf ins Abenteuer - begleitet von seinem neuen Handlanger Stubbins (Harry Collett, Dunkirk). Doch sein Widersacher Dr. Blair Müdfly (Michael Sheen) will ihm zuvorkommen ... .

Trotz prominenter Vorlage wenig überzeugend

Na, verwirrt? Kein Wunder! Die Handlung der Neuauflage von Die fantastische Reise des Dr. Dolittle lässt sich tatsächlich nur mit viel Mühe zusammenfassen. Das liegt allerdings nur zum Teil an der durchaus vielschichtigen Vorlage. Schließlich handelt es sich bei Dr. Dolittle vor allem erst einmal um eine Kinderbuchreihe des britischen Autors Hugh Lofting, die in den 1920er schnell zum Klassik-Kanon der britischen Kinderliteratur zählte. Für einen Erfolg an den Kinokassen sollten die Zeichen also günstig stehen, meinte das Marketing-Team bei Universal offenbar.

Nicht zuletzt, weil sich die älteren Semester vielleicht noch an die modernisierte und amerikanisierte Dolittle-Version mit Eddie Murphy aus dem Jahr 1998 erinnern, so man denn nicht sogar die noch ältere Vorlage von 1967 kennt.Auch die Adaption mit Murphy fanden zwar ihre (Slapstick-) Fans, man war sich aber auch vor mehr als 20 Jahren einig, dass es Murphy nicht gelungen ist, den sehr britischen Charme des Buches zu treffen. (Trotzdem gab es von der Murphy-Version später noch vier Fortsetzungen, bei denen die letzten drei Teile gar nicht mehr in die Kinos kamen, sondern direkt auf DVD veröffentlicht wurden. Ab dem dritten Teil war aber auch Eddie Murphy nicht mehr dabei.)

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle

Aber zurück zur Neuauflage: Die fantastische Reise des Dr. Dolittle hält sich ein klein wenig mehr an die Vorgaben im Buch. Allerdings auch nur ein Quäntchen. Denn leider kann Regisseur Stephen Gaghan mit der Original-Handlung offenbar absolut nichts anfangen. Das ist wenig verwunderlich, ist Gaghan doch weder ein Experte für Familienfilme noch für Komödien. Der Regisseur hat sich eher durch Action-Thriller wie Traffic - Die Macht des Kartells (2000) oder Syriana (2005) einen Namen in der Szene gemacht. Und das merkt man dem Möchtegern-Familienfilm sehr deutlich an. Ständig werden reihenweise neue Handlungsstränge hinzu erfunden, die die ohnehin unübersichtliche Handlung auseinander rupfen, ständig geht irgendwas in die Luft, geraät jemand in Not oder jemand über Bord, um dann kurz daraif sofort gerettet zu werden - kurz: ein Film mit Aufmerksamkeitsstörungen, der nie ein echtes Risiko eingeht und sich lieber schnellen Pointen opfert.

Das ist vor allem schade, weil Dr. Dolittle seine Wirkung auf das sehr junge Publikum viel besser entfalten könnte, wenn er seine Zielgruppe etwas besser kennen würde. Denn kaum hat sich das Auge an eine Szenerie gewöhnt und will die durchaus liebevoll gestalteten Kulissen in Ruhe anschauen, geht es auch schon auf zum nächsten Abenteuer. Nicht selten wirkt dabei das Drehbuch wie eine einzige Übersprungshandlung, um hunderte kruder Ideen in einen Film zu pressen.

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle

Kratz mich, beiß mich, gib mir Tiernamen!

Einer der wichtigsten und vielleicht auch charmantesten Aspekte bei Dr. Dolittle sind die vielen, liebenswerten Tierfiguren. Wurde ihre Darstellung bei Eddie Murphy noch von echten Zwei- und Vierbeinern übernommen, verlässt man sich mittlerweile auf die computerisierte Version, die von zahlreichen Prominenten intoniert werden (im englischen Original mit Emma Thompson, Rami Malek, John Cena, Kumail Nanjiani, Octavia Spencer, Tom Holland, Ralph Fiennes und Selena Gomez). Zumindest das muss man dem Film zugute halten: Die tierischen CGI-Kumpels des Doktor sehen gar nicht einmal so schlecht aus.

