Perry Rhodan Neo 79 "Spur der Puppen"

Christian Montillon

In seinem neuen „Neo“ Roman greift Christian Montillon auf einige Ereignisse aus Frank Borsch Jubiläumsband fünfzig zurück. Es geht in erster Linie um die Vergangenheit Rhodans. Dazu eröffnet der Autor den Plot gleich mit einem Paukenschlag. Neben den Arkoniden als Besatzer sind ja Callibsos Puppen auf die Erde gekommen. Passend hat der Ara- Arzt Fulkar eine Methode entwickelt, mit der die Übernahme durch Callibsons Puppen medizinisch festgestellt werden kann. Nur müssen diese Menschen eine etwas längere Zeit schon unter der Kontrolle dieser Puppen sein. Warum allerdings Perry Rhodan auf den Gedanken kommt, die Leichnahme seiner Eltern zu exhumieren, wird nicht gänzlich überzeugend herausgearbeitet. Der Paukenschlag ist, dass Perry Rhodans Mutter von den Puppen anscheinend übernommen worden ist. Deswegen wollte sie auch nicht, dass er eine militärische Karriere machte und schließlich auch zum Mond geflogen ist. Er sollte Zeit seines Lebens an die Heimatstadt gebunden werden. Kritisch gesprochen scheint Frank Borsch eine Zielrichtung Superintelligenz und frühzeitige Manipulation Rhodans und damit der Entwicklung der Menschheit anzusteuern. Natürlich wäre es effektiver gewesen, den schutzlosen Rhodan auch von einer Puppe übernehmen zu lassen. Dann wäre das Problem gelöst. Auf der anderen Seite müssten dieser Planer vorzeitig erkennen, dass erstens Rhodan die Arkoniden trifft – deren beschädigtes Raumschiff hätte unter der Prämisse, das die Puppen den Aufenthalt des Schiffes auf der Mondseite kennen, vielleicht vorher vernichtet werden können – und zweitens die Puppen ja auf die Erde kommen. Nach einigen weiteren Recherchen kommen noch zwei weitere Verdächtige in Frage. Da wäre Joyce Baker, der Perry Rhodans kindlichen Fluchtversuch unterbunden und ihn an die Polizei verraten hat. Durch Christian Montillons Roman erscheint diese von Frank Borsch stammende Szene in einem anderen Licht, wirkt aber extrem überzeichnet und konstruiert. Warum hat Joyce Baker nicht direkt eingegriffen? Er hätte Rhodan auch zurückbringen können? Wie perfekt scheint denn die Überwachung gewesen zu sein, denn die Mutterpuppe hat vom Fluchtversuch nichts gewusst, während zufällig in einem der zufällig ausgewählten Busse ein perfekter Überwacher sitzt? 

Die zweite in Frage kommen Person wäre Susan Sheen, die mit Perry Rhodan studiert und in die er sich verliebt hat. Sie ist die Tochter reicher Eltern und wollte Perry Rhodan mit einem Leben in Luxus aufgrund ihrer reichen Eltern ködern. Auch hier bleiben Zweifel zurück, denn erstens wäre es vielleicht mit einer auf dem gleichen Niveau agierenden Freundin effektiver gewesen. Vor allem ist es ein Widerspruch zu einer weiteren in Frage kommenden verdächtigen. Eine NASA Astronautin wollte ihn bei der Erprobung eines Shuttle Prototyps mit in den Tod reißen. Es ist der erste und einzige Versuch, Rhodan effektiv von seiner Zukunft abzuhalten, während mit Abstrichen Taylor und effektiv seiner Mutter mehr als eine Gelegenheit gehabt hätten, ihn umzubringen und damit seiner kosmischen Bestimmung zu entreißen. Von den vielen nicht vorauszusehenden Zufälligkeiten abgesehen, denen sich ein schwacher Rhodan in den bisherigen „Neo“ Bänden stellen musste und die so viele Unwägbarkeiten enthielten, das von einer Manipulation von seiner Geburt an unabhängig von den unzähligen realistischen Möglichkeiten, ihn zu töten abgesehen.  

