The Magazine of Fantasy & Science Fiction May/ June 2020

C.C. Finlay

Die einzelnen Genres sind dieses Mal breit gestreut vertreten. Auch wenn das Titelbild eine der Fantasy- Geschichten hervorhebt, finden sich sehr viele Science Fiction Geschichten in dieser Nummer. 

Bruce Sterling in Kooperation mit Tom Cool eröffnet die Ausgabe mit seiner Geschichte „Hornet and Butterfly“.  C.C. Finlay bezeichnet den Text als eine Art Cyperpunkgeschichte fürs 21. Jahrhundert. Die künstliche Insel, auf welcher Hornet lebt, wird durch einen Taifun zerstört. Cyborgcops versuchen Hornet wegen verschiedener Delikte festzunehmen.  Zu diesem Zeitpunkt ist sich der Leser nicht unbedingt sicher, ob Hornet nur ein aufgemotzter Mensch ist. Das Problem dieser Geschichte liegt in den Details. In erdrückend vielen Details. Anstatt ein Szenario auszuspielen und dem Leser die Möglichkeit zu schenken, sich mit der Welt vertraut zu machen, wird immer wieder eine Idee nach der Nächsten nachgeschoben.

Ray Naylers „Eyes oft he Forest“ ist ideentechnisch weniger wild und dadurch auch überzeugender. Ein erfahrener Astronaut und sein im Grunde Auszubildender untersuchen ein wirklich exotisches Ökosystem auf einer fremden Welt.  Die Charakterisierung der Protagonisten ist vom ersten Augenblick an überzeugend und unterstreicht, wie herausfordernd und gefährlich auch alltägliche Situationen sind. Dazu liefert Ray Nayler vor allem Beschreibungen, aber keine abschließenden Erklärungen. So passt sich die menschliche Siedlung den Gegebenheiten an, wobei nicht klar ist, warum diese überhaupt den Planeten besiedelt haben.

Rich Larson nimmt in „Warm Math“ ein altes Thema wieder auf. Zwei Menschen entkommen einem explodierenden Raumschiff in einer Rettungskapsel. Sie sind zu schwer, um den Orbit zu erreichen. Die Auflösung wirkt ein wenig hektisch, wenn auch pragmatisch. Die größte Stärke dieser Art von Geschichten liegt in der Zeichnung der Protagonisten. In dieser Story fällt die allerdings oberflächlich aus, so dass der Funke nicht wirklich überspringt.

Robert Reed präsentiert eine weitere Story um das Große Schiff. Sie erscheinen nicht selten in mehreren Magazinen fast gleichzeitig. Der Hintergrund dieses gigantischen Raumschiffs ist faszinierend und vielschichtig genug, um viele Geschichten zu tragen und gleichzeitig den Leser nicht den Zwang aufzuerlegen, alle lesen zu müssen. „Who Carries the World“ konzentriert sich auf Perri, der in einer der künstlichen Landschaften von einer Lawine begraben wird und als Unsterblicher „Stirbt“. Diesen Fakt hat der Autor allerdings schon ausgeschlossen. Er wird durch eine Frau gerettet, die seit mehr als zwölftausend Jahren vermisst wird und den Legenden nach die Welt – vielleicht das große Schiff ? – trägt. Robert Reed gibt über Aurum einige Hintergrundinformationen, die aber nicht ausreichend sind, um erstens ihr verschwinden und zweitens ihre angebliche Aufgabe zu erläutern.

Nicht unbedingt überzeugen kann „Birds Without Wings“ von Rebecca Zahabi. Ein junges Paar trampt durch Europa. In dieser Welt gibt es anscheinend fremde Wesen, die Chamäleon artig Menschen komplett imitieren können.  Sie werden getrennt und als sie sich wieder treffen, ist einer der Beiden verändert. Die Geschichte beinhaltet nur wenige Überraschungen und vor allem das Ende ist allerhöchstens pragmatisch, aber leider nicht überraschend.

Auf der Fantasyseite steht mit „Stepsister“ von Leah Cypress die Fortsetzung eines sehr bekannten Märchens. Es ist nicht das erste Mal, dass diese Geschichte fortgesetzt worden ist.  Der eigentliche Plot bietet wenig überraschende Momente, ist allerdings überzeugend geschrieben worden. So geht es um den besten Freund des Königs – wobei das auch eher eine ambivalente wie gefährliche Auszeichnung ist -, welcher seine Schwägerin und angeblich böse Hexe finden und zurück an den Palast bringen soll. Vor allem konzentriert sich Leah Cypress auf den Mythos, der glücklich bis an ihr jeweiliges Lebensende lebenden Menschen und dekonstruiert dieses Happy End. Der Plot selbst wirkt ein wenig schwerfällig, die Anspielungen auf das Märchen sind aber gut und werden nicht in den Vordergrund gestellt.

