Titanrot

SC Menzel

Das Titelbild von S.C. Menzels Roman “Titanrot“ spielt eine wichtige Rolle, gibt aber vielleicht einen verzerrten Eindruck wieder. In erster Linie ist „Titanrot“ kein weiterer Beitrag zum Thema intergalaktischer Tanz wie Frank W. Haubolds „Die Marsprinzessin“ oder die Stardancer Trilogie aus der Feder der beiden Robinsons, sondern ein geradliniges klassisch über mehrere Ebenen strukturiertes und am Ende zusammenlaufendes Weltraumabenteuer, das das Rad nicht neu erfindet, aber dank des hohen Tempos und einigen stilistisch gut geschriebenen pointierten Dialogen nicht zuletzt auch aufgrund der guten Charakterisierung überzeugen kann. Kurzweilige Unterhaltung ist garantiert. 

Es handelt sich um das literarische Langdebüt S.C. Menzels, die am Niederrhein aufwuchs und für ihre Studium der Biologie nach Aachen gezogen ist. Sie arbeitet in der Nanotechnologiebranche und neben dem Schreiben zeichnet sie auch. „Titanrot“ ist von ihr farbig illustriert worden, wobei einige der Zeichnungen im Gegensatz zum farbenfrohen fast grellen Titelbild zu steif und grob wirken. Sie begleiten einzelne wichtige Szenen, aber vor allem auch Charaktere auf dieser Reise durchs Sonnensystem.

Der Plot beginnt im Grunde mit klassischen Klischees. Kapitän Glenn und seine Crew sind immer chronisch pleite. Ihr Raumschiff „Sonnenwind“ müsste schon lange wieder generalüberholt werden. Glenn und seine Männer/ Frauen gehören zu den Nomaden im All, die in einer fernen Zukunft im Grunde eher skeptisch hinsichtlich ihrer Ehrlichkeit als Händler angesehen werden. Aber die Menschheit kommt auch nicht ganz ohne sie aus.

Ein Firmenkonglomerat unterhält auf einem Asteroiden ein Geheimlabor. Die Sonnenwind soll einen Wissenschaftler nicht wie der Klappentext sagt entführen, sondern eher befreien. Der Forscher erwartet die Crew, allerdings hat er sich nicht an die Absprachen gehalten. Ab diesem Moment droht der Auftrag zu entgleiten und endet natürlich in einer Art Pyrrhussieg. Die Autoren erhält diese Sequenz mit hohem Tempo und kann den Ablauf auch gut strukturieren, aber der Leser hat solche Szenen viel zu oft gelesen, als das sie wirklich originell erscheinen.

Das Ende dieser Sequenz gipfelt in einem weiteren Auftrag, den Glenn unter normalen Umständen niemals angenommen hätte, aber ein Besatzmitglied seiner Crew hat ihn schließlich in die Abhängigkeit eines Geldhaies – hier weicht die Autorin zum ersten Mal positiv von den gerne immer wieder verwandten Szenarien positiv ab – getrieben, der ihm natürlich ein Angebot einer Mission macht, die Glenn am liebsten ablehnen würde, aber nicht mehr kann.

Einen relevanten Teil der Hintergrundgeschichte erzählt die Autorin überwiegend auf einer zweiten Handlungsebene. Vor vielen Jahren hat die Menschheit ein phantastisches Generationenraumschiff ausgeschickt. Vom Lux her eine Art Titanic der Zukunft. Sie ist auch keinem Eisberg begegnet, allerdings kam es zu einer seltsamen Havarie, die alle Menschen an Bord getötet hat. Seitdem ist von allen Konglomeraten das Schiff mit einer Sperrzone belegt worden. Natürlich soll Glenn seine neue Geldgeberin in die Nähe des Raumschiffs schmuggeln. Und die Weltraumnomaden würden lieber gestern als heute einen weiten Bogen um dieses verfluchte Schiff machen.

Die Hintergrundgeschichte bis zum Schicksal der Besatzung wird wie eben erwähnt auf der zweiten Handlungsebene erzählt. Später fügt die Autorin noch einen weiteren Spannungsbogen hinzu. Der Leser ist kurz vor der Besatzung der Glenn in Bezug auf das Schicksal der Menschen an Bord des Raumschiffs informiert und hier erweitert die Autorin ihren Plot durch die fast perfekte Manipulation der Menschheitsgeschichte. Geschickt fügt sie immer wieder neue Puzzlestücke ihrem immer komplexer und damit auch sehr viel lesenswerter werdenden Kosmos hinzu.     