Die einzige interessante Figur in diese Konstellation ist der ominöse Onkel Karl, der ihn mehrfach in seiner Jugend geschützt hat und der – wie in diesen Passagen suggeriert worden ist – über sehr viel mehr kosmisches Wissen verfügt als bislang ausgesprochen.Bei den weiteren Ermittlungen hilft der Zufall. So schützt sie ein Rhodanfan, da ihre Aktionen von den Überwachungskameras festgehalten worden sind. Eine Ärztin gibt umfassende Auskünfte über insgesamt vier falsche Totenscheine, auch wenn damit der erste Teil der Suche nicht gänzlich befriedigend beendet worden ist. Christian Montillon gibt sich ohne Frage Mühe, in diesen Passagen Spannung aufzubauen und stilistisch ist es einer seiner besseren „Neo“ Romane, aber die Idee einer kosmischen Verschwörung bis fast zur Geburt Rhodans wirkt angesichts des Potentials der arkonidischen Besatzung übertrieben und erinnert an den Miniserie um das Epetransarchiv, in der von der eigentlichen Grundprämisse abweichend ein Überbau entwickelt worden ist, der schließlich die Handlung unter sich begrub. Am Ende gibt es noch weitere Informationen und einen der frustrierenden Cliffhangar. Der Leser hat sich ja inzwischen dran gewöhnt, das zumindest Charaktere der zweiten Reihe im jeweils zweiten Versuch sterben können und auch sterben werden. Das aber wichtige Figuren wie Reginald Bull – mehrfach in aussichtsloser Situation zurückgelassen – willenlos scheitern, erscheint unwahrscheinlich. Es dient eher dazu, die beiden Handlungsebenen dieses Romans miteinander zu verbinden. Dabei steht der Kampf gegen die Besatzer auch plötzlich in einem anderen Licht.

Auf der anderen Handlungsebene erfhrt der Leser von einer Puppe namens Tankin, die den fünfjährigen Knaben Vince Tortino übernommen hat. Er sollte wie alle anderen Puppen Rhodan von seinem Weg – lachhaft angesichts der Passivität dieser Figur während der bisherigen Ereignisse – abbringen, aber niemand sollte ihn direkt angreifen. So bleiben alle Türen offen. Danach verschwand Callibso. Er schickte höchstens neue Puppen. Aus Vince Tortino ist in den Jahren Tin Can geworden, während die Puppe als Schläfer in ihrem Bewusstsein verankert geblieben ist. Irgendwann entschloss sich Tin Can, sich an Callibso zu rächen und ihn in den Tiefen des Alls zu suchen. Dazu wählt er dank der passend angekommenen Besatzer einen umständlichen Plan, in dessen Verlauf er den Statthalter entführen will. Erst agieren sie als Terroristen, dann werden sie Mitglied der Terra Police. Da aber auf dieser zukünftigen Erde schon Friedhöfe überwacht werden, erscheint es unwahrscheinlich, dass niemand mittels Fingerabdrücken, genetischen Spuren oder einfachen anderen Identitätsmöglichkeiten auf die Idee kommt, das sich auch Terroristen in die neu gegründete Terra Police einschleichen könnte. Diese schwache, in den letzten „Neo“ angesprochene Prämisse baut Christian Montillon aus einer anderen Perspektive aus. Es folgen in diesem Handlungsabschnitt eine Reihe von solide geschriebenen Actionszenen. Zwar wirkt die Aktion mit dem Nervengas – warum es nicht in allen vier Fahrzeugen gleichzeitig verstecken und zünden ? – eher bemüht, aber ein wichtiges Ziel wird erreicht. Die Entführung Moset da Derems wäre folgerichtig, aber die Idee eines einfallslosen Frontalangriffs gegen einen der wichtigen Helfer der Arkoniden, der sich auch seine Privatwohnung in Form eines Trichterhauses hat erbauen lassen, wirkt wenig überzeugend. Hinzu kommt, das immer noch nicht klar ist, wie viel Zeit seit der Landung der Arkoniden wirklich vergangen ist. Rhodan scheint sich erst wenige Wochen auf der Erde aufzuhalten, seit seinem Abflug aus dem Arkonsystem haben die Außerirdischen nicht nur die Erde übernommen, sondern neben der Sicherung ihrer Herrschaft auch noch begonnen, ihre eigene Architektur zu etablieren. 

Tin Cans Weg ist erstaunlicher umständlich. Warum hat er keinen Ferronenraumer entführt? Bevor die Arkoniden gekommen sind, wäre das leicht möglich gewesen. Immerhin ist sein Ziel, nicht die Erde zu befreien, sondern sich an Callibson zu rächen. Der Zeitfaktor – auch die Widerstandsoperation verlaufen relativ „schnell“ ab – wird dabei ignoriert. Je weiter der Roman voranschreitet, desto offensichtlicher wird das Bemühen, verschiedene unabhängig voneinander vielleicht besser funktionierende Ideen miteinander zu kombinieren. Diese Ar von Übertreibung wirkt vor allem in Hinblick auf die Miniserie „Protektorat Erde“, von der die Hälfte jetzt vorbei ist, irritierend. Ohne Frage will „Neo“ sich von der Hauptserie emanzipieren, dazu sollte sie aber nicht nur inhaltlich neue Wege gehen, sondern aufhören, die alten teilweise nostalgisch immer noch guten Grundsätze der Hauptserie derartig zu entfremden und in ein ominöser Korsett zu stecken, das nicht funktioniert.       

 

 

Pabel Verlag, 162 Seiten,

Taschenheft, September 2014

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