Ministerium für die Zukunft

Kim Stanley Robinson

Beginnend mit „Das wilde Ufer“ hat sich der amerikanische Autor Kim Stanley Robinson immer mit ökologischen Themen vor allem im Wettstreit mit der Dominanz des Kapitals auseinandergesetzt. Sein neuer Roman „Das Ministerium für die Zukunft“ ist in dieser Hinsicht neben dem eher als Abenteuerbuch konzipierten „New York 2140“, aber vor allem der bislang nicht ins Deutsche übersetzten sehr empfehlenswerten „Capital Code“ Trilogie seine wichtigste Arbeit.

Stilistisch durchbricht Kim Stanley Robinson für diesen Roman seine bisherige Erzählstruktur. Stringent egal wie umfangreich die Texte sind; eine Handvoll von relevanten, für den Leser klar zu identifizierenden Charaktere und einen fast pathetisch wirkenden Glauben an die „Kraft“ des Individuums, egal wie schwierig die Herausforderungen sind. So verschwammen die kritischen Hintergründe seiner immer lesenswerten Geschichten nicht selten mit den cineastischen Strukturen der Abenteuerliteratur zu einer rasanten, aber vom Leser immer gut getrennten Reise in mögliche, vielleicht sogar wahrscheinliche, aber noch abänderbare Zukünfte. In dieser Hinsicht ragt der ebenfalls nicht übersetzte „Galileos Dream“ positiv heraus, denn mit der historischen Figur Galileo und verschiedenen vorwärts gerichteten Träumen gelang Kim Stanley Robinson eine perfekte Synthese.

Diese Struktur behält Kim Stanley Robinson im vorliegenden Collageroman auch bei. In seinen bisherigen „Klima“ Arbeiten blickte der Autor immer auf die verschiedenen Point of no Returns zurück und zeigte die dramatischen Entwicklungen des menschlichen Fehlverhaltens in der Zukunft drastisch plakativ auf. „Das Ministerium für die Zukunft“ startet nahe der Gegenwart basierend auf gegenwärtigen und vor allem auch verfügbaren, aber nicht unbedingt generell effektiven Techniken; politisch positiven wie negativen Konzepten und der bekannten sozialpolitischen Bevölkerungssituation.  Kim Stanley Robinson erzählt seine Geschichte nicht klassisch chronologisch. Zwischen den einzelnen „Episoden“ abseits der Haupthandlung springt der Autor gerne zeitlich hin und her.

Wie Ian McDonald gehört Kim Stanley Robinson aber zu der Generation von Science Fiction Autoren, die ihre Geschichten vor einem wissenschaftlich gut recherchierten, dem Leser aber nicht belehrend vermittelten Hintergrund ablaufen lassen. Auch wenn das Ministerium für die Zukunft inklusiv seiner Leiterin Mary Murphy wie auch der leidgeprüfte Umweltaktivist Frank May den roten Faden des Buches bilden, wirkt der Plot eher wie eine Collage aus den beiden sich immer wieder berührenden Handlungssträngen; vielen deprimierenden aber auch leider wahren Informationen; politischen Extrapolationen; verschiedenen Thesen hinsichtlich kapitalistischer Maßnahmen gegen die globale Erwärmung und persönlichen Geschichten, nicht selten aus der intimen Ich- Perspektive von Charakteren erzählt, deren Vorgehensweise an sich fragwürdig, aber deren Zielerreichung verführerisch effektiv ist.

Viele anderen Autoren wollen vor allem ein literarisch belehrendes Ausrufezeichen setzen. Ein schlechtes Gewissen im Leser erzeugen und mit der leider in der gegenwärtigen Verbotspolitik ihre Ziele nicht selten auch zu Lasten anderer erreichen. Wie in „Capital Code“ beschreibt Kim Stanley Robinson zu Beginn des Buches mit der über Indien hereinbrechenden, Zehntausende von Menschen töteten Hitzewelle erst einmal drastisch schockierend die Auswirkungen des Klimawandels. Indien versucht gegen das Pariser Abkommen zumindest eine kurzzeitige Abkühlung des eigenen Hoheitsgebietes zu erreichen.