Gegen Ende dient die Crew der Sonnenwind auf ihrer Mission, das Geheimnis des gigantischen Generationenraumschiffs  im Grunde zwei Herren im übertragenen Sinne. Eine Mission macht Sinn und schließt auch konsequent an den zweiten Spannungsbogen an.  Die einzelnen Motive sowohl des „Täters“ als auch des ersten “Suchers“ sind klar definiert, auch wenn die Autorin einen erstaunlich breiten Bogen spannt und ein Element hinsichtlich der verwischten Geschichte am Ende ihres Buches unter den Tisch fallen lässt. Nicht nur die Crew der Sonnenwind, sondern auch die Leser fragen sich, ob erstens eine derartige Perfekten möglich ist und zweitens wie eine zweite im Grunde parallel laufende und darüber hinaus reichende Evolution möglich gewesen sein könnte. Dann dürfte er es sich nur um eine einzelne Vorgehensweise, aber keine kontinuierliche Unterdrückung handeln.

Daran schließt sich ein zweiter, vielleicht in einer Fortsetzung angesprochener Handlungsfaden an. Die Idee, dass irgendwo derartige große Habitate entstehen könnten, welche für Außenstehende das Licht eines Sterns gänzlich zum Erlöschen bringen.  Auch hier bleibt die Autorin vage und schielt vielleicht auf eine Fortsetzung, wo sich irgendwann eine Begegnung abzeichnet. Allerdings wird das sehr weit in der Zukunft spielen.

Die „zweite“ Mission macht angesichts der Ausführungskomponente nicht wirklich Sinn. Das Zeitlimit ist zu eng gesetzt, die technischen Hindernisse werden gleich zu Beginn klar definiert und warum man angesichts dieser einzigartigen Möglichkeit – die Sonnenwindcrew hat quasi einen entsprechenden Ruf, aber nicht unbedingt einen überzeugenden Trackrecord, den sie „mitbringt“  - nach einer langen Zeit des Wartens so überstürzt agiert, bleibt für den Leser unverständlich. Die Autorin wollte unbedingt an der Spannungsschraube drehen, aber sie agiert hektisch. Hinzu kommt, dass Sterben in ihrer Zukunft relativ ist. Es gibt die Medisärge, die anscheinend innerhalb einer bestimmten Spanne alles wieder heilen können. Diese Technik wird ambivalent eingesetzt, sie ist auch teuer und die Sonnenwind hat nur einen Medisarg an Bord, was die erste Mission sehr kompliziert. Aber die Särge bieten auch einen passenden Ausweg aus gefährlichen Situationen und auf den letzten Seiten windet sich die Autorin aus dem eigenen spannungstechnischen Szenario und zeigt auf, dass alles nicht so schlimm ist.

Handlungstechnisch spielt sie auf einer Science Fiction Lesern teilweise zu stark vertrauten Klaviatur mit einzelnen guten Ideen- der Titelcharakter Titanrot sei hier expliziert genannt -, die mit einem den ganzen Roman betrachtet erstaunlich hohen Tempo präsentiert wird. Aber viele Versatzstücke wirken positiv gesprochen neu zusammengesteckt, aber negativ betrachtet auch ein wenig vertraut.

Zu den Stärken gehört aber die Zeichnung der Protagonisten.  Sie wirken in dieser futuristischen Umgebung lebendig. Die Dialoge sind gut geschrieben und wirken auch natürlich. Einige Exzesse wie die künstliche Befruchtung mit Drillingen und natürlich der Geburt zum ungeeigneten Zeitpunkt wirkt ein wenig überzogen geschrieben wie eine Exkursion in den Bereich der eher flachen amerikanischen Filmkomödie. Aber derartige Szenen halten sich in Grenzen. Die beiden künstlichen Intelligenzen mit konträren Ansätzen, aber einem maschinenintelligenten Verständnis füreinander Titranrot ist dabei ein zynischer Pragmatiker, während sein/ ihr Gegenspieler von einem schlechten Gewissen getrieben nach dem Rechten sehen will.

Die Crew der Sonnenwind funktioniert am Besten als Kollektiv. Auch wenn der notorisch unter Geldmangel leidende, aber seine Besatzung über alles schätzende Kommandant ein wenig herausragt, ist es schwer, die Individuen nachhaltig herauszustellen. Ihre kontinuierliche Katastrophenmission und das teilweise sehr individuelle Verhalten der Crew in Extremsituationen entschädigen für einzelne, schon angesprochen sehr konstruktive Auflösungen verschiedener Spannungsbögen.

„Titanrot“ ist ein gutes Debüt, das sich kurzweilig unterhaltsam lesen lässt. Der Plot ist nicht immer grundlegend originell, das Handlungskorsett wird aber zumindest interessant bespannt. Das hohe Tempo und der hoffentlich in Fortsetzungen ausbaufähige Hintergrund – beginnend bei dem exzentrischen von Luxus trotzenden Generationenraumschiff und endend bei der Idee der ganze Sonnen verdeckenden Habitate – laden ein, in dem „Titanrot“ Universum zu verweilen.      

 

S. C. Menzel
TITANROT
Nomaden im All
AndroSF 145
p.machinery, Winnert, Oktober 2021, 328 Seiten, Paperback
ISBN 978 3 95765 259 1 – EUR 16,90 (DE)
E-Book: ISBN 978 3 95765 838 8 – EUR 4,99 (DE)