Die Traumsuche der Velliott Boe

Kij Johnson

Mit der Storysammlung „Die Traumsuche der Vellitt Boe“ präsentiert der Wandler Verlag eine zweite Storysammlung – die erste erschien ebenfalls von Hannes Riffel übersetzt im Golkonda Verlag – Kij Johnsons in Deutschland. Mit „Die Fuchsfrau“ ist im Piper Verlag ein Roman aus ihrer Feder erschienen. Kij Johnson gehört zu den Grenzgängern des Genres. Ihre Arbeiten lassen sich niemals eindeutig zuordnen und verbinden nicht selten verschiedene Subgenre effektiv, aber mit einer humanistischen und nicht selten auch sehr leicht in die Gegenwart der Leser zu übertragenden Note. Im Laufe ihrer langen Karriere – nebenbei unterrichtet sie und arbeitete unter anderem für Dark Horse oder Tor.com – ist sie mit den wichtigsten Preisen des Genres auszeichnet worden.  

 Ausgezeichnet mit dem World Fantasy Award, nominiert für die wichtigsten Science Fiction und Fantasy Preise ist „Die Traumsuche der Vellitt Boe“ nicht nur eine Hommage an H.P. Lovecrafts Novelle „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“, gegen Ende ist es eine melancholische Reflektion zurück auf das eigene Leben – in diesem Fall der fünfundfünfzig Jahre alten Vellitt Boe, die mit jedem Schritt ihrer Suche jünger, agiler und entschlossener wird – sowie der verschwundenen jungen Frau Clarie Jurat, die als Gipfelstürmerin wider Willen den Pantheon einer von willkürlich agierenden Göttern dominierten Welt zum Einstürzen bringen könnte.

Aber die Geschichte ist vor allem vor einem exotischen Hintergrund von Toren aus dem Traumland in die Realität der Leser eine in mehrfacher Hinsicht humanistische evolutionäre Geschichte. Viele der Prämissen werden von der Autorin etabliert und dann wieder demontiert. Es sind vor allem Männer, welche kraftvolle Träume haben und dadurch von der Realität in diese Fiktion, virtuelle Traumlandrealität übertreten können. Fast herablassend wird an einer Stelle erläutert, dass Frauen viel zu sehr mit dem realen Leben, der Familie und den Kindern beschäftigt sind, um sich diesen „nutzlosen“ Phantasien hinzugeben und zu wechseln. Es ist bezeichnend, dass es ausgerechnet zwei Frauen sind, welche den gegenteiligen Weg gehen.

 Kaum sind diese Menschen im Traumland angekommen, wandeln sie auf einem Pfad der überlegenen Arroganz. Sie fühlen sich in einer Welt, in welcher die echten Götter abgeschieden schlafen, als ihre Stellvertreter. Aber auch diese Zeit in einem mittelalterlichen Paradies am Vorabend der Aufklärung ist endlich, wie einer der Wechsler Vellitt Boe erläutert. Es gibt Kräfte, die an ihm zerren und ihn wieder zurückbringen wollen. Ohne das er einen der wenigen vorhandenen Schlüssel oder eines der Tore bzw. Tunnel benutzt.

 In ihrer kraftvollen Novelle erschafft Kij Johnson auf wenigen Seiten eine fiktive, aber so lebendige, vertraute und doch fremdartige Welt, wie es Stephen King und Peter Straub in ihren „Talismann“ Romanen, vielleicht Stephen King in „Fairy Tale“ in der neueren Literatur nur auf mehreren hundert Seiten geschafft haben. An der Seite von Vellitt Boe atmet der Leser förmlich die Luft dieser Welt ein, um dann im letzten Drittel der Geschichte mit den kleinen Freunden, dem Alltäglichen der Realität konfrontiert zu werden. Bier und Pizza können besser sein als ein teures Drei-Gänge- Menü in einem Luxusrestaurant.

 Im Mittelpunkt der Geschichte steht mit Vellitt Boe eine inzwischen 55 Jahre alte ehemaligen Abenteuerin, die sich als Professorin an einer der wichtigsten Universitäten niedergelassen hat. Dort werden vor allem Frauen unterrichtet. In ihrer Jugend ist sie durch die Welt gewandert, hat sich verliebt – sie wird einen ihrer ehemaligen Liebhaber, inzwischen dekadenter König um einen Gefallen bitten  müssen – und gelebt. Irgendwann hat sie das beschwerliche Reisen zu Fuß abgebrochen und sich niederlassen. Inzwischen fühlt sie sich in der statischen Vertrautheit wohl, hat sich ihr eigenes Gefängnis eingerichtet, in dem sie bis zu ihrem Lebensabend unterrichten und leben will. Im Grunde ist sie zufrieden, aber nicht wirklich glücklich. Letzteres weiß sie noch nicht.