Anschließend platziert Kim Stanley Robinson entlang des Plots verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Auf der einen Seite mit dem Papiertiger „Ministerium für die Zukunft“ natürlich im idyllischen wie teuren Zürich angesiedelt die konzertierte ein möglicherweise aber auch schlechtes Gewissen verschiebende Vorgehensweise der ersten und vielleicht auch noch zweiten Welt. Auf der anderen Seite seltsam effektiv die Vorgehensweise mindestens einer Terrororganisation, die nach dem „wollt ihr nicht, dann müsst ihr als Verantwortliche auch fühlen“ gezielt mittels moderner Technik Umweltsünder ausschaltet. Herausragend ist in dieser Hinsicht die Geiselnahme von den 2500 einflussreichen Menschen, die sich gerne zum Wirtschaftsforum in Davos treffen und aus ihrer verqueren Sicht wirklich etwas für den Klimaschutz und die zukünftigen Generationen machen, während sie teuren Champagner schlürfen und den Luxus in den Schweizer Hotels natürlich standesgemäß genießen.   

Die politische Ebene beginnt mit dem Pariser Klimaschutzabkommen und der Etablierung des entsprechenden Ministeriums unter der Leitung von Mary Murphy. Mary Murphy ist im Grunde in einer schwierigen Position. Sie hat eines der wichtigsten Ministerien unter sich, das über keine aktiven Befugnisse verfügt. Sie soll aktiver Mittler zu den Unternehmen sein, kann aber keinen Druck ausüben. Ihr Stab ist anfänglich auch frustrierend. Zwar werden interessante Ideen wie eine Art Carboncoin entwickelt, aber die aktive Vorstellung bei den verschiedenen Notenbanken zerschellt an deren nationalen Befugnissen oder Bedürfnissen.

Frank May hat in Indien eine Hitzewelle überlebt, während alle anderen Menschen um ihn herum gestorben sind. Das traumatische Erlebnis treibt ihn zu terroristischen Handlungen. So setzt er Mary Murphy in ihrer Wohnung fest, nur um mit ihr zu reden. Frank May ist das aktive, aber auch labile Gewissen der Handelnden, während Mary Murphy erst aus ihrem politischen Elfenbeinturm heraustreten muss. Eine interessante Facette des ganzen Romans ist, dass einzelne Abteilungen ihres Ministeriums aber ganz anders hinter ihrem Rücken konzipiert und strukturiert worden sind als sie es sich gedacht hat und es der grundlegenden Agenda der Vereinigten Nationen entspricht.   

Ab Mitte des Romans beginnt Kim Stanley Robinson die zukünftige Welt mittels kleiner und großer, fiktiver Ideen umzubauen. Auffällig ist dabei ein gewisses sozialistisch kommunistisches Schubladendenken. Er assoziiert die Börse nur mit einem Spielplatz der Spekulanten bestehend aus Hochfrequenzhandel und Dark Net. Dividenden sind grundsätzlich schlecht. Das Aktienkapitel per se inklusiv des entsprechenden Risikokapitals aber auch Treiber des Fortschritts sein könnten, ignoriert der Autor gänzlich. Stattdessen scheint die neue nach dem IKEA Belöhnerprinzip eingeführt alternative, von den Zentralbanken unterstützte Währung des Carboncoins ein Mittel zum Zweck zu sein. Interessant ist, das Kim Stanley Robinson zwischen Deutschland und der EZB unterscheidet, obwohl die Deutsche Bundesbank ja ein wichtiges Mitglied der EZB ist. Diese Kleinigkeiten stören wahrscheinlich nur volkswirtschaftlich ausgebildete Leser, denn die Carboncoins kommen denjenigen zu Gute, welche aktiv CO2 auf welche Art und Weise auch binden, während die Verschmutzer bezahlen müssen. Kein Wunder, dass plötzlich die geschäftstüchtigen Araber vom Erdölförderer zum Solarstaat umschwenken und sich wieder fürstlich bezahlen lassen.

Den Großbanken per se stehen harte Zeiten bevor. Auch da differenziert der Autor nicht zwischen den multinationalen Instituten und den Privatbanken beim Ausfall der Kredite. Bezeichnend wird diese Einstellung, wenn die Konzerne wie in Griechenland auf der Zahlung ihrer Kredite zu Lasten der Infrastruktur bestehen, auch wenn die griechischen Regierungen mittels Korruption und aktiver Täuschung durch SWAP Geschäfte selbst für einen Großteil der Misere verantwortlich sind. In Afrika kommt der aktive Kommunismus durch eine Volksbewegung, welche das Kapital entmachtet und viele der Mienen zu Genossenschaften mit den Arbeitern als aktive Mitglieder macht.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die innerbetriebliche Bezahlung. Eine Differenz des Fünffachen zwischen Arbeiter und Management ist für Kim Stanley Robinson noch akzeptabel. Wird anscheinend auch beim Militär so praktiziert. Mehr geht nicht. Immer wieder kehrt der Autor auch hinsichtlich genossenschaftlich sozialistischer Tendenzen zu diesem Thema zurück.

