Marvel-Comic-Kritik: Avengers - Der letzte Kampf

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Avengers Der letzte Kampf

Die größte Herausforderung für einen Comic-Autor, der auf Superhelden spezialisiert ist, dürften die Team-Titel sein. Also jene Reihen, in denen mehrere Weltenretter gleichzeitig im Fokus stehen. Denn hier sind stets Geschichten gefordert, die Gründe dafür liefern, warum es mehrerer Erdenbeschützer bedarf, um das irdische oder intergalaktische Gleichgewicht  wiederherzustellen. Und das wiederum bedeutet, dass man die zumeist titelgebenden Protagonisten auch allesamt in Aktion erleben können muss, wenn man die Treuesten der Treuen nicht verärgern will. Dass man im Sinne der übergeordneten Universumskontinuität darauf achten sollte, dass das Erzählte nicht im Widerspruch zu den in den Solo-Heften präsentierten Abenteuern steht, versteht sich eigentlich von selbst - was nicht heißt, dass auch immer so verfahren wird.

Wenn eine Ausgabe überdies den Schriftzug “Avengers“ ziert, ist die Erwartungshaltung der Fans mittlerweile (verständlicherweise) ungleich größer als noch vor einigen Jahren. Die Rächer, wie besagte Heldenvereinigung hierzulande einst genannt wurde, gehören schließlich inzwischen zu den absoluten Popkulturschwergewichten, weshalb besagte Erwartungshaltung in Bezug auf deren Panel-Einsätze vielleicht nicht so hoch ist wie bei dem neuesten MCU-Ableger, aber doch höher als bei anderen Serien, die man im Comic-Laden seines Vertrauens finden kann. Wenn auf dem Cover eines XXL-Paperbacks zudem Avengers - Der letzte Kampf zu lesen ist, liegt die Vermutung nahe, dass dies bei vielen direkt Endgame-Assoziationen auslöst.

Mögen die Spiele beginnen …

Tatsächlich unterscheiden sich Film und Comic in vielerlei Hinsicht, dies muss allerdings nicht zwangsläufig gegen das eine und für das andere Medium sprechen. Dass mit Al Ewing oder Mark Waid zwei von Marvels absoluten Topautoren gemeinsam ihre Idee von einer Schlacht epischen Ausmaßes in die Tat umsetzen durften, die von Zeichnern wie Paco Medina oder Kim Jacinto außerdem bildgewaltig umgesetzt wurde, spricht in jedem Fall nicht gegen No Surrender respektive Der letzte Kampf. Sie basiert auf einer an sich recht simplen Ausgangssituation: Die Erde wird Schauplatz eines intergalaktischen Wettstreits zweier mächtiger Kontrahenten und die Cape- und/oder Maskenträger werden unfreiwillig gewissermaßen zu einer Art dritten Partei, die zwischen die Fronten gerät. Ihre einzige Option besteht letztlich darin, selbst Teil des Spiels zu werden.

Mit dem Grandmaster (En Dwi Gast), der - verkörpert von Jeff Goldblum - auch schon auf den Kinoleinwänden weltweit zu bewundern war, und dem Challenger, also zwei der legendären Elders of the Universe, bekommen es die Erdenbeschützer jedenfalls mit Gegnern zu tun, die zweifellos Thanos-Niveau haben. Während im Marvel Cinematic Universe jedoch die eine große violette Bedrohung dem Äquivalent zu DCs Justice League gegenüberstand, ist im extradicken Sammelband die Rollenverteilung bei Weitem nicht so eindeutig. Denn im Prinzip müssen die Avengers sich gegen die beiden Ältesten durchsetzen, während diese an sich nur daran interessiert sind, über den jeweils anderen zu triumphieren. Nicht unterschlagen werden darf an dieser Stelle aber, dass die Weltraumgranden (absolut standesgemäß) nicht selbst in den Ring steigen, sondern über eigene Teams verfügen, die sie für sich kämpfen lassen: Der Grandmaster setzt sein Vertrauen auf die von ihm rekrutierte Lethal Legion, eine etwas willkürlich zusammengewürfelt anmutende Gruppe intergalaktischer Bösewichte, wohingegen der Challenger die Black Order, die Popkulturbegeisterte eigentlich mit Thanos verbinden dürften, ins Rennen schickt.

