Öffnet den Himmel

Öffnet den Himmel, Silverbergm, Titelbild
Robert Silverberg

Die einzelnen Novellen, auf denen dieser Fugenroman basiert, hat Robert Silverberg an seinen Freund und Herausgeber, später teilweise sogar kurzzeitigen Agenten Frederik Pohl und dessen neues Magazin verkauft.  Im Vorwort zu amerikanischen und zur zweiten deutschen Ausgabe im Moewig Verlag spricht Silverberg nicht nur über das teilweise konträre Entstehen der Novellen, sondern auch das Gefühl, zur Science Fiction nach vielen Jahren der Sachbücher 1967 zurück zu kehren. „Öffnet den Himmel“ leitet eine seiner besten Phasen als Romanautor im Genre ein.  Die Struktur des Fugenromans mit in Science Fiction Magazinen vorveröffentlichten Novellen, die er nur mit  ein wenig Ideen und intellektuellen Kleister zu einem Roman verbindet, findet sich unter anderem auch in „Ein glücklicher Tag im Jahr 2381“, wobei mit den Türmen und einer einzigen Exkursion in die „Wildnis“ der Handlungsspielraum eng begrenzt ist.  Mit der Venus und schließlich dem Start in die Tiefen des Alls ist der zwischen den Jahren 2077 und 2164 spielende Roman globaler angelegt. In beiden Büchern spielt aber Religion eine wichtige,  die Gesellschaft dominierende Rolle, wobei die Strukturen  in „Öffnet den Himmel“ sehr viel nuancierter angelegt worden sind.

Noel Vorst gründet eine neue Religion, die vor allem auf dem Materialismus und der Idee, zu den Sternen zu reisen, basiert.  Ohne direkt an Hubbard zu denken, hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als habe Silverberg die  kommerzielle  Wendung seines ehemaligen Kollegen mit auf den Kicker nehmen wollen. Neben den spirituellen Exzessen sieht Vorst durchaus nachvollziehbar, einen Weg zu den Sternen zu finden, der technologisch den Menschen versperrt ist. Auch wenn fast als Parodie die Bruderschaft kleine Atomreaktoren anbetet und sich Unsterblichkeit erhofft, an welcher tatsächlich in den Laboratorien in Santa Fe gearbeitet wird, hat Silverberg seiner Religionsgemeinschaft ein interessantes Fundament erschaffen und einen intellektuellen Weg zu den Sternen gefunden, dessen Ausgang er dem Leser allerdings im Umkehrschluss verwehrt. Der Abflug wirkt schließlich wie ein Kontrapunkt zum Handlungsverlauf.  Ohne Frage aus Sicht des selbst im Hintergrund dominierenden Vorst der nächste ultimative Schritt, aber auch eine Reise ohne Wiederkehr und vor allem eine Herausforderung.

Die einzelnen Kapitel beschreiben Vorst Plan, zu den Sternen zu reisen. Im Weg  stehen ihm die Harmonisten, eine Abspaltung der eigenen Glaubensbewegung unter Führung David Lazarus.  Sie stehen  Vorsts Plänen auf allen Ebenen im Weg und wandern zur Venus aus. Auf dem Planeten haben sich die Menschen durch Operationen der harschen Umgebung angepasst. Für Vorst einer der zwei Schlüssel, um zu den Sternen zu reisen. Aufgrund dieser genetischen Veränderungen  entwickeln die Siedler auf der Venus ESP Fähigkeiten, welche Silverberg allerdings ausgesprochen ambivalent behandelt.

Unabhängig von der abschließenden fehlenden technologischen Untermauerung der Expedition zu den Sternen und damit einen Widerspruch zu Vorsts ersten Thesen bildend zeigt sich in den abschließenden zwei Geschichten, wie umfangreich der Plan des Sektenführers wirklich gewesen ist und in einer überraschenden Wendung, dass selbst abweichende Element notwendig sind, um die Menschen zu den Sternen zu führen.

