Tagung der Magier

James Gunn

1954 veröffentlichte James Gunn in dem Magazin „Beyond Fantasy Fiction“ die Kurzgeschichte „Sine oft he Magus“ , die er gute zwanzig Jahre später nicht zeitgemäß zum vorliegenden Roman „The Magicians“ erweitert hat, wobei sich der Autor hinsichtlich der mathemischen Voraussetzungen stark an de Camp und Pratts in dieser Hinsicht unterhaltsam wegweisenden Werk „The Mathematics of Magic“ orientiert hat. Im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern hat Gunn für die erweiterte Romanfassung allerdings nicht nur den zugrundeliegenden, stringenten und teilweise ein wenig zu mechanischen Plot übernommen, sondern den Versuch gestartet, in der Theorie Magie als „Deus Ex Machina“ Lösung zur Bewältigung vieler irdischer Probleme – Hunger, Umweltverschmutzung und schließlich auch Krankheiten – einzusetzen. Leider dringen diese Gedanken nicht aus dem Tagungshotel der Magier, das anfänglich für den klassisch erfolglosen Privatdetektiv mit einer Ausbildung als Lehrer nur einen Routineauftrag darstellt.   

Casey Kingman ist kein erfolgreicher Detektiv. Bevor er sich selbstständig gemacht hat, arbeitete er als Lehrer. Im Grunde ist er pleite. James Gunn beginnt seinen Fantasy Krimi mit einem klischeehaften Szenarioe des Hardboiled Romans. In letzter Sekunde vor der Schließung des Büros für immer schneit eine Klientin mit einem Angebot herein, dass Kingman nicht ablehnen kann. Entgegen des Klischees ist es keine junge, attraktive Frau, sondern eine ältere Dame mit Namen Peabody, welche ihn beauftragt, einen wahren Namen herauszufinden. Dafür ist sie bereit, eintausend Dollar zu zahlen. Der Mann soll sich auf einer Tagung in einem edlen Hotel aufhalten, dass Kingman keine Sympathie wegen seiner Ermittlungen in diversen Scheidungssachen entgegenbringt. Interessant ist, dass der beschriebene Mann an Mandrake, den Magier erinnert. Da Gunn eher bemüht anfänglich versucht, die logische Realität von der magischen Irrealität auf der "Magung" - Abkürzung für Magiertagung - zu trennen, fällt seinem humorlosen Protagonisten diese Ähnlichkeit nicht auf. Schnell stellt Kingman fest, das das Objekt der Begierde nicht nur charismatisch, sondern vor allem auch unkommunikativ ist. Als er in seiner Tasche eine Eintrittskarte auf den Namen Gabriel findet, die am Morgen noch nicht dagewesen ist, beschließt der Detektiv, in die Magung einzudringen und durch die Hintertür den Namen herauszufinden. Zu seiner Verblüffung nehmen alle Teilnehmer die Idee von Magie nicht nur ernst, sie praktizieren sie auf eine Art und Weise, welche den Naturgesetzen entgegen stehen müßte. Aber in diesem Punkt ist alle Theorie erschreckend grau und bis auf wenige Beispiele, die in erster Linie den überforderten Kingman beeindrucken sollen, bleibt alles in den opulenten Räumen der Convention.

Kingman lernt die attraktive Ariel kennen, die ihn darauf hinweist, dass der echte Gabriel vor wenigen Tagen verstorben ist. Plot technisch macht James Gunn aus dieser Idee allerdings zu wenig. Kingman ist es unangenehm und einigen Teilnehmern fällt die fehlende Ähnlichkeit zu Gabriel auch auf, aber im Vergleich zu Ron Goulart oder deCamp / Pratt ist die doppelte falsche Identität kein Aufhänger für Witze oder absurde Verwechselungskomödien. Ariel führt den überforderten Kingman auch in die für den Leser ebenfalls verblüffenden magischen "Gesetze" ein. Ein Vertrauter ihres unter merkwürdigen Umständen ums Leben gekommenen Vaters, der die gleiche Theorie vertritt, erläutert es dann stellvertretend für Kingsman den Leser. Laut Uriel basiert die Kraft der Magie auf mathematischen Formeln. Dazu gibt es selbst einschlägige Literatur, welche Kingman im Verlaufe des Plots als Lehrer Bücher affin ausnutzt. Die Grundidee, dass die ganze Magie auf Basis der Mathematik funktioniert, ist solide extrapoliert und Gunns Ansätze über die Nutzung dieser „übernatürlichen“ Hilfsmittel als Liebeszauber, Beschwörung oder Fluch sind interessant angerissen. Aber aus dieser Prämisse macht der Autor in origineller Hinsicht zu wenig. Es wird diskutiert, dass Magie fast alle Probleme der Welt – bis auf egozentrische potentielle Weltherrscher von Teufels Gnaden – lösen könnte, wenn sie richtig angewandt wird. Im Rahmen der magischen Tagung sind es eher die menschlichen Eitelkeiten der meisten Teilnehmer, welche eine allgemein gültige Anwendung des Allheilmittels verhindern. Welche Folgen allerdings eine unkontrollierte und angesichts der mit Disziplin lernbaren Vorgaben auch unkontrollierbare Explosion von Magiern haben könnte, wird weder von Gunn angerissen noch von seinen Protagonisten diskutiert. Eine chaotische Welt voller Magier kann wahrscheinlich eher ein Ron Goulart beschreiben als der eher distanzierte Science Fiction „Techniker“ Gunn. Diese gute Idee wird nicht aufgegriffen. Viel interessanter, aber auch weniger produktiv ist der Ansatz, dass ein unwissender normaler Mensch wie Kingman mit den richtigen Büchern auch Magie (meistens gleichgesetzt mit Zauberei,  die auf einem gehobenen Zirkusniveau sich abspielt) erlernen kann. Das gipfelt in zwei humorvoll romantischen Szenen, bevor Gunn diese Idee wieder zur Seite schiebt und sich auf einen eher routiniert mechanisch ablaufenden Plot konzentriert. 