Der Weg dahin wird durch eine Umgestaltung des Internets und damit auch des internationalen Zahlungsverkehrs geebnet. Das Ministerium für die Zukunft führt mit einem neuen YourLock Communitykonto einen Konkurrenten zu Facebook und Co ein. Die Menschen können ihre Daten kontrollieren und werden direkt für die Nutzung ihrer Daten durch Dritte nach der individuellen Einwilligung bezahlt. Dazu kommt ein perfektes Zahlungssystem, da nach Schließung der Steueroasen und im Grunde der Enteignung der Superreichen – sie dürfen 50 Millionen USD behalten, der Rest wird ihnen mehr oder weniger aktiv weggenommen – unter Ignoranz des von ihnen gehaltenen und vor allem verantworteten Produktivvermögens und der Kontrolle von Bargeld kein Vertrauen mehr in die von den Zentralbanken noch gehaltenen sowie unter der Schuldenlast ätzenden Bankengemeinschaft herrscht.  

Dass die USA sich während der Finanzkrise 2008 aktiv und zwanghaft an den wichtigsten Banken beteiligt und nicht zu rettende Institute auch nach der Lehman Krise aktiv vom Zahlungsverkehr abgeschnitten abgewickelt hat, ignoriert Kim Stanley Robinson in seiner Exkursion. Viel mehr macht er deutlich, dass die Regierungen bei der dritten Finanzkrise gelernt und die Kontrolle übernommen haben.

Selbst der Inhalt des Films „Local Hero“ wird nicht ganz richtig zusammengefasst.

Es ist schade, dass vor allem in diesen Punkten Kim Stanley Robinson nicht sorgfältiger recherchiert und weniger propagandistisch argumentiert hat.  Damit besteht die Gefahr, dass die Leser vielleicht andere Ideen nicht ernst nehmen.  

Die Veränderung der Welt kann nicht alleine durch Appelle an den guten Willen herbeigeführt werden. Für den Rest Sorgen gut ausgerüstete Terroristen, die mit ihren Angriffen nicht nur den zivilen Flugverkehr in der bisherigen Form lahmlegen, sondern auch die Globalisierung stoppen. Nur ökologisch umgestaltete Flugzeuge oder Zeppeline und entsprechend von Strom oder Wind angetriebene Schiffe soll es auf der Erde geben. Der Leser fragt sich allerdings, welche Terrororganisation unbekannter Natur über eine derartige Drohnentechnik verfügt, ohne dass es jemanden auf der Welt auffällt. Immerhin werden direkt oder indirekt Bürger und Firmen aus Ländern wie China, den USA, aber auch Russland bedroht. Tarnkappenflugzeuge scheinen noch nicht erfasst zu werden. Und niemand von diesen Staaten mit ihren militärischen Überwachungsmitteln will auch nur eine Idee haben, aus welcher Richtung die Anschläge über Jahre kommen, denn zwischen den ersten Attentaten und der laufenden Handlung liegt immer die Umgestaltung ganzer Industrie bzw. Transportzweige? Das erscheint sehr optimistisch.  

Auf der anderen Seite akzeptieren die Menschen auch diese terroristisch getriebene, ökologisch gute Entschleunigung ihres Lebens. Sichtbar macht es der Autor an einer Dienstreise Marys in die Vereinigten Staaten erst unter Segeln, dann mit einer modernen den Kontinent überquerenden Eisenbahn. Sie arbeitet während der Tage viel, mehr als in ihrem Büro im Zürich. Alles ist zumindest für die weniger reichen, aber immer noch privilegierten Menschen mindestens zufriedenstellend, wenn nicht sogar perfekt.  

Auch die Idee einer Rekultivierung ganzer Anbauflächen auf der Welt ist ein Mammutprojekt, das vor allem zuerst eines bewirken wird. Hunger in einigen Teilen der Welt, da chemische Dünger zu Lasten der Umwelt kurzzeitig Erträge dem Boden abgewinnen.  Hier geht es um Langzeitpläne. Kim Stanley Robinson zeigt im Kleinen deren Erfolge, aber der Leser kann nur bedingt den notwendigen Zeitaufwand einschätzen. Zusätzlich haben die allgegenwärtigen Ökoterroristen auch den Bestand an Rindern und damit Fleisch drastisch bis nicht mehr existent reduziert,  müsste die wenn auch gehobene Versorgung der Menschen noch weiter eingeschränkt worden sein.