In diesem Punkt wirkt „Öffnet den Himmel“ deutlich kompakter und konzentrierter als „Ein glücklicher Tag im Jahr 2381“, der vor dem Hintergrund der gigantischen Wohntürme zwar immer wieder auf bekannte Charaktere und schon in den ersten Teilen/ Novellen beschriebene Ereignisse zurückgreift, abschließend sich aber mit einem Mosaikbild einer Zukunftswelt, dominiert von einer Sekte, die Fruchtbarkeit zu einer Art Überlebensdämon manifestiert hat, Zufrieden gibt.      

In „Öffnet den Himmel“ bietet Vorst schließlich einer Handvoll Auserwählter den Weg zu den Sternen an. Interessant ist, dass diese Zukunftswelt in erster Linie von den Sekten dominiert wird. Zwar schon eine demokratische Regierungen zu geben, sie spielen aber keine entscheidende Rolle und lassen die Sekten agieren wie es ihnen passt.  In wie weit sie einen offiziellen Religionsstatus erreicht haben, wird nicht angesprochen.

Die Qualität der einzelnen Episoden ist sehr unterschiedlich. In seinem Vorwort spricht Silverberg selbst davon, dass er einmal in einen Konflikt mit Fredrik Pohl geraten ist, weil eine der Novellen eine Art Informationsrundgang darstellt, in welchem vor allem den Lesern der von Beginn an geplanten Buchausgabe der Hintergrund dieser Welt erläutert wird. Als alleinstehende Novelle ohne Frage schwierig zu publizieren.

Eine der frühen Geschichten handelt von Christopher Mondschein, einem niederen Mitglied der Sekte, das unbedingt relative Unsterblichkeit in den Laboren Santa Fes erringen möchte. Die Angst vor dem Tod treibt ihn schließlich dazu, ein Verräter zu werden. Er muss zu den Harmonisten wechseln. 

In einer weiteren herausragenden Novelle finden die Harmonisten auf dem Mars die Begräbnisstätte Lazarus.  Die Balance zwischen den Harmonisten und Vorsts Anhängern scheint durch die Entdeckung eines Märtyrers zu kippen.  Interessant ist, dass sowohl Mondscheins Verrat als auch der Tod Lazarus und dessen Entdeckung in dem großen, vielleicht angesichts der Unwägbarkeiten bis zur Unglaubwürdigkeit durchdachten großen Plan entscheidende Rollen spielen.

Robert Silverberg hat sehr viele glaubhafte Charaktere entwickelt.  Durch die wechselnden Handlungsorte und den breiten Rahmen zeichnet er wie in „Ein glücklicher Tag im Jahr 2381“ ein exzentrisches, ein verzerrtes Bild einer möglichen Zukunft, die sich im Kleinen auf der emotional persönlichen Ebene nicht sehr viel von der Gegenwart unterscheidet.

Das Ende ist zu glatt. Robert Silverberg will alle Fragen fast auf einmal lösen und präsentiert dadurch eine Auflösung, die stark konstruiert – das hat der relativ Unsterbliche Vorst auch so vorgesehen – erscheint, aber darüber hinaus in zu viele  Bereiche reicht, auf welche Vorst nur einen bedingten Einfluss haben könnte. 

Auch die Idee, mittels Geisteskraft zu den Sternen zu reisen, nachdem man sehr viele Esper – sie haben als tragisches Moment sowieso nur eine kurze Lebenserwartung und stellen sich freiwillig in den lebensgefährlichen Dienst – erscheint eher wie eine Fantasy Lösung als das Ende eines sozialkritischen Science Fiction Romans, aber es ist die einzige spürbare Schwäche einer interessanten, gut aufgebauten Sozialstudie, das Bild einer Welt, in welcher die Religion eine dominante Rolle übernommen hat. Vor allem hat Robert Silverberg einige Jahre später diese Grundidee noch einmal aufgenommen und eine weitere Vision entwickelt, in welcher „seid fruchtbar und  mehret Euch“ zu einer Überbevölkerung und einer der originellsten gesellschaftlichen Formen geführt hat. Entstanden aus dem Freigeist der Hippiewelle und sehr gut extrapoliert. Die beiden Bücher bilden vor allem zusammen eine unterhaltsame, heute weniger als in den sechziger/ siebziger Jahren nachdenklich stimmende Lektüre. Beide Fugenroman sind aber ohne Frage eine Wiederentdeckung wert. 

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 745 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 232 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (27. April 2017)
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