Doch auch hier gehört mehr dazu, als realistische Gänse, Papageien, Eisbären, Gorillas oder bebrillte Hunde zu animieren. Allem voran: Sympathie, gefolgt von Witz und Herz. Selbst die zahlreichen Kinder, die in der Pressevorführung dabei waren, konnten mit kaum einer der (viel zu zahlreichen) Tierfiguren wirklich etwas anfangen - hier wäre weniger mehr gewesen. Der Film stürmt von einem müden Slapstick-Witz zum nächsten und lässt nicht nur den jungen Zuschauern keine Luft und Zeit zum Durchatmen. Zudem bleiben die Pointen fast durchgehend unausgereift - und das dürfte nicht nur an der Zielgruppe liegen, deren Alter die Redaktion knapp übersteigt. Auch Kinder wissen eine gut vorbereitete Pointe zu schätzen.

Doch daran hapert es bei Dr. Dolittle merklich. Einzig die wirklich witzige Idee, ein rachsüchtiges Eichhörnchen (im Original gesprochen von Craig Robinson) in den Film zu schreiben, funktioniert auch für erwachsene Zuschauer. Allerdings hebt sich die Figur dann aber so sehr vom Rest der albernen, harmlosen Tier-Crew ab, dass sie wirkt, als wäre sie nachträglich hinzugefügt worden. Schade!

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle

Drehbuch: Im Dutzend billiger

Zudem unterliegt Gaghan einem populären Irrtum: Die zahlreichen Orts- und Motivationswechsel im Drehbuch machen den Film nicht zwangsläufig interessanter, sondern verwirren nur. Ständig springt die Handlung von einem Punkt zum nächsten, baut dabei aber kaum einen roten Faden auf. Zwischen all den zu rettenden Tieren, zu lösenden Geheimnissen und einer Liebes-, beziehungsweise Rachegeschichte verliert man auch als geübter Kinogänger schnell die Orientierung.

Dazu kommt mal wieder die wenig zu Ende gedachte Charakterzeichnung: Wozu benötigt der Film mehr als einen Bösewicht, dessen Motivation zu allem Überfluss auch noch unzureichend erklärt wird? Martin Sheen wird als alberner Müdfly vollkommen verschenkt. Stiefmütterlicher behandelt werden nur der rührend grimmig dreinguckende Antonio Banderas als König Rassouli und ein viel zu schnell abgehandelter Auftritt von Jim Broadbent, der, fast britischer als der restliche Cast zusammen, als Lord Thomas Badgley - ja, was eigentlich, will? Nicht nur irren zu viele Tiere durch den Film, auch die menschlichen Figuren wissen nicht so recht, was sie hier sollen. Dabei werden Themen wie Verlust und Trauerbewältigung zwar ab und zu gestreift, aber keineswegs zufriedenstellend bearbeitet.

Schade ist es auch um die Verwendung der titelgebenden Rolle: Der nach dem Ende der Avengers arbeitslose Robert Downey Jr. entschied sich offenbar dafür, nicht in die Tiefe der Figur Dolittle und ihre möglicherweise dunklen Seiten einzutauchen, sondern auf Nummer sicher zu gehen. Dabei erinnert vieles in seinem Auftreten an seine actiongeladenen Rolle als Sherlock Holmes, der mit Zylinder, Gehrock und einer gehörigen Portion Übermut durch den Film gleitet. Leider geht es dann doch etwas zu glatt, der Übergang vom weltfremden Zausel mit Depressionen zum vielbeschäftigten Lebemann wirkt dann doch sehr gewollt. Möglicherweise hat Downey Jr. seine schauspielerische Energie schon neulich als Tony Stark so sehr strapaziert, dass sie hier noch nicht so recht wieder aufleben wollte. Da wäre mehr drin gewesen, wenn man sich getraut hätte.

Fazit

Die optische Materialschlacht in Die fantastische Reise des Dr. Dolittle kann leider von der ersten Minute an nicht besonders überzeugen. Als Familienfilm zu hektisch und zerpflückt , als Actionkomödie zu zahm, als Charakterstudie zu brav - diese Neuauflage ist so schnell vergessen, wie sie aus dem Nichts erschienen ist.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Universal Pictures
Die fantastische Reise des Dr. Dolittle
Originaltitel:
Dolittle
Kinostart:
30.01.20
Regie:
Stephen Gaghan
Drehbuch:
Stephen Gaghan, Chris McKay
Darsteller:
Robert Downey Jr., Antonio Banderas, Michael Sheen, Selena Gomez, Emma Thompson, Tom Holland, Ralph Fiennes, Rami Malek, Octavia Spencer, Kumail Nanjiani, John Cena, Marion Cotillard
In der neuen Kinoadaption des beliebten Kinderbuchs schlüpft Robert Downey Jr. in die Rolle des Arztes, der mit Tieren sprechen kann.

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