Robo Sapiens

C. Robert Cargill

C. Robert Cargills Science Fiction Debütroman nach zwei Fantasywerken „Robo Sapiens“ ist eine liebevolle, gut angelegte, aber nicht immer nachhaltig clevere Hommage an Isaac Asimov und seine berühmten Robotergeschichten. Nicht umsonst spielt indirekt als möglicher Katalysator Isaactown eine wichtige Rolle und lange Zeit halten sich die Androiden und nicht mehr klassischen Roboter an die drei Gesetze, welche der Science Fiction Autor in den vierziger Jahren entwickelt hat.

Weiterhin positiv ist, dass Cargill wahrscheinlich auch durch seine Arbeit fürs Kino wie der Beteiligung am Drehbuch von „Dr. Strange“ in der Lage ist, auf der einen Seite kompakt und flüssig zu erzählen, auf der anderen Seite verschiedene teilweise sehr subjektive Handlungsebenen gegen Ende ineinanderfließen zu lassen. Der Leser führt über den ganzen teilweise vielschichtigen Plot an die Hand genommen, wobei der Autor wie bei einem gut geschriebenen Politthriller die einzelnen Ebenen sogar relativieren kann und einige Legenden als Propaganda entlarvt.

Der Titel „Robo Sapiens“ impliziert eine Art Evolutionsroman. Das ist nur bedingt richtig, denn Cargill ist clever genug, aus vielen bekannten Ideen beginnend mit dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz und daraus abschließend folgend der Vernichtung der Menschen in einem brutalen Zermürbungskrieg wie in der „Terminator“ Reihe oder der Idee, dass ein die Gewalt einleitendes Ereignis im Hintergrund von denjenigen Interessengruppen initiiert worden ist, die auf den ersten Blick nicht nur politisch darunter leiden.

Natürlich findet eine Art Evolution statt und natürlich entwickeln sich die Roboter vom ersten Moment an weiter. Aber Cargill folgt eher der Tradition Clifford D. Simaks als Isaac Asimovs. Bis auf die beiden schließlich gegeneinander konkurrierenden künstlichen Intelligenzen werden die den Menschen körperlich überlegenen Roboter mit dem Aussterben der Menschen ihnen ähnlicher. Das erscheint bizarr, aber zwischen den Zeilen impliziert die Ich- Erzählerin auch, dass dieser Moment einigen Maschinen die Augen geöffnet hat. Nicht umsonst hat sie vor dem Krieg als Haushaltshilfe, als eine Art Fürsorgerin gearbeitet.

Das lange Sterben des letzten alten und kranken Menschen in New York wird zu einer Art Robotervolksbelustigung. Sie pilgern zu dem Platz, an dem er stirbt. Sie können ihm nicht helfen. Das offizielle Zeitalter der Menschen ist beendet.

Doch die Roboter haben schon vorher ein menschliches Verhalten an den Tag gelegt. So hat die Erzählerin einem ebenfalls sterbenden Ehemann versprochen, bis zum Tod der Frau an ihrer Seite zu stehen. An einer anderen Stelle hat ein Roboter einen Welpen angenommen und gemeinsam sind sie durch die verwüsteten Städte gezogen. Ein klassisches Bild, das aus einem der in den siebziger Jahre veröffentlichten Simak Romanen stammen könnte. Diese Metapher spinnt der Autor noch weiter. Ein Roboter ist beim letzten noch lebenden Hund. Viele seiner von den Menschen in den Jahren nach der Katastrophe und den atomaren Konflikten gejagt und verspeist worden. Er empfindet für die leidende Kreatur Mitleid.

Selbst die zu Beginn des Konfliktes zwischen Mensch und Maschine sich bildenden Siedlungen der Roboter wirken wie Frontierstädte der aus Europa vertriebenen Menschen.

In den Zwischenabschnitten berichtet Cargill vom ausbrechenden Konflikt zwischen Mensch und Maschine beginnend mit dem Anschlag auf Isaactown und der Zerstörung der dort lebenden freien Maschinen, sowie dem Racheanschlag der 6 Roboter, welche die Kirche der Sekte aufsuchten und dort beginnend mit den Kindern als aus ihrer Sicht Verantwortlichen bestialisch abgeschlachtet haben. Wie sie ihre Grundprogrammierung aus dem Nichts heraus überwinden konnten, wird eher ein wenig erzwungen erläutert.

Nach dem Konflikt mit den Menschen haben sich im  Gegensatz zur Terminator Reihe mit CISSSUS und VIRGIL zwei so genannte EWIs ausgebildet- Eine Welt- Intelligenzen. Anfänglich richtet sie ihr Kampf gegen die Menschen, anschließend zeigen sie dunkle menschliche Züge. Sie wollen als mächtige Mainframes das jeweilige Bewusstseins der einzelnen Roboter in ihre Struktur assimilieren und anschließend die leeren Roboterhüllen als eine Art Avatar mit dem Gesamtbewusstsein führen.  Cargill widmet dem Konzept sehr viel Raum. Vor allem in den Rückblicken.

Damit erschafft er in doppelter Hinsicht eine paranoide Atmosphäre und extrapoliert das Terminator Konzept auf eine fast absurde Art und Weise. Es gibt eine Szene, die zwischen den Robotern tatsächlich an die ersten Arnold Schwarzenegger Streifen erinnert, weil die Protagonistin auch eine Entscheidung treffen und eine erfolgreiche Infiltration verhindern muss. Interessant ist, dass in dieser Zukunft die  Menschen ja nicht wie Menschen aussehen müssen, sondern ihr Innerstes ausgehöhlt worden ist. Das macht die Entdeckung nicht einfacher.

