Die böse Frau

Karla Weigand

Karla Weigands „Die böse Frau“ enthält mehr als fünfzig Minikurzgeschichten, die in den „Phantastischen Miniaturen“ der Bibliothek Wetzlar und zwei Sonderbänden erschienen sind. Die Themen richten sich ja bei den Nachdrucken der kleinen DIN A 5 Hefte nach den Vorgaben des Herausgebern und Verantwortlichen für die Reihe Thomas le Blanc. Manchmal ist es ein Kunstbegriff, dann eine Hommage an Karl May oder Jules Verne oder ein Satz, der an irgendeiner Stelle der Geschichte verwendet werden soll. In „Die böse Frau“ sind die Texte weder chronologisch noch nach übergeordneten Themen sortiert, so dass auf Horror Science Fiction folgen kann, um dann in den Bereich der Fantasy abzuschwenken. Es empfiehlt sich, die Miniaturen über einen längeren Zeitraum zu lesen.

 „Davids Kosmos“ eröffnet die Sammlung auf einer sehr emotionalen Note. Der Großvater kommt gerade von der Beerdigung seines körperlich behinderten Enkels, dem er immer wieder vorgelesen hat. Das einzige, indirekt angedeutete phantastische Element ist die Begegnung zwischen dem Autoren, aus dessen Werk der Großvater immer lesen musste, und dem im Sterben liegenden Enkel. Ohne Kitsch oder Pathos ist „Davids Kosmos“ eine sehr emotionale Eröffnung dieser Sammlung.

 „Sinnfindung“ spannt einen erstaunlich weiten Bogen über nicht nur mehrere Generationen einer Familie, sondern auch die Entwicklung einer neuen Bautechnik mittels 3D- Drucker inklusiv der ökologischen Nutzung von recycelbaren Stoffen. Dieser Boom beginnt in den Niederladen beim Bau eines Grachtenhauses und endet im übertragenen Sinne durch die mehrfache Bedeutung des Titels der Miniatur. Die Geschichte ist fast überfrachtet mit technischen Ideen, liest sich aber ausgesprochen flüssig.

 „Frauen vom Planeten Terra“ ist eine von mehreren Science Fiction Geschichten. Der Plot funktioniert nicht wirklich. Außerirdische einer monogamen männlichen Gesellschaft beobachten die Erde und sind neidisch auf unsere Frauen. In einer gewagten Handelsmission gelingt es ihnen, „Frauen“ mitzubringen. Dabei müssen die Fremden allerdings betriebsblind sein, damit der Plot funktioniert. In „Schwierige Kommunikation“ haben die Außerirdischen vor Jahrtausenden den Menschen die Kartoffel bei einem Besuch geschenkt. Als sie einen erneuten Besuch startet, scheitert dieser an einem simplen Übersetzungsfehler. Auch hier wirkt die Pointe eher bemüht. Zumindest erweist Karla Weigand Erich von Däniken ihren Respekt. Natürlich gibt es auch die Gegenbesuche von der Erde auf einem fernen Planeten. In „Ein Missverständnis“ wiehert der deutsche Amtsschimmel zwischen den Sternen, wenn der Besatzung des irdischen Raumschiffs vor der Landung ein entsprechender Einreisebogen übermittelt wird.   

 „Bei Mutter Thick“ handelt es sich um eine der Würdigungen Karl Mays. Old Shatterhand und Old Firehand sind überrascht, dass ausgerechnet ein Greenhorn, ein unscheinbarer Kerl den weißen Koyoten fangen und töten kann, welcher die Gegend unsicher macht. Höflichkeit und Hilfsbereitschaft haben in diesem Fall zum Ziel geführt, auch wenn die Kneipe interessanter sein könnte als das Ende der Geschichte. Auch „Das Geisterpferd“ spielt vor dem Hintergrund Karl Mays Wilden Westen. Der weiße Schimmel hilft nicht nur dem erzählenden Greenhorn aus der lebensbedrohlichen Patsche. Wie Sam Hawkens, Hold Shatterhand und Winnetou erklären, handelt es sich um keinen Einzelfall, sondern inzwischen eine Legende.