Die Collagestruktur des Buches bewirkt positiv, dass der Autor mit wechselnden Perspektiven überall zu gleich sein kann, ohne sich um die Kontinuität zu kümmern. Auf der anderen negativen Seite setzt er kleine Schlaglichter, ohne deren Auswirkungen wirklich ausführlich und in sich logisch zu extrapolieren.   

Auch wenn der Roman über einige Zugeständnisse wie die Anschläge auf Mary verfügt, geht es Kim Stanley Robinson auf der einen Seite darum, das (selbst-) zerstörerische Wirken der Menschheit im Allgemeinen und der profitgetriebenen Konzerne oder ihrer entweder oligarchischen russischen Brüder sowie dem belehrenden Sendungsbewusstsein Chinas mit seinen Konzernen offen zu legen, vor den nicht mehr umkehrbaren Folgen zu warnen und andere, nicht unbedingt alle Menschen einschränkende (Über-)lebenswege aufzuzeigen. Nicht selten ist der Weg interessanter als das Zierl in einem Kim Stanley Robinson Roman. Viele der Ideen werden angerissen wie die Rekultivierung der ersten bis dritten Welt durch das halbe Erde Prinzip oder den Rückkehr zu einer die Natur schonenden Landwirtschaft. „Das Ministerium für die Zukunft“ beschreibt die ersten Schritte einer konsequenten ökologischen Wende nicht nur in den Industrienationen, sondern direkt von oben oder durch politische Umstürze von unten auf der ganzen Welt. Der Roman ist weniger ein aufrüttelnder politischer Wegweiser für eine hoffentlich lebenswertere und vor allem auch ökologischere Zukunft ohne eine Abkehr von moderner Technik, sondern eine Collage aus verschiedenen Möglichkeiten, die kombiniert werden können, aber nicht miteinander verbunden werden müssen.

Interessant ist, das der politische Weg des Ministeriums für die Zukunft nur in Kombination mit den radikalen Terroristen Erfolge bringt. Während das Ministerium ansonsten ein reicher, aber hinsichtlich seiner Macht zahnloser Papiertiger geblieben wäre, überspannen die wirklich ausgesprochen gut ausgerüsteten Terroristen zu Lasten der Menschen, die sie kurzfristig nicht schützen wollen/ können und zu Gunsten von Langfristperspektiven den Bogen. Aber in der vorliegenden Form kommentiert der Autor das Geschehen, er bietet von oben herab keine allumfassende Lösung an. Der Leser wird gezwungen, die verschiedenen Ideen und Theorien zu verfolgen und zu bewerten. Wenn abschließend zarte Erfolge sich einstellen, dann beschreibt der Autor sie nicht aus der Distanz des allwissenden Erzählers, sondern lässt seine Figuren selbst an Hand der Daten zur Erkenntnis kommen, das sie vielleicht auf einem sehr steinigen, aber auch richten Weg sich bewegen.  

Am Ende scheint der Autor den Leser Kompromisse anzubieten. Mary reist natürlich im  Zeppelin über die sich verändernde Welt. Nicht immer ist Umweltschutz schön, aber er soll zumindest effektiv sein. Es ist eine bizarre Hommage an den auch extra erwähnten Jules Verne. Es ist eine seltsam wichtige Aspekte des Buches auf den Kopf stellende Expedition. Ein oberflächlicher Leser könnte das Gefühl haben, die Menschheit hat schon einen perfekten, vielleicht in der Praxis nicht unbedingt praktikablen Weg gefunden, um die globale Erwärmung tatsächlich zurückzufahren. Nach den verschiedenen Herausforderungen ihres beruflichen, aber auch privaten Lebens gönnt der Leser Mary diesen Moment des Innehaltendes; der zufriedenstellenden, aber keinen Pragmatismus bedeutenden  Erkenntnis, auf der Welt eine Veränderung mit in die Wege geleitet zu haben. Dieses süßsaure Ende wird die Leser länger begleiten als eine belehrende Holzhammerbotschaft, wie man sie vielleicht in einem dystopischen Umweltthriller eher erwarten könnte.  

Diese beiden innerlichen Aspekte machen neben der platonischen Anziehungskraft von Marys und Franks Stockholm Syndrom Beziehung vielleicht den größten Reiz dieses ohne Frage mutigen, provokanten und vielschichtigen Romans aus.  Und in einem Punkt haben Kim Stanley Robinson, seine Mary, selbst sein hitzköpfiger Umweltaktivist recht: Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt.,         

 

Das Ministerium für die Zukunft: Roman

  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (11. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 720 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3453321707
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453321700
  • Originaltitel ‏ : ‎ Ministry for the Future