Dies macht in zweierlei Hinsicht Sinn: Zum einen ist so gewährleistet, dass der Heldengroßeinsatz plausibel erscheint. Und zum anderen kann die Truppe dann wiederum ebenfalls so aufgeteilt werden, dass es nicht Seite für Seite „knallt“, sondern die Handlung auch auf interessante Weise vorangetrieben werden kann. Wer sich allerdings bereits auf ein Wiedersehen mit Iron Man, Black Widow oder dem (männlichen) Thor gefreut hatte, sollte besser zu einer anderen Lektüre greifen. Gerade Neueinsteigern sei gesagt, dass die cineastische und die gezeichnete Marvel-Wirklichkeit nicht immer in Einklang zu bringen sind - allein schon deshalb, weil beide Medien unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten folgen. Im Comic-Bereich etwa können die Händler in den USA normalerweise wöchentlich oder zweiwöchentlich ihre Regale mit neuem Lesefutter für ihre Kunden auffüllen. Nur: Damit diese auch zuschlagen wollen, braucht es natürlich echte Highlights - gerade auch angesichts der vielen Reihen (mit teilweise ähnlichem thematischen Schwerpunkt), gegen die es sich durchzusetzen gilt.

Alles ein wenig anders – aber gut

Das Haus der Ideen setzte - insbesondere in den vergangenen zwei Jahrzehnten - mit Vorliebe auf Events, um wieder und wieder auf sich aufmerksam zu machen. Unter anderem hatten diese (logischerweise) nachhaltige Status-quo-Veränderungen zur Folge: Beispielsweise schlüpften diverse neue Heroen in alte Kostüme oder um konkret zu werden: Wer sich in der jüngeren Vergangenheit ein Spider-Man-, Iron-Man-, Captain-America- oder Thor-Heft zugelegt hat, dem konnte es passieren, dass sich die enthaltenen Geschichten nicht um die üblichen Verdächtigen drehten. Während Sam Wilson (Falcon) in Der letzte Kampf jedoch längst nicht mehr den Schild trägt, mit dem Steve Rogers mittlerweile wieder für Furore sorgt, entdeckt man einen gewissen Hammer weiterhin in Jane Fosters Händen, die als (weiblicher) Thor Teil der Avengers ist. So oder so geht es hier aber nicht in erster Linie um die Stars aus der ersten Reihe. Auch die Mutantenfraktion muss ohne Wolverine, Professor X, Magneto, Jean Grey oder Cyclops auskommen. Rogue und Beast sind noch die prominentesten Vertreter der X-Men. Das ist allerdings eindeutig auch so gewollt.

Denn diese Miniserie ermöglicht es zahlreichen Charakteren, zu denen selbst Kenner spontan nur wenig einfallen würde, wieder einmal (oder erstmals so richtig) von sich reden zu machen, zum Beispiel Citizen V alias Roberto da Costa, Lightning alias Miguel Santos oder Wonder Man alias Simon Williams. Die Autoren gehen gar so weit, dass sie nahezu alle Wendepunkte von vermeintlichen No-Names herbeiführen lassen, wodurch auch langjährige Comic-Sammler keinesfalls Gefahr laufen, sich zu langweilen. Ebenjene Momente sind darüber hinaus gut platziert und maßgeblich dafür verantwortlich, dass das auf den insgesamt 396 Seiten Erzählte sehr rund und in sich stimmig daherkommt - immer unter der Voraussetzung, dass man akzeptieren kann, dass selbst die Stars (Captain Marvel, Black Panther oder Vision), die mitwirken, mehrheitlich kaum Einfluss auf den Verlauf des Geschehens nehmen.

Fazit

Avengers - Der letzte Kampf spielt einerseits in einer Art luftleerem Raum und enthält gleichzeitig andererseits einige Szenen, die für die weitere Zukunft aller Marvel-Helden von entscheidender Bedeutung sind. Deswegen ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass diejenigen, die sich einmal auf dieses Mammutwerk eingelassen haben, es zeitig wieder beiseitelegen - allein die enorm detaillierten Zeichnungen und die äußerst gelungene Kolorierung zwingen einen förmlich dazu, zu blättern und zu blättern und zu blättern …

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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