 In den Bereich der Fantasy gehört „Der vierte Wunsch des Königs“. Der Leser ahnt, in welche Richtung dessen Maßlosigkeit nur führen kann und das er in der vierten Ecke seines riesigen Gartens nicht wieder auf die entsprechend von einer Hexe präparierte Wurzel stoßen wird. Alleine sein Scheitern ist interessant, das er keinen Erfolg haben wird, legt die Struktur der Miniatur relativ früh nahe. Dazu kommen wie bei „Jungfer in grün“ auch Märchen. Die frisch verwitwete Königin giert nach dem das Schloss besuchenden Prinzen, der sich natürlich nur für ihre nicht minder hübsche Stieftochter interessiert. Das Ergebnis ist irgendwie romantisch wie traurig. Von einem Happy End kann aber nicht gesprochen werden. In der Titelgeschichte „Die böse Frau“ finden sich zu Beginn Anspielungen auf „Schneewittchen“ in einem modernen Ambiente (die Kühltruhe im Keller), wobei die zweite Hälfte der Miniatur irgendwie in sich zerfällt und stark konstruiert erscheint.

 Auch „Das Böse ist zurückgekehrt“ scheint Mythen mit Aberglauben zu verbinden. Eine alte Familienchronik einer ansässigen Bauernfamilie warnt vor den Hexen des Klosters. Als eine Abgesandte auf dem Hof betteln kommt, wird sie barsch abgewiesen und rächt sich. Leider ist der Plot vorhersehbar und die ganze Handlung wirkt stark konstruiert. Auch in dieser Miniatur ist der Beginn deutlich interessanter als die finale, zu einfache Lösung.   

 Die Ausgangsprämisse von „Konrads Problem“ ist interessant und auch überraschend. Allerdings entwickelt sich der Plot der Miniatur zu zielstrebig, zu wenig überraschend. Die Pointe ist zu oft in anderen phantastischen Texten verwandt worden.

 „Traubenkiller“ können nur die populärsten Geschöpfte im Universum der „Phantastischen Miniaturen“ sein- die Gnurks. Es ist erstaunlich, wie diese bizarren Wesen der Phantasie zahlreicher Autoren die Sporen gegeben haben. Sie leben auch über ihre persönliche Ausgabe der „Phantastischen Miniaturen“ hinaus in zahlreichen Geschichten weiter. Irgendwann kommt es vielleicht auch zu einer Begegnung zwischen Gnurk und Tribble. Bis dahin ist „Traubenkiller“ eher eine pragmatische Erzählung, in welcher der vordergründige Traum Karla Weigands Figuren während der Pointe wieder eingeholt wird. In „Verspieltes Glück“ gibt es einen Gnurk in Form einer zwergenhaften männlichen Fee. Er macht aus einem Loser einen begehrten und bewunderten Glückspilz, der natürlich die Ursache seines Glücks im übertragenen Sinne mit Füßen tritt. Die Ernte folgt direkt auf dem Fuß. Auch bei dieser Miniatur ist die zugrunde liegende Handlung eher vorhersehbar. Auch in „Nur wer die Sehnsucht kennt...“ spielen Gnurks eine wichtige Rolle. Dieses Mal können sie sich viermal verwandeln, was der Protagonist auch gerne macht, um seiner Holden aufzufallen. Der Leser ahnt, dass die vierte Verwandlung schwierig ist. Karla Weigand baut eine doppelte Pointe ein, die allerdings an Hand der Reaktionen der Holden für den Leser nicht vollkommen nachvollziehbar ist. 

 In „Vorsicht Gnurk!“ wird es politisch. Die Gurks greifen bei den Anti Corona Demonstrationen ein und schaffen es, Querdenker zu bekehren. Sie kehren ohne Anwendung von Magie, aber durchaus ein wenig Gewalt auf den rechten Pfad zurück.  

 Neben den Gnurks ist der Blaufußtölpel die populärste Schöpfung in den Phantastischen Miniaturen. In „Hochzeitsgeschenk der besonderen Art“ erfährt der Leser, dass die „Vermehrung“ der Blaufußtölpel durch Spott erfolgen kann. In „Der unheimliche Mitbewohner“ ist es schließlich der kommentierende Einfluss eines sprechenden Papageis, der aktiv zu einem weiteren Blaufußtölpel beiträgt. Die Geschichten sind humorvoll überdreht, die Pointen in Form dieser Anthologie weniger vorhersehbar als in der entsprechenden Phantastischen Miniatur.   

 Die Idee von „Verspieltes Glück“ spiegelt sich in einigen anderen Miniaturen wieder. In „Die große Diva“ ist es eine legendäre und wunderschöne Schauspielerin, die nach einem Streit mit ihrer persönlichen Hexe erkennen muss, dass nicht nur Film eine Illusion ist.