 Eines Nachts wird sie geweckt. Mit der jungen Clarie Jurat ist ihre beste Schülerin wenige Wochen vor ihrem Abschluss mit einem Mann geflohen. Das Ziel ist die Realität. Ihr Vater ist einer der wichtigsten Förderer der Schule. Aber im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass ihr Vater nicht ihr richtiger Vater ist. Damit gibt es noch mehr potentielle Schwierigkeiten. Um die Existenz und Förderung der Schule nicht zu gefährden, macht sich Vellitt Boe auf die Suche nach der jungen Frau und versucht sie von ihrem Vorhaben abzuhalten oder wenigstens bis zum Abschluss zurückzubringen.

 Mit erstaunlicher Leichtigkeit schlüpft sie nicht nur in ihre alte Haut, das Packen des Rucksacks, der Wanderstab und schließlich eine im Laufe der Handlung allerdings von der Autorin vernachlässigte Katze zeigen ihr, dass die Wanderlust niemals wirklich aus ihr verschwunden ist. Sie wurde nur unterdrückt.

 Es ist eine Reise vorwärts, aber wie es sich für diese Geschichten gehört, auch eine Reise zurück. In ihrer Jugend hat sie einer der jungen Kreaturen das Leben gerettet. Bei Kij Johnson wird jede gute Tat irgendwann vergolten und spannungstechnisch bis in die Gegenwart der Leser baut sie auf dieser Entwicklung auf. Die fremdartigen Kreaturen wie die Ghuls; die wilden Tiere und schließlich die Monstren, welche Lovecrafts Phantasie entsprungen sein könnten und die sich trotz ihrer Kraft als joviale Vertraute erweisen, werden von Kij Johnson fast pragmatisch emotional beschrieben. In ihrer Welt gibt es nur Grautöne, kein schwarz weiß.

 Das ist vielleicht auch der größte Unterschied zu Lovecrafts Novelle, die noch in seine Lord Dunsany Phase hereinreicht. Neben den Grautönen und dem implizierten Konflikt zwischen Menschen und Göttern sind es vor allem die dreidimensionalen, weiblichen Charaktere. So eloquent Lovecraft als Autor gewesen ist, so stimmig er Atmosphäre und exotische Hintergründe; die geheimnisvollen Alten und schließlich auch das legendäre Necronomicon erschaffen oder beschrieben hat, an den nicht immer dreidimensionalen, zu distanzierten und zu intellektuellen Charaktere scheitert der Amerikaner auf der emotionalen Ebene. Kij Johnson zieht nicht nur in dieser Story, sondern Arbeiten wie „Die Pferderäuber“ die Leser über ihre zu verletzlichen und doch innerlich starken Protagonisten mitten hinein in die Geschichte und an deren Seite erleben sie im übertragenen Sinne ihre Abenteuer. Meistens sind es Herausforderungen, welche nicht nur die bisherigen Existenzen erschüttern, sondern an denen sie widerwillig, aber mehr stetig wachsender Entschlossenheit reifen. 

 Es ist das Ende, das verblüfft. Es kommt zu einer Art Rollentausch und beide Frauen – Vellitt Boe und Clarie Jurat – müssen erkennen, dass sie ihre wahren Positionen im Leben noch nicht gefunden haben. Die Mischung aus Entscheidungsfreude und Übernahme von nicht geliebter Verantwortung; die Erkenntnis, dass das Leben niemals eine Einbahnstraße ohne Rückspiegel ist, kommt vielleicht überraschend, ein wenig zu pragmatisch, aber es ist kraftvoll und realistisch. Während der Suche nach Clarie Jurat hat sich Vellitt Boe einer erdrückenden Verantwortung gestellt, die nicht durch ihre Schuld auf den Schultern der Universität liegt. Clarie Jurat hat erkannt, dass sie selbst unbewusst nicht ihrem Schicksal, ihrer Verantwortung entkommen kann. Es kommt darauf an, was Frau in diesem Fall aus den Karten des Schicksals macht. Am Ende einer phantastischen, spannenden, stimmungsvollen und detaillierten Reise eine auf der einen Seite bittere Erkenntnis, auf der anderen Seite ein Bekenntnis zur Realität des Lebens und dadurch so überzeugend, so kraftvoll und mindestens so wunderbar bizarr, wie die Welt, die Vellitt Boe innerhalb der Traumwelt allerdings nicht auf einer Traumsuche, sondern einer realen Quest noch einmal durchqueren kann. Mit jedem Schritt erkennen der Leser an ihrer Seite und sie selbst, dass sie noch einmal ein großartiges Geschenk erhalten hat: eine Herausforderung, eine neue alt bekannte Seite in ihrem Leben.          