Auf der anderen Seite scheint durch die globalen Zerstörungen ein Produktionsprozess, die Erschaffung neuen mechanischen Lebens nicht mehr möglich. Daher sind die beiden Überintelligenzen daran interessiert, möglichst viele Roboter unter Kontrolle zu bringen.

Auf der anderen Seite spielt die Gegenwartsebene in „Sea of Rust“, dem teilweise besser passenden Originaltitel des Buches.  Dieser Handlungsbogen braucht einen Moment, um Fahrt aufzunehmen. Brittle wird bei einer Auseinandersetzung mit Mercer schwer beschädigt und benötigt dringend Ersatzteile.  In dieser Zukunftswelt sind besondere Ersatzteile selten , die meisten Roboter schlachten die „sterbenden“ bzw. sich desaktivierenden Maschinen einfach aus und verkaufen die nützlichen Teile entweder auf dem Schwarzmarkt oder integrieren sie. Brittle hat nur eine Möglichkeit, sich wieder herzustellen. Sie muss sich als Führerin durch das Rostmeer anheuern und so gleichzeitig Geld verdienend an einen Ort kommen, wo sie eine Chance auf Ersatzteile hat, während CISSUS einen erneuten Angriff vorbereitet.    

Der Treck durch die Wüste schweißt die Gruppe nicht nur zusammen, am Ende der Reise greifen sie entscheidend in die Ereignisse ein. Das wirkt cineastisch notwendig, wird aber solide vorbereitet. Es ist ein Finale der leisen Töne, keine direkte Konfrontation, sondern eher eine finale Begegnung natürlich in den Resten von Isaactown mit den unzähligen erstarrten Robotern, deren mechanischen Kadavern zumindest noch ein wenig Respekt entgegen gebracht wird. Unabhängig davon, dass die Idee bizarr erscheint. Der ganze Konflikt muss nicht nur die Infrastruktur derartig nachhaltig beschädigt haben, dass niemand mehr etwas Neues auf der ganzen Erde produzieren kann. Sondern vor allem auch es Überintelligenzen wie CISSUS unmöglich machen, mit ihren zentral gesteuerten Facetten eine neue Produktion aufzubauen oder Rohstoffe zu fördern. Ein derartiges Chaos hat es nicht mal in der verrückten Welt eines Mad Max gegeben.

Wie einige andere leicht unlogische Dinge muss der Leser diese Ecken und Kanten akzeptieren. Der Roman lebt von den ausgesprochen dreidimensionalen, irgendwie vermenschlichten Maschinen, die Cargill teilweise nur für wenige Szenen erschafft und wie ein zorniger Gott um die Gefahren dieser Post Doomsday Welt zu demonstrieren auch wieder zerstört.  Die überzeugenden Protagonisten tragen die Story auch über eine Reihe aus anderen Werken bekannte Klippen hinweg. Es sind vor allem die vielen kleinen Ideen, die „Sea of Rust“ so lesenswert machen.

Der Stil ist ausgesprochen fließend. Die Dialoge sind pointiert und realistisch, wobei sich der Autor auch dem Leser gegenüber ein entsprechendes Augenzwinkern nicht verkneifen kann. Dieser wird an einigen Stellen angesichts des verzweifelten Bemühen des Maschinen, Individuen zu bleiben und gleichzeitig irgendwie auch „menschlich“ zu handeln an eine Art Spiegel denken, der ihm ins Gesicht gehalten wird. Ganz bewusst extrapoliert Cargill in den stärksten Szenen des Buches einzelne Tendenzen der Gegenwart und unterhält trotzdem sehr gut.

Auf der anderen Seite ignoriert Cargill anscheinend immer durchatmend die Chance, einen wirklich exotischen und fremdartigen Roboter/ K.I. Roman zu verfassen, der vor einer klassischen Post Doomsday Kulisse eine neue Geschichte erzählt. Die künstlichen Wesen agieren nicht nur auf freiem Willen, teilweise dem Autoren geschuldet zu menschlich und hinterfragen immer wieder ihre Handlungen. Dadurch verwischen ihre eigentlichen Persönlichkeiten. Interessant ist, dass wieder ein uralter Code herhalten muss, anstatt wie neue Maschinen etwas Originäres und damit auch sicheres zu erschaffen. Roboter, die fluchen, unterminieren an anderen Stellen die Intention des Autoren, eine ernsthafte Geschichte zu erzählen, da Cargill sich mit Händen und Füßen wehrt, eben die von Simak angestrebte Humanisierung wie in „City“ konsequent zu Ende zu denken.

Als Ganzes liest sich „Robo Sapiens“ ausgesprochen kurzweilig. Die Atmosphäre ist stimmig, der Hintergrund griffig und vor allem auch überzeugend entwickelt. Die Protagonisten sind wie angesprochen gut bis sehr gut gezeichnet. Trotzdem wirkt der Roman auch teilweise wie ein glanzvoller, von Computertricks aufgemotzter Hollywoodfilm, der eine ernsthafte Geschichte spannend erzählen möchte, aber an der Oberfläche bleibt und sich im Gegensatz zur literarischen Science Fiction auch wie eine Katze vor dem Wasser sträubt, den entscheidenden Schritt weiterzugehen.

     

 

Robo sapiens von C. Robert Cargill | © Heyne

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Originaltitel: Sea of Rust
Originalverlag: Harper Voyager
Paperback , Broschur, 416 Seiten, Hene Verlag
ISBN: 978-3-453-32006-2