„Byzantine“ von Holly Messinger ist die mit großem Abstand beste Geschichte dieser Ausgabe.  Sie beginnt mit der Vergewaltigung eines Schülers durch seinen Meister während der letzten Tagen Konstantinopels. Der Schüler versucht verzweifelt alles Wissen aus versteckten Büchern förmlich aufzusaugen. Das weckt die Neugierde eines Geists, der mit ihm einen Pakt abschließt. Gegen Wissen soll er ihn mit „Blut“ füttern. Als Konstantinopel belagert wird, bricht die Allianz zwischen dem Jungen und dem Geist auseinander, weil insbesondere der Geist andere Absichten vermutet. Im Gegensatz zu Faust hat die Autorin während des Epilogs eine nicht unbedingt überraschendes, aber sehr effektive Faustpfand im Ärmel, das diese atmosphärisch dunkle, aber nicht nihilistische Geschichte aus der Masse der Faust Variationen sehr positiv heraushebt.

Joseph Bruchac versucht sich mit „An Indian Love Call“ auf anrüchigerem Gebiet. Zwei Indianer beschwören einen alten Geist, eine legendäre Kreatur, deren Wünsche sie erfüllen müssen. Im Gegensatz zu „Byzantine“ fehlt dieser Geschichte die notwendige Tiefe, auch wenn die indianische Kultur den Leser vertrauter ist als die exzentrische faszinierende Welt des untergehenden Orients.

Auch M. Rickerts „Another F*cken Fairy Tale“ befriedigt zu wenig. Hier rettet eine alte Frau eine Fee. Das Geschenk ist zwiespältig. Die abergläubischen Menschen müssen sich entscheiden, ob die alte Frau übernatürliche Kräfte wie eine Hexe hat oder alles nur Zufall ist. In archaischen Zeiten keine einfache Aufgabe. Auch M. Rickert führt seine Story zu wenig befriedigend zu Ende. Vieles wird in den angesprochenen zwei Geschichte Bruchaxs und Rickerts der Phantasie der Leser überlassen, was mit gut geschriebenen Plots funktioniert, aber der Spannungsbogen muss bis zum Ende zumindest nachvollziehbar entwickelt worden sein.

  Richard Bowes präsentiert in einer zweiten Story mit homosexuellen Untertönen einen Verweis auf Dorian Gray und das berühmte Bild. „In the Eyes of Jack Saul“ wird aus der Perspektive einer männlichen, sehr weit herumgekommenen Prostituierten im viktorianischen England eine Begegnung mit dem Narzissten Dorian Gray erzählt.  Richard Bowes fokussiert sich eher auf Stimmungen und erwartet, dass der Leser Oscar Wildes Meisterwerk zumindest oberflächlich kennt. Die Pointe ist konsequent, aber auch wenig überraschend. Aber die ungewöhnliche Ausgangslage sowie der detaillierte sowie stimmungsvolle Hintergrund der Geschichte heben sie aus der Masse heraus.  

Im Sekundärteil finden sich einige Höhepunkte. So wird eine koreanische Zombieserie auf Netflix neben zahlreichen Büchern vorgestellt. Paul Di Fillipo ist zweimal vertreten. Einmal mit einem Hinweis auf ein vergessenes Buch und dann stellt er in seiner Glosse Perry Rhodan als das ultimative Heilmittel gegen eine besondere Art von Sucht dar. Nur müssen die Betroffenen natürlich erst deutsch lernen. Der sekundärliterarische Teil wird neben dem wissenschaftlichen Artikel neu um eine Kolumne mit Schwerpunkt Spiele erweitert.

„The Magazine of Fantasy & Science Fiction“ May/ June ist eine solide, aber nicht herausragende Ausgabe. Einige wenige auch längere Texte stehen sehr vielen kürzeren Geschichten gegenüber, in denen die Autoren die guten Ideen nicht zufriedenstellend genug ausgearbeitet haben.

May/June 2020 issue of The Magazine of Fantasy & Science Fiction

Paperback, 256 Seiten

www.sfsite.com