 „Die Pferderäuber“ ist eine eigenwillige Geschichte. Die kleine Sippe der Protagonisten mit ihren Pferden und Hunden wird von Barbaren überfallen, welche die weiße Fahne des Verhandelns missbrauchen. Die meisten Hunde werden getötet, die meisten der überraschten Menschen kommen beim Angriff ums Leben. Die Barbaren wollen die Pferde. Als Reitervolk in einem tausende von Meilen umfassenden Land sind sie auf Pferde angewiesen und die eigenen Tiere sterben an einer rätselhaften Seuche. Aber der Rücktransport der Tiere erweist sich als eine schwierigere Aufgabe als anfänglich gedacht.

 Wie in den anderen hier gesammelten Storys überzeugen Kij Johnsons Figuren. Nicht weil sie überdurchschnittlich entschlossen, stark, charismatisch oder heldenhaft sind. Heldenmut wächst bei dieser Autorin weniger über das gesprochene Wort, als den Umgang mit dem harten, herausfordernden Leben. Vellitt Boe schnürrte aus Angst um ihre Universität wieder die Wanderschuhe und ließ das so geordnete Leben hinter sich. Die Protagonisten in „Die Pferderäuber“ muss mit dem Verlust ihrer Familie, ihrer geliebten Hunde und schließlich auch nach und nach vielen Pferde fertig werden. Auch wenn die Szenen nicht exzessiv sind, ist die Novelle keine Geschichte für Tierliebhaber. Es ist immer ein schmaler Grat, auf dem die gebrochenen Figuren wandern müssen.

 Über der Story liegt der Hauch einer im Untergang befindlichen Welt. Nicht nur das Reitervolk verliert die Existenzgrundlage und ihr Reich droht sich zu verkleinern. Die Wege werden länger. Aber das ein Fluch oder Segen ist angesichts der Eroberungsfeldzüge, muss der Leser entscheiden. Ohne Veränderung geht es nicht. Auf diesen Aspekt des Lebens geht Kij Johnson auch am Ende von „Die Traumsuche von Vellitt Boe“ ein, wobei in beiden Geschichten die handelnden Figuren nur in einem begrenzten Masse agieren können und in erster Linie reagieren müssen.

 Schwieriger ist das Verhältnis untereinander. Es erscheint unglaubwürdig, dass der lange Schatten der brutalen Morde trotz einer Entschuldigung und einem Gang nach Canossa von der Erzählerin genommen werden kann. Kij Johnson präsentiert in keiner der hier gesammelten Storys ein klassischer Happy End. Dem Leser wird immer wieder verdeutlicht, dass die Lebensgeschichten hinter dem Wort Ende weitergehen und die Zukunft weiterhin unbestimmt bleibt. Das könnte in der Masse frustrieren, aber nach beendeter Lektüre ist der Leser auch dankbar, dass er diese dreidimensionalen Figuren auf einem kleinen Abschnitt ihrer nicht einfachen Reisen/ Suchen begleiten durfte. In „Die Pferderäuber“ ist dieser Kontrast allerdings viel deutlicher, bis an die Grenze der Unglaubwürdigkeit extrapoliert.

 Trotz der zahlreichen Andeutungen wirkt die Welt auch nicht gänzlich in sich geschlossen entwickelt. Mit dem stetigen Folgen der Sonne denkt der Leser unbestimmt an eine Dyson- Sphäre, wie sie Christopher Priest in „Der steile Horizont“ beschrieben hat. Kij Johnson wechselt ja gerne innerhalb einer Geschichte die Genres und ist sich nicht zu schade, aus einem auf den ersten Blick klassischen Fantasy Plot eine Science Fiction Geschichte zu machen oder in den Bereich der Weird Fiction zu wechseln. Aber „Die Pferderäuber“ kommt bis auf die exotischen Namen ohne phantastische Elemente aus. Sobald der Leser diesen Fakt realisiert hat und sich auf die einzelnen Figuren konzentriert, wirkt die Interaktion zwischen dem Erzähler, die gerade ihre Welt verloren hat und dem Anführer der Räuber, der weiß, dass seine Welt in nächster Zeit zusammenbrechen wird, deutlich überzeugender und die Figuren gewinnen an Dreidimensionalität. „Die Pferderäuber“ ist keine Liebesgeschichte zwischen Menschen. Vielmehr zeigt sie auf, welche Verantwortung der Mensch gegenüber den Tieren haben sollte, die ihm vertrauen und die bereit sind, sich für ihn zu opfern. Aus dieser Perspektive ist „Die Pferderäuber“ vielleicht die zugänglichste, die zutiefst menschliche und damit auch am meisten das Herzen anrührende Story dieser Sammlung.    