 Irgendwie zwischen den verspielten Glücksmomenten und dem mehrfach verwandten Hochmut, der vor dem Fall kommt, steht der Goethe Beitrag, die erste Doppelnummer der phantastischen Miniaturen. „Der geniale Regisseur“ Morgenroth will Goethes Faust auf eine experimentelle Art und Weise inszenieren. Natürlich ist der Dichtefürst persönlich dagegen. Positiv ist,  dass Regisseure selten Ahnung von Physik haben, so dass sich manches Problem auf eine angenehme Art und Weise löst.  In „Verweile doch“ kombiniert Karla Weigand Aspekte von Schneewittchen mit Goethes Faust auf eine ausgesprochen effektive Art und Weise, auch wenn der Ausgang erahnbar ist. Bei „Begegnung im Park“ kommt es auf einer Parkbank zu einem zufälligen Treffen zweier unterschiedlicher Männer, deren gemeinsames Interesse allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven Goethe ist. Neben Goethes Werk auch seine Vorliebe für das schöne Geschlecht und schließlich spielt auch der Mann per se eine Rolle. Auch hier ahnt der Leser, um welchen zweiten Mann auf der Parkbank es sich handelt, aber Karla Weigand hat einige wissenswerte Informationen in dem kurzen Text versteckt.

 Manche Miniaturen nicht nur Karla Weigands, sondern generell funktionieren über Wortspiele und/ oder fehlerhafte Übersetzungen. Zumindest bleibt dem Protagonisten die Ehe mit einer angeblich so schönen Fee erspart. Nichts ist schöner als der Schein.  So basiert „Auch große Mädchen wollen spielen“ auf einem lustigen, verbalen Missverständnis, das aus einem künstlichen perfekten Mann und potentiellen Sexspielzeug für insgesamt sechs Freundinnen keine sexuelle Befriedigung, sondern eine Enttäuschung macht. „Freiheit, die ich meine“ dagegen ist eine religiöse, intellektuelle Spielerei im Angesichts des Allwissenden. Damit auch ein Widerspruch an sich. Die ironische, für manchen Leser auch provokante Pointe ist ausgesprochen gut und nicht wie bei einigen anderen Miniaturen vorhersehbar.      

 Auch „Der Elefant des Kaisers“ konzentriert sich auf die Prämisse, den Bildern des Künstlers Bosch zu folgen. Eines Tages bricht der Elefant auf dem Bild aus, kommt aber schnell zur erschütternden Erkenntnis, dass es draußen außerhalb des Bildes nicht unbedingt besser ist als innerhalb. „Zuflucht“ bezieht sich auch auf die Bilder des bekannten Künstlers. Ein ungeliebtes, exotisches und im Grunde aus der eigenen Perspektive hässliches Tier sucht ein neues Heim und findet es in den Bildern des Künstlers. In „Ein zweites Eden“ ist es ein Mensch,  der unter ihrer bösen Stiefmutter leidend schließlich Asyl in einem von Bildern findet. Auch wenn sich einzelne  Versatzstücke unterscheiden, ist die Handlungsstruktur deckungsgleich.  In einer anderen Miniatur „Saint Brigand“ hilft auch der geplante Diebstahl des Portraits eines kriminellen Vorbilds nicht unbedingt, um einer Verhaftung zu entkommen.  

 Dienstbare Geister sind für „Gute Nachbarschaft“ wichtig. Der Erzähler muss nicht nur den Tod seines Großvaters verarbeiten, sondern erkennt, wer dem alleine lebenden Mann in den letzten Jahren so gut geholfen hat. Bis auf Behördengänge, denn spätestens an der Schwelle zum Amtsschimmel hört manche Macht einfach auf. Die Miniatur verfügt über eine interessante Ausgangsidee.  Dagegen ist „Lisa“ eher eine klassische derbe Geistergeschichte mit den Dingen, die man in den Jugend so sehr geliebt und dann vergessen hat. Um Stephen King zu zitieren, „manchmal kommen sie wieder“.  Deutlich dunkler ist „Die Fremde auf der Parkbank“. Der ältere Herr mit einer dunklen Vergangenheit begegnet auf einer Parkbank einer fremden Frau und ihrer Tochter. Die dunklen Schatten holen ihn ein.  

 In den Bereich „Hochmut kommt vor den Fall“ ordnen sich Miniaturen wie „Leuteschinder“ oder „Untergrundexistenz“ ein. In der ersten Geschichte ist es ein Unternehmer, der seine Arbeiter in den Salzbergwerken drangsaliert, bis übernatürliche Bergwesen zu deren Rettung kommen. Auch in „Untergrundexistenz“ wird der Leuteschinder – in diesem Fall ein Tyrann mit Größenwahnambitionen -  betraft. Es braucht allerdings keine dienstbaren Geister, sondern nur eines mutigen Mannes. Auch wenn die Plotverläufe statisch erscheinen, fügt Karla Weigand vor allem in „Untergrundexistenz“ der stringenten Handlung eine zumindest in der Theorie gigantische Untergrundanlage hinzu, in welcher der A.H. einen Atomkrieg zu Überleben gedenkt. Inklusive des entsprechenden Throns.