Die Gemeinschaft der Zauberer/ Magier/Hexen/Satanisten ( je nach Szene trifft eine dieser Bezeichnungen zu) ist zerstritten. Uriel und Ariels Vater wollen die Magie öffnen. Ihr Antagonist und das Objekt der Begierde des ermittelnden Detektivs Salomon Magus, der sich den dunklen Kräften der Magie – Teufelsanbetung, Menschenopfer und Orgien – verschrieben hat. Für den Leser und weniger den Detektiv offensichtlich ist, dass er seine Feinde wie Ariels Vater auf eine elegante Art und Weise hat beseitigen lassen. Das er dessen Tochter nicht getötet hat, ist eine der offenen Wunden der Handlung. Mit dem Detektiv Kingman hat er keinen ernstzunehmenden, aber einigen hartnäckigen Gegner, der sich natürlich schnell in die reizende Ariel – weibliche innere Stärke in Einklang mit äußerlich zierlicher Erscheinung – verliebt. Während die Kurzgeschichte sich auf einen Ort und nur eine Handvoll von Charakteren konzentrierte, erweiterte Gunn seinen Roman weniger inhaltlich, als das der Autor einzelne, heute klischeehaft bekannte Szenarien beifügte. Neben dem obligatorischen Menschenopfer und der Orgie – dezent aus der Ferne beobachtet – die verführerische aggressive Hexe, welche Ariel den „Mann“ streitig machen möchte und schließlich einige Szenen, in denen Kingman unnötig halluziniert. Abgerundet werden diese nicht sonderlich interessanten Szenen mit einem „Verlassen des Körpers“, welche den Autoren mit seiner sachlich emotionslosen Vorgehensweise eher überführen. Es fehlt die Exzentrik, welche den Standardplot interessanter gestaltet hätte. Es fehlen auch echte Spannungsmomente, in denen wichtige Protagonisten in ihrer Existenz – Leben in Kombination mit Seele – bedroht werden. Das liegt auch in der Gestalt des charmanten Magus, der zwar seine Widersacher loswerden möchte, aber seine Werkzeuge nicht konsequent anwendet. Sonst wäre das Buch schon nach der Hälfte des Plots beendet. Der finale Showdown wirkt angesichts der Herausforderungen und Wahrscheinlichkeiten wenig überzeugend und Kingmans lakonischer Ausblick auf eine im Hafen der Hexenehe glücklichere Zukunft eher konsequent als inspiriert. Es ist schade, dass Gunn im Vergleich zu deCamp/ Pratt und Garrett mit seinen hier expliziert zu erwähnenden Darcy Geschichten so wenig aus dieser interessanten Prämisse macht und den kompakten Plot der Kurzgeschichte nicht in alle Richtungen erweitert. Auch die Idee der ungewöhnlichen Convention – so findet eine Werwolfverwandlung unter Silberlicht statt und die verschiedenen Stände sind auch einen Besuch wert – wird zu wenig selbstironisch zum Beispiel in Anlehnung an Fantasy oder Science Fiction Treffen genutzt, als das sie den der unterlegenden Kurzgeschichte geschuldeten Raum im Vergleich zur Gesamtromanlänge abdecken kann. Ohne Frage ist „Tagung der Magier“ als ganzes oberflächlich unterhaltsam und stellenweise hinsichtlich der Zwischentöne originell, aber angesichts des vorhandenen Potentials bleiben zu viele gute Ideen auf der Strecke.  Zusätzlich hat zum Beispiel Fritz Leiber zehn Jahre früher in „The Conjure Wife“ bewiesen, wie man mit dem Thema allerdings ohne die mathematischen Grundlagen sehr viel emotionaler und effektiver umgehen kann und sollte.         

 

  • Broschiert
  • Verlag: Goldmann Wilhelm GmbH (Juni 1981)
  • ISBN-10: 3442233208
  • ISBN-13: 978-3442233205
  • 159 Seiten
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