 Ebenfalls mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet, präsentiert sich „Das Privileg des glücklichen Endes“ als Metafiktion in Perfektion. Die ausgesprochen stringente Handlung – die sechs Jahre alte Ada und ihr sprechendes Huhn Blanche müssen sich der kontinuierlichen Bedrohung durch Lemmingartige verfressene Wesen Wüstschrate stellen und um ihr Leben kämpfen – steht einer kontinuierlich mit dem Leser Kontakt aufnehmenden übergeordneten Erzählerin gegenüber. In der Mitte der Geschichte vergleicht sich die Autorin/ Erzählerin mit einem kleinen Gott, der das Schicksal seiner Geschöpfe in Händen hält/ sie im Text auf dem Computer kontrolliert. Das im Titel angesprochene Privilig – nicht nur den glücklichen Endes – ist eine Illusion. Im Prolog macht sie deutlich, dass alle Lebensgeschichten nur auf einer Note enden. Aber der Leser, ihre Zielperson, hat die Chance, zum Anfang der Geschichte zurückzugehen und alles ein zweites oder drittes oder viertes Mal zu lesen. Eine Art Lebensperpetuum Mobile zu erschaffen. Das ist ihren Figuren nicht gegönnt. Auch während der Geschichte bietet die Autorin ihren Lesern immer wieder an, an einer gut klingenden Stelle der Geschichte einfach auszusteigen und dieses Zwischenkapitel als Ende anzusehen. Ab diesem Moment kann es nicht unbedingt besser werden. Die Erzählerin unterbricht den Handlungsstrom und verweist auf das Schicksal von Nebenfiguren, welche die Haupthandlung nach ihrem jeweiligen Auftritt verlassen. Wichtig sind sie alle nicht. Immer wieder wird dem Leser verdeutlich, dass er keine klassische Story liest, sondern sich zusammen mit der Autorin in einer künstlich erschaffenen Welt befindet, deren Gesetze allerdings nicht von ihm kontrolliert werden. Dieses Privileg obliegt nur dem literarischen Gott. Die Art der Erzählung ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, die einzelnen Elemente sollte aufgrund von Abnutzungsgefahren nicht zu oft angewandt werden. In dieser Geschichte funktionieren sie aber erstaunlich gut.

 Ada und ihr sprechendes Huhn können nur auf die kontinuierliche Bedrohung durch die Wüstschrate reagieren. Einmal retten sie sich in die Gipfel eines Baums, an einer anderen Stelle vertreibt Blanche die jungen Wüstschrate mit ihrem entschlossenen Auftreten. In einem kleinen Dorf sind sie nur solange geduldet, bis Blanche nicht einmal böse einen kleinen Fehler macht und sich als Tier dem Menschen gleichstellt. Eine kleine Gruppe von Jugendlichen wohnen auf Bäumen und sammeln/ plündern die verwahrlosten und heimgesuchten Siedlungen der getöteten oder vertriebenen Menschen. Ihr Reichtum ist reine Illusion.

 Das Ende wirkt ein wenig zu pragmatisch. Um mit der Erzählerin zu sprechen, zu stark auf den Punkt hin konstruiert. Aus Verzweifelung und Zufall wird schließlich ein Sieg. Kein augenblicklicher Sieg – das wäre dann das im Titel angedeutete glückliche Ende -, aber eine generelle, Generationen umfassende Veränderung.

 Die Geschichte liest sich trotz des dunklen Untertons erstaunlich kurzweilig. Die Kontaktaufnahme zwischen Autorin und Leser ist pointiert, bildet einen guten Kontrast zu der generell dunklen Handlung. Ada als sechsjähriges Mädchen wirkt vielleicht ein wenig zu frühreif, zu sehr vom Leben gebrandmarkt, während sprechende Tiere in Kij Johnsons Storys keine Seltenheit sind. Die Tiere erweisen sich als weiser, als lebendiger und auch lebenstüchtiger als die sie begleitenden Menschen. In diese kleine Phalanx reiht sich auch „Das Privileg des glücklichen Endes“ machtvoll ein.   