 Auch „Schöner Wohnen“ basiert auf einer technischen Idee. In der Zukunft kann der Staat die Menschen zu Hause überwachen und kontrollieren. Bestrafung oder Belohnung erfolgt direkt in den eigenen Häusern, wobei der Aufwand außerordentlich und nicht wirklich effektiv ist.

 Zu den interessantesten Geschichten gehört „Irren ist tödlich“. Der Titel ist Programm. Die Frau eines Erfinders, der ihr Geld verprasst, kommt nach Hause. Die Tochter ist wieder vom Internat geflogen. Aber der Vater hat eine gute Idee, welche allerdings der Mutter auf die Nerven geht. Ihre Lösung ist pragmatisch und gleichzeitig auch tödlich. Aber einem bestimmten Moment ahnt der Leser die Pointe, aber trotzdem funktionieren Karla Weigands Miniaturen mit bitterbösen, zynischen oder doppeldeutigen Enden deutlich besser als andere Texte, in denen sie eine finale Wendung zu integrieren sucht.

 Karla Weigand setzt sich viel in dieser Sammlung mit Goethe, aber wenig mit der Literatur per se auseinander. „Magnum Opus“ ist in dieser Hinsicht die einzige Geschichte. Erasmus Maria Leberecht reicht nach mehr als zwölf Jahren sein Magnum Opus über Ludwig, den II. beim Verlag ein. Ein Meistwerk aus seiner Perspektive, während der Verlag buchstäblich nichts sieht. Eine zynische Abrechnung mit dem Ego mancher Autoren und deren überdrehten Selbstverständnis. 

 Eher eine Kurzgeschichte als eine Miniatur schließt die Sammlung ab: „Isländische Weihnacht“. Ein Sohn kehrt nach Jahren in seine isländische Heimat zurück, um seine verwitwete Mutter am Heiligen Abend zu besuchen. Es soll eine Überraschung unterwegs. Unterwegs hat er eine Panne mit seinem Leihwagen und zwei kleinwüchsige Jäger helfen ihm. Natürlich handelt es sich um eine Weihnachtsgeschichte, die eine ordentliche Portion Herzschmerz und Kitsch sowie ein übernatürliches Phänomen ertragen und gleichzeitig auch präsentieren muss. Aber die etwas mehr als doppelte Länge im direkten Vergleich zu den anderen Miniaturen hilft Karl Weigand auch, eine überzeugende Atmosphäre zu erschaffen; den Protagonisten besser zu charakterisieren sowie die Mischung aus Realität/ Traum besser darzustellen. Eine mehr als zufrieden stellende finale Geschichte.  

 Die vorletzte Miniatur „Abschied“ wäre ein klassisches Ende dieser Sammlung mit einem Enkel, der seinen trauernden Großvater besucht, aber nicht verstehen kann, um was es wirklich gut.

 Rainer Schorm hat mit gut einem Dutzend farbigen Bildern die Miniaturen begleitet. Dabei hat sich der zu früh verstorbene Perry Rhodan Neo Autor einzelne Aspekte ausgesucht und versucht, diese stimmungsvoll wiederzugeben.

 Generell ist „Die böse Frau“ eine solide Sammlung von thematisch breit aufgestellten Miniaturen.  Über einen längeren Zeitraum gelesen wirken sie wahrscheinlich stärker als in der hier vorliegenden Konzentration, wo sich einzelne Aspekte zu oft mit anderen Mäntelchen wiederholen. Karla Weigand ist auch eine stärkere Romanautorin. Ihre Pointen wirken teilweise zu früh erkennbar oder werden zu stark auf den Höhepunkt hin konstruiert. Mit einigen Themen kommt sie eher schwer zurecht, auch wenn keine der Miniaturen wirklich schlecht ist. Wenn sie eine gute Idee hat, ist die Umsetzung auch überzeugend und die Pointe wird gut versteckt präsentiert. Wer die Autorin Karl Weigand kennen lernen möchte und den Einstieg in ihre inzwischen zahlreichen Romane scheut, der ist mit „Die böse Frau“ gut beraten. Aber immer nur eine Miniatur am Tag... sonst kommt der Gnu

Die böse Frau: Fantastische Kurzgeschichten (AndroSF: Die SF-Reihe für den Science Fiction Club Deutschland e.V. (SFCD))

  • Herausgeber ‏ : ‎ p.machinery
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 26. Januar 2024
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 184 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3957653711
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3957653710
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 16 Jahren