 Die drei längeren Geschichten werden durch drei sehr kurze, aber deswegen nicht weniger kraftvolle Storys ergänzt. In „Ponies“ verbindet Kij Johnson eine phantastische Idee – die „Ponies“ sind sprechende Einhörner – mit der Grausamkeit von Kindern. Es gibt Partys, bei denen die Einhörner zwei ihrer drei Fähigkeiten – Flügel, das Einhorn oder selten die Sprache – quasi auf dem Partyalter opfern. Die Erzählerin ist zum coolsten und wahrscheinlich hinsichtlich ihrer Familie auch reichsten Kind des Stadt eingeladen und beginnt gegen die eigene Überzeugung mit dem Stutzen der Flügel. Auch das Horn gibt das Tier nicht freiwillig, aber genügsam an. Dann kommt es allerdings zu einer doppelten Katastrophe. Natürlich ist es ein geflügeltes Wort, das Kinder Altersgenossen gegenüber grausamer und hinterhältiger sein können, als es Erwachsene gegeneinander sind. Die pointierte Schärfe dieser Miniatur liegt in der im Grunde ins Phantastische übertragenen, klar zu erkennenden Alltagssituation, wie es wahrscheinlich alle Leser mindestens einmal als Jugendliche erleiden musste. Das dunkle Ende ist schockierend, die Pointe dann pragmatisch konsequent, aber nicht weniger eindrucksvoll. Krij Johnson erhielt für „Ponies“ den Nebula Award, wurde für zwei wichtige Preise nominiert.

 „Spiere“ und „Schrödingers Katzenhaus“ handeln von Sex. Und Science Fiction. In „Spiere“ ist die Protagonistin nach einer Kollision im All mit einem wirklich fremden Wesen in einer zu engen Rettungskapsel eingeschlossen. Sie kopulieren andauernd, wobei die Erzählerin nicht mehr wirklich weiß, ob es sich um einvernehmlich, durch die Enge auch unabwendbaren Sex oder eine kontinuierliche Vergewaltigung handelt. Die Ausgangssituation ist bizarr, der Plot ausgesprochen stringent erzählt. Aus dieser Situation gibt es kein Entkommen, da sie sich auch nicht mit der fremden Technik auskennt. Ob sie am Ende gerettet wird oder nur auf die nächste höhere Ebene „entkommt“, bleibt offen. Deutlich verspielter ist „Schrödingers Katzenhaus“. Der Protagonist macht während der Fahrt ein kleines Päckchen mit einer Box auf. Er landet anscheinend in dieser Box und wird Teil des berühmten Schrödinger -Experiments. Die Umgebung verändert sich bis auf wenige Eckpfeiler kontinuirlich. Der Protagonist weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Ob sein Gegenüber männlich oder weiblich ist. Im Grunde spielt es auch keine Rolle. Wie die Frage, ob die Katze in der Kiste noch lebt oder nicht, ist aller relativ. Krij Johnson bietet allerdings den Lesern eine kleine Erklärung an. Ob dieser unfreiwillige Besuch in der Kiste der Auftakt einer Reihe von Versuchen – freiwillig oder inzwischen süchtig wie als Marionette – steht nicht zur Debatte. Die pointierten Dialoge, die surrealistischen Atmosphäre – der Leser wird unwillkürlich an den Raum am Ende von „Twin Peaks“ erinnert – machen diese für den James Tiptree jr. Award nominierte Story zu einem Höhepunkt unter den drei kürzeren Texten einer generell sehr überzeugenden Anthologie.

 „Die Traumsuche der Vellitt Boe“ ist ein idealer Einstieg in Kij Johnsons exotischen, aber auch faszinierenden Kosmos herausfordernder, intelligenter und vor allem auch verführerisch die Erwartungshaltung der Leser manipulierender Geschichten. Das Spektrum reicht von Weird Fiction in der Titelgeschichte über groteske Science Fiction wie „Spiere“ und Schrödingers Katzenhaus“ bis zum modernen Märchen, augenzwinkernd erzählt mit „Das Privileg des glücklichen Endes“. Beginnend mit dem wunderschönen Titelbild ist die Paperbackausgabe des Wandler Verlags liebevoll zusammengestellt. So hat jede der sechs Storys eine Art Wappentier oder ein entsprechendes Symbol unten auf der Seite. 

Die Traumsuche der Vellitt Boe von Kij Johnson

  • Herausgeber ‏ : ‎ Wandler Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 27. März 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 240 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3948825246
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948825249
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 16 Jahren
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